Transgender Day of Visibility Trans* Menschen in Thüringen: "Warum können sie es nicht einfach akzeptieren?"

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Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Blau steht für Jungen und Rosa für Mädchen, so sagen es derzeit die Gesellschaft und der Handel, doch was ist, wenn das biologische Geschlecht nicht mit der geschlechtlichen Identität übereinstimmt? Trans* Menschen erfahren in ihrem Alltag immer wieder Diskriminierung und fehlende Akzeptanz. Oft kommt das daher, dass zu wenig über sie bekannt ist. Deshalb gibt es den "Tag der Sichtbarkeit".

Menschen sitzen an verschiedenen Orten im queeren Zentrum in Erfurt und unterhalten sich.
Im neu eröffneten Queeren Zentrum Erfurt kann man sich treffen, findet Rat und Hilfe. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Für die meisten Menschen ist direkt klar, welchem Geschlecht das Gegenüber angehört, ohne dass sie darüber nachdenken. Das erkennt man am Aussehen, an der Stimme, am Namen. Dass Geschlecht aber eigentlich eine Sache des persönlichen Empfindens und der individuellen Gefühle ist, wird meistens nicht berücksichtigt. Deshalb werden viele Menschen einem Geschlecht zugeordnet, das nicht dem entspricht, als das sie sich fühlen.

Verunsicherung, Ratlosigkeit, Scham

Astrid ist 1955 geboren und als Junge aufgewachsen. Sie wusste aber schon als Kind, dass irgendetwas mit ihr anders ist, als mit ihren Spielkameraden. Aber Informationen gab es damals überhaupt nicht, fragen konnte sie auch niemanden.

Porträtfoto von Astrid
Astrid sieht sich nicht als trans*. Sie ist eine Frau. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das führte dazu, dass sie sich mit ihren Gefühlen permanent schlecht fühlte. Nur heimlich konnte sie Frauenkleidung tragen oder sich schminken. "Aber ich wusste nicht, was das ist. Mit 32 Jahren habe ich das Wort trans* zum ersten Mal gehört." Das aber war für sie eine große Erleichterung. Denn nun konnte sie endlich etwas unternehmen.

Nach monatelangen Untersuchungen in der Psychiatrie in Jena und Berlin, begann sie, Hormone zu nehmen, wollte auch ihren Namen und ihren Ausweis ändern. Allerdings war Astrid zu diesem Zeitpunkt schon verheiratet und hatte Kinder. "Meine damalige Frau kam damit überhaupt nicht zurecht. Und sagte ganz klar, dass sie dafür sorgen werde, dass ich meine Kinder nie wiedersehe, wenn ich das tatsächlich durchziehe." Das aber war für Astrid undenkbar.

Menschen sitzen an verschiedenen Orten im queeren Zentrum in Erfurt und unterhalten sich.
Marina Schulz, Koordinatorin des Queeren Zentrums Erfurt (rechts), hat fast immer Zeit für ein Gespräch. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Sie setzte die Hormone ab und lebte weitere 30 Jahre als Mann. Erst ein Herzinfarkt 2010 sorgte dafür, dass sie nicht länger bereit war, sich zu verstecken. Jetzt ist sie Rentnerin und lebt glücklich als Frau. Die größte Angst hatte sie davor, sich ihrer Familie zu offenbaren. Aber das lief besser als gedacht, ihr Schwiegersohn hat ihr da sehr geholfen, sagt sie. Und ihr Enkelkind fasste das Ganze zusammen mit: "Opa ist jetzt ein Mädchen."

Zum Aufklicken: Transsexualität in der DDR

Über Anträge auf Änderung des Geschlechtsstatus entschied in der DDR das Ministerium für Gesundheitswesen. Dafür bedurfte es eines medizinischen Gutachtens. Bereits früh wurde durch das Ministerium eine allgemeine Verfahrensregelung zu Transsexualität vorbereitet. Am 27. Februar 1976 erließ der Gesundheitsminister eine "Verfügung zur Geschlechtsumwandlung von Transsexualisten". Damit existierte erstmals eine förmliche Regelung für den Geschlechtswechsel in der DDR. Die Verfügung wurde nur vier Jahre nach dem Schwedischen Transsexuellengesetz von 1972 und vier Jahre vor dem bundesdeutschen Transsexuellengesetz von 1980 erlassen.

