Forst Die verborgene Dürre in den Wäldern Thüringens

Seit Jahren setzen Trockenheit und Hitze dem Wald zu; es regnet zu wenig und verdunstet zu viel. Doch in diesem Jahr gab es mehr Niederschläge. Können sie den Trend brechen? MDR THÜRINGEN hat nachgeforscht.

Fünf Plastikbecher mit Regenwasser
Immerhin, in diesem Jahr kam mehr Wasser im Waldboden an, wie an diesen Messbechern zu sehen ist. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Mitten im Wald bei Erfurt, im Steiger, liegt etwas versteckt eine mit grünem Maschendraht umzäunte Fläche, ungefähr ein Viertel Hektar groß. Unter den Bäumen dort, zwischen hohen Gräsern, stehen über die Fläche verstreut Plastikkisten, Holzverschläge, Gerätschaften; Drähte sind über den Boden gespannt. Es sieht nach einer Forschungsstation aus, doch die Natur herrscht offensichtlich vor, alles wächst durcheinander, manche würde sagen, unordentlich. Wie es im Wald eben so ist.

Waldstück mit grünem Maschendraht umzäunt
Die Messstation des Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrums im Steigerwald bei Erfurt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Der Wald ist hier denn auch die Hauptperson, Beobachtungs- und Forschungsobjekt, Sorgenkind, Patient und Gradmesser zugleich. All die Gerätschaften und Becher und Kisten dienen dazu, ihn zu erforschen. "Der Wald ist ein sehr komplexes Ökosystem. Da brauchen wir viele Daten", sagt Corinna Geißler, Leiterin des Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrums (FFK Gotha).

Wieviel Regen kommt im Boden an?

Die Daten werden in Messstationen wie dieser gesammelt, 15 davon sind über Thüringen verteilt. Insbesondere die Bodentrockenheit ist ein wichtiger Parameter dafür, wie es dem Wald geht. In der Messstation lässt sich genau ablesen, wieviel es regnet und wieviel davon im Boden in welcher Tiefe ankommt. Bis einen Meter unter der Erdoberfläche wird die Flüssigkeitsmenge gemessen.

Orange Schutzhelme auf einem Auto
Helme sind Pflicht, um vor herabfallenden Ästen geschützt zu sein. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Besonders trocken sieht das Stückchen Wald derzeit nicht aus, im Gegenteil: "Der normale Wanderer sieht, es ist alles schön grün", sagt Corinna Geißler. Doch schaut man genauer hin, bemerkt man überall blätterlose Äste, sogenannte Trockenäste, die zwischen den Baumkronen wie Krallen in die Luft ragen. Jederzeit kann solch ein Ast abbrechen und herunterfallen. "Wir alle setzen Helme auf", sagt Corinna Geißler. Ohne Ausnahme. Eine Sicherheitsmaßnahme, die unter Umständen Leben retten kann.

Blick in grüne Baumkronen
Zwischen den Blättern der Baumkronen sieht man die toten Äste. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Die Totäste sind eine Folge der Trockenheit der letzten Jahre. Fast alle Laubbäume - Eichen, Buchen, Bergahorne - seien betroffen, vor allem die, die schon über 120 Jahre stehen. Warum gerade die alten Bäume? "Die haben ihr Wurzelsystem, die Feinwurzeln, über die sie Wasser und Nährstoffe saugen, in tiefere Bereiche geschoben", erklärt Ines Chmara, die das forstliche Umweltmonitoring in Thüringen am FFK in Gotha leitet. Fehle dort das Wasser, sterbe das Feinwurzelsystem ab. "Die Bäume verhungern und verdursten."

Die letzten beiden Jahre waren absolut extrem.

Ines Chmara, Leiterin des Umweltmonitorings am Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha

Der Steigerwald liegt im Thüringer Becken, eine der trockensten Regionen Thüringens. "Was hier wächst, ist Trockenheit gewöhnt. Doch die letzten beiden Jahre waren absolut extrem, da hat es uns mit voller Wucht erwischt", sagt Ines Chmara und schaut in die Baumkronen, die lichter sind, als sie sein sollten.

Tot ist tot und wird auch nicht mehr lebendig.

Ines Chmara, Leiterin des Umweltmonitorings am Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha

Aber hat es in diesem Jahr nicht viel mehr geregnet? "Es hat dieses Jahr ungefähr 50 Prozent mehr geregnet als 2019 und 2020. Der Boden hat mehr Wasser aufgenommen", sagt Ines Chmara. "Dieses Jahr haben wir wenigstens ein bisschen Entspannung, das bricht aber nicht den Trend. Das Wasser ist zwar da, doch nicht nachhaltig. Drei bis vier heiße trockene Tage reichen, und der Wasserpegel saust nach unten." Außerdem: "Man sieht, dass es vielen nichts mehr nützt. Tot ist tot und wird auch nicht wieder lebendig."

