Corona in der Lungenklinik | Woche 11 Von der Angst der chronisch Kranken, sich mit Corona anzustecken

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Die Lungenklinik in Neustadt im Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche über die Lage in seiner Klinik. Auch diesmal ist Pflegedienstleiterin Jeannette Gühne mit dabei. Sie rechnet mit einer neuen Welle - wegen vieler chronisch kranker Patienten, die sich während der Corona-Pandemie nicht ins Krankenhaus getraut haben.

Ein Arzt sitzt am Schreibtisch, eine Frau steht neben ihm, beide tragen Masken 10 min
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In dieser Woche sprechen wir darüber, wer jetzt anstelle der Corona-Patienten in der Lungenklinik liegt. Dr. Frieder G. Knebel und Pflegedienstleiterin Jeannette Gühne erzählen von der "Welle der chronisch Kranken".

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 11.02.2022 18:00Uhr 09:41 min

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Wie immer zu Beginn die Frage: Wie ist die Lage in Neustadt?

Frieder Knebel: Nach eigentlich schon sehr positiven Aussichten und einer recht optimistischen Stimmung hat es bei uns nochmal gewaltig zugeschlagen. Wir haben zunächst wieder zwei Corona- Patienten im Haus, zum Glück eher leichtere Fälle, die aber doch einer klinischen Behandlung bedürfen, so dass der Isolierbereich wieder eingerichtet und vergrößert wurde. Damit haben wir wieder Aufnahmekapazitäten geschaffen und warten jetzt, was passiert. Ob sich das ausweitet oder nicht, das werden wir sehen.

Aber wir haben gerade beim Personal gewaltige Einschläge zu verzeichnen. Das bedeutet, dass wir durch die hohe Durchseuchung, also gerade jetzt mit Omikron, doch Quarantäne und Isolationen haben und auch über die Familien eben einige Ausfälle verkraften müssen, über Schule und Kindergarten, was jetzt in die Dienstpläne gewaltig "reingehauen" hat, so dass wir Mühe haben, die Belegung aufrechtzuerhalten, aber das ist leider so. Wir haben ja vorige Woche mit der Pflegedienstleitung besprochen, wie schwierig das mitunter sein kann. Und jetzt hat es uns leider noch mal richtig erwischt. Zum Ende der Pandemie, hoffentlich!

Ich hab gestern gelesen, wer doppelt geimpft und genesen ist, hat von allen Menschen den besten Schutz. Das ist vielleicht so ein kleiner positiver Aspekt?

Frieder Knebel: Also richtig ist, dass natürlich das Immunsystem nur hoch läuft, wenn man entweder ordentlich geimpft ist, wie wir das ja kennen von Tuberkulose und von Pocken - oder eben wenn man die Erkrankung durchgemacht hat. Vielfach betrifft das zum Beispiel Röteln. Gerade als junge Frau sollte man irgendwann mal Röteln haben oder sich dagegen impfen lassen, um nicht dann, wenn man selber schwanger wird, in Sorge zu sein um Missbildungen beim Kind. Das sind ja Sachen, die landläufig bekannt sind.

Trotzdem muss man sagen, dass natürlich jetzt mit Corona - also um das Thema geht es bei uns ja immer - wir heute natürlich anders dastehen als vor zwei Jahren. Vor zwei Jahren war das eine Riesenmauer. Wir wussten nicht, was wir machen können. Die Therapien haben sich inzwischen geändert und angepasst und wir haben die Impfung als Prävention mit verschiedenen Mitteln.

Und wir haben ja inzwischen auch Antikörpertherapien, das heißt, Menschen, die zu den Risikogruppen zählen, können wir hier ambulant mit Antikörpern versehen nach entsprechender Indikationsstellung, so dass die dadurch einen Schutz genießen, selbst wenn sie nicht geimpft werden konnten.

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Hauptsache gesund Do 02.12.2021 21:00Uhr 14:42 min

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Also auch sowas gibt es, aber eben, wie gesagt, nur nach strenger Indikationsstellung durch den Hausarzt, mit Überweisung und allem, was dazugehört.

