Ein Mann sitzt auf einer Anklagebank im Landgericht Erfurt
Der angeklagte Trainer 2018 bei seinem Prozess vor dem Erfurter Landgericht. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Kathleen Sturm/Wichmann TV

Vereinssport Kinderschutz beim HSV Weimar: Was sich seit dem Missbrauchsfall geändert hat

11. Juli 2022, 05:00 Uhr

Sexualisierte Grenzverletzungen gibt es im Sport doppelt so häufig wie in der Kirche. Dies belegt die bundesweite Studie "Sicher im Sport". In einer offiziellen Stellungnahme gestehen sich die Vorsitzenden des HSV Weimar nach dem Missbrauchsfall Fehler ein und bitten die Betroffenen um Entschuldigung. Damals überwog das Vertrauen, heute würde man anders reagieren. Seit 2019 arbeitet der Verein an einem Schutzkonzept für seine Kinder und Jugendlichen.

Der Straftäter Robert P. hat eine lange Vergangenheit beim Hochschulsportverein Weimar e.V. Früher war er selbst Turner, später engagierte er sich als Trainer. Als Abteilungsleiter "Jugend" war er im Verein unentbehrlich. Auf dieser Vertrauensbasis wickelte er neben dem sportlichen Umfeld auch die Eltern der Turnerinnen in sein System ein. Über Jahre hinweg hinterging er das ihm entgegengebrachte Vertrauen. Er missbrauchte mehrere Mädchen seiner Turngruppe. Mehr noch habe er die teilweise unter 14-jährigen Mädchen emotional unter Druck gesetzt und gegeneinander ausgespielt. Darauf folgten sexuelle Übergriffe, wie das Landgericht Erfurt im März 2022 erneut feststellte. Richter Holger Pröbstel zeigte sich beeindruckt gegenüber der erneuten Stellungnahme der Betroffenen. Er ließ keinen Zweifel daran, dass solch eine Tat bestraft werden müsse.


Das Verfahren In einem ersten Verfahren 2018 wurde Robert P. zu einer Haftstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt. Das Gericht sprach den Ex-Turntrainer damals in 82 Fällen des Missbrauchs schuldig. Nach der Revision des Angeklagten hob der Bundesgerichtshof das Urteil in weiten Teilen auf. Der Grund: verfahrensrechtliche Fehler. Daher musste im März 2022 neu verhandelt werden. Die Kammer des Jugendgerichts Erfurt sah es erneut als erwiesen an, dass Robert P. seine ehemaligen Turnerinnen sexuell missbraucht hatte. Festgestellt wurden damals noch 20 Fälle. Das Urteil Ende März lautete: Drei Jahre und zwei Monate Haft. Wenige Tage nach der Urteilsverkündung legte der Angeklagte erneut Revision gegen das Urteil ein. Die Staatsanwaltschaft erwiderte und hofft auf ein höheres Strafmaß. Damit ist die juristische Aufarbeitung der Taten noch nicht vorbei. Der BGH wird das Urteil erneut prüfen. Bis ein Strafmaß feststeht, bleibt Robert P. auf freiem Fuß.

Die inzwischen jungen Frauen kündigten nach der Revision an, dass sie weiter an der Aufarbeitung arbeiten. Im "Sport-inside-Podcast" des WDR betonte Lea, dass sie nicht aufgeben wollen, bis Robert P. zur Rechenschaft gezogen wird.

Verein bittet die Betroffenen um Entschuldigung

Anfang April veröffentlichte der gesamte Verein eine Stellungnahme zum Ausgang des Prozesses. Darin bekundete die Vorsitzenden ihr "Unverständnis für die lange Verfahrensdauer des Prozesses und das viel zu milde Urteil, das in keinem Verhältnis zur Schwere der Taten und zum Leid der Betroffenen steht." Auch gesteht sich der Verein "erhebliche Fehler" im Zusammenhang mit Missbrauchsfällen ein.


Der Verein Der Hochschulsportverein Weimar e. V ist mit rund 1.800 aktiven Mitgliedern einer der größten Sportvereine in Thüringen. Derzeit gibt es 13 Abteilungen mit den verschiedensten Sportarten. Darunter Badminton, Handball, Leichtathletik und Turnen. In einigen Bereichen wird neben dem Freizeitsport auch leistungsorientierter Wettkampfsport in verschiedenen Altersklassen betrieben.

So die Sicht von heute. Man bedauere die Versäumnisse und bittet die Betroffenen um Entschuldigung. Der Angeklagte trug interne Vereinsnamen wie "Dr. Love" oder "Porno Robert". Kritik musste man genug einstecken, weil Anzeichen übersehen wurden. "Ich finde es wichtig, dass man dazu steht, dass Fehler gemacht worden sind und versucht für die Zukunft diese Fehler nicht mehr zu machen", so die Geschäftsstellenleiterin des HSV Weimar, Saskia Ghandour. Damals wie heute ist sie im Büro und als Trainerin im Verein tätig. Mit Robert P. arbeitete sie eng zusammen. Sie blickt zurück: "Das Vertrauen war damals größer als das Misstrauen. Da muss man sich anders verhalten oder muss man besser hinhören."

