Interview Weimarer Kindergärtner: Kinder merken sofort, wenn Erzieher gestresst sind

Christian Hausmann ist Erzieher in der Weimarer Kindertagesstätte "Sackpfeife". Im vergangenen Jahr ist der 31-Jährige selbst Vater geworden. Wir haben mit ihm über die Kindergarten-Situation in Thüringen gesprochen.

Erzieher Christian Hausmann vor der Kita Sackpfeife in Weimar
Seit 2014 ist Christian Hausmann als Erzieher in der Kita "Sackpfeife" in Weimar tätig. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Warum sind Sie Erzieher geworden?

Angefangen habe ich eigentlich mit einer Ausbildung zum Maler. Ich musste dann aber recht schnell feststellen, dass das nicht das Richtige für mich ist. Gemeinsam mit einem Freund habe ich dann den ersten Teil der Ausbildung zum Sozialassistenten begonnen. Das hat viel mehr gefetzt und lag mir auch deutlich besser. Anschließend wollte ich erst in den Jugendbereich, fand dann die Arbeit in einer Kindertagesstätte aber viel interessanter.

Wie kann man sich den Alltag eines Erziehers vorstellen? Bei was muss man den Kindern helfen?

Wenn man speziell den Krippenbereich betrachtet, musst du den Kindern überall helfen. Gerade den kleinsten. Sei es füttern, Windeln wechseln, wickeln, Hände waschen und so weiter. Aber auch beim Spielen draußen und auf dem Spielplatz muss man eigentlich immer aufmerksam und präsent sein, etwa, wenn Kinder auf ein Spielgerät klettern wollen und noch nicht richtig hochkommen. Eigentlich ist Hilfe aber auch schon, wenn du ihnen zeigst, dass du für sie da bist. Indem du zum Beispiel mit ihnen redest oder mit ihnen interagierst, ihnen das Sprechen, Laufen oder allgemein motorische Fähigkeit beibringst. Wie halte ich den Löffel oder die Gabel richtig? Wie mache ich ein Gefäß auf oder zu? Eigentlich bist du in jeder Situation für die Kinder da.

Kinder schauen gespannt auf ein Buch 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 24.08.2021 19:00Uhr 02:04 min

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Gibt es manchmal Konflikte zwischen den Kindern und wie löst man sie?

Manchmal? Stündlich! (lacht) Also täglich auf jeden Fall. Du hast so viele Konflikte zwischen den Kindern. Das kann schon am Frühstückstisch losgehen. Wenn ein Kind zum Beispiels etwas Leckeres von seinen Eltern mithat, das ein anderes Kind gerne haben möchte. Die größten Konflikte gibt es aber natürlich beim Spielzeug: "Der hat den Bagger, obwohl ich ihn haben möchte. Sie ist auf der Schaukel, obwohl ich schaukeln will." Wie man darauf reagiert, kommt auf den Konflikt an und wie schwer er ist. Wenn sich beispielsweise zwei Kinder um einen Bagger streiten, würde ich die Situation erst einmal beobachten und nicht sofort eingreifen. Die Kids müssen auch lernen, wie sie Konfliktsituationen selber lösen. Außer sie fangen an sich zu hauen, zu kratzen oder zu beißen. Dann greife ich natürlich ein und versuche, gemeinsam mit den Kindern eine Lösung für das Problem zu finden. Insofern das möglich ist. Das kommt auch auf das Alter der Kinder an.

Erzieher Christian Hausmann im Garten der Kita Sackpfeife in Weimar
Erzieher sein heißt, für die Kinder in jeder Situation da zu sein. Ob während des Essens oder auf dem Spielplatz. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Würden Sie sagen, der Aufwand im Alltag der Erzieher hat sich durch Corona vergrößert?

Vergrößert nicht unbedingt. Oft war es ja so, dass weniger Kinder da waren. Was genervt hat, war, dass alle Kinder und Erzieher einer Gruppe in Quarantäne mussten, wenn ein Kind positiv getestet wurde. Das hat den Eltern oft auch Schwierigkeiten bereitet, die eine Betreuung organisieren mussten. Da waren wir mehr oder weniger machtlos.

Gibt es einen Hygieneplan?

