Sozialraumorientierung Weimar will Probleme schneller erkennen und gestaltet Jugendhilfe neu

Die Stadt Weimar krempelt ihre ambulante Jugendhilfe um. Als erste ostdeutsche Stadt hat Weimar die sogenannte Sozialraumorientierung eingeführt. Erste Teams haben mit der Arbeit begonnen. In ihren Stadtteilen wollen sie Probleme frühzeitig erkennen.

Mehrere Menschen stehen vor einem Haus.
Das Team Sozialraumorientierung Weimar um Bürgermeister Ralf Kirsten (Mitte). Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

"Man muss mit der Zeit gehen!", hat sich Weimars Bürgermeister Ralf Kirsten (Weimarwerk) mit Blick auf die Jugendarbeit gesagt und schon 2019 seine Fühler ausgestreckt. Damals war auch ihm noch nicht klar, was wirklich hinter der Sozialraumorientierung steckt. Bis er mit seinem Team und später auch Vertretern freier Sozialträger nach Rosenheim fuhr.

In dieser Stadt werden Sozialräume schon lange praktiziert. "Beeindruckend und nachahmenswert", wie Corinna Harke, die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses der Stadt Weimar, damals schon fand. Es gab etliche Beratungen und Gespräche. Professor Wolfgang Hinte hat Weimar auf diesen Weg begleitet. Der Sozialwissenschaftler gilt als Koryphäe in seinem Fach.

Jugendhilfe-Teams arbeiten Weimar vor Ort

Der erste Schritt: Weimar musste sich aufteilen. Es gibt nun drei Sozialräume, mit drei unterschiedlichen Teams. In Weimar-Nord mit Schöndorf, Weimar-West und -Mitte/Süd arbeiten jeweils sechs Männer und Frauen - von der Verwaltung, vor allem aber von freien Trägern.

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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 15.02.2021 19:00Uhr 02:03 min

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Mit im Boot sind die Awo Mitte-West-Thüringen, die Caritas, die Hufeland-Trägergesellschaft und die Diakonie. Sie alle haben ihre Experten in die Stadtteile gesetzt und das ist wörtlich zu nehmen. Die Teams arbeiten vor Ort und haben ihren Stadtteil im Blick.

"Neu ist auch die Art der Finanzierung", wie die Leiterin des Familienamtes, Doreen Bauer, erklärt. Die Träger werden pauschal bezahlt. Das System der sogenannten Fachleistungsstunden fällt weg. "Eine Riesenentlastung", sagt Daniela Kloß, von der Diakonie. "Endlich Zeit, endlich Gestaltungsräume, in denen man Ideen aus den Schubladen holen kann, die dort schon lange schlummern, aber nie umgesetzt werden konnten."

Die Sozialraumorientierung verschafft den Sozialarbeitern Freiräume. Sie können sich ausprobieren und arbeiten nicht nur am einzelnen Fall. Sie nehmen alle in den Fokus - die Betroffenen, die Familien, Nachbarn und Freunde. "Nur so schieben wir auch Hilfe untereinander an - Nachbarschaftshilfe", sagt Judith Wiedemann, von der Awo Mitte-West-Thüringen.

Offenes Basketballtraining in Weimar-West

Die Sozialraumorientierung arbeitet präventiv und wartet nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. "Wir sind mittendrin, stehen mit den Leuten gemeinsam an der Gulaschkanone und plaudern oder aber sprechen über den Hund." Sandra Platt ist Teamleiterin in Weimar-West und geht in ihrem neuen Arbeitsumfeld auf. Sie hat mit der Vernetzung schnell begonnen. Ist Kooperationen eingegangen, mit dem örtlichen Jugendklub und dem Sportverein. Ein erstes Projekt ist auf dem Weg.

Die Sozialraumorientierung bietet ein offenes Basketballtraining in Weimar-West an. Trainieren darf jeder, nicht nur der, der laut Gesetz sozial unterstützt wird. "Fallunabhängige Arbeit" nennen die Fachleute das. Am Ende ist es Integration und damit auch Prävention.

Die Sozialraumorientierung erscheint mit ihrer pauschalen Finanzierung zunächst sehr teuer. "Doch auf längere Sicht gesehen, wird es sich auszahlen", sagt Bürgermeister Kirsten. "Probleme werden frühzeitiger erkannt, allein schon deshalb, weil man vor Ort ist. Und die Leute werden sich gegenseitig mehr helfen."

Stadt will Neuordnung der stationären Jugendhilfe angehen

Der Prozess wird ein langer sein. "Die Einführungsphase der Sozialraumorientierung dauert bis 2024", schätzt Familienamtschefin Bauer. Es ist Geduld gefragt. "Einen Paradigmenwechsel", nennt Bürgermeister Ralf Kirsten die neue Struktur. Er muss seine Verwaltung umbauen. Auch das keine Sache von heute auf morgen. Der Soziale Dienst der Verwaltung wird dezentralisiert.

"Controlling, Teams, alles muss neu aufgebaut werden", fügt Doreen Bauer hinzu. Die Mitarbeiter geben sich hoch motiviert und haben nach dem Schritt eins - Umbau der ambulanten Jugendhilfe - auch schon den nächsten Schritt im Auge. In ein paar Jahren will Weimar auch die Neuordnung der stationären Jugendhilfe angehen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 09. Juni 2021 | 18:40 Uhr

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