Das sind die präventiven Maßnahmen und wir haben ja jetzt auch Corona-Medikamente, die vor der Tür stehen. Und wir haben jetzt die - Gott sei Dank - leichtere Variante mit Omikron, die eine hohe Durchseuchung bringen wird und wenn wir so 80 bis 85 Prozent Geimpfte, Genesene und Geboosterte haben, dann sieht die Situation doch deutlich besser aus.

Andererseits muss man sagen, dass wir bei Kindern, die nicht geimpft sind, teilweise schwere Krankheitsverläufe verzeichnet haben. Also es bleibt noch abzuwarten, was da noch für Überraschungen auf uns zukommen werden.

Zumindest sieht es aber im Moment so aus, als wären die Krankenhäuser nicht überlaufen durch Omikron. Das war ja die Befürchtung, die im Raum stand, das sieht ja nun doch nicht so aus.

Frieder Knebel: Nein, weder die Krankenhäuser, noch die Intensivstationen, also auch in Thüringen hat sich die Lage auf den Intensivstationen deutlich beruhigt. Wir hatten ja in der Weihnachtszeit noch große Probleme mit Delta. Damals sind insgesamt mehr als 30 Patienten in den Norden verlegt worden. Die sind ja inzwischen langsam wieder in Thüringen und auf den Intensivstationen hat es sich entspannt. Es gibt natürlich schon noch Intensivstationen, wo Covid-Patienten liegen, aber es geht nach unten und die Häuser sind keineswegs überlastet.

Was heißt das für Sie ganz praktisch? Sie drehen ja jetzt nicht plötzlich alle Däumchen und können in den Urlaub gehen, oder?

Jeannette Gühne: Na ja, jetzt rollt ja die "Welle 4.A" auf uns zu. Das ist die Welle, wo Patienten sich wieder trauen, ins Krankenhaus zu kommen. Wir sprechen in unserer Klinik über das Organ Lunge. Das heißt, wir haben es viel mit chronisch kranken Patienten zu tun, die sich jetzt lange nicht getraut haben, zum Arzt zu gehen oder auch mal zu einer Kontrolluntersuchung in die Klinik zu kommen.

Wir haben das ja nachweislich, dass viele Patienten ihren Aufenthalt abgesagt haben, aus Angst, sich anzustecken, was nachvollziehbar ist. Und ich glaube, wir erwarten jetzt diese Welle 4.A, die nämlich beinhaltet, dass Menschen kränker zu uns kommen und auch länger bei uns bleiben müssen, aufgrund der Tatsache, dass sie sich lange haben nicht behandeln lassen.

Und haben sie sich darauf irgendwie vorbereitet? Oder ist das ganz normal? Alltag sozusagen, nur eben schwieriger?

Jeannette Gühne: Ja, das ist für uns Alltag. Ich kann halt nur eine bestimmte Kapazität aufnehmen und versorgen. Das kommt auch darauf an, wie unsere umliegenden Kindergärten und Schulen jetzt ihre Öffnungszeiten gestalten, wie mein Pflegepersonal ausfällt. Das sind alles Sachen, die da eine Rolle spielen, aber wenn die Betten voll sind, sind sie voll. Dann können wir halt nicht mehr aufnehmen. Und da haben wir so ein bisschen Bedenken, dass das auf uns zukommt, dass unsere Kapazitäten ausgeschöpft sind und wir keine mehr zur Verfügung stellen können.

Teilen Sie diese Befürchtung?

Frieder Knebel: Also es gibt statistische Untersuchungen, die das schon nach der zweiten Welle beschrieben haben, dass wir dort teilweise Patienten hatten, wo man im Nachhinein einschätzen musste, es wäre besser gewesen, wenn sie vier, sechs, acht Wochen eher gekommen wären.

Impfen in der DDR 30 min
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MDR Zeitreise So 22.08.2021 22:20Uhr 29:50 min

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Aber das ist natürlich immer schwierig, weil das reine Statistik ist und für den Einzelfall gelten eben keine statistischen Bedingungen. Man kann nicht zu 30 oder 60 Prozent sterben, sondern entweder man ist bei der einen Gruppe oder bei der anderen. Und genauso ist das hier.

Momentan sehen wir noch nicht, dass die Welle der normalen Patienten hoch läuft, auch unter dem Aspekt Omikron sind wir da noch ein bisschen vorsichtig. Wir bieten ja zum Beispiel auch Pneumo-Kuren an, machen dann hier im Haus die Physiotherapie und das sind Sachen, die sind natürlich momentan noch ausgesetzt.

