Spätfolgen Als Corona kam: Kreuzfahrt wird zum harten Einschnitt für Thüringer Paar

Im Februar 2020 bricht ein Ehepaar aus Weimar zur Traumreise auf. Nach Jahrzehnten Stress, Einsatz als Notärztin, Wochenenddiensten und wenig Zeit für einander gönnen sich die zwei 30 Tage Urlaub am Stück. Doch die Reise endet in der Corona-Hölle. Beide fangen sich das tückische Virus auf dem Schiff ein - es beginnt eine Odyssee, die bis heute nachwirkt.

Das Ehepaar Monika und Rainer Niehaus aus Weimar kämpft mit den Spätfolgen von Corona
Das Ehepaar Monika und Rainer Niehaus aus Weimar kämpft mit den Spätfolgen von Corona. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Gerade hat die Gartenbaufirma einen schweren Bonsai-Baum in ihren Garten gehoben. "Ist er nicht wunderschön", strahlen beide. Monika und Rainer Niehaus lieben ihren Garten am Haus, mitten in Weimar. Dass sie ihn wieder genießen können, sei ein großes Wunder, sagen sie. "So Viele haben in der schweren Zeit für uns Kerzen angezündet", erzählt Monika.

Jahrzehntelang hat sie als Kinderärztin in Weimar und später auch in Zürich, er als IT-Experte gearbeitet. Nun wollten sie sich eine Reise gönnen - eine Kreuzfahrt von Miami über den Atlantik zurück bis Italien. Gebucht: Lange vor Corona. Als sie am 24. Februar 2020 das Kreuzfahrtschiff besteigen, sind sie voller freudiger Erwartung. Schönes Schiff, schöne Kabine, nette Mitreisende. "18 von ihnen, die wir namentlich kennen, mit denen wir am Tisch saßen oder mit denen wir uns immer wieder mal auf Deck getroffen haben, sind tot. Gestorben an Covid-19."

Anfang 2020 war Corona noch eine weitgehend unbekannte Krankheit

Rainer Niehaus ist Long-Covid-Patient, seine Lunge schwer geschädigt, ein Stimmband durch die künstliche Beatmung kaputt. Monika sagt, sie habe auf dem Schiff von einem guten Bekannten eine SMS erhalten, der sie fragte, wie man in aller Welt in einer Pandemie eine Kreuzfahrt machen kann.

Doch im Februar 2020 kursierte zwar Corona schon über den Erdball, nur auf dem Schirm hatten das die meisten Menschen, die meisten Länder noch nicht in dem Ausmaß. "Auf dem italienischen Schiff gab es keine deutschen Nachrichten. Wir haben von der Schlacht zunächst nichts mitgekriegt. Beim Reiseveranstalter vor unsere Abreise hieß es, es bestehe keine Gefahr."

Auf dem italienischen Schiff gab es keine deutschen Nachrichten. Wir haben von der Schlacht zunächst nichts mitgekriegt. Beim Reiseveranstalter vor unsere Abreise hieß es, es bestehe keine Gefahr.

Ehepaar Niehaus, Weimar

Die erste Woche auf ihrer Transatlantikreise war traumhaft. "Von Corona war für uns noch nichts spürbar", sagt Monika. Am 5. März bekam Rainer Husten, dann Fieber, und auch bei ihr setzte Husten ein. Inzwischen lagen sie vor Teneriffa. Längst waren alle Landgänge, alle Ausflüge abgesagt. An Bord hieß es aber immer noch, obwohl es zunehmend mehr Passagieren schlecht ging, das sei kein Corona. "Ich habe bestimmt zehnmal nachgefragt, könnte das Corona sein", sagt die 72-jährige Ärztin.

Ausschiffung in Teneriffa wegen schwerer Corona-Erkrankung

Niehausens mussten am 15. März 2020 in Spanien von Bord gehen, denn Rainers Zustand verschlechterte sich nahezu stündlich. Doch Spanien hatte alles dicht gemacht. Auch das ursprüngliche Ziel der Reise - Italien - ließ keine Touristen mehr ins Land. So weit kamen die zwei aber gar nicht.

Beim Tankstopp in Teneriffa ging es Rainer so schlecht, dass ihnen gesagt wurde, sie müssten nun ausgeschifft werden. Das aber war schwierig, erzählt Monika, denn Spanien war mit der Situation überfordert: "Das war eine ganz schlimme Atmosphäre. Es hat vier, fünf Stunden gedauert, bis wir mit von Bord konnten."

Monika sitzt wartend, mit schwerem Husten, auf der Treppe des Schiffes, Rainer bereits im Rollstuhl. Als sie von Bord sind, ruft die Crew Corona-Alarm aus, ab da durfte keiner mehr die Kabine verlassen. Monika und Rainer Niehaus kommen ins Park-Hospital auf Teneriffa - getrennt, jeder in einem Rettungswagen. Sie fotografiert unterwegs die Autoschilder, um zu wissen, wo sie ist. Kurz darauf wird ihr Mann ins Universitätsklinikum verlegt und dort ins künstliche Koma versetzt.

Leben auf der Kippe

Eine Krankenschwester schiebt ihr Tage später einen Zettel zu. So erfährt sie, dass ihr Mann mittlerweile künstlich beatmet wird. Das Leben des 72-Jährigen steht auf der Kippe. Sie ist auch krank, aber bei Weitem nicht so schlimm. Nur schwerer Husten und Schwäche plagen sie und die furchtbare Ungewissheit, was nun wird. Fünf Wochen bleibt sie in der Klinik, findet dann Quartier beim Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde.

Ich erinnere mich, wie ich plötzlich ganz müde wurde. Dann bin ich sechs Wochen später auf dem Rollfeld wieder aufgewacht.

