Musik Aus Liebe zum Vinyl - 75 Jahre Amiga-Schallplatte

03. Februar 2022, 19:20 Uhr

Schallplatten erleben seit den 2010er-Jahren eine sagenhafte Renaissance. Das totgeglaubte Vinyl boomt wieder. Major-Label lassen Helene Fischer und andere Künstler in großer Auflage neupressen und ziehen zugleich die Preise an. Das alles zum Leidwesen kleiner Indie-Labels und regionaler Bands, die in der Corona-Krise ohnehin ums Überleben kämpfen.

Totgeglaubte leben länger! Das gilt selbst für die Amiga-Schallplatte, die am Donnerstag ihr 75. Jubiläum feierte. Ein Jubiläum, das sich der kommunistische Gründer Ernst Busch sicher anders vorgestellt hätte. Schließlich wurde das Label Amiga 1994 eingestellt und fristet heute ein Zombie-ähnliches Dasein als Markenname unter dem Weltkonzern Sony Music. Sony bewirbt damit das alte Repertoire der DDR-Musik und verkauft Neuauflagen und Sampler an Nostalgiker. Mit Schallplatten-Romantik hat das wenig zu tun.

Vielmehr ist es Ausdruck einer im Niedergang begriffenen Musikindustrie, die die Verkaufszahlen von damals gern ins Heute retten würde. Im Jahr 2022 ruht die Hoffnung der Major-Labels deshalb einmal mehr auf der Schallplatte. Mit rund 4,2 Millionen verkauften Einheiten 2020 hat sich der Absatz von Vinyl-LPs in Deutschland seit seinem Tiefpunkt 2006 (mit 300.000 verkauften Platten) vervielfacht. Im gleichen Zeitraum schrumpften die gesamten Tonträgerverkäufe auf nur noch 38,2 Millionen zusammen.

Dass Schallplatten heute eine Renaissance erleben, hat hingegen sehr wohl etwas mit Romantik zu tun. Denn Musik und Emotionen gehören zusammen. Das weiß auch Joshi Korte, der seit 32 Jahren in Erfurt den Woodstock Recordstore betreibt. Der 66-Jährige ist überzeugt: "Die meisten Menschen kaufen die Platten aus dem Jahrzehnt, in dem sie ihren ersten Kuss bekommen haben."

Dass wir einen Song oder eine Band "lieben" ist also kein bloßes Geschwätz. "Eine Platte aufzulegen, heißt sich Zeit nehmen für Musik", sagt Korte. "Man macht es sich mit einem Tee oder Bier gemütlich, legt die Nadel auf, es knistert und dann ertönt der erste Song. Das ist was Besonderes!" Während MP3 und Streamingdienste die Musik zu einem schnellverfügbaren Konsumgut gemacht haben, fehlt ihnen etwas ganz Wesentliches: Sie taugen nicht für Rituale, man kann sie nicht lieben.

Stell dir vor, du willst dir mit deiner Frau einen schönen Abend machen und fährst erstmal den Laptop hoch, um aus tausenden gespeicherten Songs ein Lied herauszusuchen. Und dann stell dir vor, du legst einfach eine Platte auf!

Marek Opuszko Indie-Label Fuzzmatazz

Vor einigen Jahren hat das auch Marek Opuszko realisiert und seine alte Festplatte gelöscht. Tausende gesammelte Songs auf MP3 - alle weg. In Jena betreibt Opuszko das kleine Indie-Label Fuzzmatazz, das seit 2012 Platten von kleinen regionalen Bands verlegt. Ein Zuschauer habe ihm nach einem Konzert die Einsicht beschert, dass MP3 doch ziemlich bescheuert sind: "Er sagte zu mir: 'Stell dir vor, du willst dir mit deiner Frau einen schönen Abend machen und fährst erstmal den Laptop hoch, um aus tausenden gespeicherten Songs ein Lied herauszusuchen. Und dann stell dir vor, du legst einfach eine Platte auf'!", erzählt Opuszko.

Tatsächlich lebt sein Label vom Plattenverkauf. Fuzzmatazz hat sich nämlich auf Stoner-Rock-Bands spezialisiert. Eine Musiknische, die im Formatradio praktisch nicht existiert. Das wiederum bedeutet, dass die Bands auch über die Streamingplattformen kein Geld generieren. Wer nicht bekannt ist, wird nicht gesucht, wird vom Algorithmus nicht belohnt - man kennt das.

Das Label ist deshalb auf Merchandise-Einnahmen bei Konzerten angewiesen. Hier spielen die Bands für eingefleischte Genre-Kenner, die im Anschluss am Merchandise-Stand die Platten kaufen. Ein paar hundert Exemplare gibt es pro Band und Album. Echte Sammlerstücke, die erst verkauft werden müssen, um neue Projekte anzuschieben.

Wenn Helene Fischer alle ihre Tonträger nochmal als Platte auflegt und das als Sammelbox vermarktet, dann geht es nur darum, Geld zu verdienen.