Mann bei einer Regenmessung
Lutz Ahnert, Messtechniker am Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha, misst die Niederschlagsmenge. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

In der Messstation gibt es Niederschlagssammler, die die Regenmenge auffangen, die unter den Bäumen am Boden ankommt. 70 bis 80 Prozent vom Regen seien das. Ines Chmara: "In den Boden rein geht dann vielleicht die Hälfte des Regens, der draußen fällt." Immerhin, die Flaschen, die anzeigen, wieviel Wasser im Boden ankommt, sind einigermaßen gefüllt. "Ich habe die Flaschen lange nur trocken gesehen", sagt Corinna Geißler. "Seit Jahren ist es das erste Mal, dass wir so viel Wasser im Boden haben." Seit Jahren? "Seit 2016. Was mich am meisten freut, ist, dass auch in einem Meter Tiefe Wasser ist."

Wir gehen davon aus, dass es immer wärmer und trockener wird.

Ines Chmara, Leiterin des Umweltmonitorings am Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha

Doch der Wald brauche, wenn er einmal trocken ist, viel länger, um feucht zu werden, sagt Ines Chmara. "Der Prozess des Austrocknens des Bodens dauert schon Jahre. Wir sehen sukzessive immer weiter eine Abnahme des Wassers im Boden, in allen Schichten." Dann reicht der Regen nicht? Noch nicht, nein. Hinzu komme: "Die hohen Temperaturen sind noch mehr ursächlich für die Trockenheit als der fehlende Niederschlag. Weil einfach zu viel verdunstet." So war es zum Beispiel im Februar. Damals konnte der Schnee nicht langsam schmelzen, weil die Temperaturen zu schnell anstiegen, und so sei die Hälfte des Schnees verdunstet. Überhaupt deuteten alle Messdaten auf einen Trend hin: "Wir gehen davon aus, dass es immer wärmer und trockener wird", sagt Ines Chmara.

Zwei Forstwissenschaftlerinnen unterhalten sich im Wald
Corinna Geißler (links im Bild) und Ines Chmara Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Es ist kurz ganz still, niemand redet, nur die Vögel zwitschern und der Wind rauscht in den Bäumen. Dann lächelt Corinna Geißler aufmunternd. "Das klingt alles sehr dramatisch. Aber der Wald an sich stirbt nicht, es sterben Bäume." Ines Chmara ergänzt: "Es wird nie so werden, dass wir hier eine Wüste und keinen Wald haben. Wir werden nur einen anderen Wald haben." Diese Zuversicht passt besser zur friedlichen Stimmung im Wald. "Wir werden in Thüringen die meisten Waldflächen halten können. Mit viel Kraft, gesellschaftlicher und forstwirtschaftlicher Anstrengung, wir brauchen Akzeptanz und Geldmittel", sagt Corinna Geißler. "Der Wald wird komplett anders aussehen. Etwas lichter an manchen Stellen, strukturierter, baumartenreicher."

Endzeitstimmung ist genauso falsch wie Euphorie.

Ines Chmara, Leiterin des Umweltmonitorings am Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha

Natürlich, im Moment sieht man, vor allem in den Fichtenwäldern, überall abgestorbene Bäume. Ein Baum nach dem anderen muss gefällt werden. "Unsere Generation erlebt die Dramatik komplett mit", sagt Ines Chmara. "Doch eine Endzeitstimmung ist genauso falsch wie Euphorie." Gerade jetzt erlebten wir die Übergangszeit vom gewohnten zu einem neuen Wald. "Diese eine Baumart ist das Problem. Eine Fichte ist für das Klima nicht mehr geeignet. Wir werden mit sehr viel mehr Baumarten auf einer Fläche arbeiten. Das macht viel Arbeit. Das nennt sich Waldumbau", sagt Corinna Geißler.

