Millionen-Investition Mammutprojekt: Erfurt will 38 Schulen in 15 Jahren sanieren

Mit mindestens 500 Millionen Euro möchte die Stadt Erfurt in den nächsten 15 Jahren insgesamt 38 Schulen sanieren und damit den Sanierungsstau lösen. Doch das Programm ist ambitioniert: Es müssen Ausweichmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler gefunden werden - und das Personal in der Verwaltung ist bereits am Limit.

Schule Sanierung Bauarbeiten
Bröckelnder Putz oder undichte Dächer - einige Schulen in Erfurt haben dringenden Sanierungsbedarf. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ein rot-weiß gestreiftes Absperrgitter steht vor einem Gebäudeteil der Staatlichen Integrierten Gesamtschule (IGS) am Johannesplatz in Erfurt. Der Putz bröckelt ab. "Unser Hausmeister hat schon ein paar Stücke auf den Kopf bekommen", sagt Schulleiterin Gabi Geßenhardt. Das Dach ist undicht, durch die Feuchtigkeit lösen sich immer wieder Teile der obersten Putzschicht.

In einem Klassenraum ist auch schon eine Lampe runtergekommen.

Gabriele Geßenhardt Schulleiterin Staatliche Integrierte Gesamtschule Erfurt

Die Lampen wurden neu befestigt, aber das Dach ist noch immer undicht. Die IGS ist in keinem guten Zustand. An anderen Erfurter Schulen sieht es ähnlich aus. Schon seit Jahren würden Sanierungsarbeiten, Neubauten und Erweiterungen versprochen - passiert ist bisher nichts. Lehrer, Schüler und Eltern sind frustriert.

Eine baufällige kleine Mauer
Viele kleine Mängel: Auf dem Schulhof der IGS wackeln die Sitzbänke. Bildrechte: MDR/ Anna Hönig

Sanierungen an Schulen schon 2017 geplant

Bereits 2017 erteilte der Stadtrat den Auftrag an die Stadt, ein Sanierungsprogramm auf die Beine zu stellen. Damals sei das Ziel gewesen, alle Schulen in zehn Jahren zu sanieren. Dafür sollte die Stadt einen Eigenbetrieb gründen und die Sanierung somit auslagern.

Gescheitert ist dieses Vorhaben letztendlich am Geld: Die Stadt konnte das notwendige Eigenkapital für den Betrieb nicht aufbringen, den verschiedenen anderen Vorschlägen stimmte der Stadtrat wiederum nicht zu. Dann kam die Bundesgartenschau dazwischen: Die Ämter waren mit der Organisation und den Bauprojekten für die Gartenschau beschäftigt. Und die Schulen fielen hinten runter. Doch das soll sich nun ändern. Mit mindestens 500 Millionen Euro möchte die Stadt Erfurt in den nächsten 15 Jahren insgesamt 38 Schulen sanieren und damit den Sanierungsstau lösen.

Alle Ämter an einem Tisch

Im vergangenem Jahr hat Baudezernent Matthias Bärwolff damit begonnen, den Plan für das Schulsanierungsprogramm aufzustellen - in Zusammenarbeit mit allen beteiligten Ämtern.

Alle drei Wochen haben wir uns an einen Tisch gesetzt und beraten.

Baudezernent Matthias Bärwolff

Damit sollten Verzögerungen und Unstimmigkeiten in der Planung möglichst frühzeitig geklärt werden. Das sei nicht immer einfach gewesen, so Bärwolff. Im Ergebnis sei nun aber der Großteil der Bauvorhaben bereits so weit fortgeschritten, dass im nächsten Schritt die Baugenehmigungen beantragt werden könnten.

Suche nach Ausweichobjekten während der Bauphase

Zu Beginn der Gespräche habe man sich vor allem dem Thema Ausweichobjekte gewidmet. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir nicht parallel zum Schulbetrieb bauen können, sondern die Schulen in Ausweichobjekten unterbringen müssen", erklärt Bärwolff. Geplant ist, die bisherigen zwei Ausweichmöglichkeiten auf vier aufzustocken.