Und das sind eben gerade die chronisch kranken Lungenpatienten. Wir hatten in einem der letzten Gespräche schon mal gesagt, es gibt ungefähr 35.000 Krankheiten, nur 3.000 sind heilbar, der Rest ist chronisch. Und Lungenerkrankungen sind vielfach chronisch. Diese Patienten brauchen dann natürlich eine gute Betreuung und gerade eine Pneumo-Kur bringt denen auch etwas. Wer eine exazerbierte COPD hatte, im Krankenhaus war und danach eine Kur bekommt, hat eine deutlich bessere Wiedereinweisungsrate als Leute, die direkt aus dem Krankenhaus wieder nach Hause gehen.

Zum Aufklicken: Was ist eine Exazerbation?

Exazerbationen (lateinisch für "Verschlimmerung") sind als akute, über mindestens zwei Tage anhaltende Verschlechterung der Symptome bei chronischen Lungenkrankheiten wie Asthma und COPD definiert. Bei einer akut exazerbierten COPD - abgekürzt auch als AECOPD bezeichnet - sind die Symptome nicht nur "normalen Tagesschwankungen" unterworfen, sondern halten deutlich länger als üblich an. Doch was bedeutet das im Endeffekt?

Exazerbationen beschleunigen das Fortschreiten der COPD - und wirken sich daher negativ auf die Lebenserwartung aus. In einer Studie mit mehr als 18.000 COPD-Patienten und Patientinnen zeigte sich, dass sich nach einer moderaten bis schweren Exazerbation häufig die Lebensqualität und Lungenfunktion deutlich verschlechterten. Es ist deshalb wichtig, diese Zustände zu verhindern.

Zum Aufklicken: Was ist COPD?

Der Begriff COPD stammt aus dem Englischen (chronic obstructive pulmonary disease), übersetzt bedeutet das chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen. Unter COPD werden chronische Erkrankungen der Lunge (Lungenemphysem, chronisch obstruktive Bronchitis) zusammengefasst, die auf entzündeten und dauerhaft verengten Atemwegen beruhen. Die Erkrankungen sind irreversibel, also nicht mehr dauerhaft auszuheilen.

Die Hauptsymptome einer COPD mit oder ohne Lungenemphysem sind vermehrter Auswurf, Husten und Atemnot - auch als AHA Effekt bezeichnet. Im Anfangsstadium der COPD tritt die Atemnot zumeist nur bei stärkerer Belastung auf, später im fortgeschrittenen Stadium bereits im Ruhezustand. Im weiteren Verlauf stellen sich dann zunehmend Einschränkungen der Mobilität und der damit einhergehende Muskelverlust sowie weitere begleitende Folgeerkrankungen ein.

Das alles führt in vielen Fällen zum Abbau und Verlust der sozialen Strukturen und nicht selten zu Gemütsstörungen, im schlimmsten Fall auch zu Depressionen. Die Auswirkungen der Erkrankungen auf die Psyche und die Lebensqualität sind bekannt und werden zunehmend thematisiert und untersucht.

Ein Dienstzimmer in der Lungenklinik, in der Mitte zwischen den Tischen läuft ein Arzt entlang (Dr. Ramez Ibrahim)
Das ist die "Schaltzentrale" für mehrere Stationen in der Neustädter Klinik. Dr. Ramez Ibrahim verschafft sich einen Überblick. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Müssen Sie eine bestimmte Anzahl von Betten vorhalten, weil Sie Level-1-Klinik sind? Oder wie verträgt sich das mit dem, was Frau Gühne gerade gesagt hat?

Frieder Knebel: Dieser Level-1-Status hat damit nichts zu tun. Es ist so, dass im Thüringer Krankenhaus-Plan jedes Haus erfasst ist mit bestimmten Betten und es muss in bestimmten Zeiten immer eine Notfall-Aufnahmekapazität zur Verfügung stellen. Dabei ist völlig egal, was man für ein Krankenhaus ist und welche Struktur man hat. Das spielt überhaupt keine Rolle.