Rainer Niehaus, Covid-Patient

Rainer liegt immer noch im Koma, bekommt vom Kampf der Ärzte um sein Leben nichts mit. "Ich erinnere mich, wie ich plötzlich ganz müde wurde. Dann bin ich sechs Wochen später auf dem Rollfeld wieder aufgewacht", sagt der 72-Jährige. Ein Flugzeug des ADAC bringt die Weimarer nach Hause. Rainer wird ins Sauerstoffzelt gepackt und schläft wieder ein - so bekommt er letztlich auch vom Flug nach Erfurt nichts mit.

Ein Mensch in einem Sauerstoffzelt wird aus einem Flugzeug gehoben
Rainer Niehaus erreicht Deutschland im Sauerstoffzelt. Bildrechte: privat

Erwachen in Bad Berka

Erst auf der Fahrt vom Flughafen in die Klinik nach Bad Berka wacht er kurz wieder auf. "Um mich herum tobte die Schlacht, aber ich weiß von gar nichts." Nach drei Monaten beginnt der Weg zurück ins Leben. "Bad Berka hat mich wieder auf die Beine gestellt. Die Ärzte, die Schwestern und Pfleger, alle haben mich liebevoll betreut." Anfangs konnte er weder sprechen, noch laufen. Es folgt eine lange Reha. Die Therapien sind bis heute nicht abgeschlossen.

Kampf mit den Corona-Spätfolgen

Rainer kämpft, er will wieder laufen, er will wieder sprechen. Die wochenlange Kehlkopfbeatmung hat eines seiner Stimmbänder zerstört. Das wird nicht wieder gut. Beim Laufen sieht man, dass er immer noch schwer mit den Covid-Folgen ringt. Ein Jahr in der Logopädie aber hat die Zunge wieder gelöst und seinen Wortwitz zurückgebracht. Das Atmen fällt ihm schwer und damit jede noch so kleine Anstrengung. Ohne seine "geschützte Werkstatt", damit meint er seine Frau, käme er nicht zurecht.

Und dennoch, lächelt er. Ja, er sei dankbar, dass er das Virus überlebt hat. Die Lunge hat allerdings schwer Schaden genommen. "Ich bin eigentlich sehr zufrieden, und so viele haben in der schweren Zeit zu uns gehalten, sich gekümmert, uns geholfen, dass wir über den ADAC nach Hause kommen. In Spanien war das allein schon wegen der Sprachschwierigkeiten kompliziert.

Seit Monaten im Privat-Lockdown

Seit Monaten, vielen Monaten, leben sie in ihrem privaten Lockdown - keine Treffen mit den Enkeln, den Söhnen, den Freunden. Sie wissen, wie schnell Gesundheit schwinden kann und das Leben plötzlich nicht mehr so ist, wie vorher. Monika, da spricht dann auch die Ärztin, ist über jeden Corona-Verharmloser oder -leugner fassungslos: "Das tut mir richtig weh. Vermutlich ist es manchen nicht nah genug. Doch die Einschläge kommen näher, inzwischen kennt fast jeder jemanden, der auch schwer krank ist."

Das tut mir richtig weh. Vermutlich ist es manchen nicht nah genug. Doch die Einschläge kommen näher inzwischen kennt fast jeder jemanden, der auch schwer krank ist.

Monika Niehaus über Corona-Leugner

Sie hält den Lockdown für notwendig, hätte ihn sich aber viel früher gewünscht. "Und ich finde das Impfen notwendig", sagt sie. Sie würde sich sehr wünschen, dass es bald auch Impfstoff für Kinder und Jugendliche gibt und dass jetzt auch vorrangig Eltern geimpft werden, die chronisch kranke Kinder haben.

Geplatzte Lebensträume

Covid hat ihr Leben komplett verändert. Die schweren Folgeschäden bei Rainer sind nicht reparierbar. "Ich muss damit leben, wir müssen damit leben, dass Vieles nicht mehr so geht wie noch vor gut einem Jahr. Dabei sind wir jetzt in dem Alter, wo wir noch viel machen, viel genießen wollten." Auf ihrer Terrasse sitzen sie beim Kaffee, schauen auf ihren Traumgarten mit dem neuem Baum-Wunder. Monika nimmt Rainers Hand. 43 Ehejahre - sie ist glücklich, ihn nicht an Covid verloren zu haben.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 02. Mai 2021 | 18:00 Uhr

29 Kommentare

Critica vor 1 Wochen

Der mdr meldet gerade, die Linken wollen Corona als Berufskrankheit anerkennen lassen.
Soll das ein Witz sein? Ich würde sagen: Erst denken, dann reden...
Über die Folgen hat wohl niemand nachgedacht. Ich fasse es nicht...

Critica vor 1 Wochen

Lyn, "... ich möchte wieder reisen..." Bleiben Sie bei Ihrem Wunsch, doch bin ich sicher, Sie werden nicht mehr reisen. Die Regierung plant anderes mit dem Volk. Lesen und hören Sie auch mal zwischen den Zeilen.

Lyn vor 1 Wochen

Die Regularien....

Ich meine, man sollte da differenzieren.

Die Maskenpflicht hat uns auch vor der letzten Grippe und Erkältungswelle bewahrt, da ist mit als Asthmatikerin auch einiges erspart geblieben.

Aber man muss schauen, was sinnvoll ist.

Ich möchte wieder reisen!

Unter den aktuellen Bedingungen muss es aber wirklich keine Kreuzfahrt sein, bin selbst bei Gruppenteisen derzeit skeptisch.

Alles andere? Pauschal, mit Abständen, wo ist das Problem? Ostern Malle hat bewiesen, dass es dieses Problem nicht gibt.

Solange Menschen gewisse kleine Regeln beachten, ist alles in Butter.

Und Partys brauche ich nicht.

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