Nach der Haft Leben als Ex-Häftling: Gelingt es, straffrei zu bleiben?

Zwölf Monate Gefängnis wegen Fahrens ohne Führerschein, Urkundenfälschung und Alkohol am Steuer in der JVA Untermaßfeld liegen hinter Tony. Insgesamt verbrachte er acht Jahre seines Lebens hinter Gittern. MDR exakt-Reporter Thomas Kasper begleitet Tony, der bis vor kurzem Dauergast in deutschen Gefängnissen war.

Aber Tony hat große Pläne: Er will nie wieder ins Gefängnis, er möchte sein Leben selbst gestalten und seine kleine Tochter nicht noch einmal enttäuschen. Nach Erfurt soll es gehen, sagt er. Nach Eisenach, wo er seine Zeit vor der Haft verbracht hat, möchte er nicht zurückkehren. Aber einfach ist die Umsetzung dieses Wunsches nicht, denn als Tony im Januar dieses Jahres aus der Haft entlassen wird, hat er: keine Wohnung, kein Geld, keine Krankenversicherung, kein Konto, keine Arbeit. Wie soll es dem Familienvater gelingen, unter diesen Voraussetzungen, nicht wieder in alte Muster zu fallen?

Straffrei bleiben

65.000 Menschen sitzen in Deutschland hinter Gittern – viele sind Wiederholungstäter. Wie kann es ihnen gelingen, straffrei zu bleiben? Thomas Jakob von der Generalstaatsanwaltschaft in Jena sagt: "Die Hauptfaktoren sind tatsächlich, dass das soziale Umfeld in der Form stabil ist. Dass man sagen kann, es gibt einen ausreichenden finanziellen Rahmen und idealer Weise auch eine familiäre und soziale Anbindung soweit sie existiert. Es muss ein Wohnraum da sein und ideal ist, dass eine Arbeitsperspektive existiert."

Das ist oft schwierig. Auch für Tony, der frisch entlassen wurde. Dringend benötigt er eine neue Postanschrift, damit Behördenpost zugestellt werden kann. Er meldet sich dazu beim Obdachlosenheim der Caritas an. Das neue Leben in Freiheit ist zunächst ein Marathon durch Ämter. Alle diese bürokratischen Hürden hätten bereits am Ende der Haftzeit, aus dem Gefängnis heraus, in Angriff genommen werden müssen – doch das passierte nicht. Jetzt helfen Tonys Schwester und seine Familie.

Kritik an Strafvollzug

Rechtsanwalt Dr. Thomas Galli ist ein scharfer Kritiker des Strafvollzugs in Deutschland. Er war 15 Jahre lang Gefängnisdirektor in Bayern und in Sachsen. Aus seiner Sicht müsse man sich Gedanken machen, was mit einer Strafe erreicht werden solle:

Ein Mann blickt in die Kamera
Dr. Galli kritisiert, dass es 50.000 Haftantritte pro Jahr wegen Geldstrafen gibt (bezogen auf Strafen zwischen 30 Tagen und 6 Monaten). Er fragt, was man damit erreichen wolle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Und sich genau anschauen, was erreichen wir derzeit? Wenn man sich anschaut, wer alles in unseren Gefängnissen sitzt – um eine Zahl zu nennen: 50.000 Menschen werden pro Jahr für die Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe inhaftiert. Das sind Menschen, die Schwarzgefahren sind oder in sehr kleinem Umfang etwas mit Drogen gemacht haben. Da gibt es viele Fälle, wo man sagt, das ist nun wirklich keine massive Gefahr für die Allgemeinheit und müssen wir den wirklich in eine geschlossene Anstalt sperren?", fragt der Rechtsexperte und ergänzt: "Was kommt dabei hinten wieder heraus?"

Kein Wegzug möglich?

Tony hat mittlerweile Post vom Jobcenter bekommen. Die Dinge ändern sich bei ihm zum Besseren und zugleich rückt Tony von seinen ursprünglichen Plänen ab. Er wird nicht aus Eisenach wegziehen, seine finanzielle Situation lässt das aus seiner Sicht nicht zu: "Somit hat sich das mit Erfurt erledigt. Deshalb bleibe ich hier. Ich habe lieber meine kleine Tochter 14 Tage bei mir und bringe sie in den 14 Tagen selber in den Kindergarten", sagt er.

Eine Therapie hat Tony nach der Haft nicht begonnen. Er gehe "nebenbei" zu einer Suchtberatung und wolle sich Arbeit suchen.

Wiedereingliederung in die Gesellschaft

Im März 2021 ist Tony genau zwei Monate auf freiem Fuß. Er hat damit die kritische Zeitspanne, in der viele Straftäter rückfällig werden, gut gemeistert. Bekannt ist, dass sich häufig in den ersten vier Wochen in Freiheit entscheidet, ob die Wiedereingliederung gelingt.

Tonys Tochter lebt jetzt dauerhaft bei ihm. Seine Ex- Freundin war mit vielen Alltagsdingen überfordert und das Jugendamt hatte sich bereits eingeschaltet. Tony ist jetzt für die Stabilität im Leben seiner Tochter maßgeblich verantwortlich. Doch der Schatten der Vergangenheit lastet auf ihm: Zwar hält er sich vom Milieu fern, doch die alten Kumpel aus dem kriminellen Umfeld lassen Tony nicht in Ruhe.

Haft und Armut

Der ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli verweist darauf, dass Gefängnis oft auch etwas mit Armut zu tun hat, aus der es kaum ein Entrinnen gibt: "Man muss sich vor Augen führen, dass in unseren Haftanstalten, da sitzt kein Querschnitt der Gesellschaft. Manager sind dann zwar prominente Fälle, aber das ist die Ausnahme. Die absolute Mehrheit hat einen bestimmten sozialen Hintergrund, kommt oft aus etwas schwierigen sozialen Verhältnissen; mit Drogenmissbrauch oft schon in der Kindheit oder Jugend und oft mit abwesendem oder prügelndem Vater", sagt Galli. Er erklärt weiter:

Und in diesen Milieus ist es eben oft so, dass Konflikte noch viel stärker mit Gewalt gelöst werden und die Menschen kommen nach der Haft in diese Milieus wieder zurück und nehmen dann die Normen an, die in diesen Milieus herrschen.

Dr. Thomas Galli, Rechtsanwalt

Landleben für die Familie

Im Sommer 2021 hat Tony einen neuen Plan – er will mit seiner Tochter aufs Land ziehen. Im Städtchen Creuzburg schaut er sich Immobilien an. Zwar hat Tony statt Geld nur Schulden – doch er träumt von einem Häuschen, das er über Mietkauf erwerben könnte. "Hauptsache weg aus der Stadt", sagt Tony. Auf Nachfrage erklärt er, warum er wegziehen möchte: "Mir gefällt das dort alles nicht mehr, die ganzen alten Leute. Und weil der Stress niemals aufhört. Die fangen immer wieder von vorne an." Er wolle Ruhe und endlich einen Neuanfang.

Tony ist ein halbes Jahr in Freiheit. Die Startbedingungen bei der Haftentlassung waren denkbar schlecht und doch hat er es bis heute geschafft, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Quelle: MDR exakt/nvdw

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 11. August 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus Thüringen