Das bleibt auch so bestehen, daran ändert sich nichts und das läuft so weiter. Und auch unsere Therapieverfahren, unsere  Beatmung wird es weiter geben, weil da immer wieder Menschen sind, die beatmet werden müssen. Das Weaning-Zentrum wird auch weiter laufen und die peripheren Stationen werden die Patienten mit Tumoren aufnehmen, mit Asthma, mit COPD oder mit interstitiellen Lungenerkrankungen. Und das meiste sind eben chronische Erkrankungen.

Zum Aufklicken: Was sind interstitielle Lungenerkrankungen?

Interstitielle Lungenerkrankungen umfassen eine heterogene, das heißt uneinheitliche Gruppe verschiedenster Lungenerkrankungen, die das Zwischengewebe der Lunge (das so genannte Interstitium) und die Lungenbläschen betreffen. Durch eine zunehmende Vernarbung der Lunge entsteht in manchen Fällen eine Lungenfibrose.

Zum Aufklicken: Was bedeutet Weaning?

Unter Weaning (= Entwöhnung) versteht man die schrittweise Übertragung der Atemarbeit vom Respirator auf den Patienten. Der Begriff findet vor allem in der Intensivmedizin Verwendung. Weaning findet häufig nach Operationen oder Lungen bzw. Atemwegserkrankungen und deren Behandlung, statt.

Und diese Patienten bedürfen dann, da sie älter und kränker werden, natürlich auch immer wieder in regelmäßigen Abständen einer erneuten Einstellung, Unterstützung, Hilfe und eines klinischen Aufenthaltes.

Also daran ändert sich nichts. Und auch wenn sich das Spektrum der Erkrankungen vielleicht wieder zur Normalität verschiebt - wovon wir ja jetzt vielleicht ein bisschen ausgehen dürfen - , wird irgendwann die nächste Pandemie kommen. Und wir haben ja jetzt in den vergangenen Jahrzehnten einiges durchgemacht, Vogelgrippe und ähnliches, Corona war ja nicht das erste. Und wir werden sehen, wie sich die Dinge dort weiterentwickeln.

Wir wollen das nächste Mal dann über die Reha sprechen, wir wollen ja auch noch mal gucken, was da möglich ist heutzutage und was sie da alles so machen.

Frieder Knebel: Gerne. Und wir hören und sehen uns dann nächste Woche.

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 11. Februar 2022 | 11:00 Uhr

13 Kommentare

Haller vor 25 Wochen

"Im März 2020 hatten wir im Prinzip keinerlei Maßnahmen und nur ganz wenig Hinweise wie mit der Pandemie umzugehen sei, und doch haben sich die Leute sofort richtig verhalten" ... wer gibt vor was richtig verhalten ist? Frau Merkel und aus zweiter Reihe die Staatssekretäre?

Freies Moria vor 25 Wochen

@Thulpe: Ich feiere nicht, und ob mich viele Leute mögen ist mir ziemlich egal. Ich bin ja kein Politiker sondern Wissenschaftler. Und wenn Sie das Virus mag, ist das irgendwie nicht zielführend...

Freies Moria vor 25 Wochen

@janoschausLE: Vielen Dank noch für Ihre guten Wünsche bezüglich meiner Gesundheit. Die ist tatsächlich 1a, Null Infektionen mit Corona bisher, obwohl ich schon zur Zeit ohne Tests und ohne Masken beruflich täglich weit über 100 Fremdkontakte hatte, auch infizierte Menschen darunter.
Und ja, ich weiß was ich fordere, und lebe das selbst, und siehe da, es funktioniert. Das ist ganz anders als Politiker, die irgendwas fordern um damit Geschäfte zu machen oder die Netzfeuerwehr die prinzipiell gegen alles ist, was nicht auf Konformität gebügelt ist.
Und es ist auch kein Widerspruch - denn die Aufhebung aller Maßnahmen verhindert ja nicht, daß Impfwillige impfen können, und Maskenwillige Maske tragen können.
Im März 2020 hatten wir im Prinzip keinerlei Maßnahmen und nur ganz wenig Hinweise wie mit der Pandemie umzugehen sei, und doch haben sich die Leute sofort richtig verhalten - Freiheit bedeutet eben Selbstverantwortung und das funktioniert wie verrückt.

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