Bad Frankenhausen Ende von Manniske-Krankenhaus schon vor Jahren eingeleitet

Das Manniske-Krankenhaus Bad Frankenhausen hatte zehn Jahre lang einen guten Ruf als Klinik, in der schwer kranke und häufig austherapierte Krebspatienten erfolgreich operiert wurden. Sehenden Auges hat die Geschäftsführung der DRK-Krankenhausgesellschaft diese Spezialisierung aufgegeben. In Hoffnung auf 27 Millionen Euro Förderung für eine neue Struktur. Für den Fall, dass die Gelder des Bundes nicht fließen, gab es aber keinen Plan.

Am Dienstag beginnt die Auslese. Im Insolvenzverfahren der DRK-Krankenhausgesellschaft Thüringen-Brandenburg werden die detaillierten Angebote von interessierten Investoren geprüft. Die Krankenhausgesellschaft hat sich darauf festgelegt, ihre vier Häuser in Sömmerda, Sondershausen, Bad Frankenhausen und Luckenwalde als Gesamtpaket zu verkaufen. Damit hat die Idee einer kommunalen Krankenhaus-Trägergesellschaft für Nordthüringen - ohne Luckenwalde - keine Chance mehr.

Das Sanierungskonzept der Berater, die der Geschäftsführung im Insolvenzverfahren zur Seite stehen, sieht für die Klinik in Bad Frankenhausen nur noch eine Zukunft als Notaufnahme mit zehn Betten und einem Arzt im Dienst rund um die Uhr vor. Alles, was darüber hinaus geht, wie eine stationäre Versorgung, habe keine Chance, sagen die Sanierer.

Sanierer und Krankenkassen vermissen eigenes Profil

In dem Sanierungskonzept, das MDR THÜRINGEN vorliegt, ist zu lesen, dass die Zahl der in Bad Frankenhausen behandelten Patienten und die Schwere ihrer Krankheiten seit 2016 kontinuierlich zurückgegangen ist.

2018 seien 70 Prozent der Kranken, die nicht mehr ins Manniske-Krankenhaus gekommen waren, in den DRK-Kliniken Sömmerda und  Sondershausen behandelt worden. Aus diesem Grund und fehlender Spezialisierung könne das Haus nicht weiterbetrieben werden wie bisher. Die Experten vermissen eine spezielle Profilierung der Klinik. Auch die Krankenkassen sehen das so. Zuletzt kritisierte die Barmer eine zu hohe Überschneidung zwischen den Leistungsangeboten der Kliniken in Thüringen und mangelnde Spezialisierung.

Wie konnte es soweit kommen in einem Krankenhaus, das noch vor zehn Jahren Patienten aus ganz Deutschland und dem Ausland angezogen hat?

Anzeichen schon seit einigen Jahren

Seit circa zweieinhalb Jahren haben Klinik-Mitarbeiter und zunehmend auch die Politik in der Region den Eindruck, dass die eigene Geschäftsführung dem Haus keine Zukunft gibt. Seit 2007 hatte in der Klinik am Fuße des Kyffhäusers der Tumor-Spezialist Herwart Müller operiert. Mit einer Spezial-Methode für die Entfernung von Bauch-Tumoren und anschließender Chemotherapie direkt im Bauchraum half Müller Krebs-Patienten, für die andere Ärzte - oft nach einer langen Therapie - nichts mehr tun konnten. Mit Müller kam auch sein internationaler Ruf in die Kurstadt: Im Gespräch mit MDR THÜRINGEN erzählt der Arzt, zeitweise sei er in Dänemark bekannter gewesen als in Deutschland, nachdem er einen beliebten dänischen Fußballer operiert hatte. Seine Patienten seien unter anderem aus der Schweiz und Russland angereist.

Tumorexperte prägte den Ruf

Herwart Müller operierte in Bad Frankenhausen fünf Jahre lang als Honorararzt an drei Tagen pro Woche. Die Anästhesie und die Intensivmedizin der Klinik hätten sich auf seine Patienten eingestellt. Die Patienten seien gut betreut worden auch an jenen Tagen, an denen er nicht im Haus gewesen sei, so Müller.

Und dann bot ihm die DRK-Krankenhausgesellschaft an, die Aufgabe des Chefs der Chirurgie und Ärztlichen Leiters des Manniske-Krankenhauses zu übernehmen. In dieser Eigenschaft arbeitete Müller weitere fünf Jahre für die Klinik. Seinen Abschied nahm er nach einem Streit um einen neuen Arbeitsvertrag.