Die psychiatrischen Akten von Menschen, die als Transsexuelle klassifiziert wurden, dokumentieren aber auch diskriminierende Behandlungen, wenn sexuelle Beziehungen oder Verhaltensweisen wie das Tragen der Kleidung des "anderen" Geschlechts bekannt wurden, die nicht den Geschlechtsrollenerwartungen und der heterosexuellen Norm entsprachen.

Da die "Verfügung zur Geschlechtsumwandlung von Transsexualisten" unveröffentlicht blieb und nur in Fachkreisen bekannt war, gab es für medizinische Laien in der DDR noch in den 1970er-Jahren kaum eine Informationsquelle über den Weg eines Geschlechtswechsels.

Personen, die in der DDR eine Anpassung erreichen wollten, mussten sich in ihrer Selbstdarstellung eindeutig gegen Homosexualität abgrenzen und sich für angleichende Operationen entscheiden.

(Quelle: Dr. Ulrike Köppel: Die "Verfügung zur Geschlechtsumwandlung von Transsexualisten" im Spiegel der Sexualpolitik der DDR)

"Du musst dich wieder und wieder erklären"

Auch Sally kann keinen konkreten Moment benennen, in dem klar war: "Ich bin trans." Sally stammt vom Land, dort gibt es keine Beratungsstellen, Denkmuster sind eher traditionell und Sally war eher unterschwellig klar, da nicht so richtig hineinzupassen.

Erst nach dem Umzug nach Jena zum Studium hatte Sally Kontakt zu queeren Menschen und begann, im Internet zu recherchieren. Als Sally auf den Begriff "nichtbinär" stieß, wurde vieles klar. Sally kann sich keinem Geschlecht zuordnen, will nicht, dass weibliche oder männliche Pronomen verwendet werden.

Porträtfoto von Sally
Sally studiert Soziologie. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

"Ich will ja nicht einem Geschlecht zugeordnet sein, bewege mich eher in einem diffusen Dazwischen und das ist schwer zu erklären. Ich habe auch oft das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Und oft fehlt mir auch die Energie, immer wieder darüber zu reden." Das führt dazu, dass Sally bestimmte Situationen vermeidet, auch die Eltern seltener sieht, als gewünscht. Denn zu Hause ist kein geschützter Raum, wenn man immer falsch angesprochen wird, ständig angespannt ist.

Was bedeutet trans*? Trans* bezeichnet den Widerspruch zwischen dem selbst erlebten Geschlecht und der bei Geburt zugeschriebenen Geschlechtszugehörigkeit. Die Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit kann nur über die Selbstbeschreibung erfolgen.

Trans*-Sein ist keine Krankheit, sondern eine Variante geschlechtlicher Vielfalt. Trans* ist auch keine Variante der sexuellen Orientierung. Bei der sexuellen Orientierung geht es um sexuelle Attraktivität und Präferenzen, bei trans* geht es um die geschlechtliche Identität eines Menschen. Trans*Menschen können, wie alle anderen Menschen auch, hetero, homo-, bi- oder auch asexuell sein.

Tägliche Verletzungen durch Unverständnis

Jedes Mal, wenn eine trans* Person in eine neue Situation kommt, muss sie sich erklären, muss sich quasi jeden Tag aufs Neue outen. Und ist auf das Verständnis des Umfelds, die Gutwilligkeit der Gruppe angewiesen, respektvoll behandelt zu werden.

Anstecker mit verschiedenen Pronomen.
Man kann trans* Menschen fragen, mit welchem Pronomen sie angesprochen werden wollen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Alex ist 14 und findet das verletzend: "Ich habe den Lehrern und meinen Mitschülern gesagt, dass ich jetzt einen anderen Namen habe und nicht mehr mit dem Pronomen 'sie' angesprochen werden möchte. Manche kriegen das gut hin, andere versuchen es nicht einmal. Ich kann ja nachvollziehen, dass sie es vielleicht nicht verstehen, aber warum können sie es nicht einfach akzeptieren?"

Tag der Trans-Sichtbarkeit

Auch darum geht es am "International Transgender Day of Visibility" am 31. März. Zum ersten Mal gab es den 2009 in den USA. Die Idee dahinter: Je mehr Menschen trans* Personen kennen, desto weniger unterstützen sie deren Diskriminierung. Und umso mehr begreifen sie, dass die Verwendung abgelegter Namen oder Pronomen verletzend ist.

