Nationalsozialismus Sömmerda, Ettersburg, Weimar - NS-Zwangsarbeit fand quasi vor jeder Haustür statt

11. Mai 2024, 06:22 Uhr

Bis 1945 schufteten 500.000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa in Thüringen. Sie arbeiteten in der Rüstung, auf dem Bau, bei Handwerkern oder in der Landwirtschaft. Es waren nicht nur Frauen und Männer, auch Kinder wurden ausgebeutet oder sie starben wegen Mangelversorgung. Beispiele aus Ettersburg und Sömmerda zeigen, wie schwierig das Erinnern ist.

Die Arbeit im Forst ist hart. Säge, Axt, Spalthammer, keine Technik, höchstens ein Rückepferd hilft den Frauen, die Baumstämme aus dem Wald zu holen. Polinnen im Alter von 17 bis 62 Jahren sind bis 1945 im Bereich des Forstamtes Ettersburg eingesetzt. Holz wird dringend für die Wehrmacht gebraucht.

Wie hart sie arbeiten müssen, zeigt die Verpflegungskarte, die für Schwerarbeiter größere Rationen vorsieht. Das Forstamt beklagt gegenüber der zuständigen Behörde, dass die Frauen ungenügend gekleidet seien, vor allem das Schuhwerk eigne sich nicht, schreibt der Förster. Ein Weimarer Handwerker liefert daraufhin 15 Paar Holzgaloschen im Wert von 58 Reichsmark.

Zum Aufklappen: Was ist Zwangsarbeit?

Arbeit, die mit nicht-wirtschaftlichem Zwang und unter Androhung von Strafe verlangt wird. Unter Zwangsarbeit im Nationalsozialismus versteht man insbesondere die Verschleppung und Ausbeutung von über 13 Millionen ausländischen KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und zivilen Arbeitskräften in Deutschland.

Zwangsarbeit gab es auch in Ghettos, Arbeitserziehungslagern und anderen Lagern im gesamten besetzten Europa und betraf insgesamt etwa zwanzig Millionen Menschen. Deutsche Jüdinnen und Juden und deutsche Häftlinge leisteten ebenfalls Zwangsarbeit. Daneben herrschte in vielen besetzten Ländern ein allgemeiner Arbeitszwang für die Zivilbevölkerung.

Davon abzugrenzen sind die Arbeitspflichten für die deutsche Bevölkerung (Reichsarbeitsdienst, Dienstverpflichtung, Landjahr), die unter völlig anderen Bedingungen stattfanden.

Quelle: bpb

Frauen zur Abtreibung gezwungen

Am 30. Januar 1944 kommt Nadeshda Tschernewa im Ostarbeiterlager Ettersburg zur Welt. Viel Lebenszeit bleibt ihr nicht. Bereits am 23. September 1944 wird der Totenschein ausgestellt. In den erhalten gebliebenen Unterlagen ist die Lieferquittung für einen Kindersarg. Wo das Baby begraben wird, ist unbekannt.

Mit zunehmendem Arbeitskräftemangel Ende 1943 wurden viele Frauen zur Abtreibung gezwungen. Wenn es doch zu Geburten kam, wurden den Frauen die Kinder weggenommen und in sogenannte Ausländerkinder-Pflegestätten gebracht, wo sie systematisch vernachlässigt wurden und starben.

Prof. Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald

Nadeshdas Schicksal war kein Einzelschicksal. In diesem Ostarbeiterlager bei Weimar gab es viele Babys und auch größere Kinder, die offenbar mit ihren Müttern ins Lager gekommen sind. "Bis Ende 1943 wurden schwangere Polinnen nach Hause geschickt", sagt Prof. Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. "Mit zunehmendem Arbeitskräftemangel Ende 1943 wurden viele Frauen zur Abtreibung gezwungen. Wenn es doch zu Geburten kam, wurden den Frauen die Kinder weggenommen und in sogenannte Ausländerkinder-Pflegestätten gebracht, wo sie systematisch vernachlässigt wurden und starben."

