Ermittlungen gegen Einrichtungsleiter Missbrauchsverdacht in katholischem Kindergarten in Erfurt

In einem katholischen Kindergarten in Erfurt soll ein jugendlicher Praktikant mehrere Kinder sexuell missbraucht haben. Gegen ihn laufen seit Ende Februar Ermittlungen. Inzwischen ist auch der Leiter der Kita in den Fokus von Staatsanwaltschaft und Polizei gerückt. Es geht um die Frage: Wer hat den Umgang des jungen Mannes mit den Kindern über Monate kontrolliert? Kita, Träger und Kirche tun sich offenbar schwer mit den Antworten darauf.

Ein Kindergarten
In diesem Kindergarten in Erfurt-Hochheim soll es zu den Übergriffen gekommen sein. Bildrechte: MDR/Ludwig Kendzia

Am späten Vormittag des 11. März erhalten rund 100 Eltern eine Mail vom katholischen Kindergarten St. Elisabeth und St. Bonifazius in Erfurt-Hochheim. Der Inhalt der sogenannten "Elterninformation" ist verstörend.

"Leider müssen wir uns in einer sehr ernsten Angelegenheit an Sie wenden", heißt es da. Durch Hinweise von Eltern bestehe der Verdacht, "dass zwei Kinder in der letzten Februarwoche dieses Jahres sexuell missbraucht worden sind." Im Verdacht steht ein 17 Jahre alter Praktikant, der im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres in der Einrichtung seit September 2021 gearbeitet hatte.

Ein kleines Kind wird in einem Kindergarten von einer Kindergärtnerin an der Hand geführt.
In einem Elternbrief war zunächst von zwei Betroffenen die Rede. Bildrechte: imago images / fotokombinat

Neue Details in dem Fall

Auf den zwei Seiten des Elternbriefes wird von der Kita und dem Träger ausführlich erklärt, was man seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe alles getan habe, um für Aufklärung zu sorgen. Das Bildungsministerium sei informiert, das Erfurter Jugendamt, die Fachaufsicht der Caritas, der Elternbeirat. Und man habe dem jungen Mann nach Bekanntwerden der Vorwürfe sofort Hausverbot erteilt. Das Schreiben sollte als Information und wohl auch als Beruhigung der Eltern dienen.

Doch in den folgenden Wochen beruhigte sich die Lage rund um die Fälle offenbar nicht. Denn immer weitere Details kamen ans Licht, immer mehr Eltern mutmaßlich betroffener Kinder meldeten sich bei den Ermittlern und der Träger agierte offenbar zögerlich und unglücklich.

Polizei durchsucht Wohnung des Praktikanten

Da ist der Brief an die Eltern, der für Verärgerung sorgt. Die Polizei erhält am letzten Februarwochenende dieses Jahres eine Anzeige von Eltern. Ihr Kind habe von Vorfällen mit dem Praktikanten berichtet, die auf sexuelle Übergriffe, Missbrauch und sexualisierte Gewalt hindeuten.

Eine Spielzeugpuppe liegt auf einem PVC-Fußboden.
Immer mehr besorgte Eltern melden sich bei den Ermittlern. Bildrechte: imago images/Future Image

Ein zweiter Fall kommt in den folgenden Tagen dazu. Am 1. März durchsuchen Beamte der Kriminalpolizei Erfurt die Wohnung des Jugendlichen bei seinen Eltern. Es werden Handy und andere Speichermedien mitgenommen. In seiner polizeilichen Vernehmung und auch in einem ersten Gespräch mit der Kita-Leitung bestreitet er die Vorwürfe.

Pfarrer räumt Fehler ein

Erst zwei Wochen später, am 11. März, erhalten die Eltern aller Kinder der Einrichtung den Brief. Die zeitliche Verzögerung begründen Kita und Kirche damit, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen um einige Tage Vertraulichkeit gebeten habe, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Sowohl von Staatsanwaltschaft als auch von Polizei kann das so nicht bestätigt werden. Es sei lediglich um zwei Tage und nicht um zwei Wochen gegangen.

Auf MDR THÜRINGEN-Nachfrage räumt der Vorsitzende des Trägers, Pfarrer Wolfgang Hunold, ein: "Die Formulierung im Elternbrief ist mit Abstand gesehen missverständlich." Warum also diese Verzögerung? Die hatte wohl eher mit dem Bistum Erfurt zu tun. Denn dort wurde der Elternbrief offenbar in den entsprechenden Gremien noch mal geprüft, eher er rausgeschickt wurde. Auch Bischof Ulrich Neymeyer und sein geistlicher Beraterstab gelten als informiert über die Missbrauchs-Vorwürfe.

Kritik an Kommunikation

Verschickt wurde der Brief an einem Freitag - und viele Eltern erschienen an dem Nachmittag desselben Tages mit "1.000 Fragen im Kopf" in der Einrichtung, wie eine Mutter eines Kindes MDR THÜRINGEN sagte. Doch dort sei sie lediglich auf überforderte Erzieherinnen getroffen. Der Einrichtungsleiter sei nicht da gewesen und vom Träger auch niemand. Andere Eltern bestätigen das.

