Weimar Wenig Geld und keine Zeit: Altenpflege in Thüringen

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Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Vergangenen Dezember sprachen wir mit drei jungen Pflegekräften über den Alltag in der Pflege. Nun - ein knappes halbes Jahr später - wollen wir von einem von ihnen wissen, wie sich die Situation entwickelt hat, und sprachen zum "Tag der Pflege" erneut mit ihm.

Ein junger Mann steht links im Bild und blickt in die Kamera.
Felix M., Altenpfleger: "Bei uns hat sich in der letzten Zeit alles nochmal verschärft." Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Felix M. ist Altenpfleger in einem Pflegeheim in Weimar. Doch das ist er nicht mehr lange. "Witzigerweise ist der nächste Punkt auf meiner To-Do-Liste heute, meine Kündigung zu schreiben", sagt er bei unserem Treffen am "Tag der Pflege". Der Grund: Die Situation in der stationären Altenpflege habe sich seit dem letzten Gespräch nicht zum Positiven verändert. Im Gegenteil: "Bei uns hat sich in der letzten Zeit alles nochmal verschärft."

Ein Plakat im Weimarer Bahnhof mit Informationen zum "Tag der Pflege"
Eine Ausstellung im Weimarer Hauptbahnhof zum "Tag der Pflege" sagt "Danke". Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Bereits im vergangenen Jahr erzählte er MDR THÜRINGEN, wie sehr ihm die Probleme in seinem Beruf, der Personalmangel, die daraus resultierende Arbeitsüberlastung, die niedrige Entlohnung, die mangelnde Wertschätzung und die fehlenden Strukturen für Familien beispielsweise bei der Kinderbetreuung zu schaffen machen. Dabei sagte er auch: "Ich würde nie einen anderen Beruf wählen." Denn der 28-Jährige ist gern Pfleger.

Die meisten Bewohner auf seiner Station, um die sich Felix M. kümmert, sind bettlägerig mit hohem Pflegeaufwand. "Ich arbeite allein mit einer Hilfskraft zusammen", sagt er. Das heißt, er ist in seiner Schicht die einzige Pflegefachkraft und damit medizinisch verantwortlich für alle Patienten. Er teilt die Medikamente aus, gibt Insulinspritzen, wechselt Verbände und spricht mit dem Arzt, wenn dieser zur Visite kommt. "Ich muss mehreren Leuten pro Mahlzeit das Essen reichen", erzählt er. Hinzu kommt die umfangreiche Dokumentation.

Ich fühle mich als Pfleger nur noch so, als würde ich Maschinen bedienen.

Felix M. Altenpfleger

Bei diesem Arbeitspensum bleibt so gut wie keine Zeit für das Zwischenmenschliche. Felix M.: "Das hat mich im letzten Jahr ganz schön abgestumpft, für die Leute keine Zeit mehr zu haben. Ich fühle mich als Pfleger nur noch so, als würde ich Maschinen bedienen." Mit den Bewohnern mehr zu kommunizieren, sich Zeit für sie zu nehmen und ihnen dadurch mehr Lebensqualität zu schenken, das vermisse er. "Aber das ist zeitlich nicht möglich."

Erst Corona-Pandemie, dann Ukraine-Krieg

"Mittlerweile gehe ich mit einem mulmigen Gefühl auf die Station und am Ende vom Dienst bin ich extrem müde. Früher hat mich das nicht so angegriffen, aber jetzt ist das anders." Der Ukraine-Krieg belaste zusätzlich die angespannte Situation. "Die Älteren schauen ja auch mal Fernsehen oder lesen Zeitung und haben Angst vor dem Krieg, vor allem um ihre Familie. Das ist nach der Corona-Zeit nochmal doppelt hart." Eigentlich müsse man mit den Bewohnern darüber reden, aber das sei kaum realisierbar.

Auf der Fotoausstellung zum "Tag der Pflege" sieht man hübsche Bilder aus dem Pflegealltag.
Auf der Fotoausstellung zum "Tag der Pflege" sieht man hübsche Bilder aus dem Pflegealltag. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Der Wunsch, mehr Zeit für die zu betreuenden Menschen zu haben, ist nichts Neues. "Das ist der Standardwunsch in der Pflege, dass man mehr Zeit für die Bewohner hat", sagt Felix. Aber geändert habe sich seit Jahren nichts. "Da will ja auch jemand Geld verdienen. Ich habe das Gefühl, so läuft es in den meisten Pflegeheimen, mal mehr, mal weniger."

Die Bedingungen sind grundsätzlich schlecht.

