Zusammenhalt Weimars "Gute Nachbarn": Wie Ehrenamtliche älteren Menschen helfen

Weimars Bürgerstiftung hilft Senioren dabei, so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben zu können. Ehrenamtler engagieren sich dafür seit Jahren bei den "Guten Nachbarn". Sie ersetzen keinen Pflegedienst, werden aber oftmals zu einem Teil der Familie. Die Reportage ist Teil der ARD-Themenwoche "Wir gesucht! Was hält uns zusammen?".

Einkaufshelfer unterwegs mit einer älteren Dame
Gemeinsam einkaufen oder Kaffee trinken: Die "Guten Nachbarn" helfen in Weimar älteren Menschen im Alltag. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Michael Gstettenbauer

Vor zehn Jahren hat sich Karin Klein zum Umzug entschlossen: weg aus dem Thüringer Wald, hinein in die Klassikerstadt. Im Rentenalter wagte sie den Neuanfang und bezog eine Wohnung direkt in Weimars Innenstadt. "Hier bin ich mittendrin. Da wo das Leben spielt.“ Karin Klein suchte Anschluss, wollte teilhaben am gesellschaftlichen Leben und stieß dabei auf eine Anzeige der Bürgerstiftung Weimar.

Gemeinsam spazieren, Kaffee trinken oder spielen

Die Stiftung stellte ihr Projekt vor: "Weimars Gute Nachbarn". Ehrenamtliche begleiten dabei Menschen im Seniorenalter. Sie gehen gemeinsam spazieren, verbringen Zeit, spielen Spiele oder lesen vor. Doch Karin Klein war noch viel zu fit, um selbst eine Begleitung in Anspruch zu nehmen. So war sie es, die ihre Zeit zur Verfügung stellte. Sie bot ihr Ehrenamt an und besuchte regelmäßig zwei ältere Damen.

Sie haben mir so viel über Weimar und die Geschichte der Stadt erzählt. Das hat mir das Ankommen so sehr erleichtert.

Karin Klein von den "Guten Nachbarn"

"Wir haben Zeit miteinander verbracht, haben viel geredet und uns ausgetauscht. Sie haben mir so viel über Weimar und die Geschichte der Stadt erzählt. Das hat mir das Ankommen so sehr erleichtert." Für Karin Klein ein großer Gewinn. Sie hatte plötzlich Bekannte und die stellten ihr ihre neue Heimat ganz intensiv vor. Die Damen profitierten von Karin Kleins Besuchen. Sie waren in Gesellschaft und hatten Hilfe im Alltag.

Sorgfältige Auswahl bei der Vermittlung

Etwa einmal pro Woche besuchen die Ehrenamtler ihre Tandem-Partner, wie sich die Senioren und Begleiter nennen. Die Partner werden nicht zufällig zusammengewürfelt. Sabine Meyer von der Bürgerstiftung wählt sorgfältig aus: Sie vergleicht die Steckbriefe und matcht die Partner.

"Sie hat ein wirklich gutes Händchen, was die Vermittlung angeht", sagt Karin Klein. Heute, zehn Jahre nach ihrem Start bei den "Guten Nachbarn", nimmt Karin Klein deren Hilfe selber in Anspruch. Einmal in der Woche bekommt sie Besuch von einer jungen Frau. Gemeinsam gehen sie Einkaufen und schwatzen danach eine Runde. Gern auch bei einer Tasse Kaffee.

Für manche sind die Senioren sogar eine Art Großeltern-Ersatz.

Karin Klein von den "Guten Nachbarn"

"Für manche", berichtet Frau Klein, "sind die Senioren sogar eine Art Großeltern-Ersatz. Sie haben ihre Omas vielleicht hunderte Kilometer entfernt, oder aber schon ganz verloren. Wenn sie dann Zeit mit uns Alten verbringen, wissen, sie was uns bewegt."

Hoher Bedarf bei Medienschulungen

Die "Guten Nachbarn" sind ein Geben und Nehmen. So beschreibt es auch Monika Brühl. Seit vier Jahren ist sie "Gute Nachbarin" und hilft ehrenamtlich aus. Darüber hinaus bietet sie Medienschulungen für Senioren an. "Der Bedarf ist riesig. Gerade aktuell bilden wir weitere Mediencoaches aus", so Brühl. Die zeigen den Rentnern Tricks und Kniffe mit dem Handy oder Tablet.

Der Bedarf ist riesig. Gerade aktuell bilden wir weitere Mediencoaches aus.

Monika Brühl "Gute Nachbarin" in Weimar

"Viele von ihnen haben in Corona-Zeiten Geräte von ihren Kindern und Enkeln geschenkt bekommen, gehen aber noch falsch damit um. Und das Fragen kostet sie Überwindung." Gern erinnert sich Monika Brühl an das Rentnerpaar, das überglücklich die Möglichkeit der Videotelefonie entdeckt hat. "Jetzt sehen sie ihre Urenkel, telefonieren regelmäßig und schicken selbst mir Fotos per Whatsapp."

Lange Warteliste: Ehrenamtliche fehlen

Die Liste der Menschen, die von den "Guten Nachbarn" begleitet werden wollen, ist lang. "Was fehlt, sind die Ehrenamtler", sagt Projektkoordinatorin Sabine Meyer. Von denen könnten es gern mehr sein, gern auch Studenten.

Sabine Meyer, Monika Brühl und Karin Klein - sie alle haben andere Sichtweisen aufs Projekt "Gute Nachbarn". Sie alle sind aber davon überzeugt. Auch wenn Monika Brühl in ihrer Rentenzeit im Schnitt zwei Tage die Woche ehrenamtlich mit Senioren verbringt: "Es ist kein Opfer, ich schenke die Zeit," sagt sie. "Ich selbst, profitiere ja auch davon."

Die Reportage ist Teil der ARD-Themenwoche "Wir gesucht! Was hält uns zusammen?". Sie thematisiert bis zum 12. November den schwindenden Zusammenhalt in der Gesellschaft.

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MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 07. November 2022 | 06:13 Uhr

2 Kommentare

gambit vor 3 Wochen

Ganz einfach eine wunderbare Sache. Ich wünsche dem Projekt weiterhin viel Erfolg und vor allem einen höheren Bekanntheitsgrad. Es muss in Städten keineswegs anonym zugehen.

kleinerfrontkaempfer vor 3 Wochen

Das WIR in einer mehrere Generationen umfassenden Großfamilie gibt es nicht mehr.
Es gibt eigentlich schon keine "richtigen" Familien mehr. Also wird die Nachbarschaftshilfe und das ehrenamtliche Engagement zunehmen. Aber eine Familie oder gute Nachbarschaft kann das auch nicht ersetzen. Das macht dann der bunte Bildschirm via Internet oder der lautlose Roboter. Schöne, moderne Zeiten. Oder besser noch: ZEITENWENDE.

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