"Geheime" Werkschau Weimarer Bauhaus-Studenten im Notquartier

Erst verloren sie die Arbeitsräume - jetzt dürfen sie kein großes Publikum empfangen: 16 Studierende der Freien Kunst an der Bauhaus-Uni Weimar haben trotzem im Corona-Semester Sehenswertes geschaffen - und dafür ein einmaliges Umfeld gefunden.

Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Bildrechte: Katrin Fischer

Es begann damit, dass die zehn Frauen uns sechs jungen Männer im Frühjahr nicht mehr in die Ateliers und Arbeitsräume der Uni durften - hier wären die Corona-Abstandsregeln nicht einzuhalten gewesen. Durch Zufall gelang es ihnen, sich in das seit 20 Jahren leerstehende alte Funkhaus Weimar einzumieten.

Kein Wasser, kein Strom, aber viel Platz in einem einmaligen räumlichen Ambiente. Junge Kunst in den vernachlässigten Räumen mit morbidem Charme - ein Gegensatz, der zum tiefen Eindruck beiträgt, den man bekommt, wenn man durch labyrinthische Büroflure geht - oder in den Gewölbekeller hinabsteigt - und plötzlich in einem virtuellen Aquarium steht, mit toter Nixe am Boden und Haien, die nun den Besucher umkreisen.

Licht- und Material-Installation von Marie Jamil Schwab

In der Helligkeit des langen Funkhaus-Flurs stellen zwei Studenten ihre Materialkunst aus. Einer ist Florian Marenbach, der sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt. Ausgemusterte iPhones zerschredderte er in winzige Bestandteile, die er im selbstgebauten Brennofen auf Keramiken aufträgt - in der alten japanischen Raku-Technik. Die wird auch für traditionelle Teeschalen verwendet, die immer wieder repariert werden. Ganz im Gegensatz zum alten Mobiltelefon, das mitsamt seinen einst wertvollen Materialien weggeworfen wird.

Publikum kann Kunstwerke nur in Privatführungen besichtigen

Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Eine tote Nixe in einem virtuellen Aquarium im alten Gewölbekeller. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Eine tote Nixe in einem virtuellen Aquarium im alten Gewölbekeller. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Ein faszinierendes Gebäude - nicht nur für Künstler. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Die Vielfalt der entstandenen Kunstwerke ist überraschend. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Das Projekt ist bis Ende November zu sehen. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Die Ausstellung kann allerdings nur in Privatführungen besichtigt werden. Bildrechte: Katrin Fischer
Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Installationen in jedem Raum, den man betritt. Bildrechte: Katrin Fischer
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Liegengebliebenes aus dem leer stehenden Funkhaus hat dagegen Felix Deiters gesammelt, gezeichnet, katalogisiert - und in transparente Folie eingenäht, die im Raum schwebt. Kleine Drähte, Fasern, Dübel als Mosaiksteine einer vergangenen Wirklichkeit in einem inzwischen fast surrealen Ort.

Mix aus Materialien und Gestaltungsideen

Nebenan Stoff-Skulpturen von Alexia Fenchel: Von Wandbehängen strecken sich pastellfarbende Finger, Seepocken, Stacheln in den Raum, der mal ein kleines Büro gewesen sein muss. Geradezu monumental dagegen die Installation von Denise Blickhan im großen Sendesaal - der abgedunkelt ist. Auf dem Boden ein riesiges Kreuz aus Lichtstreifen, an eine Längswand werden Marien- und Heiligenbilder projiziert, gegenüber - das andere Frauen-Stereotyp - die unterworfene Person, das Kind, das sich auf Instagram nach Anerkennung und Likes sehnt, dazu eine Klanglandschaft, die den Betrachter gefangennimmt und ein bisschen ängstigt.

Kunststudium aus dem Homeoffice ist keine Option

Die 16 jungen Künstlerinnen und Künstler haben hier ihr ausgefallenes Semester aufgeholt. Kunststudium aus dem Homeoffice war für sie keine Option. Ohne Professoren, aber im gegenseitigen Austausch entstanden seit dem ersten Lockdown im Frühjahr Hunderte Arbeiten. Eigentlich wollten sie jetzt im November alles einer großen Öffentlichkeit präsentieren.

Räume im alten Funkhaus in Weimar als Galerie und Arbeitsräume
Das Gebäude hat schon viel gesehen und fasziniert immer noch. Bildrechte: Katrin Fischer

Schließlich ist das alte MDR-Funkhaus in Weimar vom Keller bis zum Dach gefüllt mit Kunst. Der Gang durch Räume, Keller, Treppenhäuser fasziniert. Doch nun wieder ein Lockdown. Bestenfalls Privatführungen sind noch möglich - strikt nach Corona-Regeln. Das heißt, ein Künstler darf maximal zehn Personen, die alle aus einem Haushalt stammen, durch die Ausstellung führen.

Und selbst diese Möglichkeit endet bald. Der Mietvertrag für das alte Funkhaus gilt nur noch bis Ende November. Was danach kommt, ist ungewiss. Das Gebäude soll nach mehreren Eigentümerwechseln versteigert werden.

Funkhaus Weimar Das alte Funkhaus Weimar in der Humboldtstraße war in der Nazizeit als Nietzsche-Gedächtnishalle gebaut, aber nicht fertiggestellt worden. Ab 1946 nutzte Radio DDR2 die Räume. Nach der Wende sendete MDR1 Radio Thüringen von hier. Seit dem Jahr 2000 steht der Bau leer. Zur Ausstellung anmelden kann man sich unter: info@basicinstincts.de

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 08. November 2020 | 19:00 Uhr

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