Corona in der Lungenklinik | Woche 5 Corona-Station Neustadt: "Wo man hinguckt, drohen den Kliniken Strafen"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche. Diesmal geht es darum, welche Strafen den Krankenhäusern drohen und warum und was Dr. Knebel davon hält.

Dr. Frieder G. Knebel an seinem Schreibtisch 11 min
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11 min

Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel, wie sinnvoll er Strafandrohungen für seine Klinik findet und was er und sein Team fürs neue Jahr geplant haben.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 28.12.2021 17:12Uhr 11:18 min

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Wie hat Ihre Klinik Weihnachten überstanden?

Bis jetzt gut, aber wir haben leider Krankheitsfälle zu beklagen. Und das ist immer schwierig, wenn jemand ausfällt, dann Ersatz zu finden - gerade über die Feiertage. Wenn so Regelungen sind, die eine geringere Besetzung voraussetzen oder die geringere Besetzung planen, dann ist das immer schwierig. Aber auch da wird es eine Lösung geben.

Wie ist denn derzeit die Belegung?

Das kann ich gar nicht genau sagen, weil ich nicht in der Klinik bin und jetzt ein paar Tage Urlaub habe zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich habe nur gesehen, dass die ITS (Intensivstation) voll ist, denn das müssen wir ja jeden Tag ans RKI (Robert-Koch-Institut) beziehungsweise die DIVI (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) melden.

Wenn man das vergisst, dann ist sofort eine Strafzahlung fällig. Man muss jede Woche, am Dienstag oder Mittwoch, die Zahlen melden und dann diese Meldebescheinigung ans Ministerium des Landes schicken, bei uns ist das das Thüringer Ministerium für Gesundheit, Arbeit, Familie und Soziales. Und als ich das heute früh gemacht habe, da habe ich gesehen, dass die ITS voll ist.

Und diese Strafzahlung, von der Sie gerade gesprochen haben, wie hoch ist die?

Das weiß ich nicht, weil es uns bis jetzt noch nicht getroffen hat. Wir haben immer regelmäßig gemeldet. Das sind, glaube ich, so um die 1.000 Euro. Aber alles ist ja mit Strafen belegt. Also dieser ganze Ansatz der Steuerung ist schwierig. Da gibt es eine ganze Aufzählung von Strafzahlungen bis hin zu Gefängnis.

Das motiviert Sie aber offenbar nicht wirklich?

Das ist natürlich schwierig, weil dadurch Dilemmata oder Trilemmata geschaffen werden. Man soll einerseits für die Pflege begeistern und die Beschäftigten zur Arbeit motivieren - und andererseits gibt es auch dort Menschen, die sagen: "Ich lasse mich nicht impfen". Und die werden jetzt mit einem Impfzwang belegt. Was, wenn die dann nicht mehr arbeiten gehen oder sich einen neuen Job suchen? So wird dann die Pflege in den Krankenhäusern abgebaut.

Und dann fällt man unter die Personaluntergrenze und muss wieder eine Strafzahlung leisten. Oder sie haben Leute, deren Kinder in Quarantäne kommen durch die Kindereinrichtung oder die selber in Quarantäne müssen, und auch dadurch fällt das Haus unter die Personalpflege-Untergrenzen-Verordnung. Und schon ist wieder eine Strafzahlung fällig. Wo man hinguckt, drohen Strafen.

Erklärung Pflegepersonal-Untergrenzen-Verordnung

Seit Januar 2019 gelten für Krankenhäuser verbindliche Pflegepersonal-Untergrenzen. Das Instrument "Pflegepersonaluntergrenzen" legt für bestimmte Bereiche stationsbezogen eine Mindestanzahl an Pflegekräften zur Versorgung einer festgelegten Anzahl an Patientinnen und Patienten fest. Wird im Monatsdurchschnitt weniger Pflegepersonal als vorgeschrieben eingesetzt, muss das Krankenhaus Vergütungsabschläge hinnehmen oder zukünftig die Patientenzahl reduzieren. Gestartet ist das Instrument, das der Qualitätssicherung dienen sollte, 2019 in den Bereichen Geriatrie, Intensivmedizin, Kardiologie und Unfallchirurgie.

Wir bezahlen zum Beispiel Strafe für die Nicht-Teilnahme an der Notfallversorgung. Das sind pro Fall pauschal 60 Euro und diese 60 Euro müssen wir entrichten, obwohl wir keine Ambulanz haben. Es wäre auch nicht sinnvoll in einer Spezialklinik eine allgemeine Ambulanz für Notfälle vorzuhalten. Wir können spezielle Dinge versorgen, aber wir können keinen Blinddarm, keinen Herzinfarkt versorgen. Und das wollen wir auch nicht und das machen wir auch nicht.

