Heiligenstadt 270.000 Klicks für Online-Gottesdienste aus St. Aegidien

100 Gottesdienste fast ohne Besucher und trotzdem viele Zuschauer. Seit zwei Jahren überträgt die katholische Aegidien-Gemeinde in Heiligenstadt ihre Gottesdienste im Internet. Rund 270.000 Zuschauer haben sich schon reingeklickt. Die Livestreams enden an diesem Sonntag - zumindest vorläufig.

Eine Kamera steht auf der Empore, im Hintergrund das Kirchenschiff
Wenn die Kirchenbänke leer bleiben, werden in Heiligenstadt die Kameras herausgeholt. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Fast leere Kirchenbänke und dazu eine Webcam an den Altarstufen der Aegidienkirche in Heiligenstadt. So ging es vor exakt zwei Jahren los. Die erste Sonntagsmesse während des ersten Lockdowns sahen 8.000 Menschen; bis heute die meisten bei insgesamt 100 Übertragungen.

Eine Kamera steht auf der Empore, im Hintergrund das Kirchenschiff
So konnten die die Menschen zu Hause den Gottesdienst im Internet sehen. Bildrechte: MDR/Christian Simon

Weil auch beim Gottesdienst in der Aegidien-Kirche in Heiligenstadt nur noch wenige dabei sein dürfen, haben sich Christian Simon, Erik Hiesemann, Marco Bachmann und Matthias Nelz etwas einfallen lassen. Die vier Männer vom Livestream-Team gehören zur katholischen Gemeinde.

Zunächst wurde der Gottesdienst über Facebook übertragen, eine Woche später ein YouTube-Kanal genutzt. Die Gottesdienste in der Kirche wurden so wie immer gefeiert. Nur, dass der Chor aus nur zwei Sängern bestand - dazu Organist Siegfried Ihme.

Ein Kirchengebäude in rotem Backstein mit einer weißen Kerze davor.
Die Livestreams von Gottesdiensten aus der Aegidienkirche Heiligenstadt werden vorerst eingestellt. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Eine Community ist entstanden

"Wir sind immer noch überrascht, dass so viele Menschen zuschalten", sagt Simon. Quer durch Deutschland, auch international werde zugeschaut. "Der ursprüngliche Gedanke war, unserer Gemeinde in Heiligenstadt einen Zugang zum Gottesdienst zu ermöglichen", blickt Christian Simon zurück. Wenn die Menschen nicht in die Kirche können, muss die Kirche zu den Menschen kommen, sagt er. Über mittlerweile zwei Jahre habe sich eine Community aufgebaut. Auch verreiste und ausgewanderte Eichsfelder schauen zu.

Drei Kameras beleben Übertragung

Mit Laptop, Webcam und schlechtem Internet in der Kirche ging es los. "Ein Lan-Kabel direkt am Altar - das hat uns geholfen" weiß Simon zu berichten. Mittlerweile stehen drei Kameras auf der Empore und an der Kanzel. Verschiedene Kamerapositionen seien bei der Übertragung in die Wohnstuben nicht so ermüdend.

Ein Laptop, auf dem der Altarraum zu sehen ist
Im Laufe der Zeit wurden die Übertragungen immer professioneller. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Nach und nach kamen immer mehr Effekte hinzu: Stills von Kirchenfiguren, Segen vom Kirchturm, Blasmusik vom Kirchhof und eingespielte Chormusik sorgten für Abwechslung. Auch die Erstkommunionskinder wurden bei ihren Vorbereitungen gezeigt; weil nur die Familien live dabei sein durfte.

Auch Kanada guckt zu

"Es ist nicht der sture Sonntagsgottesdienst wie jede Woche", betont Simon. Jeden Sonntag gibt es so eine Online-Messe. Und jede Woche kommen neue Zuschauer dazu. Auch aus Uganda und Asien. Sogar Kanada guckt nach Heiligenstadt. Mechthild Morin aus Vancouver ist eher zufällig auf die Livestreams gestoßen, die ausgewanderte Deutsche schaut seitdem fast jeden Sonntag zu.

Wenn die Menschen nicht in die Kirche können, muss die Kirche zu den Menschen kommen.

Christian Simon Livestream-Koordinator

Bis zu 600 Menschen schauen live zu; insgesamt 270.000 Zugriffe wurden gezählt. Durchschnittlich hat jeder dieser "Zugriffe" eine Viertelstunde zugeschaut. Seit einiger Zeit werden auch die neusten Informationen der Kirchengemeine, die aktuellen Vermeldungen, eingeblendet.

Fluch und Segen

Für Gemeindepfarrer Markus Könen ist der Livestream Fluch und Segen zugleich. Einerseits sei wichtig, dass die Botschaft ankomme. Aber Pfarrer Könen vermisst die Menschen. Diese Online-Angebote könnten einen Präsenzgottesdienst nicht ersetzen; wegen der Verbundenheit und Nähe zu den Menschen, der Resonanz und des gemeinsamen Betens.

Das Stream-Team will die Kameras wieder aufbauen, wenn es die Situation erfordert. Die Kabel liegen vorerst sicher im Kirchenboden.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 20. März 2022 | 14:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus der Region Nordhausen - Heiligenstadt - Mühlhausen

Mehr aus Thüringen