Martin Wohlrabe, Sprecher der DRK-Krankenhausgesellschaft für die Zeit des Insolvenzverfahrens, erklärt dazu, dass es bereits Ende 2015 wegen geänderter gesetzlicher Bestimmungen Gespräche mit Müller gegeben habe, um das Vertragsverhältnis neu zu gestalten. Der Chirurg bestätigt, dass es um Leistungen ging, die nicht mehr extra bezahlt werden durften. Er habe mit seinem Anwalt deshalb einen Vorschlag ausgearbeitet, wie der bestehende, unbefristete Vertrag rechtlich korrekt umformuliert werden könnte.

Der ärztliche Geschäftsführer der DRK-Krankenhausgesellschaft, Uwe Bust, habe dagegen darauf bestanden, einen neu formulierten Vertag abzuschließen. Mit dessen Konditionen sei er aber nicht einverstanden gewesen, so Müller. In den Gesprächen darüber habe er mehr und mehr den Eindruck gewonnen, dass die Krankenhausgesellschaft ihn loswerden wolle.

Abschied ohne Nachfolgeregelung

Herwart Müller verließ die Klinik in Bad Frankenhausen Ende 2016, ohne - wie von ihm vorgeschlagen - einen Nachfolger eingearbeitet zu haben. Er habe mehrfach versucht, mit der Geschäftsführung über die Konditionen etwa für einen Arzt aus einer anderen Klinik zu sprechen, der seine Operationsmethode weiterführen könnte. Man habe ihm signalisiert, das sei allein seine Sache.

Der Pressesprecher der Krankenhausgesellschaft, Martin Wohlrabe, erklärt dazu, es sei Wunsch der Geschäftsführung gewesen, einen Nachfolger mit ähnlichem Format in Bad Frankenhausen zu finden. Leider habe sich das jedoch auch für Herrn Müller als äußerst schwierig herausgestellt.

Der Tumor-Experte sagt dazu, es habe in Bad Frankenhausen einfach keinen geeigneten Arzt gegeben, der Aussicht auf die notwendigen Zulassungen gehabt hätte. Am Ende fand auch die Krankenhausgesellschaft selbst keinen externen Nachfolger und die OP-Methode konnte im Manniske-Krankenhaus nicht mehr angeboten werden.

Geschäftsführung würdigt Leistungen

Im Rückblick sagt die Leitung der DRK-Krankenhausgesellschaft über die Arbeit von Herwart Müller:

Seine Behandlungen trugen wesentlich zum damaligen Erfolg der Chirurgie-Abteilung bei.

DRK-Krankenhausgesellschaft

Zahlen werden auf Nachfrage nicht genannt. Dem Hinweis von Geschäftsführer Uwe Bust, man habe häufig Probleme gehabt, die von Müller erbrachten Leistungen in voller Höhe bei den Krankenkassen abzurechnen, widerspricht der Tumor-Spezialist nicht.

Den Grund sieht er in der Haltung der Kassen. Dort gestehe man häufig kleinen Krankenhäusern nicht zu, solche Leistungen anzubieten. Die Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (Chirurgie des Bauchraumes) seien bei seinen OPs und Behandlungen nachweislich immer erfüllt gewesen, sagt Müller.

Und Abrechnungsprobleme mit den Kassen seien nie thematisiert worden als Grund, die Zusammenarbeit zu beenden. Nach Angaben von Müller hat im Abrechnungsjahr 2015 die chirurgische Abteilung des Manniske-Krankenhauses 7,8 Millionen Euro eingenommen, 4,3 Millionen Euro davon aufgrund seiner persönlichen Leistungen.

Auf die Frage, wie sich der Weggang des Spezialisten betriebswirtschaftlich ausgewirkt hat, antwortet der Pressesprecher der Krankenhausgesellschaft nicht mit Zahlen, schreibt aber:

Die regionale Versorgung zu stärken ist schon seit mehreren Jahren ein wesentliches Thema. Hier besteht der eigentliche Versorgungsauftrag einerseits für die Region und die Chance für Stabilität.

Krankenhausgesellschaft

Die Patienten von Herwart Müller reisten aus ganz Deutschland und dem Ausland an. Er habe sich aber intensiv darum bemüht, seine Leistungen auch für Patienten aus der Region anzubieten, sagt er. Die Krankenhausgesellschaft bestätigt, dass Müller teilweise auch Patienten in Sondershausen und Sömmerda operiert habe, vereinzelt sogar in Luckenwalde.

Teilweise seien auch Patienten zu ihm nach Bad Frankenhausen verlegt worden. Das sei in den Jahren seiner Tätigkeit aber nie zur Routine geworden, ärgert sich der Tumor-Spezialist noch heute. Er habe mehrfach versucht, zu erreichen, dass Krebskranke, die in den DRK-Krankenhäusern Sömmerda und Sondershausen nicht versorgt werden konnten, zu ihm geschickt werden.

