Corona in der Lungenklinik | Woche 13 Was von der Corona-Krise bleibt: Chefarzt zieht Bilanz

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Die Lungenklinik in Neustadt im Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem Ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, haben wir 13 Wochen lang einmal pro Woche über die Lage in seiner Klinik gesprochen. In der letzten Folge zieht er seine ganz persönliche Bilanz aus zwei Jahren Corona.

Dr. Frieder G. Knebel in der Lungenklinik in Neustadt/Harz
Dr. Frieder G. Knebel ist Ärztlicher Direktor in der Lungenklinik in Neustadt/Harz und hat uns jede Woche ein Interview gegeben. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wie immer am Anfang die Frage wie ist die Lage in Neustadt?

Momentan sehr gut, sehr entspannt. Wir haben auf der IST (Intensivstation) praktisch keinen Patienten, der Corona hat und isoliert ist. Wir haben aber einen Patienten auf der Normalstation, wobei das eine kuriose Geschichte ist: Der Patient ist schon länger hier, also über zehn Tage und sollte heute früh verlegt werden in eine Pflegeeinrichtung.

Immer, wenn Patienten entlassen und verlegt werden, wird nochmal auf Covid getestet, also ein PCR-Abstrich gemacht. Und der Test war plötzlich positiv! Alle Tests vorher waren negativ und jetzt zur Entlassung plötzlich einer positiv.

Es scheint also irgendwo Kontakt gegeben zu haben. Wie auch immer wo auch immer. Es kann natürlich auch mal ein falsch positives Ergebnis sein, das darf man nicht ausschließen. Wir schauen jetzt, wie hoch der CT-Wert ist. Bei 32-35 kann man davon ausgehen, dass zwar Kontakt da war, aber dass der Patient nicht mehr infektiös ist und dass dann auch eine Verlegung stattfinden kann.

Das ist ein gutes Stichwort, für viele Leute scheint das Thema irgendwie durch zu sein. Wie ist es bei Ihnen, sagen Sie auch, dass wir Corona überstanden haben?

 Eher nicht. Natürlich hat man irgendwann den Punkt erreicht, wo eine gewisse Gewöhnung einsetzt, wo man das nicht mehr hören kann und man will dann auch nicht mehr. Es gibt ja viele andere Probleme, gerade jetzt durch das Geschehen in der Ukraine wird das natürlich ein bisschen überlagert. Das führt bei dem einen oder anderen dazu, sich ein bisschen zu verweigern.

Nichtsdestotrotz muss man ganz klar sagen: Covid ist in der Welt, es bleibt in der Welt, das verschwindet nicht wieder. Das wäre eine Illusion und man muss damit umgehen. Und natürlich ändert sich der Umgang damit, das ist auch richtig.

Am Anfang wussten wir ja noch gar nicht, wie das alles läuft. Es gab noch keine Impfung beispielsweise. Inzwischen wissen wir, es ist eine Impfung möglich. Ein Teil der Menschen ist geimpft, ein Teil ist genesen. Ein anderer Teil hat beides erlebt, auch Ungeimpfte gibt es noch.

Trotzdem sollte man in der momentanen Phase darauf achten, Maske zu tragen in gewisser Weise hier und da noch Abstand zu halten. Gerade bei Omikron sind dieser Abstand und die Maske wichtiger als bei allen Varianten zuvor, weil durch die hohe Infektiosität und die schnelle Ausbreitung damit eben die Chance sich anzustecken nach wie vor hoch ist.

Jetzt gibt es natürlich auch die Meinung "Naja, ich will es jetzt haben, damit ich als genesen gelte". Aber man soll das nicht befördern, auch bei Omikron gibt es immer mal wieder schwere Verläufe, man soll das also nicht provozieren. Es steckt sich ja auch keiner absichtlich mit Tuberkulose an, sondern da ist ja jeder der Meinung, eine TB-Impfung ist schon besser als eine Tuberkulose-Erkrankung. Und da hat er auch recht, denn gerade jetzt mit den multiresistenten Tuberkulosekeimen wäre das keine gute Philosophie.

Blicken Sie im Krankenhaus jetzt auf diese Corona-Zeit zurück und überlegen, was man hätte anders machen können, was ist gut gelaufen? Was nehmen Sie da mit?

