Arbeit Co-Working im Eichsfeld: Eine neue Arbeitsform auf dem Land

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Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Mit der Corona-Pandemie hat sich das Arbeiten im Homeoffice etabliert. Doch die Voraussetzungen dafür sind oft nicht optimal. Eine Alternative bieten Co-Working-Spaces. Im April eröffnete in Heiligenstadt ein solches Büro, das für Menschen verschiedener Branchen offen steht. Ein Besuch vor Ort.

Blick in einen Co-Working-Space
Seit April stehen in Heiligenstadt 15 Co-Working-Arbeitsplätze zur Verfügung. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Mitten in Heiligenstadt, nahe der Fußgängerzone, steht ein großer, geschmackvoll sanierter Backsteinbau mit großen Glasfenstern, ein ehemaliges Druckereigebäude. In der ersten Etage standen einst die Druckmaschinen. Das ist längst Vergangenheit; heute arbeiten hier keine Drucker mehr, sondern Menschen verschiedener Berufe. Im April ist das erste Co-Working-Space Nordthüringens dort eingezogen: das Co-Working Eichsfeld.

Was ist Co-Working?

Co-Working bedeutet wörtlich übersetzt "nebeneinander arbeiten" oder "zusammenarbeiten" und trat als Konzept erstmals in den USA auf. Co-Working findet zumeist in sogenannten Co-Working-Spaces statt.

Eine der Leitideen ist, dass Menschen verschiedenster beruflicher Hintergründe aufeinandertreffen, die die im Space vorhandene Infrastruktur zusammen nutzen. Durch die gemeinsame Nutzung und Interaktion können so Synergieeffekte und neue Projekte entstehen.

(Quelle: Bundesverband Coworking Spaces e.V.)

Was ist ein Co-Working Space?

Co-Working-Spaces sind Räume, in denen Arbeitsplätze und Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Scanner, Fax, Telefon, Beamer, Besprechungsräume) zeitlich befristet zur Verfügung gestellt werden. Dort können Nutzer (Co-Worker) aus verschiedenen Tarifen wählen, wann, wie häufig und wie lange sie den Space nutzen wollen und welche technischen und digitalen Dienste sie benötigen. Der Unterschied zur Bürogemeinschaft ist die Mischung verschiedener Berufe und die geringere Verbindlichkeit.

(Quelle: Bundesverband Coworking Spaces e.V.)

Foyer eines Co-Working-Spaces mit Schaukel
Die Schaukel im Co-Working-Space in Heiligenstadt ist für alle da. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Betritt man den Raum, fällt der Blick sofort auf eine breite Schaukel. Sie wirkt einladend, wie sie da so hängt. Wie oft sitzt jemand darauf? "Sehr oft", sagt Claudio Garcia und lächelt. Er ist Schatzmeister im Verein Co-Working Eichsfeld und hat das Co-Working-Space mit initiiert. An diesem Montag Anfang Mai sind drei Leute hier, eine nimmt im großen Meetingraum an einer Videokonferenz teil, ein anderer sitzt konzentriert vorm Bildschirm. Die Atmosphäre wirkt entspannt und gleichzeitig kreativ, es ist ruhig. Hier zu arbeiten, muss angenehm sein.

Das Schöne am Co-Working-Space ist, dass man es flexibel nutzen kann.

Claudio Garcia Coworking Eichsfeld e.V.

Und hier arbeiten kann im Grunde jeder, der dazu lediglich einen Laptop braucht. Freiberufler, Angestellte, Steuerberater, Kreative oder Start-ups haben hier die Möglichkeit, für einen oder mehrere Tage, eine Woche, einen Monat oder sporadisch einen Arbeitsplatz zu mieten. "Das Schöne am Co-Working-Space ist, dass man es flexibel nutzen kann", sagt Claudio Garcia.

