Geschichte Am Wegesrand der Deutschlandtour: Als Radsportler in Buchenwald inhaftiert waren

Die Deutschland-Tour der Radsportler führt am Freitag durch Thüringen über den Ettersberg und damit unweit an der KZ-Gedenkstätte Buchenwald vorbei. In das KZ waren in der NS-Zeit auch Radsportler verschleppt worden. Einige überlebten nicht.

Lagertor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar.
Unweit von Weimar ließ die SS 1937 ein Konzentrationslager errichten. Unter den KZ-Häftlingen waren auch Sportler und Sportbegeisterte aus verschiedenen Ländern. Bildrechte: imago/imagebroker

37 Kilogramm wog der Radsportler André Dekeyser im Frühling 1945, als er nach der Befreiung des KZ Buchenwald in seine belgische Heimat zurückkehrte. Wenige Wochen später war er tot. Der Körper des 23-Jährigen war zu schwach, um zu genesen - nach zwei Jahren Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland. Schon als Dekeyser von der Gestapo Dresden als "politischer Häftling" nach Buchenwald eingewiesen wurde, befand er sich in einem derart desaströsen Zustand, dass er ins sogenannte Kleine Lager geschickt wurde, in das die SS Häftlinge pferchte, die nicht mehr arbeitsfähig waren.

Nachruf auf einen Radportler.
Totenzettel für André Dekeyser, Juni 1945. Bildrechte: MDR/Gedenkstätte Buchenwald/Nederlands Bidprentjes Archief

Nur wenige hundert Meter entfernt sollte diesen Freitag die Deutschland-Tour vorbeiführen, ein Radrennen mit gut 130 Teilnehmern aus vielen Ländern. Nachdem unter anderem die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora den Plan kritisiert hatte, änderten die Veranstalter die Route.

Nun werden Sportler und Begleitfahrzeuge auf der Etappe von Sangerhausen nach Ilmenau nördlich an der Gedenkstätte vorbei durch Ettersburg und von dort nach Weimar sausen.

Kritik an Tour-Route über "Blutstraße"

"Generell sind Veranstaltungen vielerlei Art hier möglich, aber es bedarf dazu einer Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte", sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Buchenwald. "Auch für uns ist es spannend, inhaltlich verschiedene Zugänge zu diesem Ort zu ermöglichen." Doch in diesem Fall habe die Gedenkstätte erst davon erfahren, als kaum Zeit blieb, überhaupt etwas zu planen.

Ein Mann neben einem Schild mit Aufschrift Blutstraße.
Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Gedenkstätte Buchenwald an der "Blutstraße". Bildrechte: MDR/Martin Moll

Andernfalls hätte man das Sportereignis etwa mit einem Gedenken an Radsportler verbinden können, die einst im Lager inhaftiert waren, sagt Lüttgenau. Ähnliches sei von der Tour de France bekannt, wo besondere Orte entsprechend gewürdigt werden. Wenn aber die von KZ-Häftlingen angelegte "Blutstraße" quasi wie jeder andere Tour-Abschnitt behandelt werde, sei dies keine gute Idee. "Das Gelände ist nicht nur ein symbolischer Friedhof, sondern auch ein realer. In den Wäldern liegt die Asche vieler Toter."

Porträts ehemaliger KZ-Häftlinge im Facebook

Um dennoch zum Tag der Tour-Etappe durch Thüringen eine Verbindung zu schaffen zwischen Sport-Event, Geschichte und Gedenken, recherchierten Mitarbeiter der Stiftung in den Archiven. An mehreren Tagen stellen sie nun auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte Personen der Radgeschichte vor, die in der NS-Zeit nach Buchenwald verschleppt wurden. Wie etwa der bereits genannte Belgier André Dekeyser, der als hoffnungsvolles Talent galt und dessen Name den Unterlagen zufolge in einigen Siegerlisten auftauchte, bis er 1943 nach Deutschland deportiert wurde.

Schild "Blutstraße" neben einer unbefahrenen Straße 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Mi 04.08.2021 19:00Uhr 02:11 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Inhaftiert und verschleppt wegen Hilfe zur Flucht

Auch André Bach aus Paris wird porträtiert. Archivunterlagen zufolge verlor er im Ersten Weltkrieg einen Arm, später widmete er sich dem Radsport - als Journalist und in der Freizeit. Regelmäßig erklomm er die Bergpässe der Pyrenäen. Auf dem Gipfel des Col d'Aubisque - jahrzehntelang auf dem Programm der Tour de France - erinnert ein Denkmal an den Franzosen. "Verhaftet wurde André Bach 1943, weil er jüdischen Familien bei der Flucht in die Schweiz geholfen hatte", sagt Lüttgenau. "Gegen Kriegsende wurde er auf einem Todesmarsch befreit. Doch er verstarb auf dem Weg in seine Heimat."

