Landkreis Sömmerda Waldbesitzer gegen Landesregierung: Zoff um Naturschutzgebiet "Hohe Schrecke"

Die rot-rot-grüne Landesregierung hat sich auf die Fahnen geschrieben, mehr Naturschutzflächen auszuweisen und mehr Wald aus der forstwirtschaftlichen Nutzung zu nehmen. In Nordthüringen gibt es damit Probleme. Das Naturschutzgebiet "Hohe Schrecke" soll ausgeweitet werden - zum Schutz seltener Pflanzen und Tiere. Doch Waldbesitzer und Landwirte sind davon wenig begeistert. Zumal beklagt wird, dass das Land bisher unzureichend kommuniziert.

Winterlandschaft
Ein Waldstück im Naturschutzgebiet "Hohe Schrecke". Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Heiko Raube schaut nach oben und kneift die Augen zusammen. Der Wind lässt immer wieder Schnee von den Wipfeln der Buchen und Eichen um ihn herum heruntergleiten. Eigentlich könnte der Waldbesitzer jetzt einfach eine Winterwanderung machen, doch ihn treiben Pläne der Thüringer Landesregierung um. Die möchte nämlich das Naturschutzgebiet "Hohe Schrecke" vergrößern. "Erfahren habe ich von der Aktion am 17. Dezember letzten Jahres. Das Amtsblatt mit Datum vom 16. Dezember war bei uns am 17. in der Post. Darin stand ein Bericht, dass Stellungnahmen abgegeben werden können bis zum 18. Dezember. Ich hatte sozusagen einen Tag Zeit, mich darum zu kümmern."

Ein Mann in einem verschneiten Wald zeigt ein Blatt Papier
Waldbesitzer Heiko Raube hat aus dem Amtsblatt davon erfahren, dass das Naturschutzgebiet "Hohe Schrecke" neu ausgewiesen werden soll. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Das stehe doch in keinem Verhältnis zum Eingriff in das Eigentum der Leute, findet er. Etwa die Hälfte seiner gut zwölf Hektar Wald in dem Gebiet findet sich in dem Entwurf unter der Rubrik "Prozessschutz". Hier darf in natürliche Prozesse gar nicht mehr eingegriffen werden - Wirtschaften wäre praktisch ausgeschlossen. Das kommt für Raube einer Enteignung gleich. "Ich darf aber sicherlich meine Grundsteuern bezahlen. Für etwas, wo ich nichts mehr tun darf", sagt er.

Frist für Stellungnahmen verlängert

Tatsächlich hat das Landesamt - auch wegen Corona und dem verspäteten Erscheinen des Entwurfs im Amtsblatt des Landkreises Sömmerda - die Frist für Stellungnahmen bis zum 8. Februar ausgedehnt. Auch das Umweltministerium versucht, zu beschwichtigen. Das Verwaltungsverfahren sei in dieser Form durchaus in Ordnung. Tatsächlich sei der Verordnungsentwurf aber eher der Anfang des Verfahrens und nicht sein Ende, sagt Staatssekretär Olaf Möller (Grüne) auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN. Einige Fragen habe man schon beantworten können, es habe auch schon Informationsveranstaltungen gegeben. Weitere sollen folgen - zum Beispiel in der kommenden Woche auf virtuellem Weg. In diesem Fall organisiert das der Verein "Hohe Schrecke", der so die schleppende Kommunikation zwischen den Akteuren verbessern will.

Möller sagt auch, nach dem 8. Februar werde man die Stellungnahmen sortieren, auswerten und im Verfahren einfließen lassen. Womöglich stehe am Ende auch eine weitere Auslegung einer Verordnung, die dann anders aussieht. Doch das Vertrauen ist beschädigt. Das Verfahren sei "einmalig für Thüringen", rügt etwa der forstpolitische Sprecher der CDU im Thüringer Landtag Marcus Malsch. Die Verordnung sei ohne Hilfe kaum zu durchschauen - und es sei fraglich, ob die Verdoppelung des ohnehin schon größten Naturschutzgebietes im Land wirklich nötig ist.

