Der letzte Buchstabe Neue Tora-Rolle in der Neue Synagoge Erfurt angekommen

Mit Feder und Tinte hat Rabbiner Reuven Yaakobov 304.804 Buchstaben aufs Pergament gebracht - diesen Donnerstag folgte ein weiterer. Damit ist die neue Tora-Rolle der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen vollendet.

Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt den letzten Buchstaben
Bei der Abschlussveranstaltung im Hirschgarten schrieb Rabbiner Reuven Yaacobov den letzten Buchstaben. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Alles begann vor knapp zwei Jahren mit dem ersten Buchstaben - diesen Donnerstag wurde in einer feierlichen Zeremonie der letzte Buchstabe auf die Tora-Rolle geschrieben. Anschließend wurde sie als Geschenk der beiden großen christlichen Kirchen in Thüringen an die Jüdische Landesgemeinde Erfurt übergeben.

Damit sollte ein starkes sichtbares Zeichen der Verbundenheit und der Solidarität von Juden und Christen in Thüringen gesetzt werden.

Schreiben der Tora dauerte zwei Jahre

Nicht ohne Grund hat das Schreiben der Tora-Rolle zwei Jahre gedauert. Die Tora umfasst die ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel und gilt den Juden als ihr wichtigster Teil. Deshalb gibt es für das Schreiben ganz bestimmte Regeln: Nur ein speziell dafür ausgebildeter Rabbiner darf sie schreiben - der sogenannte Sofer.

In diesem Fall Reuven Yaakobov, ein Rabbiner aus Berlin. Er musste handschriftlich schreiben, Buchstabe für Buchstabe, insgesamt waren es 304.805 Buchstaben. Und dabei durfte er keinen einzigen Fehler machen, da dies eine rituelle Unreinheit bedeutet hätte.

Außerdem musste das Pergament aus der Haut von reinen Tieren wie Rind, Ziege oder Reh gefertigt werden. Sein Schreibwerkzeug war nicht etwa ein Füller, sondern ein Vogelkiel von Gans oder Truthahn. Und die Tinte durfte keine Metallzusätze enthalten, da aus Metall Waffen gebaut werden.

All diese Regeln hat Yaakobov längst verinnerlicht, es ist bereits die 30. Tora, die er geschrieben hat. Routine darf dabei nie aufkommen.

Das ist heilige Arbeit. Ich schreibe einfach Gottes Wort. Und wenn man Gottes Wort schreibt, sitzt man nicht in dieser Welt, das ist wie ein Paradies, wir nehmen die physischen Sachen und wandeln sie in geistliche Sachen um, man spürt da eine Verbindung zwischen dieser Welt und einer anderen Welt, also manche machen dann Yoga und ich schreibe die Tora.

Rabbiner Reuven Yaakobov

Bischof Neymeyr: "Juden sind Geschwister im Glauben"

Wie wichtig die Tora für die Juden ist, wissen auch die Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche in Thüringen. Der regelmäßige Kontakt zur Jüdischen Landesgemeinde und das Themenjahr "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" führten dann zu der Idee, der Gemeinde eine Tora-Rolle zu schenken.

Der katholische Bischof Ulrich Neymeyr sagte: "Die Tora ist für Juden und Christen heilige Schrift. Jüdinnen und Juden sind unsere älteren Geschwister im Glauben. Auch wir Christen verehren den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Das wollen wir mit der Übergabe der Tora-Rolle zum Ausdruck bringen“.

Die Tora-Rolle als Geschenk

Auch für Friedrich Kramer, den Bischof der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, ist das Geschenk ein wichtiges Zeichen: "Angesichts der Jahrhunderte währenden Schuldgeschichte der Kirchen gegenüber dem jüdischen Volk ist es nicht selbstverständlich, heute so zusammen zu stehen. Wir danken deshalb der Jüdischen Landesgemeinde, unsere Umkehr und unser Bekenntnis zur Schuld anzunehmen."

Fest mit Musik im Erfurter Hirschgarten

Zur Festveranstaltung am Donnerstag wurde die Tora-Rolle zunächst in einem Cabrio-Straßenbahnwagen durch die Erfurter Altstadt gefahren. Am Hirschgarten, wo die Tora-Rolle gegen 16 Uhr eintraf, fand zunächst ein Fest mit Musik und Mitmachangeboten für Schüler und Schülerinnen statt.

Die Tora Rolle auf dem Weg durch die Stadt in einer Cabrio-Straßenbahn.
Auf dem Weg durch die Stadt: Die neue Tora-Rolle reiste in einer Cabrio-Straßenbahn. Bildrechte: MDR/Samira Wischerhoff

Als Höhepunkt des Nachmittags schrieb Rabbiner Reuven Yaacobov dann den letzten Buchstaben. Anschließend wurde die Tora in die Neue Synagoge gebracht. Die Einbringung war ohne Publikum als stiller und religiöser Akt geplant, konnte aber in den Socialen Netzwerken als Livestream verfolgt werden.

Ursprünglich sollte das Themenjahr "Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen" mit der Festveranstaltung am Donnerstag enden. Doch da durch die Corona-Pandemie einige weitere geplante Veranstaltungen ausfallen mussten, soll das Themenjahr bis Ende des Jahres verlängert werden. Ein weiteres Highlight sind die Jüdisch-Israelischen Kulturtage vom 21. Oktober bis zum 21. November.

Mann schreibt in eine Torarolle 3 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 30.09.2021 19:00Uhr 02:34 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 30. September 2021 | 19:00 Uhr

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