Ja, wir haben einen Hygieneplan. Da steht beispielsweise drin, auf was Eltern achten müssen, wenn sie das Haus betreten. Also sowas wie Hände desinfizieren. Oder, dass sie nur die Garderobe und nicht die Räume betreten dürfen. Was uns als Erzieher betrifft, gerade im Krippenbereich, achten wir noch mehr auf Dinge, die wir davor schon gemacht haben. Regelmäßiges Händewaschen, desinfizieren, aufpassen, dass sich die Kinder nicht gegenseitig Spielzeuge zuschieben, die sie angeleckt haben und so weiter. Der Hygieneplan ist vor allem dafür da, die Eltern zu sensibilisieren.

Gibt es Auffälligkeiten bei Kindern, die durch Corona länger nicht mit anderen Kindern in Kontakt waren?

Nein, eigentlich nicht. Es waren ja immer maximal zwei Wochen. Ob wir im Sommer nun zwei Wochen Schließzeit haben oder die Kinder so zwei Wochen zu Hause sind, das nimmt sich nicht viel. Was natürlich fehlt, ist, dass sich die Kinder in der Kita austoben können. Sie dürfen in Quarantäne ja auch nicht raus und mit anderen spielen. Der Bewegungsdrang musste in der Zeit anders gestillt werden. Direkt in der Kita sind mir aber keine Auffälligkeiten bekannt geworden. Für Kinder in der Eingewöhnung war es natürlich ein bisschen blöd, dass sie dann erst mal zwei Wochen zu Hause sein mussten. Dass Kinder wegen Corona bewusst für längere Zeit aus der Kita genommen wurden, war eigentlich nicht der Fall.

Wie schätzten Sie die Personalsituation in Thüringer Kindertagesstätten ein?

Wenn ich speziell auf unsere Kita schaue, kann ich nicht sagen, dass sich in den vergangenen Jahren viel verschlechtert oder verbessert hat. Wir waren eigentlich, seit ich 2014 dazu gekommen bin, immer diese acht Leute im Haus. Aber man hört aus anderen Kitas oft - oder, wenn man andere Erzieher bei Veranstaltungen, Weiterbildungen oder in der Stadt trifft - dass es vielerorts Personalmangel gibt. Ich denke, das ist gesellschaftlich auch bekannt. Natürlich gibt es Erzieher oder Erzieherinnen, die in Einrichtungen monatelang mehr Kinder betreuen, als eigentlich im Betreuungsschlüssel vorgesehen sind.

Wie viele Kinder müssen Sie aktuell betreuen?

Also aktuell vor allem mein eigenes, da ich seit Juni in Elternzeit bin. Unser Haus ist beispielsweise auf zwei Etagen aufgeteilt. In der unteren Etage sind die Ein- bis Zweijährigen. Das sind 20 Kinder mit vier Erziehern. In der oberen Etage sind die Zwei- bis Dreijährigen. Da sind es 25 Kinder mit vier Erziehern.

Wenn Sie fünf Kinder betreuen und eines verletzt sich - was passiert mit den anderen Kindern?

Erst einmal muss ich sagen, dass es im Krippenbereich sehr selten vorkommt, dass sich Kinder wirklich so verletzen, dass sie beispielsweise ein Pflaster brauchen. Aber angenommen ein Kind fällt hin und blutet, dann schauen die Kollegen in der Zeit nach den Kindern. Grundsätzlich sind ja alle Erzieher für alle Kinder verantwortlich. Da funktionieren wir aber wie ein Uhrwerk - das ist kein Problem.

Was könnten Gründe dafür sein, dass viele Stellen im Osten unbesetzt bleiben?

