Corona in der Lungenklinik | Woche 4 Weihnachten auf der Corona-Station: "Warten auf die Omikron-Welle"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche. Diesmal geht es darum, wie Weihnachten in der Klinik läuft, wie viele Menschen auf der Intensivstation liegen, mit welchen Problemen Long-Covid-Betroffene kämpfen - und wann diese Pandemie endlich vorübergeht.

Ein leeres Bett in einem Patientenzimmer 11 min
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Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel, ob Omikron schon in Neustadt angekommen ist und was an den Weihnachtsfeiertagen in der Lungenklinik anders ist als sonst.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 22.12.2021 09:56Uhr 10:31 min

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Wie ist so kurz vor Weihnachten die Stimmung bei Ihnen im Krankenhaus?

Weihnachtlich. Es ist alles entspannt, "normale" Patienten gibt es deutlich weniger. Denn wer möchte schon, wenn er es sich aussuchen kann, über Weihnachten im Krankenhaus liegen? Die Leute möchten zu Hause im Kreise der Familie feiern, das ist ganz normal. Momentan bekommen noch Tumorpatienten ihre Chemo-Therapien und es laufen die letzten Rehas. Das kriegen wir alles noch hin vor Weihnachten. Über die Feiertage ist dann nur eine Normal-Station offen. Die Intensiv-Station ist natürlich voll und auch die Überwachungsstation, das ist klar.

Ein Wegweiser mit der Aufschrift 'Lungenklinik'
In der Lungenklinik in Neustadt werden Menschen behandelt, die schwer an Covid-19 erkrankt sind - selbstverständlich auch über Weihnachten. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wie viele Covid-19-Patienten haben sie momentan - auf der Intensiv- und der Normalstation?

Auf der Intensivstation sind es momentan drei. Es gibt zwar auch Anfragen, aber wir sind, wie gesagt, leider momentan ausgelastet. Im Normalbereich, also bei den leichteren Verläufen, haben wir die Station verkleinern können. Da liegen momentan nur zwei Betroffene. Jetzt warten ja alle so ein bisschen auf die große Welle durch Omikron. Da müssen wir schauen, was passiert, was die nächsten Tage bringen.

Was erwarten Sie für Ihr Haus?

Darüber möchte ich eigentlich nicht spekulieren. Das bringt nichts. Omikron ist momentan das beherrschende Thema, weil es eben doch ein bisschen anders ist. Das zeigt, wie variabel solche Viren sind. Und sie sind natürlich sehr, sehr schnell, weil sie sich innerhalb kurzer Zeit vermehren und nur wenig Genmaterial austauschen müssen. Da können sie natürlich sehr flott und sehr dynamisch agieren. Für uns wird jetzt die große Frage sein: "Wie läuft das wirklich?" Die meisten Untersuchungen zu Omikron kommen momentan aus Südafrika.

Südafrika hat aber völlig andere Bevölkerungsstrukturen, also die über 65-Jährigen machen dort nur fünf oder sechs Prozent aus. Hochbetagte sind dort relativ selten. Und in Südafrika sind dann mitunter auch Kinder betroffen. Da muss man abwarten, wie sich das hier entwickeln wird. Wir kennen ja jetzt die Zahlen aus England und auch aus den Niederlanden und es ist doch so, dass da wirklich einiges auf uns zukommen wird.

Und gibt es bei Ihnen jetzt schon im Haus Omikron-Fälle?

Wir machen keine Genotypisierung, das ist in Deutschland doch eher den Forschungseinrichtungen vorbehalten, und man braucht dann auch immer ein Referenzlabor. Grundsätzlich sind Genotypisierungen heute kein Problem mehr. Das war vor zehn bis 15 Jahren anders, aber es ist nicht so, dass das standardmäßig gemacht wird.

Genotypisierung Bei der Genotypisierung werden die genetischen Informationen eines Lebewesens, einer Zelle oder von Viren untersucht - in diesem Fall die vom Coronavirus. Bei der Genotypisierung kommt eine Vielzahl an Technologien zum Einsatz, die meist auf einer Polymerase-Kettenreaktion (PCR) basieren.

Und wie viele Leute arbeiten über Weihnachten bei Ihnen? Und bekommen die dann kleine Weihnachtspäckchen von Ihnen oder eine Gehaltserhöhung für die Feiertage? Wie motivieren Sie die Mitarbeitenden?

