Spuren der Geschichte Buchenwald: So arbeitet die Restauratorin in der KZ-Gedenkstätte

Vor 84 Jahren, am 15. Juli 1937, kamen die ersten 149 Häftlinge auf dem Ettersberg bei Weimar an und begannen mit dem Bau des Konzentrationslagers. 266.000 Menschen waren dort eingesperrt. Heute arbeitet die Restauratorin der Gedenkstätte daran, die Besitztümer der Häftlinge zu erhalten. Die Herangehensweise der Restauratorin unterscheidet sich aber von der anderer Restauratoren.

Stefanie Masnick
Stefanie Masnick hat an der Fachhochschule Erfurt Konservierung und Restaurierung archäologischer Objekte und Kunsthandwerk studiert. Sie arbeitet seit 2014 in der Gedenkstätte Buchenwald. Bildrechte: dpa

Lächelnd und im weißen Kittel öffnet Stefanie Masnick die Tür zu ihrer Werkstatt. Archivkartons in unterschiedlichen Formaten stapeln sich. Auf dem Tisch in der Mitte des Raumes sind Fundstücke aus dem ehemaligen Konzentrationslager zu sehen. Ein abgeschnittener Gummistiefel, ein leerer Flakon Kölnisch Wasser, ein handgearbeiteter Kamm aus Aluminium. Jedes Stück erzählt eine Geschichte.

Lagerzaun des ehemaligen Konzentrationslagers.
Im Konzentrationslager Buchenwald wurden in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem Regimegegner, Vorbestrafte, Homosexuelle, Sinti und Roma und schließlich zahlreiche Juden interniert. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Stefanie Masnick hat an der Fachhochschule Erfurt Konservierung und Restaurierung archäologischer Objekte und Kunsthandwerk studiert. Seit 2014 arbeitet sie in der Gedenkstätte Buchenwald. "Restaurator ist kein geschützter Beruf", erklärt sie. Auch ein Goldschmied oder Steinmetz kann sich zum Restaurator qualifizieren.

In der Gedenkstätte Buchenwald hat sie nicht nur mit Fundstücken aus Eisen, Messing oder Textilien zu tun. Es gibt zahlreiche Objekte aus Aluminium, aber auch aus Edelstahl oder Kunststoffen wie Bakelit oder Zelluloid. Für die Restaurierung solcher Stücke gibt es kaum ein Fachbuch, das man aufschlagen könne, sagt sie, und zeigt auf die Reste eines Essgeschirrs mit einem Monogramm.

Stefanie Masnick 13 min
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12:43 min

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Restaurieren heißt nicht neu machen

Viele andere Restauratoren arbeiten mit Gegenständen, die schön sind, das heißt einen hohen ästhetischen Wert haben: Historische Möbel, Gemälde, Porzellan. Stefanie Masnick hat Fundstücke, von denen sie sagt, "die wollten gar nicht schön sein". Trotzdem erzähle ein verbogener Aluminiumlöffel ein wenig von der Geschichte seines Besitzers, wenn zum Beispiel die Häftlingsnummer eingraviert ist. Dann könne eine Datenbankabfrage bei den Arolsen Archives biografische Daten zu Tage fördern.

Der Deckel der Urne von Alexander Schukow liegt auf einem Dokument.
Deckel der Urne von Alexander Schukow: Zum Preis von 2,50 Reichsmark verschickte die SS die Urnen an die Hinterbliebenen. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Auf ihrem Arbeitstisch hat die Restauratorin mehrere dunkle Blechdeckel liegen. Auf den ersten Blick haben sie Größe und Form von Konservendeckeln. Doch es handelt sich um die Verschlusskapseln von Urnen. "Krematorium Buchenwald" steht darauf, der Name des Verstorbenen, der Geburtstag sowie Sterbe- und Kremierungsdatum. Zum Preis von 2,50 Reichsmark verschickte die SS die Urnen an die Hinterbliebenen.

Versandformular der SS für Urnen
Ein Versandformular der SS für Urnen. Bildrechte: Arolsen Archives

Als Stefanie Masnick die Urnendeckel begutachtet, stellt sie sich die Frage: "Ist es wichtig, die Spuren des Verbrechens zu erhalten, oder das Objekt gut zu erhalten?" Unter dem Mikroskop untersucht sie deshalb, ob es noch Anhaftungen von Asche gibt. Doch sie findet nur Textilfasern. Die Asche wurde schon bei der Bergung der Urnen sorgsam entfernt und bestattet.

In der Restaurierungswerkstatt der Gedenkstätte Buchenwald

Emaille-Schüsseln, die Reste eines Brillengestells, zerbrochene Zahnbüsten: Die Restauratorin der Gedenkstätte Buchenwald, Stefanie Masnick, hilft mit ihrer Arbeit, die einstigen Besitztümer der Häftlinge zu erhalten.