Blick in den Wald
Neue Bäume wachsen schon. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Ein Waldumbau dauere freilich seine Zeit, Bäume wachsen langsam. "Wir können umgestalten. Wer mit offenen Augen durch den Wald geht, sieht das schon", sagt Corinna Geißler. "Naturverjüngung ist das Hauptthema." Die Natur selbst werde dabei ein Großteil übernehmen. Ines Chmara zeigt auf den Boden. Zwischen den hohen Gräsern stehen kleine Bäumchen: Eichen, Ahorne, Buchen. "Alles, was Sie hier sehen, hat keiner gepflanzt. Das soll auch so sein, das ist das beste, was passieren kann", sagt Ines Chmara. Darüber hinaus werden Bäume gepflanzt und gesät. "Es gibt viele verschiedene Methoden. Welche die richtige ist, wissen wir nicht. Wir probieren viel aus. Die Vielfalt ist es", sagt Corinna Geißler.

Der Wald stirbt nicht, es sterben Bäume.

Corinna Geißler, Leiterin des Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrums Gotha

Auch die Vielfalt der Baumarten. "Bei den Nadelbäumen sehen wir auf die Weißtanne. Sie wurzelt besonders tief und sucht sich dort Wasser", sagt Corinna Geißler. Aber auch Lärchen und andere Tannenarten seien gut geeignet für trockenere Zeiten. "Bei den Laubbäumen schauen wir auf die, die jetzt noch selten sind: Elsbeere, Mehlbeere, Vogelkirsche, Eberesche, und auf verschiedene Eichenarten wie die Flaumeiche, die eher an die Trockenheit gewöhnt sind." Und natürlich gehörten alle heimischen Baumarten in den Wald, "das ganz Spektrum rauf und runter". "Immer mehr in den Fokus rückt die Herkunft der Bäume, zum Beispiel sind Buchen, die schon seit Langem in Italien wachsen, zwar auch heimische Baumarten, aber wesentlich besser an das trockenere Klima angepasst." Das alles passiert schon, der Wald in Thüringen wird sozusagen nach und nach dem Klima angepasst.

Ein täglicher Landregen wäre ideal.

Corinna Geißler, Leiterin des Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrums Gotha

Das ändert nichts daran, dass sich die beiden Expertinnen über jeden Tropfen Regen freuen. Das ideale Waldwetter übers Jahr wäre "so schönes Pflanzen-Garten-Wetter", sagt Corinna Geißler. "Bedeckt ist gut. Eine Temperatur wie heute ist perfekt." Es sind 17 Grad, kühl für einen Sommertag. Und ja: "Ein kühl-feuchter Sommer wäre ideal, ein täglicher Landregen wäre ideal."


Auf dem Rückweg durch den Wald deutet Ines Chmara noch einmal ernst auf dicke tote Äste in den Baumkronen und sagt: "Bei stürmischem Wetter sollte man den Wald wirklich meiden."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 06. Juli 2021 | 07:10 Uhr

3 Kommentare

AlexLeipzig vor 44 Wochen

Copper, ich glaube, Sie haben das Problem nicht verstanden. CO2 ist nunmal ein wesentlicher Treiber des Klimawandels, also sollten wir jede Maßnahme ergreifen, den CO2-Ausstoß zu verringern. Ein Kohlekraftwerk ist dabei wohl kaum förderlich. Natürlich hilft auch Aufforstung und Waldumbau, das wurde im Artikel ja auch beschrieben. Aber das allein wird es eher nicht schaffen! Und immer nur auf Andere zu verweisen macht uns hier in Deutschland auch nicht weniger verantwortlich.

Copper vor 44 Wochen

Sehe ich genauso, aber was machen wir? CO2 Steuer und Roden für Batteriefabriken, Solarparks und Windräder. Das hilft natürlich... 🙄 aber die böse Kohlkraftwerke sind ja allein daran Schuld.... klaaaar.

part vor 45 Wochen

Die großen Regenwaldgebiete dieser Erde nähren sich sozusagen selbst durch einen Nebel ohne das die Regenmenge bis auf wenige Wochen enorm hoch ausfällt. Blattmasse + weniger Verdunstung + weniger hohen Temperaturen schafft ein territoriales Klima und ein Klima das die Welt beeinflusst. Mit dem Raubbau in den Regenwäldern wird das Klima weiter weltweit heruntergewirtschaftet so lange die Börsengewinne stimmen. Für kleine Waldinseln in Europa hat dies natürlich auch verheerende Auswirkungen, da sich auch hier der Effekt der Durchfeuchtung merklich abschwächt. Wenn selbst Tiefwurzler wie Kiefern absterben, dann ist auch in tieferen Erdschichten nicht mehr ausreichend Feuchtigkeit vorhanden, die aber einen Spiegel der Niederschlagsmenge der letzten Jahrzehnte darstellen. Wer die Welt retten möchte muss aufforsten statt Monokulturen zu bezuschussen.

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