Einschränkungen durch Pandemie Leben im Seniorenheim trotz oder mit Corona

Auch in Thüringen sinken die Corona-Sieben-Tage-Inzidenzen. Mittlerweile sind viele ältere Menschen und Risikopatienten geimpft. Aber die 330 Thüringer Senioren- und Pflegeheime bleiben vorsichtig: Das Leben in vielen Heimen ist nach wie vor streng reglementiert, Besuche gibt es nur mit Einschränkungen. Die Betreiber berufen sich auf die Corona-Verordnung des Landes, doch die Träger legen die offenbar unterschiedlich aus.

Eine ältere Faru sitzt in einem Sessel und lächelt 3 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 28.05.2021 17:39Uhr 03:10 min

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Christel Müller lebt hier schon zwei Jahre und ist vor ein paar Tagen 94 Jahre alt geworden. Ihr Leben lang, so erzählt sie, hat sie als Lehrerin gearbeitet. Für Deutsch und Sport. Sie hat sich schwer getan damit, überhaupt ins Heim zu ziehen. "Aber ich konnte leider wirklich nicht mehr alleine leben", sagt sie.

Normalerweise bekommt sie viel Besuch, ihre ehemaligen Schülerinnen schauen regelmäßig vorbei: "Aber das ging ja alles nicht mehr". Zumindest per Handy konnte sie aber mit allen in Kontakt bleiben. Sie hat Hörbücher für sich entdeckt, sie malt und schaut Fernsehen. Und im Rot-Kreuz-Heim in Weimar waren die Bewohner auch nie komplett isoliert.

Ein leerer Rollstuhl steht an einem Fenster
Solange die Bewohnerinnen und Bewohner nicht nach draußen können, bietet der Wintergarten wenigstens einen Blick in das Leben vor der Tür. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Isolation unbedingt verhindern

"Du kannst die Leute ja nicht in ihren Zimmern einschließen" sagt Yvonne Freise, die Leiterin des Hauses. Deshalb wurden hier feste Gruppen gebildet, die von Anfang an mit Abstand gemeinsam essen konnten. Die Schwestern konnten auch mal etwas mit ihnen spielen, hatten etwas mehr Zeit zum Reden. "Sonst hätte ja die komplette Kommunikation, die menschliche Zuwendung gefehlt." Für die Schwestern und Pfleger bedeutete das allerdings, auf 12-Stunden-Schichten umzustellen.

Eine Pflegerin schaut in die Kamera 2 min
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Schwester Petra erinnert sich: "Wir waren immer in unseren festen Wohnbereichen und waren für die Bewohner alles - Familie, Beschäftigung und Seelsorger." Eine ganz neue Verbindung ist dadurch entstanden in diesen Gruppen. Aber es war auch extrem anstrengend. "Vor allem über Weihnachten war es extrem schwer für unsere Bewohner."

Alle ziehen an einem Strang

Yvonne Freise ist ihrem Team unendlich dankbar, dass alle so mitgezogen haben. "In so einer Situation kommt jeder an seine Grenzen. Und es gibt ja nicht nur die Arbeit, es hängen ja überall auch noch Familien dran." Und auch über die Arbeit ihres Geschäftsführers ist sie froh: "Holger Welz hat sich da sehr früh gekümmert. Schutzkleidung, Masken, auch Desinfektionsmittel - wir hatten alles immer da."

Schwierig war es, so Yvonne Freise, den Bewohnern und Angehörigen die immer neuen Regeln zu vermitteln: "Wenn da jemand vor dir sitzt, der ist 94 und sagt, dass er seinen Urenkel noch nie gesehen hat und du weißt, er hat vielleicht noch ein Jahr zu leben - was willst du da erklären?"

Herausforderungen durch Quarantäne

Kompliziert wurde es, wenn neue Bewohner einzogen. Denn das Rot-Kreuz-Heim ist zwar längst durchgeimpft, die "Neuen" mussten aber laut Verordnung zunächst in Quarantäne. "Der Schritt ins Altersheim ist für viele ohnehin schwer", sagt die Leiterin. "Und wenn man dann noch sieben Tage in Quarantäne muss, das ist furchtbar!"

Das Weimarer Gesundheitsamt hat aber, so sagt sie, jederzeit geholfen, gute Lösungen zu finden. Und wenn es ein Treffen am Fenster war. Auch Musiker aus der Stadt haben für die Bewohner vor dem Haus gespielt.

Wir sind dafür da, dass für die Menschen, die uns anvertraut sind, die letzten Monate oder Jahre ihres Lebens so schön wie möglich gestaltet werden.

Yvonne Freise, Heimleiterin

Die größte Erleichterung ist es für sie und ihr Team, die Freude der Bewohner zu sehen: "Es können mehr Angehörige kommen, man kann mal raus und einen Kaffee trinken", erzählt Yvonne Freise.

