Erfurt Treffpunkt Straße: Wie Jugendliche und Streetworker die Pandemie erleben

In der Corona-Pandemie dürfen sich auch Jugendliche in ihrer Freizeit nicht in größeren Gruppen treffen. Das verändert auch den Alltag von Streetworkern, die soziale Probleme lösen wollen. Wir haben mit Sozialarbeitern in Erfurt gesprochen - und mit Jugendlichen, die sich trotz Verboten regelmäßig treffen. Wie blicken sie auf die Krise, was treibt sie um?

Eine Frau und ein Mann in legerer Kleidung vor dem Eingang eines Jugendclubs
Lara Netsch und David Heinecke sind Straßensozialarbeiter im Jugendhaus Drosselberg im Erfurter Südosten. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Im Südosten Erfurts, umgeben von Plattenbauten, steht ein niedriger DDR-Funktionsbau aus den 1980er-Jahren. Früher beherbergte er Kinderkrippe und Kindergarten, heute den Family-Club, das Jugendhaus Drosselberg und die Streetwork-Kontaktstelle Erfurt Süd. Hier arbeiten die Streetworker, also die Straßensozialarbeiter, Lara Netsch und David Heinecke. Sie sind für Jugendliche und junge Menschen bis 27 Jahre da. Egal, welche Art von Hilfe sie brauchen. Oft handelt es sich um Unterstützung bei Behördengängen oder bei der Wohnungssuche. Aber sie sind auch da, um zuzuhören. "Uns kann jeder anrufen, wir haben immer ein offenes Ohr, auch für Liebeskummer", sagt Lara Netsch. Den Streetworkern geht es darum, soziale Probleme zu lindern, zu verhindern und zu lösen.

Streetwork via Facebook und Instagram

Normalerweise kommen die Streetworker mit den Jugendlichen in Kontakt, indem sie im Wohngebiet und den Parks unterwegs sind, Szenetreffs, Jugendhäuser und Schulen aufsuchen. Das ist allerdings seit der Corona-Pandemie nur noch eingeschränkt möglich. "Vor Corona waren wir mehr in Schulen unterwegs, haben Projektarbeit gemacht", sagt Lara Netsch. Das falle nun ganz weg. Jetzt laufe viel über soziale Medien - Facebook und Instagram, eine Entwicklung, die durch die Pandemie beschleunigt wurde. "Das erleichtert die Kommunikation", sagt die Streetworkerin. "Wir stehen immer vor der Aufgabe, diejenigen zu erreichen, die schwer erreichbar sind. Es kommen vor allem die Jugendlichen, die kein stabiles Elternhaus haben. Die reden dann mit uns."

Wie geht es den jungen Menschen denn zurzeit? Wie kommen sie mit den Einschränkungen der Pandemie und dem Homeschooling zurecht? David Heinecke antwortet: "Es ist schon interessant, was Jugendliche darüber denken. Das ist ganz unterschiedlich und hängt sehr von den Einflüssen von zu Hause ab. Was man feststellen kann, ist, dass dieses 'Ich bin nur zu Hause und muss allein Aufgaben erledigen' Jugendliche überfordert. Es gibt eine große Niedergeschlagenheit."

Teenager tippt im Bett auf seinem Smartphone herum.
"Es gibt eine große Niedergeschlagenheit." sagt Streetworker David Heinecke. Die Jugendlichen erreichen sie in der Pandemie oft nur noch über Handyapps. Bildrechte: imago images/Frank Sorge

Jugendgruppen werden vom Ordnungsamt aufgelöst

In einem etwas anderen Stadtteil im Süden Erfurts, rund fünf Kilometer entfernt, sitzen vier Jungs auf einer Bank in einem Park und lachen über etwas, das sie sich gegenseitig auf ihren Smartphones zeigen. Ein ganz normaler Anblick. Eigentlich. Doch das, was sie hier tun, ist laut Corona-Verordnung verboten, weil sie aus vier verschiedenen Haushalten stammen; nur zwei sind erlaubt. Sie wissen das. "Ob wir uns im Unterricht anstecken oder hier ..." Sie zucken mit den Schultern. Seit sie wieder Präsenzunterricht haben, sehen sie sich ohnehin regelmäßig in der Schule. Die 15- und 16-Jährigen gehen gemeinsam in eine zehnte Klasse eines Erfurter Gymnasiums.

