Polizei "Nordkreuz"-Ermittlungen: 25 Patronen und eine Spur nach Thüringen

Vor mehr als einer Woche sind Informationen aufgetaucht über angeblich verschwundene Munition aus dem Thüringer Landeskriminalamt. Im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen das rechtsextreme Polizisten- und Soldatennetzwerk "Nordkreuz" war Munition entdeckt worden, die möglicherweise aus Thüringen stammt. Das LKA dementiert ein Verschwinden von Munition. Woher die 25 Patronen kommen, bleibt aber weiter unklar.

Ein mehrteiliges Gebäude von oben
Das Landeskriminalamt in Erfurt. Bildrechte: IMAGO

Es war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Im vergangenen September erreichte das Thüringer Landeskriminalamt ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Schwerin. Die Thüringer sollten den Verbleib von 25 Patronen des Kaliber 9x19 mm Luger mit verzinntem Vollmantel-Geschoss klären.

Dazu gab es von den Ermittlern aus Mecklenburg-Vorpommern auch eine entsprechende Chargennummer: DAG 14A0703. Diese Nummer könnte in dem gesamten Ermittlungskomplex für das LKA das Zünglein an der Waage werden, bei der Frage: Ist Thüringer LKA-Munition an das rechtsextreme Polizei- und Soldatennetzwerk "Nordkreuz" gelangt oder nicht?

Insgesamt 55.000 Schuss Munition entdeckt

Im Juni 2019 durchsuchten Staatsschützer des LKA Mecklenburg-Vorpommern mehrere Wohnungen und private Gelände. Die Razzia war Teil der seit 2017 laufenden Ermittlungen gegen mutmaßliche Mitglieder von "Nordkreuz". Dabei entdeckten die Ermittler über 55.000 Schuss Munition. Bei den späteren Auswertungen stellte sich heraus, dass der überwiegende Teil aus Behördenbeständen stammte, darunter aus sieben Länderpolizeien, der Bundespolizei und der Bundeswehr.

Die Spur führte dabei auf einen Schießplatz in Mecklenburg-Vorpommern, auf dem Spezialeinheiten der Polizei und der Bundeswehr trainieren. Dort angestellt war Marko G., bei dem die unfassbare Masse an Munition gefunden worden war. Der ehemalige SEK-Beamte aus Mecklenburg-Vorpommern gilt als einer der Hauptakteure von "Nordkreuz".

Spur führte nach Thüringen

Bei der Auswertung der sichergestellten Munition fanden die Ermittler auch 25 Patronen aus der Charge DAG 14A0703. Das brachte sie auf die Spur nach Thüringen, denn die hiesige Polizei hatte unter anderem aus dieser Charge im Jahr 2014 Munition gekauft. Auch Beamte des Thüringer Spezialeinsatzkommandos aus dem LKA verwendeten diese Patronen - und auch sie waren zu Schießübungen auf besagtem Trainingsplatz in Mecklenburg-Vorpommern.

Woher kam die Munition?

Die Staatsanwaltschaft Schwerin leitet den Fall "Nordkreuz", der insofern brisant ist, weil die Gruppe im Verdacht steht, schwere staatsgefährdende Straftaten geplant zu haben. So sollen sich Mitglieder von "Nordkreuz" auf den Zusammenbruch der Gesellschafts- und Staatsordnung an einem "Tag X" vorbereitet haben.

Sie glaubten, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung werde private und öffentliche Haushalte verarmen lassen. Sie sahen die bevorstehende Krise als Chance, "Vertreter des politisch linken Spektrums festzusetzen und mit ihren Waffen zu töten", heißt es von der Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungsakten.

Deshalb wollten die Ermittler auch klären, wie Marko G. an die 55.000 Schuss Munition gekommen war. Der Verdacht liegt nahe, dass es auf dem Schießtrainingsplatz passiert sein kann. Denn immer wieder stießen die Ermittler auf Hinweise, dass dort bei Schießtrainings Munition in rauen Mengen lag und angeblich nicht dokumentiert worden war. Daher sollte auch geklärt werden, wie die 25 Schuss aus der fraglichen Charge in seinen Besitz gekommen waren.

Der Lauf einer Pistole, davor liegt eine 9mm Patrone.
Eine 9 mm Patrone. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Staatsanwaltschaft ermittelt nicht in Thüringen

Das Thüringer Landeskriminalamt bekam den Prüfauftrag von der Staatsanwaltschaft Schwerin. Doch bei einer Tiefenprüfung im September 2019 konnte kein Verlust von Munition aus dieser Charge festgestellt werden, teilte das LKA MDR THÜRINGEN mit.

Als vor einer Woche erneut in Medien berichtet wurde, dass Munition im Rahmen der "Nordkreuz"-Ermittlungen aus Thüringen verschwunden sei, teilte das LKA mit, dem sei nicht so. Es gebe zur Prüfung vom Herbst 2019 und den an die Staatsanwaltschaft Schwerin übersandten Informationen keinen neuen Stand.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin teilte auf MDR THÜRINGEN-Anfrage mit, dass es derzeit keine Ermittlungen gegen Beamte aus Thüringen gebe. Dies habe den Hintergrund, dass die Herkunft der 25 bei Marko G. gefundenen Patronen nicht mehr eindeutig geklärt werden konnte. Denn auch andere Länderpolizeien hätten Munition aus der Charge DAG 14A0703 erhalten und auch ihre Spezialeinheiten seien zum Training auf dem Platz gewesen. Damit bleibt offen, ob Patronen aus Thüringen unter den 25 Stück gewesen waren.

Keine Waffen in Thüringer Polizei verschwunden

In der Thüringer Polizei sind in den vergangenen sieben Jahren 26 Patronen aus Dienstwaffen verschwunden, das geht aus einer Übersicht der Landespolizeidirektion hervor, die MDR THÜRINGEN vorliegt. Zudem ist in den Jahren 2016 und 2018 jeweils ein Stangenmagazin aus der Maschinenpistole MP 5 verschwunden. Die beiden Magazine wurden später in Fahrzeugverkleidungen der Dienstwagen wiederentdeckt.

Im Vergleich dazu sind in der doppelt so großen Landespolizei Niedersachsen in den vergangenen fünf Jahren fünf Dienstwaffen und 80 Schuss Munition verschwunden. In der Bundeswehr verschwanden zwischen 2014 und 2019 rund 19.500 Schuss Munition spurlos. Dazu kommen noch 39 Waffen und 39 Waffenteile. Dagegen ist in der Thüringer Polizei in den vergangenen zehn Jahren keine einzige Dienstwaffe abhandengekommen, teilte die Landespolizeidirektion auf Nachfrage mit.

"Nordkreuz" Seit 2017 ermittelt die Generalbundesanwaltschaft gegen die Gruppe "Nordkreuz", die im Verdacht steht, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat geplant zu haben.

Laut Verfassungsschutz stammen die meisten Personen der Chat-Gruppe "Nordkreuz" aus dem Umfeld von Polizei und Bundeswehr.

30 Personen der Gruppe sollen "Prepper" sein. "Prepper" versuchen sich mit Vorräten auf ein weitgehend autarkes Leben während einer schweren Krise oder dem Zusammenbruch staatlicher Strukturen vorzubereiten. Dafür wird von manchen "Preppern" auch der Einsatz von Schusswaffen eingeplant.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 22. Juni 2020 | 08:00 Uhr

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