45-jähriges Dienstjubiläum Beim Müllentsorgen in Weimar zweimal um den Äquator gelaufen

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Er hat im Laufe seines Arbeitslebens mehr als 217.000 Tonnen Müll entsorgt und ist dabei geschätzt 99.000 Kilometer gelaufen. Burkhard Köditz feiert bald sein 45-jähriges Dienstjubiläum. Und er kann sich bis heute keinen anderen Job vorstellen. Wie das alles angefangen hat und was er sich für die Zukunft wünscht, hat Burkhard Köditz uns erzählt.

ein Müllmann auf dem Gelände des Kommunalservise in Weimar, ein Disponent des Kommunalservice bei der Planung der Fahrten, der Abteilungsleiter, Holger Enders, vor seinem Gebäude
Burkhard Köditz ist der dienstälteste Mitarbeiter beim Kommunalservice Weimar. Seit fast 45 Jahren kümmert er sich um den Müll in der Stadt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Burkhard Köditz rollt die Mülltonne hinter das orange Auto, stellt sie in die richtige Position, drückt ein paar Knöpfe und schon wird die Tonne geleert und wieder abgestellt. Dann kann sie zurück an ihren Platz.

Als er am 4. Juli 1977 hier angefangen hat zu arbeiten, war daran nicht zu denken: "Wir mussten die Tonnen von Hand einhängen, dafür musste man sie aber ein ganzes Stück hochheben. Das war manchmal eine Quälerei", erinnert sich der 63-Jährige.

Als ich damals hier angefangen habe, hat niemand geglaubt, dass ich das so lange durchhalte. Niemand!

Burkhard Köditz

Denn damals waren die Behälter noch aus Blech und zu großen Teilen mit Asche gefüllt, die wiegt einiges. An den großen Blechtonnen, die Anfang der 90er-Jahre in Gebrauch waren, gab es zwar zwei Griffe, hochheben konnte man sie trotzdem nicht gut, weil der Schwerpunkt nicht stimmte. "Wir haben uns damals in der Werkstatt einen Haken bauen lassen, damit ging es dann", erzählt Köditz. Überhaupt müsse man sich zu helfen wissen, immer wieder neue Kniffe entwickeln, damit alles läuft, sagt er.

ein Müllmann auf dem Gelände des Kommunalservise in Weimar, ein Disponent des Kommunalservice bei der Planung der Fahrten, der Abteilungsleiter, Holger Enders, vor seinem Gebäude 2 min
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45 Jahre Knochenarbeit

Denn seine Arbeit ist körperlich extrem anstrengend. "Als ich damals hier angefangen habe, hat niemand geglaubt, dass ich das so lange durchhalte. Niemand!" Und doch sind es jetzt fast 45 Jahre, die er sich in Weimar um den Müll kümmert. Und er hätte auch nichts anderes machen wollen: "Ich bin den ganzen Tag an der frischen Luft. Ich könnte nie in einem Büro sitzen. Früher habe ich mal in der Druckerei gearbeitet, in einer riesigen Halle, das habe ich nicht ausgehalten."

Start in den Beruf war unproblematisch

Angefangen hat er hier, weil schon sein Stiefvater hier gearbeitet hatte. Er kannte bereits viele von dessen Kollegen, die Einarbeitung lief problemlos und seitdem beseitigt Burkhard Köditz Müll. Immer, wenn neue Fahrzeuge kamen, konnte er sich schnell einfuchsen, spezielle Weiterbildungen waren nicht nötig. "Man musste sich einfach anpassen, das ist bis heute so."

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Fr 06.08.2021 13:00Uhr 00:54 min

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Zu DDR-Zeiten ging es morgens um 4 Uhr los, dafür war mittags schon Schluss. "Wenn die Tour fertig war, war Feierabend. Nach 13 Uhr hat man in Weimar kein Müllauto mehr gesehen", erzählt Köditz. "Ich hatte damals einen Kollegen, der hat mich von zu Hause abgeholt. Der stand aber schon halb zwei vor der Tür! Da kamen wir um sieben schon nach Hause."

Der Krach beim Abholen der Tonnen hat damals keinen gestört. "Die waren ja froh, dass wir gekommen sind." Und die Arbeit war deutlich anstrengender damals. "Da konnten wir nicht einfach aufs Knöpfchen drücken, das ging alles mit Muskelkraft. Das erste halbe Jahr hatte ich ganz schön Probleme."

Burkhard Köditz: "Früher war alles viel anstrengender als heute"

Seit 45 Jahren arbeitet Burkhard Köditz als Müllwerker. In dieser Zeit hat sich unglaublich viel verändert. Und auch wenn er immer wieder dazulernen musste, hat die Technik die Arbeit doch sehr erleichtert.

Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
So wurde im Jahr 1970 die Asche abgeholt. Da war Burkhard Köditz allerdings noch nicht dabei. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
So wurde im Jahr 1970 die Asche abgeholt. Da war Burkhard Köditz allerdings noch nicht dabei. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Container-Abfuhr im Jahr 1983. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Hier wird ein Gully mit einem Schlammsauger gereinigt. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Fassadenarbeiten in der Steubenstraße mit einer Hochhubbühne 1982. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Die Sortieranlage an der Dürrenbacher Hütte. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
ein Müllmann auf dem Gelände des Kommunalservise in Weimar, ein Disponent des Kommunalservice bei der Planung der Fahrten, der Abteilungsleiter, Holger Enders, vor seinem Gebäude
Burkhard Köditz erinnert sich ungern an diese Tonnen. Die mussten von Hand angehoben werden - eine Quälerei. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Auch damals war die Abfallwirtschaft für den Winterdienst zuständig. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
Die Anwohner haben aber fleißig geholfen. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
Historische Bilder des Kommunalservice Weimar (Müllabfuhr)
An diese Müllfahrzeuge können sich sicher noch viele Thüringer erinnern. Bildrechte: MDR/Stadtarchiv Weimar
ein Müllmann auf dem Gelände des Kommunalservise in Weimar, ein Disponent des Kommunalservice bei der Planung der Fahrten, der Abteilungsleiter, Holger Enders, vor seinem Gebäude
Alte und neue Mülltonnen beim Kommunalservice Weimar. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Zwei Jahre Unsicherheit zur Wendezeit

Die Wendezeit war schwer für Burkhardt Köditz und seine Kollegen. Natürlich mussten sie sich auf die neue Technik umstellen. Aber das war nicht alles, erinnert er sich: "Da bist du morgens auf Arbeit gekommen und wusstest nicht, ob du überhaupt noch eine Arbeit hast. 90 Prozent von uns wurden damals entlassen. Von jetzt auf gleich. Die sind früh gekommen und wurden direkt nach Hause geschickt. Das ging fast zwei Jahre lang so. Das war nicht einfach."

Keine großen Veränderungen gegenüber früher

Die Arbeitszeiten sind inzwischen etwas anders. Früh um sechs beginnt die Tour, wenn die zu Ende ist, ist Feierabend. Das ist meist 14:30 Uhr. Die Arbeit dagegen ist gleichgeblieben. In den letzten Jahren fährt Köditz die Papier-Tour, immer mit den gleichen Kollegen. Man versteht sich gut, auch wenn unterwegs nicht viel geredet wird. Schon gar nicht, wenn das Wetter extrem ist. Denn auch dann müssen die Männer raus. "Aber das stört mich nicht mehr, ich war auch ganz selten krank", schmunzelt Köditz.

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Pöbeleien sind mittlerweile an der Tagesordnung

Was ihn dagegen sehr stört, sind manche Mitmenschen. Da wird manchmal ganz schön geschimpft und gepöbelt, wenn das Müllauto die Straße versperrt. "Das ärgert mich sehr, aber was will man machen. Das kann man nur ignorieren." Zumal die Touren ja geplant sind und die einzelnen Straßen jeweils an bestimmten Tagen angefahren werden. "Die Tage sind ja bekannt, die Uhrzeiten auch", sagt Köditz.

Und tatsächlich ist in jeder Tonne ein Chip eingearbeitet, der vom Auto erkannt wird. Dadurch ist es möglich, den Ablauf der Tour sekundengenau nachzuvollziehen. Wenn beispielsweise jemand anruft und sich beschwert, dass seine Tonne nicht geleert wurde, kann der Disponent sofort nachschauen, wann das Auto am entsprechenden Haus war. Und auch, ob die Tonne vielleicht nicht draußen stand oder aus anderen Gründen nicht geleert werden konnte. Denn das wird vor Ort am Auto eingegeben.

ein Müllmann auf dem Gelände des Kommunalservise in Weimar, ein Disponent des Kommunalservice bei der Planung der Fahrten, der Abteilungsleiter, Holger Enders, vor seinem Gebäude 1 min
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Wertschätzung für die wichtige Arbeit

Aber es gibt auch Menschen, die die Arbeit der Müllwerker zu schätzen wissen. "Als es jetzt so heiß war, kam immer mal wieder jemand mit einer Flasche Selters raus", erzählt Burkhard Köditz. "Und Weihnachten werden wir auch manchmal überrascht. Aber das ist viel weniger geworden als vor der Wende. Damals ist die Arbeit mehr geschätzt worden."

Ein Arbeitsleben in Zahlen 9.900 Arbeitstage
275 Tonnen pro Schicht geleert
217.800 Tonnen Müll geladen
99.000 Kilometer gelaufen (nach Schätzung seines Chefs), das ist mehr als zweimal um den Äquator

Start in die Rente im Juni 2022

Für Burkhard Köditz wird es bald ruhiger. Wenn er sein 45-jähriges Betriebsjubiläum gefeiert hat, geht er auch bald in Rente. So richtig Pläne für die Zeit danach hat er noch nicht gemacht. Er freut sich auf mehr Zeit für die Familie und für seinen Dackel Fips.

Quelle: MDR THÜRINGEN

3 Kommentare

helmut57 vor 9 Wochen

Sein Gesicht gehört zum Stadtbild von Weimar. Vielen Dank für Ihre Arbeit. Ein sehr wichtiger Job, wie sehe es wohl aus, wenn diese fleißigen Helfer nicht diese Arbeit machen würden.
Tolle Menschen!!!

Thueringer Original vor 9 Wochen

Auch meinerseits herzlichen Dank dafür, dass diese Arbeiter bei Wind und Wetter dafür sorgen, dass die Mülltonnen nicht überlaufen. 👍

Critica vor 10 Wochen

Ein Dank an dieser Stelle - an ihn und an all seine Kollegen deutschlandweit!!!

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Frau mit Dutt in Erfurter fußgängerzone 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Jenny Scherf ist eine Pfarrerin ohne Kirche. Ihre Gemeinde sind die Menschen, die sie in den sozialen Medien trifft.

16.10.2021 | 14:45 Uhr

MDR THÜRINGEN Sa 16.10.2021 14:30Uhr 01:15 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/video-jenny-scher-online-pfarrerin100.html

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