Pfarrer Hunold teilte mit: "Alle Erzieherinnen waren über die Verdachtsfälle informiert und konnten Auskunft über getroffene Maßnahmen geben." Auch der Einrichtungsleiter sei vor Ort gewesen. Was Hunold nicht sagt: Aus familiären Gründen war dieser ab dem Nachmittag offenbar nicht mehr in der Kita. Entsprechende Nachfragen dazu ließ der Kitaleiter unbeantwortet.

Praktikant lange mit Kindern allein: Führungsversagen in der Kita?

Im Laufe der folgenden Wochen meldeten sich weitere Eltern mit ihren betroffenen Kindern bei der Polizei. Inzwischen soll die Zahl von mutmaßlich missbrauchten Kindern auf ein halbes Dutzend gestiegen sein. Was für eine Reihe von Eltern, mit denen MDR THÜRINGEN sprechen konnte, immer mehr Fragen aufwirft. Sie wollen alle mit Rücksicht auf ihre Kinder nicht namentlich genannt werden. Doch sie machen ihrem Ärger Luft, nicht nur über den verzögerten Elternbrief.

Schatten eines Kindes auf einer Schaukel.
Rund ein halbes Duzend Kinder betroffen? Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Es gehe vor allem um die Vorwürfe, so ein Vater, dass der Praktikant immer wieder über lange Zeiträume alleine mit den Kindern gewesen sein soll. Das müsse dringend geklärt werden. Dabei gehe es besonders um die Mittagspausen.

Nach MDR THÜRINGEN-Recherchen besteht offenbar Verdacht, dass sich die mutmaßlichen Missbrauchsfälle bei der Mittagsruhe abgespielt haben sollen. Scheinbar hatten die verantwortlichen Erzieherinnen den Praktikanten immer wieder alleine als Aufsicht bei den Kindern gelassen - ohne dass jemand nachschaute.

Ein Kindergarten
Während der Mittagspausen sei der Praktikant allein mit den Kindern gewesen. Bildrechte: MDR/Ludwig Kendzia

Ministerium prüft die Vorfälle

Bereits in den ersten Wochen nach Bekanntwerden der Fälle soll das vor allem durch die Fachaufsichten im Bildungsministeriums und dem Erfurter Jugendamt geprüft worden sein. Dabei wurden sowohl der Einrichtungsleiter als auch Mitarbeiterinnen befragt. Nach MDR THÜRINGEN-Informationen sollen sich einige Erzieherinnen in diesen Gesprächen zuerst wenig kooperativ gezeigt haben. Da sei so einiges erst nach hartem Nachfragten und nur Stück für Stück auf den Tisch gekommen, heißt es aus Behördenkreisen.

Aber offenbar drängte sich schnell der Verdacht auf, dass bei der Betreuung des jungen Praktikanten Aufsichtsfehler gemacht worden sein könnten. Besonders, weil er scheinbar immer wieder mit Kindern alleine war. Vom Ministerium heißt es dazu, dass die Strukturen und Prozesse dahingehend geprüft würden, ob es Organisationsdefizite gibt oder gab, die kindeswohlgefährdend seien.

Ein Mädchen hängt ihre Jacke in der Garderobe eines Kindergartens auf.
Offenbar hat es "Aufsichtsfehler" gegeben. Bildrechte: colourbox

Ermittlungen gegen Kita-Leiter

Das könnte nun Folgen für den Einrichtungsleiter haben. Gegen ihn gibt es inzwischen Ermittlungen - wegen des Verdachts auf Verstöße gegen die Führungs- und Erziehungspflicht. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte, dass gegen einen Mitarbeiter "aus dem Organisationsbereich der Einrichtung ermittelt wird." Grundlage dafür sei eine entsprechende Anzeige von Eltern eines mutmaßlich betroffenen Kindes, so der Sprecher. Nachfragen dazu ließ der betroffene Kita-Leiter ebenfalls unbeantwortet. Der Trägervorsitzende Hunold teilte MDR THÜRINGEN mit, das er von diesen Ermittlungen gegen den Einrichtungsleiter nichts wisse.

Auch wenn das Bistum nicht der Träger der Kita ist, beobachte man den Fall mit Sorge, heißt es aus Bistumskreisen. "Das Bischöfliche Ordinariat unterstützt die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft mit allen Kräften", teilte ein Sprecher mit.

Die Hände einer Kindergärtnerin und eines Mädchens sind beim gemeinsamen Malen in einer Kita in Dresden zu sehen.
Die Fälle sollen aufgeklärt werden. Bildrechte: dpa

Ob das die Eltern nach den vergangenen Wochen beruhigt, bleibt fraglich. Die Mutter eines betroffenen Kindes fasst es sichtlich frustriert so zusammen: "Der Träger hat nicht für Klarheit gesorgt und die Kirche ist nicht für die Eltern und Kinder da." 

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MDR (ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 27. Mai 2022 | 05:00 Uhr

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