Flächenversiegelung Zurück in die Neunziger: Weimar will aus Acker Gewerbegebiet machen

70 Hektar gesunde Ackerfläche sollten in Gelmeroda bei Weimar einem Gewerbegebiet weichen - so wie es in Ostdeutschland in den 1990-ern vielerorts geschah. Das Gewerbegebiet läge stadtfern auf dem Berg und wäre mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schlecht zu erreichen. Doch der Stadtrat entschied am Mittwoch gegen die Pläne der Stadtverwaltung.

Ein Getreidefeld
Weimar-Gelmeroda: Wo heute Getreide wächst, soll ein Gewerbegebiet errichtet werden. Bildrechte: MDR/David Straub

Anmerkung der Redaktion: Der Weimarer Stadtrat hat Mittwochabend gegen den Antrag der Stadtverwaltung gestimmt. Damit sind die Pläne für ein neues Gewerbegebiet in Gelmeroda geplatzt.

Ortsbesuch in Gelmeroda vor der Stadtratssitzung

Anders als geplant hat Veronika Majewski gleich eine ganze Gruppe zum Interview mitgebracht. Die parteilose Ortsteilbürgermeisterin des Weimarer 400-Einwohner-Ortsteils Gelmeroda steht mit einem Dutzend weiterer Anwohner am Rande einer großen Ackerfläche. Die Sonne steht senkrecht, das Getreide weht im lauen Wind. Von der Dorfmitte dröhnen die Autos, die von der A4 nach Weimar wollen.

Personen stehen vor Ackerfläche
Gelmerodas Ortsteilbürgermeisterin Veronika Majewski (Zweite von rechts) mit anderen Gegnern des Gewerbegebiets vor der dafür vorgesehenen Fläche. Bildrechte: MDR/David Straub

Wut entlädt sich hier. Viel zu kurzfristig habe die Gemeinde erfahren, dass die Stadtverwaltung Weimar um Oberbürgermeister Peter Kleine (parteilos) die Abstimmung um ein Gewerbegebiet auf ihrem Acker tatsächlich in dieser Woche in den Stadtrat bringen will. "Das erste Mal haben wir bereits von diesem Gebiet aus der Zeitung erfahren. Wir fühlen uns übergangen", sagt einer der Dorfbewohner. "Wir wollen unsere Lebensqualität erhalten", sagt eine andere.

Fläche so groß wie 100 Fußballfelder

Gut 70 Hektar ist der hügelige Acker zwischen der A4 und Gelmeroda groß und ist damit fast 100-mal so viel wie ein Fußballfeld. Gleichzeitig gehört das Land ungefähr 70 Einzelpersonen, viele sind Bewohner von Gelmeroda. Die Pläne der Stadtverwaltung sehen vor, auf 30 Hektar Gewerbeflächen zu bauen - Straßen und Parkplätze kämen hinzu - sowie Solaranlagen auf effektiv 15 Hektar. Außerdem sind Flächen für Eingrünung und ökologische Ausgleichsmaßnahmen reserviert.

Karte: Um diese Fläche in Gelmeroda geht es

Die Stadt Weimar sieht in dem Acker bei Gelmeroda den einzigen Standort, der für die Neuansiedlung von Gewerbe rund um Weimar infrage kommt. Das hätten ausführliche Untersuchungen ergeben. Bestehende Gewerbegebiete wiesen entweder zu wenig zusammenhängende Flächen auf oder seien schon für andere Betriebe reserviert - und das bei einem gestiegenen Bedarf seit 2020.

OB Kleine verweist auf Beratungen seit 2020

Außerdem weist Oberbürgermeister Peter Kleine den Vorwurf zurück, dass die Stadt den Plan schnell vor der Sommerpause ohne ausreichend Vorbereitung durch den Stadtrat bringen wolle. So habe es bereits Ende 2020 Ausschussberatungen gegeben sowie Veranstaltungen mit den betroffenen Ortsteilen.

Mit einem Standort Gelmeroda wolle die Stadt Firmen mit "Wachstumspotenzial" aus der Energie- oder der Umwelttechnik mit einem Flächenbedarf von mindestens fünf Hektar anziehen. Autohöfe oder großflächige Einzelhandelsbetriebe seien nicht vorgesehen.