Solche Heime gab es in Thüringen an fast jedem Krankenhausstandort, so auch in Weimar in der Eduard-Rosenthal-Straße, wo heute die Landespolizeiinspektion untergebracht ist.

Ein Foto einer Zwangsarbeiterin die an einer Maschiene arbeitet.
Ostarbeiterin Bronja in der Betriebszeitung Olympia Erfurt. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Spurensuche in Sömmerda und Umgebung

Nicht nur in der Gauhauptstadt gab es Zwangsarbeiter. Auch im benachbarten Sömmerda. Auf der einen Seite ist die Stadt noch in den 40er-Jahren ländlich geprägt, hat etwas mehr als 12.000 Einwohner. Auf der anderen Seite ist sie Standort großer Rüstungsbetriebe wie der Rheinmetall Borsig AG oder des Munitionsherstellers Selkado. 1938 arbeiten mehr als 12.800 Menschen in der Rüstungsschmiede, 1940 sind es schon mehr als 15.000. Tausende Zwangsarbeiter halten den Betrieb am Laufen.

Mehr als 6.000 sind es bis 1945. Auf je zwei Sömmerdaer Einwohner kommt ein Zwangsarbeiter. Sie arbeiten bei den Bäckermeistern, in der Möbelfabrik oder in der Autowerkstatt. Und wieder sind auch Kinder darunter. Der Historiker Dr. Frank Boblenz hat intensiv nach den Kindern recherchiert. "Für Sömmerda kann man 200 sowjetische Kinder nachweisen, von denen 50 gestorben sind."

Außenansicht des Museums Zwangsarbeit im NS in Weimar 41 min
Bildrechte: Thomas Müller, Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus

Ein weiteres Einsatzgebiet für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ist die Landwirtschaft. Hier sind die Zwangsarbeiter die einzigen Männer auf dem Hof. In Schlossvippach gibt es drei Bauernhöfe, auf denen die Bäuerin nur mit Zwangsarbeitern die Wirtschaft am Laufen halten kann. In Kleinmölsen bewirtschaftet ein 15-jähriges deutsches Mädchen mit ihrem jüngeren Bruder und Zwangsarbeitern ein ganzes Gut

Ein Luftbild des Geländes der Rheinmetall-Borsig AG in Sömmerda.
Luftbild der Alliierten vom 11. September 1944 -Gelände der Rheinmetall-Borsig AG in Sömmerda Bildrecht GDI-Th. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Kampf ums Überleben

Die Zwangsarbeiter werden gnadenlos ausgepresst. Arbeitstage von zwölf Stunden sind die Regel. Die Verpflegung ist einseitig und oft nicht ausreichend, so dass Zwangsarbeiter aus Fabriken am freien Sonntag zu den Bauern aufs Land gehen, um für Essen zu arbeiten.

Da hat man zielgerichtet im Werk gefragt, wer bereit ist, als Aufseherin zu arbeiten. 27 wurden als tauglich befunden und wurden zur Ausbildung mit einem Sammeltransport ins Frauen-KZ Ravensbrück geschickt.

Dr. Frank Boblenz

Am 19. September 1944 kommen mehr als 3.000 ungarische Jüdinnen in Sömmerda an und werden in ein eilends eingerichtetes Außenlager des KZ Buchenwald gebracht. Sie sollen in der Rheinmetall Borsig AG arbeiten. Das Unternehmen ist mit dafür verantwortlich, die Bewachung zu organisieren.

"Da hat man zielgerichtet im Werk gefragt, wer bereit ist, als Aufseherin zu arbeiten. 27 wurden als tauglich befunden und wurden zur Ausbildung mit einem Sammeltransport ins Frauen-KZ Ravensbrück geschickt", so Dr. Frank Boblenz.