Ja, das machen wir ständig, man muss ja immer schauen, was mache ich eigentlich und wie gleicht sich das ab mit der Welt? Meine Idee muss ja nicht richtig sein. Es gibt immer wieder Studien mit neuen Erkenntnissen. Dann muss ich natürlich überlegen wie ich diese in meine Welt integrieren kann. Ich bin ja nicht losgelöst von allen, die Standardisierung nimmt zu, es gibt einen Pandemieplan, eine Desinfektionsordnung, Hygieneverordnungen und so weiter. Das alles wird ständig angepasst und auch kontrolliert. Und in dem Zusammenhang muss man schauen, wie man all diese Auflagen vom Gesundheitsamt erfüllt, wie die politischen Auflagen.

Dazu kommt für uns die Frage, was wir in der Therapie machen, was könnten wir vielleicht noch ändern, wo können wir besser werden? Also diesen ständigen, kontinuierlichen Verbesserungsprozess haben wir in der Klinik integriert und arbeiten stetig daran.

Wie kann man im Einzelfall besser werden? Das ist natürlich immer viel schwieriger und dafür haben wir unsere Mitarbeiter- und Mitarbeiterinnen-Konferenzen, die im Rahmen der Qualitätssicherung und im Rahmen der Fortbildung stattfinden und dort werden dann auch einzelne Fälle in großer Runde besprochen. Hat jemand eine andere Meinung, hat jemand etwas gehört, jemand etwas gelesen, was machen wir vielleicht beim nächsten Mal besser? Was ändern wir und warum? Vor allem - was ist das Ziel dieser Behandlung? Müssen wir das Tagesziel ändern, oder das Wochenziel? Ja, das läuft bei uns ständig.

Dr. Frieder G. Knebel in der Lungenklinik in Neustadt/Harz
Die Klinik will demnächst auch eine Studie zu Post-Covid beginnen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Weil sie das gerade ansprechen: Es gab ja immer mal wieder Veröffentlichungen, zum Beispiel, was die mRNA-Impfstoffe anbetrifft, überhaupt hat die Impfstoffentwicklung viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wie weit sind die vorangekommen in diesen zwei Jahren? Kann man das abschätzen medizinisch gesehen?

Aus meiner Sicht hat Corona einiges beflügelt. Homeoffice zum Beispiel, die Webkonferenzen dort ist ein Durchbruch erreicht worden. Die Zeit war reif, es gab Umstände, die haben diese Reife nochmal deutlich gemacht für diesen oder jenen und dann ist das passiert.

Bei den mRNA-Impfstoffe oder auch Medikamenten zum Beispiel eben in der Krebstherapie, um dort Infektionen zu verhindern, um das Immunsystem anzulernen, dem Immunsystem verschiedene Daten zur Verfügung zu stellen, dass es dann daraus die entsprechenden Schlussfolgerungen zieht und entsprechend wirksam wird, das ist eine Entwicklung, die ist jetzt befeuert worden.

Aber die gab es ja schon, und manchmal muss die Zeit einfach reif sein für so eine Entwicklung. Wenn man vor der Zeit ist, ist das schwierig. Wenn vor 60 Jahren jemand mRNA- Impfstoffe entwickelt hätte, hätte das vielleicht niemand so richtig wahrgenommen. Jetzt war aber die Zeit einfach reif. Jetzt sind sie auf dem Markt. Natürlich gibt es auch Menschen, die dagegen sind, auch das ist ok. Wie hat schon Schopenhauer gesagt? "Am Anfang wird die Veränderung belächelt, dann wird sie bekämpft und dann ist sie normal" und irgendwann werden mRNA-Medikamente und –Impfstoffe auch ganz normal sein.

In der Tumortherapie, auch bei chronischen Erkrankungen wie Mukoviszidose ist ja schon etwas passiert. Aber auch für Lungenerkrankungen, für Asthma, für COPD, wenn man dort verschiedene Informationen an die Zellen geben kann, das  - ich will nicht sagen, das ist der Jungbrunnen, aber das könnte vielen Menschen schon helfen, denn Luftnot ist etwas wirklich Böses, das macht auch psychisch erhebliche Probleme.

