Corona - und dann? Corona-Krise: Pleitewelle, Leerstand und doch: Chancen auf ein "zweites Wohnzimmer"

Wegen des Lockdowns und der andauernden Corona-Krise befürchtet der Stadtplaner Frank Eckardt einen dramatischen Niedergang der deutschen Innenstädte. Im Interview mit MDR THÜRINGEN sagt der Professor der Bauhaus-Universität Weimar, es drohe "eine große Pleitewelle" trotz staatlicher Hilfen.

Passanten in der Fußgängerzone in Weimar
Passanten in der Fußgängerzone in Weimar Bildrechte: dpa

Nach Umfragen der Verbände wisse die Hälfte der Einzelhändler nicht, ob sie das Jahr überstehen würden. In der Podcast-Serie "Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?" sagte Eckardt, Deutschland brauche nicht nur eine Taskforce fürs Impfen, sondern "sehr dringend" auch eine Taskforce für die Innenstädte.

Frank Eckardt, ein Mann Mitte 50 mit weißem Hemd, schaut in die Kamera. Er ist Stadtforscher, derzeit an der Uni Weimar. 23 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 27.03.2021 10:10Uhr 23:01 min

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Mit den Pleiten der Einzelhändler drohe ein großer Leerstand in Bestlagen der Städte. Viele Gebäude könnten verkauft werden, internationale Immobilienhändler seien durchaus interessiert. Besonders Kleinstädte seien gefährdet. Diese Entwicklung mache ihm momentan "richtig Sorgen“, sagt Frank Eckardt.

"Wir kennen alle Gebäude in den neuen Bundesländern, die bis heute nicht genutzt werden, weil der Zugriff auf diese Immobilien nicht stattfinden kann." Sobald die Gebäude im Besitz von internationalen Spekulanten seien, entzögen sie sich einer gezielten Steuerung durch die Städte. Dann bräuchte man über eine Stadtplanung im Grunde gar nicht mehr zu reden, sagt er.

Die Innenstadt von Eisenach
Wenn Läden leer stehen, rät der Fachmann, dass Städte sie kurzfristig kaufen. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Öffentlichen Raum vorausschauend planen

Der Stadtplaner rät, dass Städte jetzt von ihrem Recht Gebrauch machen sollten, solche leerstehenden Immobilien in guten Lagen "für kurze Zeit“ aufzukaufen. Die Städte sollten dafür Kredite aufnehmen, Bund und Länder sollten dafür bürgen. Eckardt sagt: "Wenn jetzt die Politik schläft und dann nicht eingreift, dann werden wir für Jahrzehnte die Innenstädte aufgegeben haben."

Dieser Ansatz biete Chancen: Die Städte sollten diese Immobilien später nicht an Meistbietende verkaufen, sondern an Investoren, die ein Konzept im Sinne von sozialen und ökologischen Standards böten. Eckardt sagte, die Pandemie zeige, dass die Menschen einen gestalteten öffentlichen Raum dringend bräuchten. Darunter verstehe er Natur, Parks, Spielplätze, aber auch Freiräume in Einkaufszentren.

Frank Eckardt 2 min
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Sa 27.03.2021 05:00Uhr 02:14 min

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Bänke und Toiletten fehlen in der Stadt

Gegenwärtig sei der öffentliche Raum "in vielerlei Hinsicht" nicht gemacht. Es räche sich jetzt die Abhängigkeit von konsumorientierten Angeboten. Eckardt sagt: "Wir müssen dahin kommen, den öffentlichen Raum wieder als Lebensraum zu verstehen, in dem man die unterschiedlichsten Dinge machen kann. Dazu gehört, sich auch länger aufzuhalten, ohne etwas zu konsumieren." Beispielsweise seien momentan Parkbänke für einen längeren Aufenthalt in der Öffentlichkeit nicht vorgesehen. Öffentliche Toiletten fehlten im Stadtbild weitgehend.

In der Coronazeit würden die Menschen sehen, dass der öffentliche Raum, etwas biete, wo man sich gerne und lange und auch vielfältig aufhalten möchte. Das bedeute, so Eckardt, ein Umdenken in der künftigen Stadtplanung. Planer und Politiker müssten schauen, was wirklich systemrelevant sei. Die Menschen, das zeige der Lockdown, sehnten sich nach Natur und Entspannung.