Wir versorgen natürlich die Notfälle im pulmonalen Bereich, das zählt aber nicht. Weil wir keine Notfallambulanz haben, bezahlen wir für jeden Fall diese Strafe, versorgen trotzdem Notfälle, nämlich die, die in unser Spektrum passen.

Jetzt haben wir einen Antrag gestellt, aus dieser Notfallversorgung auszuscheiden. Das heißt, diese Strafzahlungen zu vermeiden. Aber das Ministerium sieht sich aufgrund der gesetzlichen Lage nicht in der Lage, eine positive Entscheidung zu fällen. Also bleibt alles, wie es ist.

Für welche Fälle bezahlen Sie diese Strafe?

Für jeden Fall, den wir behandeln, bezahlen wir 60 Euro Strafe. Da gibt es viele solche Beispiele, aber das trifft andere auch. Jetzt gibt es eine neue Prüfverordnung vom medizinischen Dienst, jedes Jahr kommen neue Ideen raus, die dann auch wieder mit Strafen drohen.

Zu- und Abschläge auf die Vergütung von Leistungen

Neben der Vergütung über die Fallpauschalen sieht das deutsche Finanzierungssystem auch verschiedene Zu- und Abschläge vor. So werden Beiträge zur Qualitätssicherung und die Wahrnehmung besonderer Aufgaben honoriert, oder die Nicht-Teilnahme an der Notfallversorgung negativ sanktioniert.

Und wo sehen Sie den Grund dafür?

Das ist der Steuergedanke. Die Idee, man habe das alles im Griff, dieses komplexe Geschehen. Dabei führt das letztlich zu nichts, sondern immer zu neuen größeren Verwerfungen im System. Die Folge ist, dass die Unzufriedenheit natürlich massiv wächst.

Und das schlägt ja teilweise durch bis auf die Mitarbeiter. Man muss denen das ja auch erklären, das versteht ja sonst keiner. Die Beschäftigten sagen dann auch: "Naja, das ist ja völliger Unfug". Aber was sollen wir machen?

Jetzt zum Beispiel mit den Meldungen an RKI und DIVI - das kann man sehen, wie man will, ob das klug ist oder nicht. Daraus werden Statistiken gemacht, einen größeren Beitrag leistet das eigentlich nicht. Es gibt ja auch noch die lokalen Netzwerke. Da kann man dann hinschauen, das ist das einzige, was da sinnvoll ist. Und dann kommt auch immer mal eine Studie dazu, was insgesamt statistisch ermittelt worden ist. Aber das hilft ja alles nicht für den Einzelfall.

Sie haben die Impfpflicht angesprochen. Haben jetzt schon Leute bei Ihnen gekündigt deswegen?

Noch nicht, weil es die Impfpflicht ja noch nicht gibt, es ist ja noch nicht so umgesetzt. Aber es ist natürlich prinzipiell denkbar, und ich weiß von anderen Kliniken, dass sich jetzt schon Pflegekräfte als arbeitssuchend gemeldet haben.

Das ist eine schwierige Situation, dass das nicht für alle gelten soll. Man hätte es doch für alle oder für keinen machen können. Aber dass man irgendwelche Bereiche unter Verdacht stellt, ist nicht nachvollziehbar. Was unterscheidet diese Menschen von den anderen?

Die will man jetzt zwingen, sich impfen zu lassen, und wer dann sagt: "Nein, ich habe jetzt zwei Jahre oder anderthalb Jahre durchgehalten - ich will nicht ", der muss sich einen neuen Job suchen? So wird man den Pflegenotstand nicht verbessern, das ist eher kontraproduktiv und trifft die Ärzte dann genauso.

Wie behandeln Sie derzeit Ihre Covid-Patienten?

Dazu gibt es Leitlinien, die sind hinterlegt. Diese Covid-Leitlinie wird laufend angepasst und da stehen uns dann ganz verschiedene Dinge zur Verfügung. So gibt es eine spezifische Therapie, die nach den Kenntnissen eine Entzündungshemmung beinhaltet. Eine Gerinnungs-Veränderung, bei der gerade auch die Thrombosen eine wesentliche Rolle spielen, dann auch mit Lungenembolien als Folge, und so versucht man praktisch die Thrombosen und auch die Lungenembolie zu vermeiden.

Rote Kapseln 12 min
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Hauptsache gesund Do 25.11.2021 20:15Uhr 12:06 min

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Dann natürlich mit Sauerstoffgaben, mit Atemhilfen. Also Druckunterstützung und Masken-Sauerstoff, was man da alles machen kann.

Manchmal gibt es auch eine leichte Sedierung. Wenn jemand Atemnot hat, ist das ein sehr bedrohlicher Zustand. Der Patient wird unruhig, fängt an zu schwitzen und vieles mehr. Dann geben wir den Leuten auch mal etwas, damit sie ein bisschen Abstand gewinnen, und dann geht es natürlich weiter, dass man die Organe unterstützt, also mit Beatmung, Dialyse, ECMO (extrakorporale Lungenunterstützung), also Aktionen zur Sauerstoffgabe.

