Kyffhäuserkreis Wie das Dorf Holzsußra seine Kneipe retten will

Die typische Dorfkneipe ist seit Jahren vom Aussterben bedroht. Die Corona-Zeit gibt vielen Wirten den Rest. So auch in der Gemeinde Holzsußra im Kyffhäuserkreis. Doch Anwohner wollen die "Gaststätte zum Urtal" retten: Ein Verein soll die Kneipe übernehmen. Eine fast vergessene Rechtsform macht das möglich.

Eingang der Gaststätte zum Urtal
Die Dorfkneipe in Holzsußra soll weiter bestehen - und auch von Hochzeits- und Geburtstagsgesellschaften genutzt werden können. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Kaum ein Dorf habe doch noch eine Gaststätte. Alexander Stephani zeichnet einen Halbkreis in die Luft und meint damit die Umgebung von Holzsußra. "Selbst in Ebeleben gibt es nur noch eine Pizzeria und einen Inder", sagt er.

Stephani steht an der Hauptstraße vor einem breiten Fachwerkhaus. Die Holzbalken sind dunkelbraun gestrichen, die Wände beige und die Fensterrahmen grün. Eine kleine Treppe führt durch zwei Säulen in die Gaststätte "Zum Urtal". Ein Dorf mit 265 Einwohnern. Stephani kann kaum drei Sätze beenden, ohne dass ein Auto vorbeifährt und er zurückgrüßen muss.

Wie so viele Geschichten über Dörfer in Ostdeutschland beginnt auch diese mit dem Satz: "Nach der Wende gab es noch…". Im Falle von Holzsußra waren das mehrere Getränke-Shops, die Gaststätte, Sportvereine mit kleiner Gastronomie. "Das meiste ist verschwunden", sagt er. Im Dezember 2020 nun auch die Dorfkneipe.

Drei Personen an einer Gaststätte
Dem Engagement vieler Menschen in Holzsußra ist es zu verdanken, dass die Geschichte der "Gaststätte zum Urtal" weitergeschrieben wird. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Lokal für Geburtstage und Hochzeiten

Auch der Bürgermeister ist da. Steffen Lupprian verweist auf die Corona-Pandemie, in der sich die Situation für den letzten Pächter zu heftig verschärft habe. "Seitdem gab es keine aussichtsreiche Bewerbung."

Holzsußra war damit ohne Gaststätte. Wo kann man nun für Familienfeiern zusammenkommen? Wo Geburtstage und Hochzeiten feiern? Wo trifft man sich am Wochenende? Vor diesen Fragen stand das Dorf. Die Immobilie privat zu verkaufen, kam nicht in Frage. Auch die Sorge vor sich im Dorf einnistenden Rechtsextremen spielte eine Rolle.

Ein Mann sitzt im Saal einer Gaststätte.
Der Schankraum bietet reichlich Platz. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Die Idee: Die Kneipe als Verein selbst verwalten

Aber Holzsußra hatte noch einen Trumpf. Der Ort hat ein äußerst aktives Vereinsleben - vom Gesangsverein bis zum Fußball. Im April entschieden sich 34 Anwohner, einen weiteren Verein zu gründen - "Dorfleben Holzsußra". Der Verein hatte nur ein Ziel: die Übernahme und Selbstverwaltung der Gaststätte.

"Vereine in Deutschland dürfen allerdings keinen Umsatz machen, damit verlieren sie die Gemeinnützigkeit", sagt Alexander Stephani. Naheliegend war die Form der Genossenschaft. Doch der zu erwartende Kneipenumsatz war zu gering, die Prüfgebühr für Genossenschaften zu hoch.

Eine fast vergessene Rechtsform

Bürgermeister Lupprian hatte die entscheidende Idee. Er fragte im Thüringer Innenministerium nach; und tatsächlich existiert eine fast unbekannte, aber passende Rechtsform. Der "wirtschaftliche Verein". Dorfläden, Cafés, Agrarkollektive - kleine Gemeinschaftsprojekte im niedrigen Kapitalbereich sind geeignet für den wirtschaftlichen Verein. Aufsichtsbehörde für Wirtschaftsvereine in Thüringen ist das Innenministerium. Seit kurzer Zeit bewirbt das Ministerium diese Rechtsform wieder mit einer Broschüre.

Nur 28 wirtschaftliche Vereine gibt es in Thüringen, sagt Martin Ebel, Mitarbeiter im Innenministerium. "In anderen Bundesländern gibt es davon das Zehnfache."

Anwohner betreiben die Kneipe

Martin Ebel und ein Kollege sind aus Erfurt angereist, um die Gründungsurkunde an Stephani und Lupprian zu überreichen. Damit ist "Dorfleben Holzsußra" rechtsfähig. "Zum Urtal" kann wieder öffnen. Und das mit regelmäßigen Öffnungszeiten.

Fünf Personen stehen auf einer Straße.
Ein Mitarbeiter des Thüringer Innenministeriums überreicht die Urkunde zum Wirtschaftsverein an den Vorsitzenden Alexander Stephani. Bildrechte: MDR/Armin Kung

In Zukunft soll ein fester Stamm aus Dorfbewohnern in der Kneipe arbeiten. Jedes Vereinsmitglied bezahlte eine Eintrittsgebühr und bildet damit das Vereinsvermögen. Der Vereinsvorstand ist gleichzeitig die Geschäftsführung. "Wir sind keine Vollblutkneiper", sagt Vereinsvorsitzender Alexander Stephani. "Wir wollen nur einen Schankbetrieb mit regelmäßigen Öffnungszeiten im Ort."

Auch interessant

Laden in Erfurt 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 08.06.2021 19:00Uhr 02:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr zum Thema

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Juni 2021 | 11:30 Uhr

5 Kommentare

Ines W. vor 15 Wochen

Diese Initiative ist ein gutes Beispiel dafür, dass man selbst anpacken muss, wenn man vor Ort etwas erhalten / schaffen will, was gewerblich geführt keine Chance hätte.

Auch abseits von Corona haben Gaststätten und Läden in kleinen Orten nur eine Chance, wenn die Bevölkerung sie nicht nur alle Jubeljahre nutzt. Davon kann kein Wirt oder Händler leben.

Kleingartenzwerg vor 15 Wochen

Klingt nach einer guten Lösung! Drücke die Daumen.

martin vor 15 Wochen

Gutes Gelingen!

Mehr aus der Region Nordhausen - Sondershausen - Sangerhausen

Mehr aus Thüringen