Dafür sollen Räumlichkeiten in der Bukarester Straße hergerichtet werden und ein Neubau in der Vilniuser Straße entstehen. Außerdem sollen Räume in der Paul-Schäfer-Straße für die Berufsschulen angemietet werden. Doch trotz der weiteren Ausweichobjekte gibt es im Schulsanierungsplan zwei Spalten mit dem Titel "ohne Ausweichobjekt" - nicht alle Schulen konnten im Plan untergebracht werden.

Ein roter Bauzaun steht vor einem Haus
Unter dem undichten Dach der IGS in Erfurt bröckelt der Putz - sicherheitshalber wurde davor eine Absperrung aufgestellt. Bildrechte: MDR/ Anna Hönig

Nicht alle Schulen haben Ausweichmöglichkeiten

So auch die Grundschule Alach. Hier war geplant, die Klassen zweizügig anzulegen und dafür eine Erweiterung zu bauen. Im Plan sitzt die Schule noch auf der Wartebank.

Wir wissen einfach noch nicht, wo wir die Schüler unterbringen sollen.

Baudezernent Matthias Bärwolff

Für die Erweiterung gebe es nun aber konkrete Pläne, die demnächst mit dem Ortsteilrat besprochen werden sollen, so der Dezernent.

In der Zwischenzeit planen die Eltern, mit einer Demonstration vor der Stadtratssitzung auf sich aufmerksam zu machen. "Deshalb werden wir die Alacher aber nicht bevorzugen", sagt Bärwolff. Andere Schulen hätten die Sanierungen und Erweiterungen ebenso nötig.

Trotz Demonstrationen - Stadt will keine Schule bevorzugen

Bereits in der Vergangenheit hätten bestimmte Schulen mit Aktionen auf ihre Situation aufmerksam gemacht und wurden bevorzugt behandelt. "Mit dem Schulsanierungsplan soll es das nicht mehr geben", so Bärwolff.

Die Reihenfolge der Schulen im Sanierungsplan basiere auf den Ergebnissen der Planung von 2017 und dem Schulnetzplan. "Sicher ist der Plan beweglich und wird sich hinten raus vielleicht etwas verschieben, aber erstmal orientieren wir uns an dieser Struktur", sagt der Baudezernent.

Matthias Bärwolff
Im vergangenem Jahr hat Baudezernent Matthias Bärwolff damit begonnen, den Plan für das Schulsanierungsprogramm aufzustellen. Bildrechte: MDR/Linke

Eine große Tabelle

Das abstrakt anmutende Schulsanierungsprogramm ist im Ergebnis auf dem Papier eine große Tabelle. In dieser ist die Sanierungsreihenfolge bis 2037 vermerkt und die Schulen bereits den jeweiligen Ausweichobjekten zugeteilt. Auf einen Blick ist also zu erkennen, in welchem Zeitraum welche Schule saniert wird, und wo die Schüler in der Zwischenzeit untergebracht werden.

"Wir haben jetzt erstmals eine Struktur und einen Fahrplan, wie wir vorgehen wollen", so der Dezernent. Soweit der Plan. Doch im Raum steht nun die Frage: Wie soll dieser Plan realisiert werden?

"Ein Papier mit einer Tabelle."
Nach vielen Diskussionsrunden ist das Schulsanierungsprogramm im Ergebnis eine große Tabelle. Bildrechte: MDR/ Anna Hönig

Mindestens 500 Millionen Euro Kosten

Für die kommenden zwei Jahre sind rund 67 Millionen Euro im Stadthaushalt für die Sanierung eingeplant. Insgesamt dürfte das Programm mindestens eine halbe Milliarde Euro kosten. "Bisher haben wir das Budget für die Schulen nie voll ausgeschöpft", sagt Bärwolff.

