Jüdisches Ritual Toweln an der Gera in Erfurt

MDR-Autorin Antje Kirsten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nicht nur sauber, sondern rein", dieser Werbespruch gilt auch für das Toweln, ein jüdisches Ritual, bei dem Geschirr und Besteck in Wasser untergetaucht wird, um es rein zu waschen. Lisa Hornung hat die alte Tradition für sich wiederbelebt.

Eine Frau steht mit Geschirr in der Hand am Ufer der Gera in Erfurt
Lisa Hornung an der Gera in Erfurt. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

In eine Einkaufstüte hat Lisa Hornung neu gekauftes Geschirr und Besteck gepackt. Das hat sie zuvor abgewaschen und die Etiketten entfernt. Eigentlich könnte es jetzt in den Schrank oder auf den Tisch gestellt werden. Doch die 29-Jährige hat etwas Besonderes damit vor. Sie geht toweln.

"Toweln ist ein altes jüdisches Ritual. Toweln kommt vom hebräischen Wort Tewila - untertauchen", erklärt sie und genau das will sie tun, ihr neues Geschirr samt Kuchenform untertauchen und zwar in der Gera mitten in Erfurt. Denn es braucht dazu entweder eine aktive Mikwe, durch die reines Quellwasser fließt oder die mit Regenwasser gespeist wird oder eben einen Fluss. Alternativ ginge auch ein Teich, der ebenfalls hauptsächlich durch Regen gefüllt wird.

Besteck und Geschirr müssen rein sein

Lisa Hornung hat sich eine Stelle im sogenannten Venedig in Erfurt - einer kleinen Insel in der Gera - ausgesucht, die flach genug ist, um stehen und das Ritual ausführen zu können. "Thüringen feiert doch in diesem Jahr 900 Jahre jüdisches Leben. Da dachte ich mir, könnte so eine uralte Tradition wieder einmal ins Bewusstsein gerückt werden."

Toweln sei in vielen jüdischen Gemeinden ein bisschen in Vergessenheit geraten und würde meist nur noch von orthodoxen Juden praktiziert, sagt sie. Lisa Hornung ist keine Jüdin, aber sogenannte Konversionsanwärtin. Als solche studiert sie momentan intensiv den jüdischen Glauben samt all seiner Regeln. "Ich mag das Spirituelle und habe offenbar eine Liebe zu trockenen Regeltexten", meint sie lachend.

"Toweln passt in die Zeit"

Toweln bedeutet: Alles was mit Speisen oder mit Getränken in Berührung kommt, muss vorher getaucht werden. Im Judentum spielt Reinheit eine große Rolle. "Passt doch genau in unsere Zeit, wo wir jetzt so viel Wert auf Hygiene legen", sagt Lisa Hornung. Nun ist eine Küche vielleicht nicht unbedingt ein heiliger Ort. Zelebrieren wir aber unser Menü, wird man zumindest ziemlich glücklich, sprich selig.

Geschirr und Besteck in einer Tasche
Auch neues Besteck wird getaucht, um rein zu werden. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Löffel, Gabel, Rührstab - heilige Geräte? Nun ja, so ernst nimmt es dann auch Lisa nicht. Ihren Toaster hat sie heute nicht dabei, obwohl auch der muss streng genommen ins Wasser muss. An diesem Tag aber sind es nur ein Becher, ein neues Besteck, eine Kuchenform und einige Partyteller.

Ganz vorsichtig - und in Badelatschen - geht Lisa in die flache Gera. Doch Algen machen das Ufer zu einer gefährlichen Rutschpartie. Um ein Haar wäre die 29-Jährige fast im Wasser gelandet. Das Messer, das sie gerade toweln - untertauchen - wollte, war schon fast aus der Hand gerutscht. Doch sekundenschnell konnte sie es noch angeln, bevor es davon schwimmt.

Untertauchen mit Segensspruch

Alles muss vom Wasser umspült sein, ein Topf muss zum Beispiel auch innen ausgespült sein. Metall, Glas, Porzellan - alles muss getowelt werden. Nur Holz nicht oder unlackierte Tongefäße können ohne Bad genutzt werden. Zum Tauchen gehört ein Segensspruch: "Gesegnet seist Du, Gott, unser Gott, König des Universums, der uns durch seine Gebote geheiligt und uns befohlen hat, Geräte einzutauchen".

Lisa spricht den Segensspruch auf Hebräisch, auch wenn ihr das noch ziemlich schwer fällt. Bevor sie das Geschirr in die Gera taucht, hat sie die Hände im Wasser abgespült. Das nasse Geschirr packt sie auf eine mitgebrachte Folie und dann geht's ans Abtrocknen. Alles wird begleitet vom Geschnatter der Enten auf der Gera.

Eine Frau beugt sich mit Geschirr über das Wasser der Gera und wäscht Geschirr
Lisa Hornung beim toweln ihres neuen Geschirrs. Während des Untertauchens spricht sie einen Segensspruch. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Uralte Tradition wiederbeleben

Das erste Mal getowelt hat die Erfurterin für das Pessach. Für das wichtigste jüdische Familienfest hat sie ihr Festgeschirr getaucht und Gefallen an diesem uralten Ritual gefunden. "Ich fände es schön, wenn solche Dinge nicht vergessen und zumindest ab und an praktiziert werden", sagt sie. Im Rahmen der Vorbereitung auf das Pessach hat die Erfurterin einen Online-Kurs beim Rabbiner aus Düsseldorf belegt und der stellte auch das Toweln vor. Das fand sie so spannend, dass es gleich ausprobiert wurde. Heute wurde gleich der Rocksaum mit eingetaucht. "Macht nichts, das trocknet wieder", nimmt sie das kleine Malheur gelassen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 30. Mai 2021 | 18:47 Uhr

7 Kommentare

Blumenstadt vor 20 Wochen

Ich finde es sehr gut, dass alte jüdische Traditionen bewahrt werden. Erfurt hat eine große jüdische Geschichte.
Ein Tipp würde ich aber aus hygienischen Gründen noch geben: Vor und nach Erfurt befinden sich Klärwerke an der Gera. Toweln als spiritueller Akt ist vielleicht in Ordnung, aber dennoch empfehle ich eine Spülung mit Trinkwasser aus der Leitung.

martin vor 20 Wochen

Auch wenn Sie es vielleicht noch nicht mitbekommen haben sollten oder es schlicht ignorieren: Auch in / mit Ihren Zuhause dürfen Sie nicht alles machen, wozu Sie gerade Lust haben. Ob Sie das können, wäre eine andere Frage.

Und weshalb sollte ein ÖR nicht darüber berichten? Es ist ein in der Öffentlichkeit durchgeführtes Ritual. Oder dürfen Ihrer Meinung nach ÖR auch nichts zum Thema Jugendweihe veröffentlichen? Und dann gibt es ja auch noch Art. 5 Abs 1 Satz Grundgesetz. O.K. - das muss nicht jeder mögen - gehört aber durchaus zu unserer Gesellschaft.

Atheist vor 20 Wochen

Bin froh Atheist zu sein.
Kein Kleider und Geschirr Zwang.
Jeder kann in seinem Zuhause machen was er will nur sollten solche Rituale privat und nicht beim öffentlich Rechtlichen explizit eine Hauptrolle bekommen.
Religion hat und ist Rrivat!

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