Wie es ihnen gehe? Eigentlich ganz gut. Sie wüchsen in stabilen Verhältnissen auf, verständen sich mit ihren Eltern. "Wir dürfen uns nicht beschweren. Es gibt Menschen, die es schlimm trifft", sagt einer von ihnen. Niedergeschlagen wirken sie nicht. Aber sie kämen nur zurecht, weil sie die Regeln nicht einhielten. Ein anderer sagt: "Wir treffen uns regelmäßig." Mit der Pandemie hat sich das menschliche Miteinander verändert. Zurzeit gilt in Thüringen, dass sich ein Haushalt mit höchstens einer weiteren Person aus einem anderen Haushalt treffen darf. Jugendgruppen werden vom Ordnungsamt oder Polizeibeamten aufgelöst.

Viele Jugendliche halten sich an die Corona-Regeln

Das stellt auch die Streetworker vor neue Herausforderungen. Sie suchten bisher ja die Jugendlichen dort auf, wo sie oft in Gruppen zu finden waren: vor allem in den Wohngebieten und Parks. David Heinecke: "Wir mussten uns über unsere Rolle klarwerden, wir haben keinen ordnungspolitischen Auftrag." Wenn er oder seine Kolleginnen und Kollegen - zehn Streetworker in vier Teams arbeiten in Erfurt - auf Jugendgruppen treffen, sprechen sie sie an. "Wir klären über die Konsequenzen auf, aber wir kommen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger", sagt Lara Netsch. Meistens reiche das. David Heinecke: "Die kennen uns ja. Das ist ein anderes Sagen als vom Ordnungsamt und funktioniert." Außerdem: "Die Kids halten sich schon an die Maßnahmen, das muss man auch mal sagen. Viele Jugendliche treffen sich zu zweit."

Ja, es gebe die Regeln zur Kontaktbeschränkung, sagen die vier Jungs im Park. "Aber die machen irgendwo keinen Sinn mehr", sagt einer. "In großer Gruppe treffen wir uns nicht, aber zu viert sehen wir kein Problem." Denn: "In der Schule werden wir sowieso angesteckt. Es macht keinen Sinn, dass wir uns draußen nicht treffen dürfen."

Ein Mund-Nase-Schutz liegt im Unterricht auf einem Tisch.
Zusammen im Klassenraum sitzen, aber sich nicht draußen treffen dürfen? - Jugendliche hinterfragen die Sinnhaftigkeit mancher Corona-Regeln. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Wegrennen, wenn die Polizei kommt

Haben sie überhaupt Angst vor Ansteckung? Eine Antwort: "Inzwischen nicht mehr. Im ersten Lockdown haben wir mehr auf die Regeln geachtet." Mittlerweile wisse man viel mehr über das Virus, zudem seien Großeltern und teils auch andere Angehörige geimpft.

Es gehe mehr um das Einhalten der Regeln, als um das Bekämpfen der Pandemie, finden sie. Einer von ihnen wurde vor einiger Zeit von Polizisten erwischt. "Wir waren draußen, zu zehnt." Er musste 128 Euro Bußgeld zahlen. Viel Geld für einen Jugendlichen. Er sagt: "Schlimm ist, dass wir als Kleinkriminelle gelten. Früher waren Polizisten nur die grünen Leute, jetzt müssen wir wegrennen, wenn die Polizei kommt. Obwohl wir uns einfach nur ganz normal treffen." Es klingt ein wenig rebellisch. Aber die jungen Menschen wirken reflektiert, sie haben sich mit den Regeln auseinandergesetzt, sie sehen Ungereimtheiten und halten sich nicht an das, was sie unlogisch finden.

