Anwohnerstreit Erfurt streitet um laute Musik in Parks

Die Stadt Erfurt will nächtliche Musik in Parks verbieten. Kritik dagegen kommt von Jugendverbänden und der Kulturszene.

Eine Boombox im Erfurter Nordpark.
Musik aus Boxen wie hier im Erfurter Nordpark haben gerade in diesem Sommer für eine Beschwerdewelle von Anwohnerinnen und Anwohnern gesorgt. Bildrechte: MDR Thüringen/ David Straub

Freitagnacht Ende September im Erfurter Nordpark: Mit einer Axt in der Hand schnappt sich ein Anwohner die Musikbox einer Gruppe Jugendlicher und beschwert sich über die Lautstärke. Er droht und schlägt mit der Waffe auch auf einen Tisch ein. Zuvor hatte der Mann mehrmals den Lärm der zehn jungen Menschen bei der Polizei gemeldet. Diese kam zwar mehrere Male, doch das reichte dem Anwohner anscheinend nicht und er nahm die Sache selbst in die Hand. Jetzt muss er sich wegen Bedrohung, Nötigung und Sachbeschädigung verantworten.

Der Fall ist in Erfurt der Tiefpunkt eines Streits, der mit viel Energie seit einigen Monaten geführt wird und in dem sich die Fronten zwischen Jung und Alt verhärten. Es geht um das Dilemma, wie junge Menschen in Parks zusammen Zeit verbringen oder feiern, und Parkanwohner gleichzeitig in Ruhe schlafen können. Zugespitzt hat sich dieser Konflikt insbesondere im Sommer nach dem langen Lockdown-Winter.

Stadtverwaltung will Verbot zwischen 22 und 6 Uhr

Der Umwelt- und Sicherheitsdezernent der Stadt Erfurt, Andreas Horn (CDU), will deshalb die Grünflächennutzungsverordnung ändern. Damit könnte die Stadt Erfurt das ungenehmigte Abspielen von "elektronisch verstärkter Musik" zwischen 22 und 6 Uhr in Zukunft verbieten.

Am Ende soll diese Regelung nur den kleinen Teil treffen, der bewusst gegen die Nachtruhe verstößt.

Andreas Horn (CDU), Ordnungsdezernent Stadt Erfurt


Mit der neuen Regelung wolle die Stadt junge Menschen nicht aus den Grünanlagen vertreiben oder sie beschränken. In den letzten drei Jahren sei allerdings die Zahl der Beschwerden von Parkanwohnern wegen Ruhestörungen und dem lauten Abspielen von Musik in den späten Abend- und Nachtstunden stetig gestiegen, sagt Horn MDR THÜRINGEN. "Am Ende soll diese Regelung nicht die Jugend treffen, wie immer gesagt wird. Sondern nur einen kleinen Teil, der bewusst gegen die Nachtruhe verstößt."

Ein Grill mit leeren Verpackungen steht im Nordpark in Erfurt vor einer Gruppe Parkbesucher auf der Wiese.
Gerade in der Corona-Pandemie haben sich vor allem junge Menschen gerne im Park getroffen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Die Ordnungsbehörden sollen auch nur dann wirklich sanktionieren, wenn Feiernde auch nach Hinweis und mit Vorsatz nicht auf die Nachtruhe achten. Zwar ist die Ruhestörung auch in der Stadtordnung geregelt, doch die vorgeschlagene Änderung der Stadtverwaltung konkretisiere die Rechtsgrundlage, so Ordnungsdezernent Andreas Horn. Anders als es der Verordnungstext mit seinem klaren Verbot vermuten lässt, bekräftigt der Dezernent im Interview, dass junge Menschen nach wie vor Musik in Parks hören könnten, doch das müsse in den späten Abendstunden ein bisschen leiser passieren.