Wenn man dort den Krankheitsverlauf verbessern kann, wenn man den verlangsamen kann, wenn man eben dort helfen kann, dass subjektiv keine Luftnot mehr da ist, das wäre schon gut. Wenn der Patient dann weg kommt von diesen Heim-Sauerstoff-Anlagen und wieder mit der normalen Luft klarkommt, das bringt natürlich eine ganz andere Lebensqualität.

Und insofern hat die Entwicklung viel gebracht, ohne dass ich sage, dass wir damit jetzt Jahrzehnte übersprungen haben.

Wenn Sie jetzt mal rekapitulieren diese Zeit von den ersten Informationen über Corona bis heute: Können Sie sagen, was das mit Ihnen persönlich gemacht hat?

Ich bin ja schon ein paar Tage auf der Welt, komme noch aus dem vorigen Jahrtausend. Aus dieser Sicht heraus habe ich schon vieles erlebt. Die Vogelgrippe ging ja auch relativ schnell um die Welt, natürlich ohne dass das so eine Pandemie ausgelöst hat, die Pandemie in dieser Form war schon etwas Neues. So etwas gibt es nicht allzu häufig in der menschlichen Entwicklung und wir haben schon einiges gelernt.

Als Mensch und als Arzt muss ich sagen, es ist gut, dass wir als Menschheit – denn das war ja wirklich ein Menschheitsproblem - solche Dinge in den Griff bekommen. Aber es ist auch komisch, dass Verteilungskämpfe um den Impfstoff entbrennen. Ein Land hat ein bisschen mehr gekauft, das andere ein bisschen weniger, da gab es schon merkwürdige Sachen, da lernt man natürlich auch viel.

Und wenn man dann sieht, dass wir jetzt Krieg in Europa haben, dann sagt man sich, die paar Milliarden, die müssten eigentlich dafür stehen, dass jeder satt wird und entsprechend Trinkwasser hat beispielsweise. Wir duschen jeden Tag, waschen uns und putzen die Zähne, dafür kommt sauberes Trinkwasser aus der Leitung. Das nehmen wir so hin, da denkt keiner groß drüber nach. Aber die Hälfte der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu frischem Trinkwasser.

Und wenn dann noch ein Krieg ausbricht mit all seinen Schrecklichkeiten und man die Bilder sieht, das ist einfach völlig widersinnig. Wir hatten die Corona-Katastrophe, da schrammt die Menschheit knapp an der Vernichtung vorbei, da tun wir alles, um Impfstoff zu entwickeln, den Menschen zu helfen und auf der anderen Seite stellen wir Waffen her um Menschen umzubringen. Das ist einfach widersinnig.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 04. März 2022 | 11:00 Uhr

7 Kommentare

astrodon vor 16 Wochen

@Dermbacherin: Auch das RKI kann nicht hellsehen. Ich behaupte einfach mal, dass selbst eine Obduktion eines jeden mit positivem Test verstorbenen Menschen keinen Aufschluss über die Urasche "an" oder "mit" Covid-19 geben würde.
Zur Frage nach den Risikopatienten für einen schweren Krankheitsverlauf gibt es hingegen eine eindeutige Antwort: JEDER !

astrodon vor 16 Wochen

@Dermbacherin: Dieser Artikel informiert - einzig und allein - über die persönlichen Ansichten und Erfahrungen von Herrn Dr. Knebel. Insofern ist Ihre Kritik, auch am mdr, völlig unangebracht.
Was sich aus Ihrem, wie immer umfangreichem, sprachlichen Erguss NICHT ergibt ist die Konsequenz - was sollten uns diese Zahlen denn sagen ?

DermbacherIn vor 16 Wochen

Dieser Artikel informiert grob fehlerhaft. 42 Prozent der symptomatischen Neuinfektionen bei über 60-Jährigen sind inzwischen bereits Impfdurchbrüche, auch 27 Prozent der Todesfälle in dieser Altersgruppe gehen auf Impfdurchbrüche zurück. Das geht aus den letzten RKI-Wochenberichten klar hervor und wird hier verschwiegen, andere Medien haben es hingegen längst aufgegriffen. Zahlen aus dem Gesamtzeitraum heranzuziehen gibt ein völlig falsches Bild, den Impfdurchbrüche sind inzwischen um ein Vielfaches häufiger geworden.

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