Ortschild von Gelmeroda
Ortschild von Gelmeroda: Der Ortsteil liegt südlich von Weimar nahe der A4. Bildrechte: MDR/David Straub

Stadtratsbeschluss wäre Startschuss für Planung

Einen direkten Baustart würde der Stadtratsbeschluss am Mittwoch nicht bedeuten. Die Stadt könnte dann aber den sogenannten Flächennutzungsplan so ändern, dass in Zukunft nicht mehr vorrangig Landwirtschaft auf der Fläche betrieben werden müsste, sondern auch andere Branchen dort wirtschaften könnten. Auch wenn es zunächst ein "mehrjähriges und ergebnisoffenes Planverfahren" geben würde, wie Oberbürgermeister Kleine MDR THÜRINGEN sagte, stünde einem Gewerbegebiet nach einem positiven Beschluss am Mittwoch im Stadtrat aber nichts mehr im Wege.

Mehr als 300 Unterschriften gegen das Vorhaben

Ortsteilbürgermeisterin Veronika Majewski sagt, es gehe ihr und der Gemeinde nicht darum, generell gegen die Stadt zu wettern. Sie spricht von einer Verschandelung der Natur: "Wir können nicht begreifen, dass diese wunderschöne Fläche am Rande unseres Dorfes verdichtet werden soll." Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs und der Lebensmittelknappheit in vielen Teilen der Welt sei es unverständlich, warum der Acker weitgehend zerstört werden solle.

Außerdem beklagen viele der Gegner, dass bereits jetzt das Verkehrsaufkommen durch die A4 und den Zubringer in die Stadt Weimar sehr belastend sei und ein Gewerbegebiet die Lärm- und Lichtbelastung erhöhen dürften.

Mehr als 300 Unterschriften habe sie deshalb bereits im Ortsteil gegen das Vorhaben der Stadt gesammelt. Egal, ob Landbesitzer oder nicht - bei ungefähr 400 Einwohnern eine bemerkenswerte Quote. Eigentlich alle, sagen sie beim Interviewtermin am Rande des Feldes, seien in Gelmeroda gegen das Gewerbegebiet.

Auch Grüne im Stadtrat fragen nach dem Sinn

Unterstützung bekommen die Gegner von der Grünen-Fraktion im Weimarer Stadtrat. Co-Vorsitzender Andreas Leps fordert ein Überdenken der Wertvorstellungen: "Wir haben auf der Fläche ja eine wirtschaftliche Nutzung, nämlich eine landwirtschaftliche - und wollen dann eine gewerbliche Nutzung draufpacken? Welche wirtschaftliche Nutzung ist eigentlich die bessere?"

Mann steht neben Haus und schaut in die Kamera
Andreas Leps, Co-Vorsitzender der Grünen-Stadtratsfraktion in Weimar Bildrechte: MDR/David Straub

Von hier fließt kühle Luft nach Weimar

Auf einer Diskussionsveranstaltung der Grünen zu dem Vorhaben am Montag fügte Leps hinzu, dass das Gebiet auf der südlichen Anhöhe über Weimar bei Gelmeroda ein wichtiges Kaltluft-Entstehungsgebiet sei. Angesichts immer heißer werdender Sommertage sei es für die Stadt Weimar wichtig, dass von den Höhenlagen am Rande der Stadt kühlere Luftzüge das Klima im Zentrum erleichterten. Die Sorge der Grünen-Abgeordneten ist, dass ein bebauter Acker diesem Entstehungsgebiet die Luft abdrehen könnte.

OB Kleine verspricht Rücksicht bei der Planung

Oberbürgermeister Kleine sagt dazu, dass dieser Aspekt im Rahmen von Gutachten eine Rolle spielen werde. Geplant werden solle so, dass diese Kühlfunktion so wenig wie möglich beeinträchtigt werde. Darüber hinaus würden alle anderen klimaökologischen Folgen in einen Umweltbericht fließen, der mit Ausgleichsmaßnahmen wie zum Beispiel Rückhaltebereichen bei Starkregen Schutz vor den Folgen der Versiegelung bieten könnte.