Es fehlen Sport und Freizeitmöglichkeiten

Gehören sie doch zu denen, die der Lockdown mit am härtesten trifft: Gerade in einer Lebensphase, in der die Beziehung zu Gleichaltrigen immer wichtiger wird, dürfen sie sich nicht treffen. Schule, Schwimmhallen, andere Freizeiteinrichtungen waren monatelang geschlossen und sind es größtenteils noch. Die vier Gymnasiasten erzählen, was ihnen meisten fehle - der Sport: Judo, Hockey, Fußball. Seit Monaten darf kein Training stattfinden.

"Die Peergroup, also die Gruppe von Gleichaltrigen, ist sehr wichtig in dem Alter. Gerade in dieser Phase, in der sie sich Freunde suchen, mit denen sie Werte teilen, Grenzen austesten. Das geht jetzt nicht", sagt David Heinicke. Doch er und seine Kollegin Lara Netsch wirken zuversichtlich. Sie lassen den Kontakt zu den Jugendlichen nicht abreißen. Sie sind da, bleiben dran. "Die Arbeit ist nicht weniger geworden", sagen beide.

Es wird Abend. Die Jungs im Park verabschieden sich. Morgen werden sie sich wiedersehen - in der Schule.

Quelle: MDR

5 Kommentare

Frank2020 vor 30 Wochen

Einzelschicksale? Weit gefehlt! Und nein, jeder ist ein ganz gewaltiges Stück selbst für sein Wohlergehen verantwortlich. Über Migration habe ich kein Wort verloren, aber gut, dass Sie es ansprechen. Deutschland hat aktuell so viele Einwohner wie die letzten 30 Jahre nicht. Grund sind Migration und Gebärfreudigkeit der Menschen mit internationaler Geschichte, komischerweise haben wir in fast allen Bereichen Fachkräftemangel und die sozialen Brennpunkte nehmen stark zu. Auch hier würde ich persönlich viel mehr fordern, als ständig nur zu fördern.

Tpass vor 30 Wochen

Schlechte Nachrichten! Es geht hier um Soziale Verbindungen und Verhältnisse inklusive der Betreuung und Betreuern . Diese Verhältnisse die Sie beschreiben gibt es ach wie lange? Einzelschicksale sind nicht zielführende Informationen. Es gibt immer Menschen die benachteiligt werden oder sind. Gesellschaftliche Verantwortung gilt für die Bürger die es besser erwischt hat. Negatives Spectrum verbreiten! Es geht um Hilfe und Anerkennung. Nutznießer gibt es übrigens in allen Gesellschaftlichen Bereichen.Das sind ganz andere Türen 🚪 die man aufmachen müßte. Nach ihrer Meinung können die Neuen Bürger Migrationen Asylbewerber dann auch dazu beitragen unsere Grünanlagen und Städte und Gemeinden mit sauber halten. Dann würde es auf das selbe herauskommen. Ob das dann aber wieder nicht Diskriminierend wäre?

Frank2020 vor 30 Wochen

Straßenkinder und Obdachlose vernachlässigt? Ich war erst unlängst in einer Einrichtung für Obdachlose. Da säuberten Angestellte der Stadt die völlig versiffte Küche, während die Bewohner im Bett lagen bzw. im Gemeinschaftsraum fern sahen. Oder bei zwei jungen Leuten, Wohnung bezahlt das Amt oder auch nicht mehr, weil man sich um rein gar nichts kümmert. Die Wohnung vermüllt bis zum geht nicht mehr, obwohl man den gesamtem Tag, die Nacht eher nicht, zu Hause ist. Oder bei einem 18jährigen aus sozial schwierigen Verhältnissen, der bekam mit 17 eine eigne Wohnung vom Amt und wird ebenfalls umfangreich betreut. Oder bei einem 35 jährigen Crystal-Abhängigen, der stark kriminell ist und die 3. Therapie vor Strafe absolviert. Und, und, und. Es ist unsinnig, diese Umstände auf die Politiker und auf fehlendes Geld zu schieben.

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