Saskia Ghandour und Dr. Hans-Georg Timmler vom HSV Weimar
"Man muss besser hinhören": Saskia Ghandour und Dr. Hans-Georg Timmler vom HSV Weimar Bildrechte: MDR/Tino Magiera

Kinderschutz hat höchste Priorität

Auch darüber hinaus hat der Kinder- und Jugendschutz heute oberste Priorität. Mit Antritt der neuen Vorsitzenden im Jahr 2019 wurde ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. "Wir wollen damit die Präventionsarbeit und Sensibilität aller Vereinsmitglieder stärken", so der 1. Vorsitzende Dr. Hans-Georg Timmler. Gemeinsam mit dem Landessportbund arbeitet die Vereinsführung an einem ausführlichen Schutzkonzept. Dieses soll im nächsten Schritt an die verschiedenen Abteilungen angepasst werden.

"Wenn man in der Schwimmhalle ist, gibt es für die Übungsleiter keine eigene Dusche. Sie sollten dann zeitlich versetzt in die Umkleidekabinen gehen", so Timmler. Gemeinsam mit den Abteilungen soll ein flexibles Konzept erstellt werden. Dieser Prozess läuft gerade an. Hierbei unterstützt der Kinderschutzbeauftragte des Landessportbundes Thüringen e.V., Steffen Sindulka. "Es ist wichtig, dass das Thema im Verein ankommt und ernst genommen wird, die Sensibilisierung ist einer der wichtigsten Aspekte."

Sexueller Missbrauch kann in jedem Verein passieren

Sindulka betont: "Es muss bewusst gemacht werden, dass sexueller Missbrauch überall passieren kann." Man könne als Verein zwar so gut es geht vorbeugen, "aber eine perfide Manipulation, wie Robert P. sie geplant hatte, davor ist kein Verein gefeit." Es ist ein schmaler Grat zwischen gegenseitigem Vertrauen und gesundem Misstrauen. Wichtig sei es dabei auch den Kindern zu zeigen, dass sie handeln können und müssen.

Beim HSV Weimar ist der Kinderschutz inzwischen in der Satzung festgeschrieben und das Thema wird gelebt. "Dass Vereine ein Führungszeugnis von Übungsleitern einfordern, sollte eher die Regel als die Ausnahme sein", so Sindulka. Im Leistungssport ist dies inzwischen Pflicht, der ehrenamtliche Bereich kann davon nur träumen. Der steigende Mangel an Übungsleitern befeuere dieses Problem. So wolle man angehenden Trainerinnen und Trainern oft keine Hürden in den Weg legen und ist froh, wenn sie eine Gruppe übernehmen.

Es muss bewusst gemacht werden, dass sexueller Missbrauch überall passieren kann. Man kann als Verein zwar so gut es geht vorbeugen, aber eine perfide Manipulation, wie Robert P. sie geplant hatte, davor ist kein Verein gefeit.

Steffen Sindulka, Kinderschutzbeauftragter im Thüringer Sport

Aktueller Stand der Thüringer Sportvereine

"Es wird Zeit, dass wir die Übungsleiter-Ausbildung als Unterstützung und Handwerk ansehen. Das Wohl unserer Kinder sollte es wert sein", so Sindulka. Nach Angaben des Landessportbundes habe das Interesse der Sportverbände in den vergangenen Jahren zugenommen. Vor fünf Jahren beinhaltete die Trainerausbildung eine Lehrstunde zum Thema Kindesmissbrauch. Heute sind es schon vier Stunden. Neben Führungszeugnissen, die auch im Breitensport immer häufiger vorzulegen sind, sollten auch Ansprechpartner für den Kinderschutz dazuzählen. Etwa 80 bis 100 Kinderschutzbeauftragte gibt es in Thüringer Sportvereinen, und ein Schutzkonzept haben 26 Verbände und Vereine.

Auch der Ehrenkodex ist ein Teil des Schutzkonzeptes. Darin ist festgehalten, dass "die Intimsphäre und die Schamgrenze der anvertrauten Kinder und Jugendlichen respektiert wird." Er wird von vielen Vereinen schon angewendet, und die Übungsleiter unterzeichnen ihn. Um diesem mehr Gewicht zu verleihen, seien dringend Konsequenzen notwendig, wenn er nicht eingehalten wird. Darüber hinaus seien auch Anlaufstellen außerhalb der Vereinsstrukturen wichtig. Diese Punkte werden in einem Schutzkonzept vereint und können von jedem Sportverein gemeinsam mit dem Landessportbund erstellt werden. Sindulka spricht sich für einen pädagogischen Grundkurs zur Vereinsarbeit mit Kindern aus. Damit wären alle auf dem gleichen Wissensstand und darauf könne man mit Fortbildungen aufbauen.

Aufarbeitung der Straftaten

Der HSV Weimar will das Versäumte wieder gut machen. Ausführliche Schutzkonzepte werden erstellt und die Fälle werden aufgearbeitet. Seit 2020 gibt es mit Silke Hübner eine Kinderschutzbeauftragte im Sportverein. Sie ist erste Ansprechpartnerin für alle Vereinsmitglieder. Hinzu kommen weitere Ansprechpartner im Verein, um der Anzahl der Mitglieder gerecht zu werden. Mit einer Gruppe von Pädagogen und Experten und dem LSB Thüringen e. V. werden die Fälle der Vergangenheit aufgearbeitet. Danach werden die Ergebnisse zusammengefasst und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. So können andere Vereine von der traurigen Erfahrung des HSV Weimar lernen.

MDR (dr)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 11. Juli 2022 | 19:00 Uhr

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