Zudem heißt es von der Stadt, dass Weimar derzeit zwei Entsiegelungsvorhaben verfolge, die durch eine Versiegelung bei Gelmeroda nötig und möglich wären: Das sogenannte EOW-Gelände in Oberweimar nahe des Bienenmuseums und eine Fläche neben dem Wohngebiet Weimar-West sollten renaturiert werden.

Personen sitzen bei Stadtratssitzung in Gelmeroda
Bei der Diskussionsveranstaltung der Grünen zum Gewerbegebiet am Montag in Weimar. Bildrechte: MDR/David Straub

Die Aussicht auf mögliche Umweltmaßnahmen und Renaturierungen stellt in Gelmeroda niemanden wirklich zufrieden: Ortsteilbürgermeisterin Majewski fürchtet vor allem bei Starkregen Probleme für Anwohner, die hangabwärts des großen Ackers leben und dann nicht mehr auf eine halbwegs funktionierende Versickerung des Wassers zählen könnten: "Wenn es viel geregnet hat, sind schon bei vielen die Keller voll Wasser gelaufen."

Auswirkung auf die Landwirtschaft

Bei der Veranstaltung am Montag in Weimar war auch Sylvia Gengelbach vom Landgut Weimar dabei. Ihr Betrieb hat den Acker bei Gelmeroda gepachtet. Gut fünf Prozent ihrer Anbaufläche bewirtschaften sie dort. "Das Land ist unser Produktionsgrundlage, ohne die kann ich nicht arbeiten. Es wäre dann unwiederbringlich verloren", sagt die Landwirtin. Sollte die Stadt das Gebiet wirklich planen, würde der Vertrag für die Pacht enden.

Beton statt Acker: Zahlen und Folgen

Seit Jahren verschwindet Ackerfläche in Deutschland - darin sind sich alle einig, auch wenn die Zahlen nicht ganz eindeutig sind: Zwar sank die Zahl von landwirtschaftlich genutzten Flächen insgesamt in Thüringen laut Statistischem Landesamt um fünf Prozent und insgesamt über 45.000 Hektar. Doch lässt sich nicht genau sagen, wie viel davon andere Nutzungsarten wie Weinplantagen oder auch landwirtschaftliche Gebäude beinhalten. Im Umkehrschluss ist also nicht eindeutig, wie viel genau an reiner Ackerfläche versiegelt wird.

Aus dem Thüringer Landwirtschaftsministerium heißt es, dass man weiter an einer "Netto-Null-Versiegelung" arbeite. Von den Kommunen werde verlangt, dass sie bei der Planung von neuem Bauland Flächeneinsparungen in den Blick nehmen. Darüber hinaus würden landwirtschaftliche Flächen durch Vorranggebiete in den Regionalplänen auch direkt gesichert. Doch wie sich im Fall Gelmeroda zeigt, können diese Vorranggebiete durch die Kommunen relativ leicht ausgehebelt werden.

Im Gespräch mit MDR THÜRINGEN wies Dr. Andreas Marx, Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, darauf hin, dass bei der Versiegelung von landwirtschaftlichen Flächen oft Fehler begangen würden, während es wirksame Umweltmaßnahmen gebe. So sei es zum Beispiel wichtig, dass Kommunen insbesondere auf eine effektive Flächenversickerung achteten, bei der das Regenwasser direkt unter der Oberfläche abgeleitet wird und flächenhaft versickern kann.

Gewerbegebiet als Einkommensquelle für Weimar?

Dass sich das Gewerbegebiet jemals amortisieren, sprich Gewinn bringen wird, bezweifeln die Grünen im Weimarer Stadtrat. Während die Stadt auf Gewerbesteuereinnahmen und Nebeneffekte durch Zuzüge hofft, sieht Andreas Leps das Projekt als "unwirtschaftlich" an. Zum einen sei nicht klar, für wie viel die Stadt die Fläche kaufen könne. Denn sie müsste wegen ihres Vorkaufsrechtes am Ende den Preis bezahlen, den auch andere Kaufinteressenten bereit wären zu zahlen. Außerdem, so formuliert es Leps, seien die Entwicklungskosten für das Gebiet unkalkulierbar.

