Interview Schock, Angst und Sehnsucht: Junge Russin in Weimar über den Ukraine-Krieg

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"Das einzige, was uns normalen Menschen derzeit bleibt, ist Mensch zu bleiben, sich nicht dazu bringen zu lassen, einander zu hassen." Das sagt Larisa P., eine junge Russin in Weimar, über den Krieg in der Ukraine. Als sie die Nachrichten vom Einmarsch vergangene Woche gelesen hatte, konnte und wollte sie das einfach nicht glauben.

eine junge blonde Frau (Larissa P.) mit Brille steht auf einem Balkon, 13 min
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Larisa P., eine junge Russin in Weimar, spricht über den Krieg in der Ukraine, über ihre Freunde und Familie vor Ort.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 03.03.2022 21:24Uhr 12:31 min

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Larisa P. ist 23 Jahre alt und sie hat lange überlegt, ob sie überhaupt mit mir sprechen soll: "Schon, wenn du das Wort Krieg benutzt oder Solidarität mit der Ukraine äußerst, kannst du in Russland ins Gefängnis kommen. Sie kontrollieren alles. Aber hier in Weimar fühle ich mich sicher".

Schon, wenn du das Wort Krieg benutzt oder Solidarität mit der Ukraine äußerst, kannst du in Russland ins Gefängnis kommen.

Larisa P. Firmengründerin aus Russland

Schon bei ihrem ersten Besuch hier in der Stadt, da war sie gerade 17, war ihr klar, dass sie hier studieren möchte. Damals sprach sie noch kein Wort Deutsch. Einen Intensivkurs und ein paar Jahre später arbeitet sie an ihrem Master in Urbanistik an der Bauhaus-Uni und gründet gerade ihr eigenes Unternehmen.

Firmengründung liegt auf Eis

Zusammen mit einem Partner aus  Moskau entwickelt sie Software für den Städtebau. Die Firmengründung liegt momentan allerdings auf Eis: Ihr Partner kann Russland derzeit nicht verlassen und sie hat Angst, hinzufahren. Denn seit vergangener Woche ist Krieg.

"Als ich am Donnerstagmorgen die Nachrichten gelesen habe, war das ein Schock. Mein erster Gedanke war: Das kann nicht sein. Das hier passiert gerade nicht. Das ist nicht möglich. Ich habe zwei, drei Stunden gebraucht, um das irgendwie wirklich zu verstehen."

Kindheitserinnerungen an die Ukraine

Am liebsten hätte sie sofort mit ihrem Vater darüber geredet, aber er konnte nicht, war einfach nicht in der Lage dazu. Erst am nächsten Tag telefonierten die beiden. "Da waren so viele Emotionen. Trauer, Angst, Panik und dieses Gefühl, dass wir den Menschen etwas Schlimmes angetan haben."

eine junge blonde Frau (Larissa P.) mit Brille steht auf einem Balkon und telefoniert
Das Telefon ist momentan die einzige Verbindung zu ihrer Familie. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Doppelt schwer ist das für Larisa und ihre Familie, weil die Ukraine für sie kein fremdes Land ist, wie sie erzählt: "In unserer Familie gibt es Ukrainer, Juden, Russen, wir sind sehr gemischt." Viele Kindheitserinnerungen hat sie an Kyjiw und Charkiw. Jedes Jahr war ihre Familie dort zu Gast. Der beste Freund ihres Vaters lebt in Charkiw. "Das war immer mein zweites Zuhause. Und an einem einzigen Tag wurde das alles einfach unterbrochen!"

Und mit diesem Bruch sind die Menschen sehr unterschiedlich umgegangen. Manche der Freunde sagten, alle Russen tragen Schuld am Krieg und haben den Kontakt komplett abgebrochen. Mit anderen wurde er sogar intensiver. "Wir haben versucht, sie zu unterstützen, sie in Sicherheit zu bringen."

Seit einer Woche versucht Larisa, sich auf allen Kanälen zu informieren, sich ein Bild von der Situation zu machen. Jeden Morgen und jeden Abend telefoniert sie mit ihrem Vater. "Niemand von uns kann sich vorstellen, was das alles für Folgen haben wird, wie das enden soll. Es ist alles so kompliziert."

Spaltet die Politik die Menschen?

Schon jetzt beobachtet Larisa eine Spaltung, die manchmal quer durch die Familien geht: "Mama und Papa streiten miteinander, weil sie unterschiedliche Meinungen haben. Wer hat den Krieg angefangen? Wer war schuld? Sie haben unterschiedliche Meinungen und dann kommt es zur Spaltung, auch zwischen politischen Freunden."

Und das Argumentieren ist schwer, wenn es so viele widersprüchliche Informationen gibt, sagt Larisa. "Das Wort Krieg ist in Russland nicht erlaubt, die Sozialen Medien werden blockiert. Die Menschen bekommen nicht die Informationen, die sie brauchen."

