ÖPNV auf dem Land Eineinhalb Stunden Fahrt für drei Kilometer Distanz

Drei Kilometer trennen Borxleben in Thüringen und den Nachbarort Riethnordhausen in Sachsen-Anhalt. Susanne Stolle würde mit Bus und Zug anderthalb Stunden brauchen. Warum die Tour gefühlt eine kleine Weltreise ist.

Susanne Stolle wohnt im Kyffhäuserkreis. Zwischen ihrem Wohnort Borxleben und dem Nachbarort Riethnordhausen liegen nur drei Kilometer. Ein Radweg existiert nicht, ebenso wenig eine Busverbindung. Dabei hält ein Bus nur wenige Meter von ihrem Haus entfernt. Der fährt aber nicht nach Riethnordhausen. Frau Stolle findet das ärgerlich und wandte sich an den MDR. Als Grund für die fehlende Verbindung vermutet sie organisatorische Probleme:

Riethnordhausen ist in Sachsen-Anhalt und Borxleben ist in Thüringen. Da gibt es leider keine Verbindung.

Susann Stolle Anwohnerin Borxleben

Landratsamt: Bisher kein Bedarf für Busverbindung

Doch ist die Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt für den Bus wirklich unüberwindbar?  Die Abteilung ÖPNV des Landratsamtes Kyffhäuserkreis verweist auf andere Gründe. Grenzübergreifender Busverkehr fände durchaus statt. Nur eben nicht zwischen Borxleben in Thüringen und Riethnordhausen in Sachsen-Anhalt. Für eine solche Verbindung gäbe es schlicht keinen Bedarf.

Man verbindet nicht mit dem Bus Orte mit 500 Einwohnern. Es sei denn, es gibt einen Bedarf

Ines Grigoleit, Sachgebietsleiterin ÖPNV Kyffhäuserkreis

Schild Bushaltestelle
Der Bus fährt nur selten in Borxleben. Eine Direktverbindung in den Nachbarort gibt es nicht. Bildrechte: MDR/Nicky Scholz

Ines Grigoleit sagt, jeder Bürger könne sich beim Landratsamt melden und Bedarf für eine solche Verbindung anmelden. Grigoleit ist Sachgebietsleiter für Bereich Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) im Kyffhäuserkreis. Nach einer solchen Anfrage werde der Bedarf ermittelt. Im Fall von Susanne Stolle sei eine Anbindung aber eher unwahrscheinlich.

Der Bus ist ein Massenverbindungsmittel und nicht dazu da, um einzelne Personen zu versorgen.

Ines Grigoleit, Sachgebietsleiterin ÖPNV Kyffhäuserkreis

Verbindungen nur zum nächstgrößeren Versorgungszentrum

Grigoleit sagt, ob Bedarf bestehe, hänge von mehreren Faktoren ab. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn Schüler von ihrem Wohnort zu ihrer Schule transportiert werden müssten. Auch historisch gewachsene Verpflechtungen zwischen zwei Orten spielten eine Rolle. Die sei aber zwischen Borxleben und Riethnordhausen nicht der Fall.

Eine Verbindung gäbe es deshalb nur zum nächstgelegenen Versorgungszentrum Artern oder zur Kreisstadt Sondershausen. Dort gibt es Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte und die Möglichkeit, weitere ÖPNV-Angebote zu nutzen.

Für Susanne Stolle aus Borxleben bedeutet das, weiterhin mit dem Auto nach Sachsen-Anhalt zu fahren. Denn die Verbindung über Artern ist kompliziert und zeitaufwendig:

Man fährt mit dem Bus bis nach Artern. Steigt in Artern in den Zug. Fährt mit dem Zug nach Sangerhausen. Und von Sangerhausen mit dem Bus nach Riethnordhausen. Und das ist ein Weg von 25 Kilometern. Und bis Riethnordhausen sind es ja drei Kilometer.