Weimar: Kulturstandort oder Gewerbemagnet?

Die Stadtverwaltung um OB Kleine möchte neue Firmen anziehen, und den "Wirtschafts- und Kulturstandort" sichern, nennt bisher aber noch keine konkreten Ideen für derartige Unternehmen.

Kritiker wie die Grünen oder die Menschen in Gelmeroda beziehen sich derweil auf die gute Beschäftigungslage und fordern, sich mehr um die schon angesiedelten Firmen zu kümmern. Andreas Leps sieht diesbezüglich keine Notwendigkeit für umfassende Neuansiedlungen: "Wir haben bereits eine schrumpfende und alternde Bevölkerung und gleichzeitig einen immensen Fachkräftemangel."

Meisten Flächenbesitzer wollen wohl nicht verkaufen

Die Stimmung am Rande des Feldes bleibt sachlich, aber bestimmt. Was denn sei, wenn der Stadtrat wirklich für die Planung eines Gewerbegebietes stimmt? "Ich werde meinen Flächenanteil nicht an die Stadt verkaufen", sagt Ortsteilbürgermeisterin Majewski, "mein Mann auch nicht. Auf keinen Fall. Wir brauchen das einfach." Ein anderer sagt: "Die meisten werden nicht verkaufen."

Oberbürgermeister Kleine kündigt gleichzeitig an, dass mit allen Eigentümern gesprochen werden soll. Sollte jemand nicht verkaufen wollen, könnten beispielsweise ein Flächentausch oder eine Umlegung eine Option sein. Ob das alle gut finden, ist fraglich: Am Rande des Ackers denken die versammelten Einwohner Gelmerodas bereits darüber nach, juristische Schritte einzuleiten, damit sie ihren Acker behalten können.

MDR (seg/mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 14. Juli 2022 | 18:05 Uhr

14 Kommentare

maheba vor 11 Wochen

Was soll sich denn dort ansiedeln. Ich denke mal wieder das althergebrachte wie Speditionen, Logistik etc.. Also alles wieder mal im Niedrieglohnbereich.
Gewerbe sieht anders aus. Hierfür würde ich meinen Acker nicht hergeben.
Die Zeiten des billigen Ostens sollten vorbei sein. Oder?

Quercus vor 11 Wochen

Flächenversiegelung einhergehend mit dem Entzug landwirtschaftlicher Produktionsfläche finde ich äußerst kritisch und widerspricht dem Nachhaltigkeitsgedanken. Ich bin keineswegs ein Grüner, jedoch sollte das Gut Boden mehr geachtet werden. Klimaschutz und Klimanpassung, wirtschaftliche Entwicklung, Bodenschutz, Erhalt der Biodiversität müssen mind. als gleichrangige Ziele verfolgt werden und nur in besonderen Fällen ist der wirtschaftlichen Entwicklung bei solchen großen Vorhaben der Vorzug zu geben.
Mehr Versiegelung bedeutet eben auch mehr Aufheizung, Negierung des Wasserhaushaltes, Verlust wichtiger Flächen für die Nahrungsmittelproduktion. Wenn es doch versiegelt wird, müsste mind. im gleichen Maß entsiegelt werden so wie es der frühere Minister Reinholz in der thür. Bodenschutzpolitik für dieses Jahrzehnt erreichen wollte. Neue Industriegebiete sollten wenn mgl. auch der Energieproduktion mittels Windkraft usw. dienen, damit der Nutzen der schädigenden Versiegelung höher wiegt.

Tamico161 vor 11 Wochen

Also ich wäre sofort dafür! Ein schönes großes Logistikzentrum mit namhaften Namen. 1000 LKWs am Tag und unzählige Kleintransporter. Produzierendes und Wertschöpfendes Gewerbe braucht es nicht. Nach wie vor Werkbänke im Niedriglohnsektor und vielleicht noch 3 Autohäuser. Natürlich Filialen aus München, Kassel und Dortmund.

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