Zu Hause fehlt oft die Infrastruktur

Er selbst ist für ein Medizintechnik-Start-up in Göttingen tätig. "Wenn ich zu Hause arbeite, fällt mir nach zwei Tagen die Decke auf den Kopf. Vielen geht es ähnlich. Zu Hause fehlt oft die Infrastruktur und dann muss man in der Küche arbeiten, weil es kein Arbeitszimmer gibt. Zudem fehlt die Gemeinschaft."

Blick auf ein saniertes Backsteingebäude mit großer Fensterfront
Das alte Druckereigebäude in der Innenstadt von Heiligenstadt: In der ersten Etage befindet sich das Co-Working-Space. (vorne links: Claudio Garcia) Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

2020, während der Hochphase der Corona-Pandemie, als viele im Homeoffice arbeiteten, haben sich im Norden Thüringens Gleichgesinnte gefunden, erzählt Claudio Garcia: "Leute, die Bedarf an Co-Working haben, Menschen aus dem Eichsfeld und die Eigentümer der Immobilie."

Die Gruppe, zu der auch Claudio Garcia und seine Frau gehören, organisierte eine Umfrage in der örtlichen Zeitung, "um den Bedarf an Co-Working abzufragen". 160 Leute aus der Region hätten sich daraufhin gemeldet. "Das war für uns der Startpunkt", sagt Claudio Garcia.

Wir sind noch am Anfang.

Claudio Garcia Coworking Eichsfeld e.V.

2021 gründeten sie den Verein "Co-Working Eichsfeld", der heute 15 Mitglieder hat. "Die Vereinsmitglieder sind die, die das Projekt ideell unterstützen und auch die Arbeitseinsätze machen. Wir sind noch am Anfang." Das Co-Working Eichsfeld ist kein Projekt zum Geldverdienen.

Wir machen das als Verein ehrenamtlich, weil wir positive Impulse setzen wollen.

Claudio Garcia Coworking Eichsfeld e.V.

Claudio Garcia: "Das ist kein einträgliches Geschäftsmodell auf dem Land. Wir machen das als Verein ehrenamtlich, weil wir positive Impulse setzen wollen: für Gründerinnen und Gründer, für Menschen, die sonst pendeln müssten und für alle, die Projekte anschieben wollen und da fruchtbaren Boden benötigen."

"Der Bedarf im ländlichen Bereich ist da, aber es braucht hier andere Strukturen, ein anderes Modell. Es wird sich allein nicht tragen", bestätigt Nicole Sennewald, Gründerin des Co-Working-Spaces Krämerloft in Erfurt. Das sei in großen Städten anders. Das Krämerloft zum Beispiel biete 120 Arbeitsplätze auf 1.400 Quadratmetern. "Nur wenige in Thüringen machen das wie wir in Vollzeit und erfolgreich", sagt Nicole Sennewald.

Thüringen ist bei Co-Working-Arbeitsplätzen Schlusslicht

Überhaupt sei Thüringen das Schlusslicht unter den Bundesländern im Verhältnis Co-Working-Arbeitsplätze pro Einwohner. "Wir sind weit abgeschlagen auf dem letzten Platz", sagt Nicole Sennewald. Zwischen fünf und zehn Co-Working-Spaces gibt es im Freistaat, vor allem in Erfurt und Jena.

Doch das ändere sich gerade. Der Bedarf wachse. Nicht zuletzt die geänderten Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie haben das befeuert. "Da bewegt sich etwas. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden in Schweina, Eisenach und Gotha Co-Working-Spaces entstehen."

Zwei Meetingräume, 15 Arbeitsplätze, Lounge-Terrasse

Das Co-Working-Space in Heiligenstadt ist offen, großzügig und hell; an der Fensterfront gibt es 15 Arbeitsplätze mit Monitor, Tastatur, Steckdosen. Im hinteren Bereich steht ein großer Tisch aus Holzbohlen, daneben eine Küchenzeile, "die offene Tee- und Kaffeeküche", wie Claudio Garcia sagt.

