Dingelstädt Welche Sorgen und Ängste die Menschen an der Klagemauer im Eichsfeld hinterlassen

Innerhalb von knapp zwei Wochen haben Dutzende Menschen ihre Sorgen und Nöten in die Klagemauer auf dem Kerbschen Berg in Dingelstädt hinterlassen. Kinder und Großeltern, Radwanderer und Klosterbesucher haben sich überwiegend anonym geäußert. Die meisten der 66 Klagen drehen sich um Ängste, Verluste und Hoffnungen in Verbindung mit der Corona-Pandemie.

Die Klagemauer auf dem Kerbschen Berg in Dingelstädt
In die Klagemauer können Zettel mit Bitten, Wünschen und Klagen gesteckt werden. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Mit der Klagemauer auf dem Parkplatz vor der Klosterkirche wird an die kirchliche Tradition der Bitttage erinnert. Wie in Jerusalem sollen die Zettel zu einem späteren Zeitpunkt verbrannt werden. Die Familienbegegnungsstätte "Kloster Kerbscher Berg" hatte erstmals eine Klagemauer aufgebaut.

Auslöser sei gewesen, als im April plötzlich wieder alle Kindergärten und Schulen schließen mussten. Für Pia Schröter, Leiterin der Familienbildungsstätte, bedarf es solcher "Ventile", einen Platz für Ängste, Sorgen und Nöte. Die Klagemauer aus roten Ziegelsteinen bekommt einen festen Platz in der Klosterkirche, die zu einer Familienkirche umgebaut werden soll.

Deutliche Botschaften in der Klagemauer

Auf bunten Notizzetteln sind zum Teil sehr deutliche Botschaften zu lesen: "Die kleine Schwester nervt", "Impft mehr" und "Kein Abschied von der Tante, die an Corona gestorben ist" steht geschrieben. Aber auch: "Kraft und Zuversicht für meine Familie", "Feiern erlaubt", "Treue, Liebe, Ehrlichkeit, mehr gegenseitige Rücksichtnahme", "Kontaktbeschränkung weg" und "Wir sind seit Januar nicht in der Schule gewesen".

Zettel in der Klagemauer auf dem Kerbschen Berg in Dingelstädt
"Dass ich Oma und Opa nicht mehr sehen kann." Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Großeltern hoffen, ihre Enkel wieder zu treffen. Kinder wünschen sich, dass Schulen wieder öffnen und sie wieder zusammen in einer Klasse lernen dürfen. Das schlechte Frühlingswetter wird ebenso beklagt wie der Umstand, nicht zu jeder Zeit in die Kirche zu dürfen. Ein Ehepaar schreibt "... zu klagen haben wir nichts".

"Ich vermisse sie so"

Eine Tochter oder ein Sohn will wissen, warum der Herr die "Eltern durch Corona zu sich genommen" und das Leben verändert hat. Der anonyme Verfasser bitte um die Kraft, das zu verstehen. "Ich vermisse sie so." Andere Menschen bringen ihre Dankbarkeit zum Ausdruck, Corona nach einem mittelschweren Verlauf überstanden zu haben.

"Das Frühjahr war viel zu kalt. Bitte sprechen Sie mal mit Petrus", steht aus einem rosafarbenen Zettel. Dass nur mit Eintrittskarte ein Gottesdienst möglich ist, wurde mehrmals beklagt. Auf einer Notiz stand auch, "dass Kinder durch die Politik instrumentalisiert werden"; auf einer anderen: "Ich glaube an Gott, aber ich zweifle an der Institution Kirche. Es werden zu viele Verbrechen verschleiert. Kein Täter wird bestraft. Warum?"

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten regional | 12. Mai 2021 | 19:30 Uhr

2 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 5 Wochen

Wir in Thüringen feiern derzeit das Jüdische Leben besonders ! Gut so !

Öffentlich Klagen, beten und für-etwas-bitten ist fester Bestandteil aller Religionsausübung. Ob und in welcher Form unsere Bitten erhört werden, dass weiß nur EiNER.

„Klagemauern“ finden wir in vielen Kirchen. Sie heißen hier: Fürbitt-Tafeln. Die Anliegen Einzelner, meist in Schriftform für viele Menschen dort sichtbar angeheftet, trägt die Gottesdienstgemeinde in geeigneter Gebets-Form laut vor. Der Beter (Schreiber) hat hier nicht nur eine „Botschaft“, die er der irdischen (und der unsichtbaren) Welt vortragen möchte. Er macht die übrige Gemeinde auf sein Herzensanliegen in der Stille der Schrift aufmerksam. Gleichzeitig bittet er um die Kraft der Gemeinschaft bei der Erfüllung
seines Wunsches an den Allerhöchsten.

Mit seiner Klage vor / ins / Gericht gehen ist eine andere Hausnummer.
Auch dieser mühsame Rechtsweg führt nicht immer zum gewünschten
Ziel. Oft endet auch er vor einer Mauer des Schweigens…

ule vor 5 Wochen

Wenn die hinterlegten Botschaften nur dazu dienen, den Medienrummel zu befeuern, dann kann ein jeder auch davon ausgehen, dass die Botschaften ihr Ziel verfehlen werden.

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