Joshi Korte Plattenladenbesitzer

Doch weil Schallplatten sich in den vergangenen Jahren wieder besser verkauften, haben nun auch Major-Labels angefangen, neue Platten zu pressen. "Wenn Helene Fischer alle ihre Tonträger nochmal als Platte auflegt und das als Sammelbox vermarktet, dann geht es nur darum, Geld zu verdienen", ist Plattenladenbesitzer Joshi Korte überzeugt. Das merke er auch daran, dass sie die Preise angezogen haben: "Früher lagen neue LPs bei 20 Euro, heute sind es locker 30!" Handfeste Gründe dafür gibt es laut Korte nicht. Die großen Labels wüssten halt, dass diejenigen, die heute eine Platte kaufen wollen, das bezahlen, "weil es halt um mehr als Musik geht", so Korte.

Die Kehrseite dieser Entwicklung: Major-Labels verstopften mit ihren Großaufträgen die Presswerke. "Heute ist es für Bands ohne Label fast unmöglich, eine Platte pressen zu lassen", sagt Marek Opuszko. Die Presswerke hätten so viele Aufträge, dass sie gar keine Neukunden mehr aufnehmen würden. Zugleich gibt es kaum Investoren, die sich trauen, neue Presswerke zu eröffnen, denn die Maschinen dafür sind teuer und ob der Hype anhält, ist ungewiss.

Früher haben wir vier bis sechs Wochen gewartet, bis die Platten fertig waren, heute wartet man zwei, drei oder auch mal bis zu sechs Monate.

Marek Opuszko Indie-Label Fuzzmatazz


Wenn Thüringer Bands ihr Album also auf Vinyl veröffentlichen wollen, sind sie auf Labels wie Fuzzmatazz angewiesen, die schon seit Jahren zu den Bestandskunden der Presswerke gehören. Aber auch dann ist es schwierig: "Früher haben wir vier bis sechs Wochen gewartet, bis die Platten fertig waren, heute wartet man zwei, drei oder auch mal bis zu sechs Monate", sagt Opuszko.

Corona vernichtet Bands und Indie-Label

Zugleich setzt Corona der regionalen Musikszene zu. "Wer sich davon überzeugen will, dass gerade reihenweise Bands sterben, der muss nur mal auf Ebay schauen, wie viel Tonequipment da gerade verschleudert wird", sagt Opuszko, der selbst in zwei Bands spielt und diese Entwicklung hautnah miterlebt. "Corona bedeutet keine Konzerte, keine Konzerte bedeuten keine Zuschauer und für kleine Bands ist das die einzige Möglichkeit, Platten zu verkaufen. Und wer auf seinen Platten hängen bleibt, hängt die Gitarre irgendwann an den Nagel." Dieser Logik folgend steht es auch schlecht um die kleinen Indie-Labels. Denn wo keine Bands sind, braucht es keine Labels mehr.


Fuzzmatazz ist deshalb auch vorerst stillgelegt. Dass Opuszko überhaupt noch plant, die Labelarbeit nach Corona fortzusetzen, hängt damit zusammen, dass er finanziell nicht davon abhängig ist. Fuzzmatazz ist ein Hobby, dem er aus Liebe zum Vinyl nachgeht.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. Februar 2022 | 16:10 Uhr

2 Kommentare

MDR-Team am 04.02.2022

Lieber Herr Assel,

eine Hörprobe war im Rahmen der Recherche nicht nötig, da ich selbst Schallplatten zuhause habe. Dass der Klang verschieden ist, ist natürlich richtig und viele Vinylliebhaber führen die gleichen Punkte an wie Sie: wärmerer Sound, etc. Ob der Klang auf Platte aber so viel besser ist, möchte ich persönlich nicht beurteilen. Das ist ja auch Geschmackssache.

Hinsichtlich der Klangunterschiede zwischen CD und Platte machte Joschi Korte noch einen interessanten Punkt, der leider keinen Platz im Artikel gefunden wurde. Zitat Korte: "Früher wurden CDs immer mit AAD gekennzeichnet - Analog eingespielt, analog aufgenommen, digital gepresst. Heute ist es eigentlich umgekehrt. Künstler spielen digital ein, es wird digital aufgenommen und dann aber analog auf Platte gepresst."

Viele Grüße zurück,
Andreas Kehrer

Gunnar Assel am 03.02.2022

Hallo Herr Kehrer,
es ist bestimmt alles zutreffend, was in diesem Artikel rund um die gute alte Schallplatte wirtschaftlich aufgezeigt wird. Aber: Haben Sie auch einmal eine Hörprobe gemacht, die Musik von CD mit Vinyl vergleicht? Die Schallplatte gibt eine angenehmen, warmen und realistischen Höreindruck wider, während die CD hart und brutal genau klingt. Bei hochwertigen Plattenspielern/Abtastsystemen sowie gut gepflegter Platten ist auch kein Knistern vorhanden.
Es geht also nicht um den ersten Kuss. Es geht um den Klang.
Herzliche Grüße
Gunnar Assel

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