Zwei Meetingräume, ein großer für bis zu zehn Personen und ein kleiner für drei bis vier Personen, sind mit Glastüren abgetrennt und verschließbar. Auf einer Empore stehen Sofas um einen kleinen Tisch, Sitzsäcke sind verteilt. "Das ist unsere Lounge-Terrasse", sagt Claudio Garcia.

Arbeitsplätze in einem Co-Working-Space
An der großen Fensterfront im Co-Working-Space in Heiligenstadt gibt es 15 Arbeitsplätze. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Die Sanierung des Gebäudes haben die Eigentümer übernommen, der Verein habe mit Arbeitseinsätzen unterstützt, ist Mieter des historischen Drucksaales und vermietet die Arbeitsplätze und Meeting-Räume weiter.

Geist der Druckerei soll fortleben

Hier und da ist ein Stück Mauer im weißen Putz freigelassen, kleine Relikte aus der Druckerei, die sich jahrzehntelang hier befand, stehen überall: Schreibmaschinen, ein historischer Hauptschalter, eine Druckplatte. "Wir haben versucht, den Geist der Druckerei, der Kreativität, fortleben zu lassen", erzählt Claudio Garcia.

20 Personen arbeiten hier regelmäßig. Claudio Garcia: "Co-Working auf dem Land ist erst wirklich sinnvoll. Weil Menschen, die sonst pendeln müssen, hier professionell arbeiten können. Vielleicht schaffen wir es auch, ein paar Leute in die Region zurückzuholen und die Innenstadt zu beleben."

Ich habe hier vernünftige Schreibtische und Bürostühle, schnelles Internet und Menschen, mit denen ich mich austauschen kann.

Nicole Sennewald Krämerloft Coworking Erfurt

Claudio Garcia schätzt die Vorteile des Co-Working. Es biete das Beste aus zwei Welten, dem Homeoffice mit seinen kurzen Wegen und dem Büro mit den Kollegen. "Deswegen bezeichnet man Co-Working-Spaces auch als dritte Orte", sagt der 28-Jährige. "Ich habe hier vernünftige Schreibtische und Bürostühle, schnelles Internet und Menschen, mit denen ich mich austauschen kann", sagt auch Nicole Sennewald.

Großer Holztisch mit Stühlen
In der offenen Tee- und Kaffeeküche im Co-Working-Space in Heiligenstadt kann man sich austauschen. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Die Menschen aus unterschiedlichen Branchen könnten voneinander lernen und über den Tellerrand schauen. Dabei seien die Beweggründe, einen Co-Working-Platz zu mieten, ganz verschieden. Nicole Sennewald: "Manche brauchen die Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung, andere haben kleine Kinder zu Hause und suchen einen Platz, an dem sie konzentriert arbeiten können. Wieder andere kommen, um sich auszutauschen."

Der Arbeitgeber bezahlt den Arbeitsplatz und muss sich dann um nichts weiter kümmern.

Nicole Sennewald Krämerloft Coworking Erfurt

Nicht nur Freiberufler und Arbeitnehmer nutzen das Angebot von sich aus, auch Arbeitgeber kämen vermehrt auf die Anbieter zu. "Der Arbeitgeber bezahlt den Arbeitsplatz und muss sich dann um nichts weiter kümmern, denn hier entspricht alles den arbeitsschutzrechtlichen Vorgaben", sagt Nicole Sennewald. "Dass der Arbeitgeber die Kosten übernimmt, hat in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen."

Vision: Co-Working an verschiedenen Orten im Eichsfeld

Der Verein Co-Working Eichsfeld entwickelt schon Ideen, wie es nach der Anfangsphase weitergehen könnte. Claudio Garcia: "Die Vision ist, dass vielleicht an verschiedenen Orten im Eichsfeld Co-Working-Spaces gegründet werden. Aber wir haben hier erst angefangen. Das muss sich erstmal etablieren, dann schauen wir weiter."

Vom 13. bis zum 15. Mai findet die Cowork 2022, die größte deutsche Co-Working-Konferenz, in Erfurt statt. Etwas mehr als 100 Teilnehmer aus ganz Deutschland nehmen daran teil.

MDR (caf)

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