Restaurierungswerkstatt im Gebäude der ehemaligen Kommandantur der SS.
Die Restaurierungswerkstatt der Gedenkstätte Buchenwald ist im Gebäude der ehemaligen Kommandantur der SS untergebracht. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
Restaurierungswerkstatt im Gebäude der ehemaligen Kommandantur der SS.
Die Restaurierungswerkstatt der Gedenkstätte Buchenwald ist im Gebäude der ehemaligen Kommandantur der SS untergebracht. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
Laborbereich der Restaurierungswerkstatt
Der Laborbereich der Restaurierungswerkstatt: Stefanie Masnick arbeitet in diesen Räumen daran, alte Gegenstände, die mit den Buchenwald-Häftlingen verbunden sind, zu erhalten. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
Konservierte Fundstücke aus dem ehemaligen Konzentrationslager liegen auf einem Tisch.
Geschirr, Kleidungsstücke, Teile der Lagereinrichtung: Konservierte Fundstücke aus dem ehemaligen Konzentrationslager liegen in der Restaurieungswerkstatt. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
Das Oberteil eines zerstörten Schiffsmodells.
Das Oberteil eines zerstörten Schiffsmodells, das von Häftlingen im Auftrag der SS gebaut wurde. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
Deckel von Urnen liegen auf Zetteln.
Deckel von Urnen, die 1997 bei Bauarbeiten in der Gedenkstätte gefunden und nun konserviert wurden. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht
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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 15. Juli 2021 | 05:40 Uhr

Spuren der Geschichte und Vergänglichkeit

Wie sehr sich ihre Arbeit von der anderer Kolleginnen und Kollegen unterscheidet, zeigt die Restauratorin am Beispiel eines Schiffsmodells. Das kam mehr aus Zufall in die Gedenkstätte. Eine Frau aus Berlin hatte sich gemeldet und das Schiff angeboten. Jahrelang hatte es im Keller gestanden, und als die Kinder und Enkel kein Interesse zeigten, sollte es in den Müll wandern.

Trümmerteile eines zerstörten Schiffsmodells
Trümmerteile eines zerstörten Schiffsmodells, gefertigt von Häftlingen im Auftrag der SS in den Deutschen Ausrüstungswerken, liegen in einem Karton. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Da es für die Tonne zu sperrig war, zerschlug die Besitzerin das Schiff. Ein Zettel kam zum Vorschein. Vorsichtig nimmt Stefanie Masnick das Blatt aus dem Archivumschlag. Und liest vor: "Oh Buchenwald, ich kann Dich nie vergessen, weil Du mein Schicksal bist. Wir bauten dieses Schifflein in einer nie vergesslichen Zeit, es herrscht Typhus im Lager." Die Botschaft vom 14. März 1939 trägt die Unterschrift der drei Erbauer des Modells.

Eine Botschaft der Häftlinge, die das Schiffsmodell gefertigt haben, liegt auf einem Tisch.
"Oh Buchenwald, ich kann Dich nie vergessen, weil Du mein Schicksal bist. Wir bauten dieses Schifflein in einer nie vergesslichen Zeit, es herrscht Typhus im Lager", steht auf diesem Zettel. Gefunden wurde er in einem Schiffsmodell. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Ein anderer Restaurator würde das Modell wieder zusammenfügen und den Urzustand wiederherstellen. Doch Masnick geht ganz anders heran. "Das Schiff entstand auf Wunsch der SS. Es wurde in Zwangsarbeit gebaut. Die Künstler wollten mit dem versteckten Zettel eine Botschaft vermitteln, die erst durch die Zerstörung sichtbar wurde."

Das Schiff entstand auf Wunsch der SS. Es wurde in Zwangsarbeit gebaut. Die Künstler wollten mit dem versteckten Zettel eine Botschaft vermitteln, die erst durch die Zerstörung sichtbar wurde.

Also trifft die Restauratorin zusammen mit den Wissenschaftlern der Gedenkstätte die Entscheidung, das Schiff im zerstörten Zustand aufzubewahren, es nur vom Schmutz zu befreien.

Die Werkstatt als Bildungsort

Stefanie Masnick arbeitet allein in der Werkstatt, nur unterstützt von jungen Männern und Frauen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Gedenkstätte absolvieren. Auf Anmeldung können Schulklassen einen mehrtätigen Workshop in der Gedenkstätte buchen. Zu dem gehört wahlweise die Arbeit in der Restaurierungswerkstatt. Dann kommt Leben in die sonst so stillen Räume. Die Schülerinnen und Schüler dürfen je ein Fundstück konservieren. Sie recherchieren und diskutieren dazu.

Die Reaktionen der Jugendlichen bei der Auseinandersetzung mit den Objekten und ihrer Geschichte sind für die Restauratorin etwas Besonderes und geben zusätzliche Motivation.

Die Arbeit mit diesen Gegenständen konfrontiert Stefanie Masnick immer wieder mit der grauenvollen Geschichte des Konzentrationslagers. Man brauche schon Distanz, sagt sie, und schaut von ihrem Schreibtisch auf das Torgebäude und den Stacheldrahtzaun. Doch wenn sie an Fundstücken arbeitet, blendet sie das aus, will die Spuren der Geschichte sichtbar lassen - und erhält so ein Andenken an die Besitzer von einst.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 15. Juli 2021 | 05:40 Uhr

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