Larisa informiert sich nicht nur über die offiziellen Kanäle. Über Telegram oder WhatsApp bekommt sie auch Nachrichten von Freunden vor Ort. Das hilft ihr sehr, sagt sie. Aber andererseits wühlt sie das auch auf.

Angst um den besten Freund in Moskau

Ihr bester Freund steht in Moskau kurz vor dem Ende seines Studiums und sie hat Angst, dass er eingezogen und in den Krieg geschickt wird. "Das ist schrecklich! Er ist ein Mensch, der nie in den Krieg ziehen würde. Nie! Das betrifft unsere ganze Generation. Wir haben darauf keinen Bock, sind nicht dazu bereit. Aber wenn sie ihn zwingen? Das ist schlimm!", sagt sie.

Es macht mich fertig, dass ich nicht einfach mal hinfliegen kann, wenn ich Sehnsucht habe.

Larisa P.

Und auch wenn Larisa in Weimar sicher ist und sich wohl fühlt in der Stadt, bringt sie das in den nächsten Zwiespalt: "Ich mag Russland gern, ich mag die Menschen dort. Es gibt sehr viele kluge Menschen, viele Talente. Genauso in der Ukraine oder in Belarus. Ich vermisse das. Es macht mich fertig, dass ich nicht einfach mal hinfliegen kann, wenn ich Sehnsucht habe. Ich lebe, arbeite und studiere in Weimar, aber trotzdem bleibt Russland mein Heimatland. Und jetzt darf ich dort nicht sein wegen politischer Entscheidungen."

Kontrolle, Aggression und Spaltung statt Respekt

Früher, so sagt Larisa, kamen die Menschen der Region gut miteinander aus. Trotz verschiedener Sprachen hat sie Freunde in der Ukraine, in Belarus. Und es ist heutzutage auch nicht schwer, miteinander klar zu kommen, findet die junge Frau. "Man muss nur offen sein für andere Meinungen. Genau das ist ja Demokratie. Man muss mit Respekt miteinander reden. Aber momentan sehe ich nur politischen Einfluss, Kontrolle und Aggression. Unsere Gesellschaft wurde gespalten."

In ihrem Leben hier in Weimar spürt sie das allerdings bisher nicht. Auch wenn sie große Angst vor einem neuen "Russenhass" hatte. "Aber das ist nicht so gekommen. Ganz wenige Menschen hier denken so, wie die Politik uns das sagt. Die meisten versuchen, in Frieden miteinander zu leben, in Kontakt zu bleiben und sich zu unterstützen."

Aber niemand, so beobachtet sie, hat wirklich einen Plan. Niemand war auf so eine Situation vorbereitet. "Es gibt in Russland wirklich viele Menschen, die gegen den Krieg sind, Angst haben und momentan gar nichts verstehen."

Widerspruch ist in Russland gefährlich

Aber das zu zeigen, ist gefährlich dieser Tage in Russland, wie Larisa berichtet. "Demonstrationen sind verboten. Russland die Schuld am Krieg zu geben, ist verboten. Den Krieg musst du Rettungsoperation nennen. Aber Menschen sagen trotzdem Krieg, weil es ein Krieg ist. Und wenn du das tust oder sogar sagst, dass du gegen den Krieg bist, musst du danach wegrennen, so schnell du kannst. Oder du wirst ein paar Tage im Gefängnis sitzen."

Dazu kommen ganz praktische Probleme. Viele ihrer Kommilitonen aus Moskau hatten gerade angefangen zu arbeiten, oft in russischen Niederlassungen europäischer Unternehmen. Jetzt schließen die, niemand weiß, ob sie jemals wieder öffnen. "Meine Freunde haben wirklich Angst, dass sie bald kein Geld für das ganz normale Leben mehr haben, also für Essen oder für eine Wohnung. Sie haben einfach keine Ahnung, was morgen passiert."

Schuldgefühle und Schock überwunden, um zu helfen

Viele Russen fühlten sich verantwortlich für den Krieg, den ihr Land führt. Auch Larisa ging das am Anfang so. Sie saß die ersten paar Tage in ihrer Wohnung und hat sich schuldig gefühlt.

eine junge blonde Frau (Larissa P.) mit Brille sitzt an einem Computer
Larisa sammelt alle Informationen, die sie bekommen kann. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Nach zwei Tagen konnte sie den Schock abschütteln und hat angefangen, zu helfen. Spenden sammeln, Informationen austauschen, Solidarität zeigen. "Das einzige, was uns normalen Menschen derzeit bleibt, ist Mensch zu bleiben, sich nicht dazu bringen zu lassen, einander zu hassen. Ja – einfach Menschen bleiben."

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. März 2022 | 08:00 Uhr

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