Corona-Alltag im Rot-Kreuz-Heim in Weimar

Eine ältere Faru sitzt in einem Sessel und lächelt
Christel Müller ist gerade 94 Jahre alt geworden. Seit 2019 lebt sie hier im Rot-Kreuz-Heim. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine ältere Faru sitzt in einem Sessel und lächelt
Christel Müller ist gerade 94 Jahre alt geworden. Seit 2019 lebt sie hier im Rot-Kreuz-Heim. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Blick in ein Zimmer, in der eine Pflegerin ist
Dadurch, dass feste Gruppen gebildet wurden, konnten die Bewohner auch den Gemeinschaftsraum nutzen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine Frau lächelt in die Kamera
Leiterin Yvonne Freise ist sehr froh, dass es im Rot-Kreuz-Heim keine Corona-Fälle gab. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
In einem Zimmer steht ein Behandlungsstuhl
Das hauseigene Kosmetikstudio musste nicht geschlossen werden, Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
In einem Zimmer steht ein Waschbecken
ebensowenig der Friseur. Das Hygienekonzept passte. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine Badewanne mit Einstieg steht in einem Badezimmer
Diese Badewanne ist ein beliebtes Extra im Haus. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine Pflegerin schaut in die Kamera
Schwester Petra und die anderen arbeiteten während der pandemie in 12-Stunden-Schichten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine Pflegerin legt Brettspiele auf einen Tisch
Das war anstrengend, bot aber auch Zeit für Brettspiele und andere Beschäftigungen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Jemand zeigt einen Corona-Test
Schutzkleidung, Masken und Tests gab es hier von Anfang an geügend. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Pfleger lächelt in die Kamera
Pfleger Christian bereitet die Medikamentenausgabe vor. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein leerer Rollstuhl steht an einem Fenster
Wenn man nicht raus kann, bietet der Wintergarten etwas Kontakt zur Natur. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Auf einer Anrichte stehen Kerzen und himmlische Symbole
Im Trauerraum des Hauses kann man der verstorbenen Freunde und Mitbewohner gedenken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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"Wir sind dafür da, dass für die Menschen, die uns anvertraut sind, die letzten Monate oder Jahre ihres Lebens so schön wie möglich gestaltet werden. Und das ist während der Corona-Pandemie wirklich schwierig. Aber ich denke, wir haben das gut hingekriegt."

Verordnungen strenger ausgelegt

In anderen Altenheimen lief das aber offenbar anders. Der Vater von Karina Wolf (Name von der Redaktion geändert) lebte in einem Seniorenheim im Saale-Holzland-Kreis. Wo genau, will sie lieber nicht erzählen. Und obwohl auch in diesem Heim keine Corona-Fälle aufgetreten sind, sind nach Meinung von Karina Wolf die Regeln dort noch strenger, als es die Verordnungen ohnehin vorschreiben: "Ich durfte nicht mal selbstgebackenen Kuchen für meinen Vater ins Altersheim bringen. Weil man den natürlich nicht desinfizieren kann."

Ihre Mutter ist selbst nicht mobil, so hat Karina Wolf sie so oft wie möglich ins Heim gefahren. Aber weil dort nur ein Besucher erlaubt war, musste sie selber draußen warten, bis die Besuchszeit um war, ohne ihren Vater zu sehen. Und das, obwohl ihre Eltern und auch sie selbst bereits zweimal gegen Corona geimpft sind.

Keine Möglichkeit, mit der Heimleitung zu reden

Mit dieser Isolation, so erzählt sie, kam ihr Vater ganz schwer zurecht. Als er zwischendurch im Krankenhaus lag, konnten ihn mehrere Leute besuchen. "Die Enkel, die Kinder, alle haben mal vorbeigeschaut, da ist mein Vater richtig aufgeblüht" erzählt sie.

Rollatoren stehen im Flur im Gemeinschaftsbereich eines Altenheims. 2 min
Bildrechte: dpa

Als sie bei der Heimleitung nachfragte, berief man sich dort auf die Verordnung des Landes. "Die haben immer gesagt, sie befürchten, dass sich Bewohner anstecken und sie befolgen nur die gesetzlichen Vorgaben."

Hoffnung auf weitere Lockerungen

Jetzt hoffen die Bewohner der 330 Thüringer Heime und auch die Schwestern und Pfleger, dass in der neuen Thüringer Verordnung weitere Lockerungen für die alten Menschen erlaubt werden. Für die Familie von Karina Wolf allerdings kommen die zu spät. Ihr Vater ist Pfingsten verstorben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 29. Mai 2021 | 18:00 Uhr

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