Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWelt
Drei Viertel der Frauen, die im Frauenhaus Schutz suchen, haben kleine Kinder. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Schutz vor Gewalt

Zu wenig Frauenhäuser in Thüringen

von Grit Hasselmann, MDR THÜRINGEN

Stand: 09. Mai 2021, 05:00 Uhr

Alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau von ihrem Ehemann, Freund oder Ex-Freund umgebracht. Allein in Thüringen werden mehr als 2.000 Frauen und Mädchen pro Jahr Opfer von häuslicher Gewalt, Bedrohung oder Nötigung. Die Dunkelziffer ist jedoch weit höher. Schutz finden sollen sie in Frauenhäusern, doch es gibt viel zu wenig Plätze.

In Weimar fliehen im Jahr etwa 25 Frauen ins Frauenhaus, meist mit ihren Kindern. Die Frauen kommen oft mit körperlichen Verletzungen dort an, oft müssen sie ins Krankenhaus gebracht werden. Vor allem aber brauchen sie zuerst einmal ein wirklich sicheres Dach über dem Kopf.

Manchmal ist die Gefahr so groß, dass sie nicht einmal in Weimar bleiben können, sondern in einer anderen Stadt untergebracht werden müssen. "Wir gehen da absolut kein Risiko ein" sagt Kerstin Schaaf, die das Frauenhaus betreut. 15 Plätze gibt es in zwei Wohnungen, derzeit sind alle belegt.

Gewalt wird über Generationen weitergegeben

Die Gründe für die Gewalt sind vielfältig. Aber laut Kerstin Schaaf haben sowohl die Täter als auch die Opfer das selber in ihren Familien von klein auf so erlebt. "Meist geht es um Kontrolle, die Männer wollen Macht über die Frauen haben." Sie erzählt von einer Mutter, die vor vielen Jahren mit ihren vier Töchtern hier Zuflucht gesucht hat. "Inzwischen sind diese Mädchen erwachsen und leider habe ich sie alle als Gewaltopfer hier wieder getroffen."

Hemmschwelle für Frauen sehr groß

Warum die Frauen ihre Peiniger nicht verlassen, ist schwer zu beantworten, sagt Kerstin Schaaf: "Mit dem Thema häusliche Gewalt will niemand so richtig zu tun haben. Darüber spricht man nicht. Das hat sich durch Corona jetzt ein kleines bisschen geändert."

Mit dem Thema häusliche Gewalt will niemand so richtig zu tun haben. Darüber spricht man nicht. Das hat sich durch Corona jetzt ein kleines bisschen geändert.

Kerstin Schaaf, Sozialarbeiterin im Frauenzentrum Weimar

Die Frauen denken tatsächlich, dass es nur ihnen so geht. Sie trauen sich nicht, darüber zu reden, schämen sich. Viele wissen gar nicht, dass es Hilfe für sie gibt. Und sie haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird.

15 Plätze gibt es im Frauenhaus Weimar

Im Frauenzentrum Weimar finden sich verschiedene Beratungs-und Hilfsangebote. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Kerstin Schaaf konnte schon vielen schutzbedürftigen Frauen helfen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Immer noch wissen allerdings zu wenig betroffene Frauen, wo sie Hilfe finden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
In der Schutzwohnung lebt jede Frau mit ihren Kindern im eigenen Zimmer. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Sie kochen selbst, jede Frau versorgt sich und ihre Kinder eigenverantwortlich. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Im Gemeinschaftsraum können sich die Frauen austauschen, gemeinsam Zeit verbringen, entspannen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Drei Viertel der Frauen kommen mit kleinen Kindern ins Frauenhaus. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Frauenhäuser - Schutz und ein Ende der Angst

Rund 14.000 Frauen finden jährlich Schutz in Deutschlands Frauenhäusern. Fast drei Viertel von ihnen haben Kinder unter 18 Jahren. Die Zahl der Betroffenen bundesweit ist um ein Vielfaches höher, allein die polizeiliche Kriminalstatistik 2019 erfasste 115.000 weibliche Opfer, 117 starben durch Partnerschaftsgewalt. Oder anders ausgedrückt: Jeden dritten Tag wird eine Frau umgebracht, jede Stunde ist eine Frau erheblicher Gewalt ausgesetzt.

So unterschiedlich diese Häuser sind, in einem sind alle gleich: Die Bewohnerinnen finden dort für sich und ihre Kinder einen geschützten Raum, um neue Kraft zu schöpfen. Sie sind aber immer auch Teil einer Gemeinschaft von Frauen und Kindern, die Ähnliches erlebt haben. In Weimar sind alle Schutz- und Hilfeangebote für Frauen im Frauenzentrum angesiedelt. Seit vielen Jahren kümmerst sich Kerstin Schaaf um die betroffenen Frauen.

Kerstin Schaaf engagiert sich auch politisch gegen die Gewalt an Frauen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Ziel ist ein eigenständiges Leben

Alle Frauenhäuser bieten kostenlose Beratungen und begleitende Angebote, die helfen können, die erlebte Gewalt zu verarbeiten und neue Lebensperspektiven zu entwickeln. Wie komme ich mit meinem Geld klar? Wie finde ich eine eigene Wohnung? Was ist mit Arbeit oder Ausbildung? Kerstin Schaaf beobachtet, dass es immer wieder ganz existenzielle Fragen sind. Und das, obwohl die Frauen aus allen Altersgruppen und aus allen sozialen Schichten kommen. "Durch jahrelange Gewalt verlieren sie ihr Selbstwertgefühl, trauen sich gar nichts mehr zu", erzählt sie.

