365 Tage Lärm? Familie Ernst und das Kinderheim: Schwierige Lösungssuche im Streit um Lärm

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Eine Hecke und ein unbebautes Grundstück trennen den Garten der Familie Ernst vom Kinderheim Haus Noah in Buttstädt. Doch nutzen kann die Familie die grüne Oase nicht. Es sei einfach zu laut. Die anderen Nachbarn und Lärmgutachten sagen allerdings etwas anderes. Eine friedliche Lösung ist momentan nicht in Sicht.

Außenansichten des Kinderheims
Das Kinderheim liegt direkt neben dem Umspannwerk in Buttstädt. Das Grundstück der Familie Ernst ist von hier aus etwa 200 Meter entfernt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Familie Ernst fühlt sich am Ende. Sie leidet seit Jahren unter dem Lärm aus dem benachbarten Kinderheim. "Die machen uns das Leben zur Hölle", sagt Tochter L. Ernst. Ihren vollen Namen wollen die drei nicht veröffentlichen, auch Fotos von ihnen und ihrem Haus sollen nicht gezeigt werden.

Konflikt mit langer Geschichte

Als die Ernsts hier gebaut hatten, stand das Gebäude noch leer. Dann zogen die ersten Jugendlichen ein, die Stiftung Finneck hatte das Haus zunächst gemietet. Familie Ernst hatte gehofft, dass die neuen Nachbarn irgendwann wieder wegziehen würden. Doch dann hatte die Stiftung Finneck das Haus gekauft und aus Sicht der Ernsts eskalierten die Probleme seitdem immer mehr, sogar von Morddrohungen war die Rede: "Da stand ein Kind und hat ganz laut gerufen, dass es jetzt in meinen Garten kommt und mich umbringt", erzählt L. Ernst.

Lärm von morgens bis abends

Schon, wenn die Kinder morgens zur Schule gebracht werden, werden die Ernsts von den Autos geweckt. "Wenn die im Hof Sport machen, machen die extra laute Musik dazu", sagt Vater M. Ernst. Eine hohe Hecke und ein unbebautes Grundstück trennt das Gelände des Heims vom Garten der Ernsts. An der Rückseite des Gartens liegt noch ein Grünstreifen, dort sollen immer wieder Kinder stehen und die Familie Ernst beobachten. "Es ist überhaupt nicht mehr möglich, in Ruhe im Garten oder auf der Terasse zu sitzen", so L. Ernst.

Immer wieder rufen sie im Heim an, um sich zu beschweren, es gab im vergangenen Jahr auch ein Gespräch mit allen Beteiligten. "Das hat alles nichts gebracht", sagt L. Ernst. "Uns hilft niemand, nicht einmal unsere Anwältin."

Familie Ernst ist mit ihren Kräften am Ende

Familie Ernst will eigentlich, dass die Kinder dort ausziehen. "Die passen einfach nicht hierher", sagt H. Ernst. Und wenn das nicht geht, solle zumindest eine Schallschutzmauer errichtet werden. "Aber stattdessen haben sie einen Spielplatz gebaut, jetzt ist es noch lauter geworden." Inzwischen nutzen die Ernsts ihren Garten kaum noch. "Man kann ja niemanden hierher einladen", so L. Ernst. "Wir wollen endlich wieder unsere Ruhe haben."

Stiftung Finneck sucht nach Lösungen

Im Haus Noah leben derzeit etwa 20 Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen. Träger ist die Stiftung Finneck. Sie betreibt mehrere solche Einrichtungen. Sabine Wäldrich ist bei der Stiftung für die Wohnheime zuständig und auch sie leidet unter dem Konflikt. "Das beschäftigt uns schon lange, wir suchen wirklich nach einer Lösung. So einen Konflikt hatten wir bisher noch nie mit unseren Nachbarn."

Wir würden uns wünschen, dass Familie Ernst unsere Kinder auch mal besucht und kennenlernt. Das sind ja keine Monster.

Sabine Wäldrich

Mehrere Schallschutzgutachten sind erstellt worden, keins hat erhöhte Werte gezeigt. Wenn am Kindertag große Feiern anstehen, werden die Nachbarn vorher informiert. Einmal im Jahr werden alle zum Tag der offenen Tür eingeladen, damit die Nachbarn die Kinder auch mal kennenlernen können. "Wir würden uns wünschen, dass Familie Ernst unsere Kinder auch mal besucht und kennenlernt. Das sind ja keine Monster."