Mit den Kollegen der gynäkologischen Abteilung in Sömmerda habe das gut geklappt. In allen anderen Abteilungen der Thüringer DRK-Krankenhäuser habe die Geschäftsleitung das nicht durchgesetzt. Die Atmosphäre zwischen den Kollegen beschreibt Müller im Rückblick als geprägt von Revier- und Konkurrenzdenken. Zwischen 2013 und 2016 seien viele Krebspatienten zu externen Behandlern nach Erfurt überwiesen worden anstatt nach Bad Frankenhausen.

Ärzte und Patienten kehren der Klinik den Rücken

Die Diskussion um die Schließung eines der Thüringer DRK-Krankenhäuser wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten habe etwa ein Jahr vor seinem Weggang begonnen, erinnert sich Müller, also bereits 2015. Nach Auskunft des Thüringer Gesundheitsministeriums legte die Geschäftsführung der DRK-Krankenhausgesellschaft Mitte Juli 2016 dem Land erste Vorschläge zur Umstrukturierung der Kliniken in Sömmerda, Sondershausen und Bad Frankenhausen vor. Ein Jahr lang wurde dieses Konzept zwischen Ministerium, Krankenhausgesellschaft und Vertretern der Krankenkassen diskutiert und mit der Kommunalpolitik beraten.

Im Sommer 2017 ging dann ein entsprechender Antrag auf Fördermittel aus dem Krankenhaus-Strukturfonds des Bundes an das Bundesversicherungsamt. Aus diesem Fördertopf wird vor allem der Abbau von überzähligen Krankenhausbetten in Deutschland unterstützt - und genau das hatte die Krankenhausgesellschaft vor.

In Bad Frankenhausen sollten die Abteilungen Chirurgie und Intensivmedizin schließen und ein geriatrisches Zentrum angesiedelt werden. Immer wieder war danach öffentlich von 27 Millionen Euro die Rede, die die Krankenhausgesellschaft vom Staat bekommen könne. Die Geschäftsführung war sich offenbar sehr sicher, dass dieses Geld kommt, obwohl immer feststand: Die Entscheidung fällt allein im Bundesversicherungsamt.

Parallel dazu wuchs innerhalb des Krankenhauses und in der Region die Befürchtung, die Klinik in Bad Frankenhausen werde komplett geschlossen. Die öffentliche Debatte darüber schadete dem Manniske-Krankenhaus nachhaltig. Nach Informationen von MDR THÜRINGEN verließ ein Assistenzarzt nach dem anderen die Klinik, ohne dass es Nachbesetzungen gab. Mit der Zeit tauchten immer mehr Hinweise auf, dass die niedergelassenen Ärzte ihre Patienten gar nicht mehr in das Krankenhaus ihrer Stadt überweisen.

Abstimmung mit den Füßen

Die Krankenhaus-Sanierer vom WMC Healthcare listen auf, wie die Zahl der Behandlungsfälle 2017 und 2018 in Bad Frankenhausen zurückging. Die Patienten hätten mit den Füßen abgestimmt, heißt es.

Im Frühjahr 2018 verteilten Mitarbeiter der Klinik in Arztpraxen der Region noch Flyer, die über die von der Klinik angebotenen chirurgischen Leistungen informierten und dafür warben. Im August informierte die Geschäftsleitung die Ärzte der Chirurgie, der Unfallchirurgie und der Orthopädie, dass ab sofort keine OPs mehr stattfinden dürfen. Heute erklärt die Geschäftsleitung dazu folgendes:

Personelle Engpässe in der Chirurgie im Sommer 2018 sowie wirtschaftliche Überlegungen führten dazu, dass die Versorgung neu organisiert werden musste.

Geschäftsleitung Manniske-Krankenhaus Bad Frankenhausen

Man habe auf ambulante chirurgische Versorgung umgestellt und aufwendigere OPs in einer der beiden anderen Kliniken ausgeführt.

Hoffen auf Fördermittel ohne alternative Strategie

Als Ende August 2018 bekannt wurde, dass das Bundesversicherungsamt nur einen kleinen Teil der beantragten Fördermittel bewilligt, zeigte sich: Die Geschäftsführung der DRK-Krankenhausgesellschaft hat keinen Plan B. Die Sanierungsexperten mit ihrem harten Konzept ziehen jetzt die Konsequenzen aus dem strategischen Chaos. Die Zukunft für das Manniske-Krankenhaus wird nach den Regeln des Insolvenzverfahrens entschieden.

Schon in dieser Woche bekommen sehr wahrscheinlich über 100 Ärzte, OP-Schwestern, Pfleger und Verwaltungsmitarbeiter ihre Kündigung. Wie viel vom Sanierungskonzept Realität wird, entscheidet am Ende der Investor, den die Gläubigerversammlung unter den Bewerbern auswählt. Die geordnete Anpassung einer Krankenhausstruktur sieht anders aus.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | THÜRINGEN JOURNAL | 07. Februar 2019 | 19:00 Uhr

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