Da fallen mir mehrere ein. Zum einen, weil die Erzieher bei manchen Trägern zu schlecht bezahlt werden. Ich für meine Verhältnisse lebe ganz gut, mit dem was ich verdiene. Trotzdem bin ich der Meinungen, dass Erzieher zu wenig für das bekommen, was sie leisten. Ich würde auch nicht dafür arbeiten gehen, dass ich gerade so meine Miete bezahlen kann. Dann ist es vielleicht noch eine Kita, die 40 Minuten entfernt ist und ich jeden Tag Fahrtkosten habe. Und am Ende komme ich auf nichts. Zum anderen, weil sich auch viele frisch ausgebildete Erzieher im Westen bewerben. Oder in Österreich und der Schweiz. Dort werden auch händeringend Erzieher gesucht. Und da kriegt man eben das Dreifache oder mehr für das, was man macht. Soweit ich weiß, bewerben sich aktuell auch wenige. Es werden weniger Erzieher ausgebildet als noch vor ein paar Jahren. Die Klassen - das ist ja eine schulische Ausbildung - werden immer kleiner. Zu meiner Zeit waren es zwei Erzieherklassen. Das Jahr vor mir hatte noch drei. Dadurch wird der Mangel verstärkt. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass es nicht sonderlich attraktiv ist, sich bei einer Kita zu bewerben, von der ich weiß, dass sie Personalmangel hat.

Hat ein Personalschlüssel, der nicht aufgeht, auch Auswirkungen auf die Kinder?

Ja, definitiv. Kinder sind so empathisch, so einfühlsam, die merken sofort, wenn bei einem Erzieher etwas nicht stimmt - wenn er oder sie schlechte Laune hat, gestresst oder überarbeitet ist. Ob man versucht, das zu überspielen oder nicht. Und vor allem: Wenn wenig Leute da sind und du ruderst eigentlich nur und bist quasi zur Fließbandarbeit dort - schnell alle durchwaschen, alle wickeln, alle füttern - natürlich wirkt sich das auf die Kinder aus. Man kann sich ja gar keine Zeit für jedes Kind nehmen. Das sind ja Individuen. Nehmen wir als Beispiel eine Mittagssituation. Wenn ich alle Kinder nur füttere, ohne ihnen zu zeigen, wie man einen Löffel richtig hält, dann entwickeln sie sich nicht weiter und lernen nicht dazu. Mehr Kinder brauchen mehr Erzieher, sonst leiden beide Seiten darunter.

Was wären als Erzieher Ihre Wünsche an die Politik?

Aus der Sicht eines Erziehers muss ich sagen, dass sich die Politik mehr darüber informieren sollte, was eine Kita wirklich an Personal braucht. Oder was das Personal an Umständen und Rahmenbedingungen braucht, um eine angemessene Kinderbetreuung zu gewährleisten. Natürlich, an erster Stelle steht da die Bezahlung, auch in sozialen Berufen. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der Geld an jeder Stelle notwendig ist und die immer teurer wird. Und da kann man nicht in Vollzeit arbeiten gehen, wenn man mit dem Lohn am Ende kaum über die Runden kommt. Auf der anderen Seite müsste der Personalschlüssel geändert werden, sodass man einfach mehr Leute einstellen kann und nicht als Einzelner auf fünf, sechs, sieben oder acht Kinder schauen muss. Das tut sowohl den Kindern als auch den Erziehern nicht gut.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 24. August 2021 | 19:00 Uhr

38 Kommentare

Sigrun vor 14 Wochen

@Sozialberuflerin: Sie erwarten von anderen, dass diese ihre Aussagen belegen. Können Sie Ihre Aussage
"Es wird einfach nur (auf dem papier) der Betreuungsschlüßel angepasst [Zeilenumbruch] Sprich: mehr Kinder kommen auf das gleiche Personal und die gleichen Räumlichkeiten"
belegen?
PS: Es geht hier um Thüringen, nicht jedoch um den Rest der Bundesrepublik (sprich: es geht um das Bundesland Thüringen, nicht jedoch um die anderen 15 Bundesländer).

Erichs Rache vor 14 Wochen

@Sozialberuflerin

Ich weiß. Das ist aber einem Laien von Politiker schwer begreiflich zu machen.

Viel leichter ist es da, Politikern "fehlende Kita- Plätze an sich" um die Ohren zu hauen, denn das kann man ganz genau quantifizieren. OHNE Schmu

Sozialberuflerin vor 14 Wochen

👍
Das Problem sind oft auch nicht die fehlenden Kita- Plätze an sich

Es wird einfach nur (auf dem papier) der Betreuungsschlüßel angepasst
Sprich: mehr Kinder kommen auf das gleiche Personal und die gleichen Räumlichkeiten

Nach außen klingt "es werden immer mehr Betreuungsplätze geschaffen" schön

Aber Ressourcen dafür sind gar nicht da 🤷🏼

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