Die meisten Hinweise kommen aus dem Umfeld, oft werden die Frauen von der Polizei gebracht, weil die Situation eskaliert ist. Ich wünschte, sie würden sich eher Hilfe suchen

Kerstin Schaaf, Sozialarbeiterin

Das ist auch ein Grund, warum Gewalt gegen Frauen so selten angezeigt wird. Die Opfer haben Angst, dass es dadurch noch schlimmer wird, dass sie vielleicht sogar ihre Kinder verlieren. Kerstin Schaaf: "Die meisten Hinweise kommen aus dem Umfeld, oft werden die Frauen von der Polizei gebracht, weil die Situation eskaliert ist. Ich wünschte, sie würden sich eher Hilfe suchen."

Weiterbildung auch für Richter nötig

Und tatsächlich sind die Frauen nach Jahren der Gewalt psychisch oft so beschädigt, dass in Sorgerechtsverhandlungen eher dem Vater geglaubt wird. Kerstin Schaaf würde sich da eine Weiterbildung für Richter wünschen. Die Geraer Bundestagsabgeordnete Elisabeth Kaiser (SPD) möchte aber auch in der Strafverfolgung ein größeres Bewusstsein für das Thema häusliche Gewalt: "Trennungstötungen werden immer noch milder bestraft als andere Tötungsdelikte". Und, so Kaiser, es werde zu wenig über das Thema geredet.

Zahlen sind alarmierend hoch

Und das, obwohl laut polizeilicher Kriminalstatistik im letzten Jahr in Thüringen 2.940 Fälle häuslicher Gewalt registriert wurden. In 2.323 Fällen waren Frauen und Mädchen betroffen. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes geht davon aus, dass nur etwa fünf Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt überhaupt angezeigt werden.

Gestzliche Regelung scheitert an Zuständigkeiten

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fordert einen Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus. Aus dem Thüringer Sozialministerium heißt es dazu: "Es bedarf der verbindlichen Klärung der Zuständigkeiten und dafür einer landesgesetzlichen Regelung für Thüringen. Parallel ist die Diskussion auf Bundesebene um einen Rechtsanspruch auf einen Frauenhaus-Platz zu berücksichtigen."

Keinerlei Verpflichtung für Kommunen

Bis dahin bleibt es den Kommunen überlassen, ob sie ein Frauenhaus einrichten oder nicht. Eine rechtliche Grundlage, die die Thüringer Landkreise und kreisfreien Städte zur Vorhaltung von Kapazitäten in Frauenhäusern oder Frauenschutzwohnungen verpflichtet, existiert nicht. Das hat zur Folge, dass es in vielen Regionen gar keine gibt.

Zu wenig Frauenhäuser in Thüringen

Insgesamt verfügt Thüringen über 17 Frauenhäuser und Frauenschutzwohnungen. Laut Ministerium stehen dort 171,5 Plätze zur Verfügung. Nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Thüringer Frauenhäuser und Schutzwohnungen fehlen mehr als 100 Plätze im Freistaat. Nach einer EU-Richtlinie, die im Februar 2018 in Deutschland in Kraft trat, sind für den Freistaat sogar 290 Schutzplätze erforderlich. Das ist einer pro 7.500 Einwohner.

Häusliche Gewalt ist keine Privatsache

Aber was soll jemand tun, der Gewalt beobachtet oder vermutet? Kerstin Schaaf: "Die betroffenen Frauen müssen sich Hilfe suchen, sie müssen ihr Schweigen brechen. Und darin können Freunde und Bekannte sie bestärken. Die Notrufnummern weitergeben, immer wieder Unterstützung anbieten."

Hier finden Frauen HilfeBundesweites Hilfstelefon (kostenfrei): 08000 116-016
Frauennotruf Weimar (Es fallen die Kosten für einen Anruf ins deutsche Mobilfunknetz an): 0179 195-2110

Mehr Infos und ein Netzwerk

Der Verein Frauenhauskoordinierung (FHK) setzt sich dafür ein, Gewalt gegen Frauen zu verhindern und die Hilfen für misshandelte Frauen und ihre Kinder zu verbessern. Gegründet wurde FHK 2001 in Frankfurt am Main, seit 2010 hat der Verein seinen Sitz in Berlin. Mitglieder sind der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, der Deutsche Caritasverband, der Paritätische Gesamtverband, die Diakonie Deutschland und der Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein sowie weitere Träger von Frauenhäusern und Fachberatungsstellen.

Unterstützung auch für Täter

Der Bewährungs- und Straffälligenhilfe Thüringen e.V. leistet seit August 1991 thüringenweit in verschiedenen Projekten Sozialarbeit. Im Projekt Orange geht es darum, Gewalt zu vermeiden, die Täter sollen lernen, andere Möglichkeiten zur Konfliktlösung zu finden.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 09. Mai 2021 | 13:00 Uhr

Kommentare

Laden ...
Alles anzeigen
Alles anzeigen

Mehr aus der Region Weimar - Apolda - Naumburg

Inhalte werden geladen ...
Alles anzeigen

Mehr aus Thüringen

Inhalte werden geladen ...
Alles anzeigen