Insofern denke er, dass beispielsweise der Bau von Parkhäusern weniger wichtig sei als zusätzliche Grünflächen, die Renaturierung von Stadtteilen zum Spazieren oder für den Sport. Gesundheitsvorsorge sollte auch in der Stadtplanung oberste Priorität haben. Das gelte vor allem für ältere Menschen. Man müsse auch mit dem Rollator einfach in die Natur gelangen können.

Zur Person Frank Eckardt ist Stadtplaner, Stadtforscher und Professor an der Bauhaus-Uni in Weimar. Er leitet den Lehrstuhl für sozialwissenschaftliche Stadtforschung.

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Corona - und dann? Wie sieht unser Zusammenleben nach der Pandemie aus?

Christoph Meixner vor einem Bücherregal
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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 27. März 2021 | 06:20 Uhr

9 Kommentare

Kleingartenzwerg vor 6 Wochen

Herr Eckardt Eckardt hat meiner Meinung nicht erkannt, dass das Problem der Innenstädte zwar ein großes aber nicht das einzige Problem ist. Wir haben mittlerweile für unser Möglichkeiten unterirdisches Bildungssystem, eine desaströse Geldmarktpolitik, Umweltpolitik, eine gescheiterte Migrations- und Einwanderungspolitik, nicht zeitgemäße Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen, den Digitalisierungsstand eines dritte Welt Landes, eine fehlgeleitete Energiepolitik, eine nicht zeitgemäße Verkehrs- und Mobilitätspolitik und, und, und. Statt einer Initiative "Innenstädte" benötigen wir eine Initiative "Zukunft für Deutschland". Ich bin gespannt ob sich diese Problemlösungen in den Parteiprogrammen zur Bundestagswahl wiederspiegeln. Das vor kurzem veröffentlichte Programm der Grünen wird den bestehenden Herausforderungen beispielsweise nicht im Geringsten gerecht.

Kleingartenzwerg vor 6 Wochen

Herr Eckardt hat scheinbar noch nicht bemerkt, dass da der Zug schon längst abgefahren ist oder glaubt er dass die Einzelhändler noch Grundstückseigentümer sind? Die staatlichen Hilfen sind aus meiner Sicht Beihilfe zur Insovenzverschleppung. Es werden, so hart es für die Einzelhändler und Gewerbetrebende auch ist, Zombieunternehmen gestürzt bzw. geschaffen die letztendlich nicht überlebensfähig sind. Wer als Einzelhändler und Gewerbetrebender nicht genug auf der Seite liegen hat um die nächsten zwölf Monate aus eigener Kraft wirtschaftlich zu überleben, sollte lieber gleich dich machen. Alles andere erhöht nur die Schuldenhöhe in dem späteren Insolvenzverfahren. Besser gleich dicht machen und die eventuell noch vorhanden Reserven für einen Neustart verwenden. Auch die staatlichen Förderungen wären da besser angelegt. Übrigens glaube ich nicht, dass wir den Virus wirklich los werden. Er wir uns weiterhin ein Leben lang begleiten in mutierter Form mit all den bekannten Problemen.

wo geht es hin vor 6 Wochen

Tja - es liegt an jedem Einzelnen, ob er den "Green Deal" in ALL seinen Facetten haben möchte oder nicht. Ein "bisschen" schwanger geht nämlich auch nicht. Aber wie ich unser Volk einschätze, wird es erst munter, wenn es so gut wie allen an die Geldbörse geht und nicht nur den kleinen Händlern oder Gastronomen. Die Frage ist nicht, OB dieser Tag kommt, sondern nur - WANN. Und dann kann es häßlich werden, denn der indigene Deutsche neigt dann ganz schnell zu einer Radikalisierung, die der Welt schon 2 Mal nicht gut getan hat. So langsam beschleicht mich das Gefühl, das ist genauso gewollt. Denn nur mit kriegerischen Auseinandersetzungen (dazu gehören auch Biowaffen) ist eine Neuordnung der Weltverhältnisse durchzusetzen. Womit wir wieder beim "Green Deal" angelangt wären. Wollt ihr wirklich? Ich nicht!

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