Kritik von Jugend- und Kulturverbänden

Gegenwind bekommt der Vorstoß der Stadt von Seiten der Jugendverbände und aus der Kulturszene. So verweist beispielsweise der Stadtjugendring darauf, dass sich der Bedarf nach "unverzweckten Freiräumen" im öffentlichen Raum unter der Covid-19-Pandemie für junge Menschen noch einmal verschärft habe. Jugendliche würden schnell als Störfaktor wahrgenommen, wenn sie etwa zusammen Musik hörten oder im Park Bier miteinander tränken. "Wir bemängeln auf jeden Fall den Beteiligungsprozess von jungen Menschen", kritisierte die Geschäftsführerin des Stadtjugendrings Lisa Schwörer im Gespräch mit MDR THÜRINGEN.

Wir bemängeln auf jeden Fall den Beteiligungsprozess von jungen Menschen.

Lisa Schwörer, Geschäftsführerin des Stadtjugendrings Erfurt


Weder der Stadtjugendring noch die Beteiligungsstruktur BÄMM! – eine Organisation, die Interessen junger Menschen gegenüber der Politik formuliert – seien rechtzeitig darüber informiert worden, dass die Änderung der Grünflächennutzung in den Stadtrat soll. Ihnen wären nur knapp zwei Wochen geblieben, um unter jungen Erfurterinnen und Erfurtern Interessen abzufragen. Wichtig sei, in nächster Zeit Raum für Dialog und Jugendbeteiligung zu schaffen.

Entscheidung erst im November

Am Mittwochabend entschied der Erfurter Stadtrat auf seiner Sitzung mit klarer Mehrheit, den Antrag zum Thema im nächsten Ordnungsausschuss zu machen. Dieser tagt am 21. Oktober. Dann werden auch der Stadtjugendring und die Beteiligungsstruktur BÄMM! ihre Anliegen vortragen können. Erst danach wird der Stadtrat im November final darüber entscheiden, inwieweit in Zukunft das Hören elektronisch abgespielter Musik in Erfurter Parks verboten sein wird.

Quelle: MDR THÜRINGEN

33 Kommentare

Anita L. vor 31 Wochen

Interessant, oder? Dass offenbar jede Jugend auf irgendeine Weise rebelliert und jede Elterngeneration darin den Untergang der Zivilisation zu erkennen scheint? Dafür haben wir Menschen irgendwie schon ziemlich lange durchgehalten.
Was allerdings nicht heißen soll, dass störendes Verhalten nicht geahndet werden solle. Denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund habe ich das untrügliche Gefühl, dass auch dieser Umstand eine nicht unerhebliche Rolle in diesem "Kampf ums Überleben" spielt.

Anita L. vor 31 Wochen

"Tja, da kommen wir zum eigendlichen Problem. Welche Partei sollte man wählen, wenn man einerseits die freie Meinungsentfaltung haben will, anderenseits aber auch Respekt und Achtung vor Recht und Gesetz?"

@Harka, mal davon abgesehen, dass wir uns mit der Frage doch etwas off toppic bewegen, so stellen Sie die Frage verkehrt herum. Wenn sich die Gesellschaft endlich wieder darauf besinnt, was Anstand, Respekt und Achtung vor Menschen und gesellschaftlichen Strukturen bedeutet und danach lebt, wird sich das auf alle gesellschaftlichen Bereiche auswirken, sei es Polizei, Politik, Medien,... Also fragen Sie nicht, welche Partei Sie wählen sollen, sondern wie Sie leben wollen (und mit "Sie" meine ich ganz verallgemeinernd "jeder"), denn verhält sich jeder nach den ungeschriebenen Regeln und Normen, tut es auch die Politik. Denn was ist die Politik denn anderes als ein Teil unserer Gesellschaft, sprich das Ergebnis unseres Handelns?

Harka2 vor 31 Wochen

„Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe“ (Keilschrifttext, Chaldäa, um 2000 v. Chr.)

„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, 470-399 v.Chr.)

„Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“ (Aristoteles, 384-322 v. Chr.)

Das Problem mit der Jugend scheint doch schon ein wenig älter zu sein.

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