Der Historiker hat bei seinen Recherchen auch eine Postkarte einer jungen Frau gefunden, die ihrer Familie schreibt: "Es ist wunderbar (in Ravensbrück), gute Verpflegung und schönes Wetter. Schreibt mir recht bald mal, denn wir werden vielleicht schon nächste Woche eingesetzt, da geht es ab." Das Lager ist nur wenige Monate in Betrieb. Die ungarischen Jüdinnen werden im April 1945 auf einen Todesmarsch geschickt. Wie viele von ihnen überlebt haben, ist nicht geklärt.

Ein Propagandaplakat für Zwangsarbeit zeigt einen Arbeiter.
Ein Propagandaplakat für Zwangsarbeit. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

Schwierige Erinnerung

Was wurde aus den jungen Frauen aus Sömmerda und Umgebung, die als Aufseherinnen für die SS arbeiteten? Boblenz sagt: "Die strafrechtliche Verfolgung ist später nur partiell nachvollziehbar, ohne das relevante Sanktionen erfolgten."

In Ost- und Westdeutschland ist das Thema Zwangsarbeit viele Jahre ein Tabuthema, wird totgeschwiegen. Und das, obwohl bis zum Ende der 50er-Jahre noch ehemalige jüdische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Deutschland auf eine Emigration warten.

Tatsächlich war die Zwangsarbeit ein öffentliches Verbrechen. Es gibt kein Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, das unter Mitwisserschaft und Mittäterschaft derart vieler Menschen stattgefunden hat.

Prof. Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald

Prof. Jens-Christian Wagner sagt ganz klar: "Tatsächlich war die Zwangsarbeit ein öffentliches Verbrechen. Es gibt kein Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus, das unter Mitwisserschaft und Mittäterschaft derart vieler Menschen stattgefunden hat."

Ein alter Arbeitsausweis  eines Mannes aus Italien.
Ausweis für die Baustelle Niedersachswerfen für einen italienischen Zwangsarbeiter. Bildrechte: MDR/Dagmar Weitbrecht

In Sömmerda entsteht jetzt ein Gedenkprojekt, das in vier Stationen sowohl an die jüdischen Frauen als auch an die sowjetischen Kriegsgefangenen erinnern soll. Die Frage nach den Tätern soll nicht ausgeklammert werden.

Doch was ist mit dem Baby Nadeshda? Wie kann an die toten Kinder und Babys der Zwangsarbeiterinnen erinnert werden? Wie geht die Zivilgesellschaft heute mit den Orten um, an denen Babys nicht versorgt und dem Tod preisgegeben wurden?

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (jn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Kulturnacht | 12. Mai 2024 | 22:00 Uhr

27 Kommentare

Harka2 vor 9 Wochen

@Ilse
Selbstverständlich ist es feige, wenn man sich durch Selbstmord der Verantwortung für die eigenen Taten entzieht. Gerade mit dem Selbstmord haben Täter wie Hitler, Göring, Goebbels, Himmler und so viele andere ihre Feigheit bewiesen. Sie waren "mutig" als sie vom sicheren Schreibtisch aus die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte befahlen, aber sie waren zu feige, dafür die Verantwortung zu tragen. Sie wussten um ihre Verbrechen, aber ihnen fehlte der Mut, dazu zu stehen. Wenn das kein Beweis für Feigheit ist, was dann?

Harka2 vor 9 Wochen

@Ilse
Und wessen schuld war das? Bestimmt nicht die der Häftlinge! An den Endzeitmorden war auch keineswegs nur die SS oder Waffen-SS beteiligt. Wollen sie etwa dieser Täter gedenken? Ich hoffe nicht.

Ilse vor 9 Wochen

Harka2

Ihr SED-Sprech "feige Selbstmord" ist mir auch noch in den Ohren aus der Schule, aber Selbstmord ist alles andere als feige, ganz im Gegenteil, er ist endgültig ohne Wiederkehr u. nur Dumme würden das als feige bezeichnen.

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