Martina Röder Vorsitzende des Landespflegerates in Thüringen

Martina Röder, Vorsitzende des Landespflegerates in Thüringen und Vorsitzende des Deutschen Pflegeverbandes, bekräftigt das. "Die Bedingungen sind grundsätzlich schlecht, weil es seit vielen Jahren einen gravierenden Pflegenotstand gibt", sagt sie. "Die Attraktivität des Pflegeberufes hat in den letzten Jahren komplett nachgelassen. Wir haben keinen Zuwachs an jungen Menschen, weil die Arbeitszeiten teilweise nicht mit dem Familienleben vereinbar sind." Zudem seien die Gehälter oft sehr niedrig.

Die Löhne in der stationären Pflege haben sich überhaupt nicht angepasst.

Felix M. Altenpfleger

Dabei rückte mit der Corona-Pandemie gerade die Pflegebranche mit ihrer nicht zu überschätzenden Bedeutung für die Gesellschaft in den Fokus der Öffentlichkeit. Viele haben auf den Balkonen geklatscht. Vieles wurde von der Politik versprochen. Vor allem mehr Geld.

Doch: "Die Löhne in der stationären Pflege haben sich überhaupt nicht angepasst", sagt Felix. "Es gab auch keine Zusatzleistungen, weder ein 13. Gehalt noch Weihnachtsgeld. Von der politischen Seite ist nichts passiert. Wir haben einen Einmal-Bonus bekommen, das war’s." Jetzt komme noch ein Bonus, aber der bringe nicht einmal einen kleinen Ausgleich zu den Teuerungen.

Menschen ziehen mit Bannern und Plakaten bei einer Demo durch die Innenstadt von Halle.
Am "Tag der Pflege" demonstrierten Pflegerinnen und Pfleger - wie hier in Halle. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

"Das ist ja das Problem: Dass wir keine Veränderung erlebt haben", sagt Martina Röder. "Wir müssen mit Unterstützung der Politik die Arbeitsbedingungen verbessern. Die Rahmenbedingungen müssen neu geschaffen werden. Die Pflege muss eine Wertschätzung durch angemessene Bezahlung erfahren." Vor allem fehle in der stationären Pflegebranche ein Tarifsystem. "Das muss politisch festgeschrieben werden", sagt Martina Röder.

Infos zum Thema Pflege in Thüringen:

  • Stand 2019 fehlen in Thüringen bis 2035 mehr als 28.000 Pflegefachkräfte. Diese Zahl dürfte aktuell eher noch höher liegen.
  • Pflegefachkräfte in Krankenhäusern und in Heimen verdienten 2021 im Bundesschnitt brutto 34 Prozent mehr als 2011.
  • Altenpfleger in Thüringen müssen durchschnittlich mit 541 Euro weniger auskommen als Pflegepersonal an Krankenhäusern.
  • In 129 der 328 Thüringer Pflegeheime sind weniger als die Hälfte des Pflegepersonals ausgebildete Fachkräfte.


(Quellen: Landesamt für Statistik, Statistisches Bundesamt, Anfrage Linksfraktion, Sozialministerium)

Zurzeit sei es so, dass die Träger selbst mit den Pflegekassen über Sach- und Personalkosten verhandeln, sagt Martina Röder, die das selbst aus Trägersicht kennt. Einheitliche Tarife gebe es auch bei der Entlohnung der Pfleger nicht. "Die Träger verhandeln entsprechende Haustarife, aber das ist nicht flächendeckend so."

Mehr Personal - weniger Arbeitsbelastung

Unter geänderten Voraussetzungen und besseren Rahmenbedingungen würde mehr Personal in den Einrichtungen arbeiten, und dadurch wäre die Arbeitsbelastung in einer anderen Verteilung. Martina Röder: "Damit wäre ein guter Freizeitausgleich möglich. Das ist enorm wichtig." Es sei ja ein schöner Beruf, "den Menschen in Respekt und Würde auf dem letzten Weg zu begleiten".

Die Frustration steigt, gerade bei jungen Pflegern.

Felix M. Altenpfleger

So erlebt es Felix M. auch. Es frustriert ihn, wegen schlechter Rahmenbedingungen keine Freude mehr daran zu haben, den Beruf, den er liebt, auszuüben. "Ich habe immer gerne in der stationären Pflege gearbeitet." Aber inzwischen käme zu viel Negatives zusammen. "Die Frustration steigt, gerade bei jungen Pflegern. Und vom Betrieb kommt kein Entgegenkommen, kein Reagieren auf die jetzige Zeit."