Schon heute größtes Naturschutzgebiet in Thüringen

Schon heute ist der bewaldete Höhenzug im Dreieck zwischen Kölleda, Artern und Bad Bibra das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet in Thüringen. Das war nicht immer so - für einen Truppenübungsplatz wurden Ende der 1940er-Jahre gut 2000 Hektar Wald gerodet. Der ist inzwischen nachgewachsen. Das Naturschutzgebiet umfasst seit 2004 etwa 35 Quadratkilometer. Der Verordnungsentwurf aus dem Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz sieht künftig 68 Quadratkilometer vor. Zum Verdruss viele Waldbesitzer und Landwirte, die in dem Gebiet engagiert sind.

Sie fürchten, dass die Nutzung des Waldes stark eingeschränkt oder womöglich ganz verboten würde. "Wir fühlen uns hintergangen", sagt Manfred Silberhorn. "Jetzt in der Corona-Krise können wir uns nicht treffen, wir können keine Bürgerinitiative gründen, wir können nicht demonstrieren." Protest sei also nur schwer möglich. Für seinen Landwirtschaftsbetrieb sorgt sich der Vater von sieben Kindern. "Der Wald ist unser zweites Standbein." Alle 32 Hektar befänden sich nach dem Entwurf künftig im Naturschutzgebiet.

Staatsekretär: Bewirtschaftung weiterhin möglich

Auf zwölf Seiten Verordnungstext auf der Internetseite des Landesamtes findet sich zunächst einmal eine lange Liste von Verboten. An vielen Stellen dürfte der Wald jenseits der Wege nicht betreten werden, Forstwirtschaft würde erschwert oder auch ganz untersagt. Doch es gibt im Text auch etliche Ausnahmen und auch Umwelt-Staatssekretär Möller betont, an vielen Stellen sei Bewirtschaftung weiterhin möglich. Doch auch der Waldbesitzerverband ist skeptisch und findet, über so ein Verfahren müsste gründlich gesprochen werden. Am besten vor Ort und persönlich, sagt auch Förster Mario Schirmer. Und Waldbesitzer Heiko Raube versteht die Eile nicht: Ein halbes Jahr früher oder später, darauf komme es doch in so einer Sache nicht an.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 31. Januar 2021 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

frank von raf vor 24 Wochen

@Sia

Belegen Sie doch bitte Ihre Aussage ebenfalls durch einen Link oder einen HInweis. Für als Wald- oder Ackerfläche laut Flächennutzungsplan beschriebene Flurstücke gibt es keine Ausgleichszahlung.

Ihr Beispiel in der "Richard-Wagner-Strasse" hinkt, hier vergleichen Sie doch Äpfel mit Birnen. Die Straße liegt quasi mitten in der Stadt. Hier geht es doch um land- und forstwirtschaftlich bzw. gartenbaumäßig genutzte Flächen.

frank von raf vor 24 Wochen

@ Stefan Der

Das ist bei weitem keine Unwahrheit. In NRW - wie in anderen Bundesländern- gibt und gab es keine Entschädigung. Im Jahr 2000 wurden xy ha meines Eigentums, mehr als die Hälfte der gesamten Fläche, in ein NSG umgewandelt. Bis heute hat es keine Ausgleichszahlungen gegeben und es wird auch zukünftig keine geben.

Sie sprechen wahrscheinlich von Zahlungen für Brachflächen oder Grünflächen in NSG, die fast in der Höhe der jährlichen Pachtsumme je ha ausfallen. Belegen Sie doch bitte Ihre Behauptung durch einen qualifizierten Link oder einen entsprechenden HInweis.

Stefan Der vor 24 Wochen

@frank von raf: Sie schreiben hier die Unwahrheit. Natürlich werden die Besitzer solcher Flächen entschädigt. Es geht sogar soweit, dass es jährliche Ausgleichszahlungen geben kann. Weshalb informieren Sie sich nicht bevor sie so etwas schreiben?

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