Susanne Stolle Anwohnerin Borxleben

Reise mit Bus und Bahn mit langen Wartezeiten verbunden

Nach Auskunft des regionalen Busunternehmens Verkehrsgesellschaft Südharz mbH (VGS) dauert eine solche Reise im Schnitt eineinhalb Stunden. Einen nicht unerheblichen Zeit der Reisedauer verbringt ein Fahrgast jedoch damit auf die jeweilige Anschlussverbindung zu warten. Zu umständlich und zu unbequem, findet Susanne Stolle aus Borxleben. Dabei würde sie gerne hin und wieder ihr Auto stehen lassen.

Susanne Stolle aus Borxleben
Susanne Stolle aus Borxleben würde ihr Auto gern mal stehen lassen. Bildrechte: MDR/Nicky Scholz

So wie ihr geht es vielen Menschen auf dem Land. Das ergab eine aktuelle Umfrage der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). In ihrem "Energiewendebarometer 2021" hatte die staatliche Förderbank 4.000 Bundesbürger befragt. Das Ergebnis: 71 Prozent der ländlichen Bevölkerung würden das Auto öfter mal stehen lassen, wenn es denn nur Alternativen gäbe. Diese müssten aber auch komfortabel und kostengünstig sein.

So bleibt Susanne Stolle beim Auto. Ohne das geht es (bisher) nun mal nicht im ländlichen Thüringen. Ob ein ständig verfügbarer Nahverkehr das ändern könnte, lässt sich nur vermuten. Die Lösung des Problems liegt wohl nicht in den Händen des Kyffhäuserkreises, der letztendlich auch einen wirtschaftlichen Betrieb des öffentlichen Nahverkehrs sicherstellen muss.

Bahnhof in Bad Frankenhausen 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
2 min

MDR THÜRINGEN JOURNAL So 02.01.2022 19:00Uhr 01:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Quelle: MDR (nis)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. Januar 2022 | 19:00 Uhr

55 Kommentare

Eulenspiegel vor 17 Wochen

Hallo Hansi
"Es geht hier um den ÖPNV und wenn Sie vorschlagen das alte Leute die ihr Leben lang gearbeitet haben dann bei Wind und Wetter gefälligst mit ihren E- Rollstuhl ihre Wege zu erledigen haben, da bleibt einen nur die Sprache weg !"
Als sie sind ein sehr drolliger Zeitgenosse!!!!
Also ich stelle die Situation nur aus meiner Sicht dar und wie ich mit dieser Situation umgehen würde. Den ich kenne dieses Problem durchaus aus eigene Erfahrung. Und das obwohl ich am Rande einer Großstadt lebe. Denn mal eben rüber zur benachbarten Großstadt ist mit den Öffentlichen nicht so einfach. Im übrigen hatte ich im letzten Jahr mein 70. gefeiert und habe 40 Jahre hart gearbeitet.

Alf09 vor 17 Wochen

Ich wohne auch in einer Stadt, mit mehr aus 300.000 Einwohnern, würde aber bei 3 km kaum den öffentlichen Nahverkehr nutzen, schon gar nicht in Corona-Zeiten! Schon allein aus gesundheitlichen Gründen, sollte man solche Strecken wegen des Infektionsschutzes laufen oder sein Rad oder Auto / E-Auto nutzen!

AlexLeipzig vor 17 Wochen

Thoralf1, was hat es denn mit Verunglimpfung oder grüner Doktrin zu tun, wenn man schlicht und einfach anerkennt, daß das Leben auf dem Land anders ist als in der Stadt. Natürlich haben alle die gleichen Rechte, das bedeutet aber nicht für jeden dasselbe Leben. Das geht doch gar nicht. Ich lebe in einer 600.000 Einwohner-Stadt, da jammere ich auch nicht darüber, daß ich kein 500 Quadratmeter-Grundstück ohne Nachbarn habe!

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