Ein Beispiel: Man habe in den Heimen fast zwei Jahre Zeit gehabt, um sich auf Corona-Wellen vorzubereiten, sagt der Altenpfleger. "Doch nichts ist passiert. Es wurde kein neues Personal eingestellt, wo ungelernte Hilfskräfte schon eine große Hilfe gewesen wären. Das Schutzmaterial war vorhanden, von Seiten vieler Arbeitgeber wurden die Pfleger aber aufgefordert, damit sparsam umzugehen, und damit setzten wir auch die eigene Gesundheit aufs Spiel."

Zwölf-Stunden-Schichten seien das Mittel gewesen, mit dem zu erwartenden Krankenstand bei einem Corona-Ausbruch umzugehen. Solche Schichten seien nur mit Zustimmung des Arbeitnehmers möglich, da sei ein hoher sozialer Druck unter den Kollegen aufgebaut worden.

Hohe Sprachbarrieren bei Flüchtlingen in der Altenpflege

Auf Flüchtlinge zu setzen, die beispielsweise aktuell durch den Ukraine-Krieg zu uns kommen, davon halte er nichts. "Erst einmal finde ich es schlimm, Menschen, die aus dem Elend geflohen sind und hier Schutz suchen, sofort als menschliches Arbeitsmaterial zu sehen." Zudem hat Felix M. Erfahrungen mit Praktikanten während der letzten Flüchtlingswelle gemacht. "Es ist simpel. Die meisten Bewohner sprechen starken Dialekt. Die Flüchtlinge fangen gerade an, Hochdeutsch zu lernen. Da gibt es große Verständigungsprobleme."

Wir haben Erwartungen an die Politik, weil die Gesundheitswirtschaft ohne Pflege nicht arbeiten kann.

Martina Röder Vorsitzende des Landespflegerates in Thüringen

Eine Lösung ist das nicht. Stattdessen muss sich Grundsätzliches ändern. Martina Röder vom Pflegerat sagt: "Wir haben Erwartungen an die Politik, weil die Gesundheitswirtschaft ohne Pflege nicht arbeiten kann." Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung sei einiges festgeschrieben. "Das muss jetzt schnell in die Tat umgesetzt werden."

Eine Fotoausstellung im Weimarer Bahnhof mit Fotos aus dem Pflegealltag.
Fotoausstellung im Weimarer Hauptbahnhof zum "Tag der Pflege" Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Neuanfang als Pfleger im Krankenhaus

Für Felix M. kommt das für die Altenpflege zu spät. Doch immerhin: Er bleibt in seinem Beruf. Er wechselt nur die Fachrichtung: Ab September wird er in einem Krankenhaus in der Region arbeiten. "Dort zahlt man wesentlich besser. Es gibt mehrere Zusatzleistungen. Außerdem sind die Arbeitszeiten flexibler", erzählt der junge Vater. "Das sind kleine Dinge, die das Leben als Pfleger wesentlich angenehmer machen. Da blicke ich optimistisch in die Zukunft."

MDR (caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit vom Tag | 12. Mai 2022 | 18:00 Uhr

34 Kommentare

Reuter4774 vor 1 Wochen

P.S. Schönes Beispiel aus NRW die Rentner haben nicht FDP gewählt und gefragt nach den Gründen angegeben weil Maske abgeschafft und die sich für Familie und Mittelstand einsetzen. Ohne Worte fragt sich wer es sonst erarbeiten soll?

Reuter4774 vor 1 Wochen

Lesekompetenz??? Text nicht nur überfliegen sondern VERSTEHEN! Wir hatten bis Herbst 21 die Regierung Merkel mit entsprechendem Altersdurchschnitt. Und ich werde als Rentner sicher nicht meine Kinder und Enkel ( und sonstige Umgebung) erpressen um ausschließlich mein Wohlergehen durchzusetzen. Auch wenn alte Leute generell ängstlicher sind sollte man nicht alles aufs Alter schieben oder das Alter als Druckmittel nutzen ( für sich selbst aber Respekt fordern).

THOMAS H vor 1 Wochen

Altenpflegerin: Das was Sie schreiben, habe ich schon als Praktikant (notwendig während der Umschulung zum staatlich anerkannten Familienpfleger) vor 23 Jahren angeprangert und musste mir dann sagen lassen, das ich für den Beruf zu weichherzig wäre und es ausreichend sei, die 3 S-Regel (STILL-SATT-SAUBER) einzuhalten. Leider hat sich die Lage nach all den Jahren noch verschärft und es ist erstaunlich, das Sie dies aushalten, wobei ich Ihnen wünsche, das sich ihr Körper nicht eines Tages von selbst meldet und nicht mehr möchte, das Sie sich so ausbeuten lassen. Ich weiß, das meine Zeilen nicht helfen, aber ich musste sie loswerden.

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