Ich kann ja nachvollziehen, dass sie es vielleicht nicht verstehen, aber warum können sie es nicht einfach akzeptieren?

Alex, 14

Toni Schadow ist Bildungs- und Beratungsreferent:in beim Trans-Inter-Aktiv in Mitteldeutschland e.V., arbeitet in der Thüringer Geschäftsstelle: "In einer Zeit, wo Transgeschlechtlichkeit wenig sichtbar war, das zeigt auch Astrids Geschichte, fiel es vielen trans* Leuten schwer zu verstehen, was sie brauchen und zu sich zu stehen. Und wenn andere Menschen zumindest schon davon gehört haben, dass es trans* Menschen gibt und was es mit der Benutzung der richtigen Pronomen auf sich hat, wird das Leben für trans* Leute weniger anstrengend."

Porträtfoto von Toni Schadow
Toni Schadow ist Bildungs- und Beratungsreferent:in beim Verein Trans-Inter-Aktiv. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Trans-Sichtbarkeit bedeutet für Toni Schadow aber keineswegs, dass sich alle trans* Menschen outen und ihre Geschichte erzählen müssen. Es geht nicht so sehr um die Sichtbarmachung jeder trans* Person, sondern um die Sichtbarkeit als Gruppe.

Keine reine "Privatsache"

Und das betrifft alle Lebensbereiche. Auch die Arbeitswelt. Die Stiftung "Prout at work“ setzt sich dafür ein, dass die offen ist für alle Menschen, unabhängig von deren sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, dem geschlechtlichen Ausdruck oder geschlechtlicher Eigenschaften. Mittlerweile gibt es in vielen großen Firmen auch Ansprechpartner für trans* Menschen.


Rechtslage in Deutschland

Trotz vieler Gesetzesänderungen werden trans* Personen im deutschen Recht weiterhin diskriminiert, sagt die Juristin Maya Markwald. Für die Bundeszentrale für Politische Bildung hat sie die rechtliche Situation in Deutschland zusammengefasst:

Deshalb ist es auch ein großes Anliegen der Verbände und der trans* Community, dass das lang diskutierte Selbstbestimmungsgesetz Realität wird. Im Koalitionsvertrag steht es zumindest schnomal.

Begrifflichkeiten zum Thema

Über Menschen, die trans* sind, gibt es viele Vorurteile, Mythen und reißerische Berichte. Gerade trans* Jugendliche werden in der Schule häufig gemobbt, Psychologen berichten von einer erhöhten Suizidgefährdung. Ein Grund für die mangelnde Akzeptanz ist auch, dass viele Menschen in Deutschland kaum etwas über das Leben von transidenten Menschen wissen. Der Bayrische Rundfunk hat hier die häufigsten Begriffe und Formulierungen erklärt: 

Menschen sitzen an verschiedenen Orten im queeren Zentrum in Erfurt und unterhalten sich.
Das Queere Zentrum Erfurt befindet sich in der Johannesstraße. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Toni Schadow: "Es ist wichtig, trans* zu thematisieren, um einerseits Menschen, die selbst trans* sind zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und um positive Bilder vom Transsein zu zeichnen. Andererseits geht es auch um die Sichtbarkeit in der breiten Gesellschaft."

Oft wird Transgeschlechtlichkeit unter dem Blickwinkel von Diskriminierung und Gewalt betrachtet, stellt Schadow fest. "Auch wenn das leider eine gesellschaftliche Realität ist, so braucht es im Gegenzug auch Bilder, die die vielfältigen Leben von trans* Personen zeigen. Das macht das Transsein vorstellbarer und lebbarer und zeigt auch dem Rest der Gesellschaft, dass es verschiedene trans* Menschen gibt, wodurch die gesellschaftliche Akzeptanz erhöht wird."

Für Menschen wie Astrid, Sally und Alex wäre jedenfalls schon viel gewonnen, wenn ihr Umfeld sie so akzeptieren würde, wie sie sind. Wenn sie mit dem gleichen Respekt behandelt würden, wie alle anderen auch. Und wenn sich niemand mehr verstecken oder wieder und wieder erklären müsste.

Mehr über trans* Menschen

Alistair Houdayer 52 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 31. März 2022 | 07:00 Uhr

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