Er ist optimistisch, dass die Finanzierung machbar ist, wenn auch in den kommenden Jahren weiterhin ähnliche Budgets wie im aktuellen Haushalt eingeplant werden. Größere Sorgen macht ihm die Personalfrage. "Mit dem aktuellen Personalstand in der Verwaltung kriegen wir das hin, die Frage ist, was kommt noch dazu", erklärt Bärwolff.

Die Schulen müssen in den nächsten Jahren erste Priorität haben.

Baudezernent Matthias Bärwolff

Schulen sollen Priorität bekommen

Das sieht auch der Vorsitzende Kreiselternvertretung von Erfurt, Armin Däuwel, so: "Die Stadt muss das überall auch so kommunizieren, dass die Schulen Vorrang haben", sagt er. Laut Bärwolff müsste sich deshalb der Stadtrat in Zukunft auch mit seinen Forderungen etwas zurücknehmen. "Wir können nicht die Schulen sanieren und gleichzeitig neue Feuerwehrgerätehäuser bauen", so Bärwolff. Auch eine weitere Buga 2025 würde zu viele personelle Ressourcen aus den Bauämtern verbrauchen.

Kritik kommt von der CDU-Fraktion

Die CDU-Fraktion sieht die Personalfrage auch ohne Buga und Feuerwehrgerätehäuser problematisch. Sie fordert nach wie vor, dass die Stadt die Sanierung in einen Eigenbetrieb oder eine GmbH auslagert, da das Vorhaben die Kapazitäten der Stadt übersteigen würde.

Stadtratsfraktionsvorsitzender Michael Hose kündigt an: "Wir werden dem Sanierungsprogramm nur zustimmen, wenn die Stadt die Bauprojekte zumindest zum Teil auslagert." Denn auch wenn das Schulsanierungsprogramm auf dem Papier bereits steht - noch hat der Stadtrat dem Plan nicht offiziell zugestimmt.

Schulen vorsichtig optimistisch

Und auch Schulleiterin Gabi Geßenhardt ist mit dem Jubel noch zurückhaltend.

Ich würde mich freuen, wenn das klappen würde, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, auch etwas vorsichtig zu sein.

Schulleiterin Gabi Geßenhardt

Erst wenn es auch tatsächlich losgehe, die Kisten gepackt würden, dann könne sich auch die Freude einstellen.

Die Schulleiterin rechnet bis dahin aber eher mit weiteren Verzögerungen. Vorerst bleibt das Absperrgitter vor der Fassade noch stehen, und die Sitzbänke auf dem Schulhof werden beim Hinsetzen noch ein paar Jahre weiter wackeln.

MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 06. Juli 2022 | 07:15 Uhr

6 Kommentare

martin vor 5 Wochen

Ob die Aufwandsminderung bei GU in einem sinnvollen Verhältnis zu den Mehrkosten steht - darüber kann man sicher unterschiedlicher Meinung sein. Aber bei einer Vergabe in Lose haben kleinere und mittlere regionale Betriebe deutlich bessere Chancen an die Aufträge zu kommen - und damit stehen sie sich in der Regel besser, als wenn sie als Sub eines großen Unternehmens arbeiten müssen.

camper21 vor 5 Wochen

Da haben Sie recht, @ Kleingartenzwerg. Deshalb kann ich nicht verstehen, wie man noch immer die Verstaatlichung von Wohnimmobilien oder Krankenhäuser fordert. Würde es da anders aussehen?

Realist2020 vor 5 Wochen

Definitiv! Großprojekte mit Strahlkraft wie Station und BUGA gingen halt vor. Die Schulen wurden vernachlässigt. Dabei lässt sich der Bedarf mit Geburtenzahlen und Zu- und Abwanderungen jährlich mindestens für 6 Jahre im Voraus prognostizieren…

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