Die anderen Nachbarn haben keine Probleme

Klaus-Dieter Haake bestätigt das. Er wohnt auf der anderen Seite des Kinderheims. Natürlich, so erzählt er, gibt es einen gewissen Geräuschpegel. Aber laut Haake bleibt das im normalen Rahmen. "Wenn es doch mal Probleme gibt, sprechen wir das direkt an und meistens wird es sofort gelöst", erzählt er.

Miteinander im Gespräch bleiben

So ein Verhältnis wünscht sich Hausleiterin Katja Gerhardt auch mit Familie Ernst. Und sie nimmt deren Sorgen nicht auf die leichte Schulter. "Es gab tatsächlich einzelne Vorfälle am Zaun. Wir haben uns dann mit Blumen und Pralinen bei Familie Ernst entschuldigt und das mit den Kindern ausgewertet", sagt sie. Damit die Kinder nicht mehr direkt an den Zaun der Ernsts gelangen können, wird das Tor des Grudstücks laut Katja Gerhardt jetzt immer verschlossen. "Außerdem gehen wir so oft wie möglich mit den Kindern raus in die Natur, aber wir können sie ja hier auf dem Grundstück nicht einsperren."

Lösungen nicht in Sicht

Ein Auszug kommt für die Stiftung Finneck nicht infrage, welche Anforderungen an eine Schallschutzmauer gestellt werden, wird derzeit geprüft. Vielleicht könnte eine neutrale Stelle in diesem Konflikt vermitteln, wie die Schiedsstelle von Buttstädt. Die hat aber bisher nichts von diesem Konflikt gehört. Anke Brandt und ihre Kollegin versuchen, in solchen Fällen zu vermitteln. "Wir arbeiten ehrenamtlich. Aber eben erst, wenn eine der Parteien uns anruft", sagt sie. Bleibt zu hoffen, dass irgendwann Ruhe einkehrt in der Oberwendenstraße in Buttstädt. Für die Kinder im Heim und für Familie Ernst.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 19. Juni 2021 | 18:00 Uhr

36 Kommentare

Fakt vor 5 Wochen

@Sia:

Blumen und Pralinen waren auch keine "pädagogische" Maßnahme, sondern als Entschuldigung für die Nachbarn gedacht. Als pädagogische Maßnahme kann man wohl besser die anschließende Aufarbeitung mit den Kindern und Jugendlichen verstehen, die im Artikel genannt wird. Haben Sie den Artikel eigentlich gelesen oder nur die Überschrift? Dann haben Sie wohl auch nicht gelesen, dass die Kinder und Jugendlichen an einer geistigen Behinderung leiden? Und Menschen mit Handicap leben nunmal unter uns und werden Gott sei Dank nicht mehr wie früher weggesperrt und versteckt. Nennt sich Inklusion!

Gidnurg vor 5 Wochen

Nachbarn kann man sich nicht aussuchen!

Ich finde es gut, dass die Stiftung agiert und auf die Vorfälle reagiert.
Man kann absolut nicht verlangen, dass die Kinder irgendwo auf einer Bergkuppe in ein Haus gesetzt werden - abseits vom normalen Leben. Geschweige denn „Schallschutzmäßig“ umbaut werden, Geräusche suchen sich im Wind, in der Luft ihren Weg - dann eben im die Mauer.
Für all die Kinder ist ein sozial nah bezogenes Miteinander wichtig, Dinge und Umgangsformen zu erlernen und falsch und richtig einordnen zu können.
Als Familie hätte ich immer wieder aktiven Kontakt zur Stiftung, sodass die auf die Kinder bei Vorfällen eingehen können. Andererseits hätte ich schon längst einen Sichtschutz, eine Mauer oder ähnliches errichtet um eben ungestörter Blicke zu sein.
Wenn es für mich unaushaltsam wäre, dann würde ich mein Haus verkaufen.
Ich denke jedoch, dass man sich die Nerven sparen kann, sein Leben genießt und es akzeptiert - womöglich hinter einem Sichtschutz.

Nico Walter vor 5 Wochen

Wieso haben die Anwohner nichts mehr zu melden? Jeder, der einen berechtigten Anspruch hat kann diesen geltend machen und gegebenenfalls auch vor Gericht einklagen. Ein berechtigter Anspruch ergibt sich aber nicht aus persönlichen Vorlieben oder Erwartungshaltungen heraus. Dazu bedarf es einer soliden rechtliche Grundlage, und die ist, nach allem was wir wissen, hier einfach nicht gegeben. Die Tatsache, dass mir mein Nachbar nicht gefällt, ist noch lange kein hinreichender Grund, dass ich gegen ihn vorgehen kann.

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