Historische Aufnahme: Mann neben Fahrrad.
Mit einem Arm auf dem Fahrrad durch die Pyrenäen: André Bach. Bildrechte: MDR/Gedenkstätte Buchenwald/Cyclo Club Bearnais

Jüdischen Namen für Radrennen abgelegt

Unter falschem Namen ging Alfred Salomon aus dem Ruhrgebiet seit 1933 bei Radrennen an den Start - weil Vereine jüdische Mitglieder verbannten, seine Sportkameraden aber zu ihm hielten. Beim Novemberpogrom 1938 floh der gelernte Fleischer zu Freunden nach Berlin, wurde aber 1943 mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert. Sie wurde ermordet, er überlebte Auschwitz sowie später Buchenwald und das Außenlager Langenstein-Zwieberge. Dokumente belegen, dass er sich nach Kriegsende in Bochum wieder für den Radsport engagierte, so wie es seine Eltern und andere Verwandte schon vor ihm getan hatten.

Historische Aufnahme: Vater mit Sohn.
Alfred Salomon mit seinem Vater, um 1930. Bildrechte: MDR/Gedenkstätte Buchenwald/Stadtarchiv Bochum

Instrumentalisierung des Radsports im Nationalsozialismus

Neben den Schicksalen mehrerer KZ-Häftlinge möchte die Gedenkstätte parallel zur Deutschland-Tour auch daran erinnern, wie der Radsport in der NS-Zeit politisch instrumentalisiert wurde. Gut dokumentiert ist die Popularität der Deutschlandrundfahrt 1937, dem Vorläufer der Deutschland-Tour. Den Abschluss im Berliner Olympiastadion sollen 80.000 Menschen verfolgt haben.

Eine Etappe dieser Tour führte von Chemnitz über Weimar nach Erfurt. "Rund fünf Wochen nach der umjubelten Durchfahrt der Deutschland-Fahrer erreichten 149 Männer den Ettersberg vor den Toren der Stadt", heißt es auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte. "Es waren die ersten Häftlinge des neu gegründeten Konzentrationslagers Buchenwald."

Mehrere Radsportler zeigen Hitlergruß bei Siegerehrung.
Siegerehrung der Deutschlandrundfahrt 1937 im Olympiastadion Berlin. Bildrechte: MDR/Gedenkstätte Buchenwald/Archiv

Dass Schicksale von KZ-Häftlingen auch in Sozialen Medien erzählt werden, ist für die Gedenkstätte Buchenwald ein neuer Ansatz. "Wir wollen künftig verstärkt auch digitale Verbreitungswege nutzen", sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau. So könne man auf tagesaktuelle Ereignisse ganz unkompliziert Bezug nehmen und entsprechende Themen um fundierte historische Erkenntnisse ergänzen. Auch die Veranstalter der Deutschland-Tour verweisen online auf die Recherche-Ergebnisse der Gedenkstätte und empfehlen die Lektüre der biografischen Schlaglichter auf die Radsportler, die vor gut 76 Jahren im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen sind.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. August 2021 | 19:00 Uhr

19 Kommentare

part vor 7 Wochen

Meiner Meinung nach hätte der Verlauf der vormals geplanten Rennstrecke beibehalten werden und kurz vor der Gedenkstätte eine Pausenstrecke eingelegt werden sollen, an der eben an die Opfer des Faschismus gedacht werden sollte und besonders an die Rennfahrer unter ihnen. Die gezielte Instrumentalisierung einer Veranstaltung finde ich dabei besser als die Umleitung, die nur an die Erfolge von heute und jetzt erinnert. Die Blutstraße als Holperstrecke, hätte auch jüngste Radfahrer daran erinnert, wie hart deren Bau gewesen sein muss. Man hätte beides so geschichtsträchtig wie möglich miteinander verbinden können, wenn man sich nur einig gewesen wäre.

Sigrun vor 7 Wochen

@ule: Sie können nicht die Blutstrasse mit anderen vom Blut getränkten Straßen gleichsetzen. Im KZ Buchenwald waren Menschen inhaftiert, welche sich in aller Regel gegen Hitler stellten, zu denen gehörten Genossen meines Großvaters. Sein Glück war einfach nur, dass der Spitzel seinen eigentlichen Namen nicht kannte.
Ja, der Krieg hat dafür gesorgt, dass auch andere Straßen mit Blut getränkt wurde. Jedes Opfer ist eins umsonst. Nur die Menschen, welche u.a. durch Bombenangriffe der Alliierten zu Opfern wurden waren oft Menschen, welche schwiegen oder Hitler zugestimmt hatten. So sind sie gerade nicht den Inhaftierten in den KZs gleichzusetzen oder gar als höherrangige Opfer zu sehen.
Den Opfern von Dresden, Magdeburg, um nur zwei betroffene Städte zu nennen, wird regelmässig gedacht, auch ohne Messingplatten und Gedenksteine. Auch mit dem Satz: "Das sollte man niemals vergessen, auch wenn diese nicht mit Gedenksteinen und Messingplatten hervorgehoben werden." relativieren Sie.

Sigrun vor 7 Wochen

@ule - auch für Sie noch einmal:
Sie schreiben: "insbesondere auch in den Jahren nach 1945". Durch das Wort "insbesondere" betonen Sie die Zeit nach dem Mai 1945 und setzten das Leid davor herab. Deshalb auch an Sie der Hinweis, sich doch einmal mit der Bedeutung der Wörter in unserer schönen deutschen Sprache zu beschäftigen.

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