Blicke in den Schleusenbereich vor der Isolierstation
Die Corona-Patienten sind durch eine Schleuse von den anderen getrennt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Andererseits gibt es auch die Möglichkeit, Antikörper zu geben in einem bestimmten Fenster, die die Entzündungsreaktion auch nochmal verändern und praktisch die Immunsituation des Patienten verbessern. Also es gibt inzwischen ganz viel Möglichkeiten.

Und was haben Sie sich in Bezug auf Ihre Klinik fürs neue Jahr vorgenommen?

Ach, mit den guten Vorsätzen, das ist immer so ein schwieriges Thema. Gute Vorsätze, die überleben ja meist nicht das erste Quartal des folgenden Jahres. Und deswegen sind gute Vorsätze nicht so unser Thema. Wir arbeiten im Konzern eigentlich mehr projektorientiert, wir haben verschiedene neue Projekte für das Folgejahr.

Dann gab es ja jetzt das Krankenhaus-Zukunftsgesetz mit einer Bereitstellung von größeren Mitteln für Digitalisierung im Krankenhaus, das ist natürlich ein sehr kluger Ansatz, dort zu unterstützen.

Wir haben verschiedene Anträge gestellt, die momentan noch in der Bearbeitung sind und wollen dann unsere digitale Infrastruktur ausbauen. Wobei das nicht die Telematik-Infrastruktur betrifft, die läuft schon, aber es gibt noch andere Sachen. Gerade die Schnittstellen bei Aufnahme, Verlegung oder bei der Entlassung - da kann man noch verschiedene Sachen optimieren und da gibt es ganz viele Projekte.

Erklärung: Krankenhauszukunftsgesetz

Mit einem Investitionsprogramm soll den Krankenhäusern ein digitales Update verschafft werden. Der Bund wird ab dem 1. Januar 2021 drei Milliarden Euro bereitstellen, damit Krankenhäuser in moderne Notfallkapazitäten, die Digitalisierung und ihre IT-Sicherheit investieren können. Die Länder sollen weitere Investitionsmittel von 1,3 Milliarden Euro aufbringen. Mit dem Gesetz wird das durch die Koalition am 3. Juni 2020 beschlossene "Zukunftsprogramm Krankenhäuser" umgesetzt. Am 29. Oktober 2020 ist das KHZG in Kraft getreten.

Da bin ich gespannt, darüber reden wir dann im neuen Jahr. Jetzt erstmal vielen Dank, guten Rutsch und bis bald.

Vielen Dank, ebenso guten Rutsch. Allen ein gesundes neues Jahr, vor allem Gesundheit. Natürlich braucht man auch eine kleine Portion Glück, um Omikron zu entkommen oder wenn man es denn aufsammelt, dass alles sehr sanft verläuft.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 31. Dezember 2021 | 18:05 Uhr

58 Kommentare

JanoschausLE vor 32 Wochen

Tja, wgeh,
es ist Ihnen schon bekannt, dass die Wissenschaft immer wieder appellierte, aus ihrem Fachwissen heraus, auch härtere Maßnahmen in Betracht zu ziehen, schon im Sommer, als Warnung vor der 4.Welle,die Politik, ob aus Wahlkampfgründen oder anderen, hat dies nur in abgederter Form am Ende umgesetzt. Ehrlich, ich vertraue lieber Experten, die mit weltweitem wissenschaftlichen Erkenntnissen und Konsens und Wissen argumentieren, als laienhafte unzufriedenen Stümpern, die corona für Kampf gegen Demokratie ausnutzen wollen. Diese Minderheit hat sich selbst bewusst von der Gesellschaft abgespalten und versucht immer aggressiver weitere Menschen mit Lügen und Behauptungen auf ihre Seite zu zerren. Und Sie stellen hier Behauptungen, hübsch nebulös verpackt, auf, die Sie ja nicht mal ansatzweise mit Fakten belegen, wohl auch nicht können.

Frau K. vor 32 Wochen

@GS
Ja die Infektionen steigen, wie erwartet, da das Virus mutiert ist. Ein Fakt der seit 2 Jahren bekannt ist.... Aber man weiß erst nach einiger Zeit, wie die Wirkung sich verändert hat.
Was man von Omikron weiß, ist die verstärkte Übertragbarkeit. Und dass das im Moment in Spanien keine Auswirkungen hat, liegt daran, dass dort soviele gemimpft sind. Oh mein Gott, wie oft noch....

Frau K. vor 32 Wochen

@wo gehts hin
Tja wogehtshin, wir Geimpften haben euch durch die Pandemie gebracht und ihr tut jetzt so, als ist alles halb so schlimm.
Und im übrigen sollten sie sich ihre Informationen nicht ausschließlich über RT (oder ähnliche Kanäle) holen - Israel startet die 4. Imfpung.

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