Ja, das ist schon das Erste, was man sagen muss, dass eben verschiedene Berufe an Feiertagen, Samstagen, Sonntagen, arbeiten müssen, das gehört dazu. Was mich ein bisschen entsetzt hat, dass Umfragen zeigen, dass 40 Prozent der im Pflegeberuf Tätigen den Beruf nicht mehr wählen würden. Das halte ich schon für eine sehr hohe Zahl, das liegt aber nicht daran, dass sie an Feiertagen arbeiten müssen, sondern an der allgemeinen Anerkennung. Jetzt sind ja wieder Corona-Prämien im Gespräch, wobei man darüber nun diskutiert: Wie wird das ausgeschüttet, wie bekommt man das Geld dahin, wo es hin soll?

Über die Feiertage besuchen wir die Menschen, die arbeiten müssen. Am 24. und am 31. Dezember machen wir da unseren Rundgang. Da bedankt man sich vor allem nochmal für die Arbeit und für die Einsatzfreude, aber das betrifft ja meistens die Früh- oder Spätschicht. Und die, die in der Nachtschicht da sind, zum Beispiel Silvester, die setzen sich dann schon mal hin und essen zusammen Abendbrot oder so, aber feiern kann man das nicht nennen.

Die Intensivstationen (ITS), wenn sie voll belegt sind, laufen natürlich auch mit voller Besetzung. Das gilt auch die Überwachungsstation. Die Normalstationen sind hoffentlich über die Feiertage ein bisschen leerer, sodass dort das Personal ein wenig reduziert werden kann.

Ja, Sie haben ja vorhin gesagt, dass Sie drei Corona-Patienten auf der Intensivstation haben. Wie viele werden denn insgesamt dort behandelt?

Auf der ITS haben wir zwölf Patienten und die Überwachungsstation könnte acht aufnehmen, momentan sind aber nur vier dort.

Ich habe gelesen, dass Studien zufolge fast jeder Dritte, der Corona hatte, über Long-Covid-Symptome klagt. Betreuen Sie diese Patienten auch? Halten Sie Kontakt zu Ihren ehemaligen Covid-19-Patienten?

Genaue Zahlen erfassen wir nicht. Aber grundsätzlich ist es so, dass diese Erkrankung Veränderungen an den Organen, an den Gefäßen, an Leber, Niere, Lunge, Herz und Kreislauf erzeugt. Auch die kognitiven Funktionen werden eingeschränkt. Das, was wir da sehen, ist natürlich eine Negativauswahl. Nach überstandener Krankheit deutlich messbare Funktionseinschränkungen haben verschiedene Organsysteme.

Die Patienten kommen dann in die pulmologische Früh-Reha. Dort gibt es spezielle Programme, um den Alltag bewältigen zu können. Das geht damit los, dass man dann lernen muss Schuhe anzuziehen, also das Herunterbeugen, um den Schuh zu binden, das ist gar nicht so einfach. Oder die Arme hochzuheben, um einen Pullover anzuziehen.

Manche Patienten sind sehr entkräftet. Beispiel Zähneputzen: Zwei bis drei Minuten lang eine Bürste hin- und her zu bewegen und alle Stellen zu erreichen, das ist für viele ein Problem. Manchmal kann sogar allein das Luftholen ein Problem sein und das ist etwas sehr Schlimmes, das ist psychisch sehr, sehr, sehr belastend.

Beispiel Zähneputzen: Zwei bis drei Minuten lang eine Bürste hin- und her zu bewegen und alle Stellen zu erreichen, das ist für viele [Long-Covid-Patienten] ein Problem.

Dr. Frieder G. Knebel, ärztlicher Direktor der Lungenklinik in Neustadt/Harz

Was glauben Sie, wann die Corona-Pandemie vorbeigeht, das heißt wann das Virus endemisch wird? Wann wird Corona sich wie alle anderen Viren sozusagen in unser Leben einfügen?

Ich würde da sehr vorsichtig sein, wir haben ja schon viele solche Sachen erlebt. Die Vogelgrippe beispielsweise. Jetzt ist es so, "Pandemie" heißt ja weltumspannend und "endemisch" hieße ja auf verschiedene lokale Bereiche begrenzt.

Wir erleben ja auch bei der Grippewelle, die jedes Jahr um den Erdball rollt, so ein bisschen den Ansatz einer Pandemie und ich glaube, man sollte da keine Spekulationen abgeben, sondern sollte einfach die Dinge beobachten. Karl Lauterbach hat jetzt gesagt, er will auch die Wissenschaft ein bisschen mehr einbeziehen. Ich denke, das ist eine kluge Idee, dass man einfach schaut, was sagen die Spezialisten? Der Expertenrat hat sich neu konstituiert, da muss man einfach mal abwarten, wie das jetzt läuft.

Aber Corona ist ein weltweites Problem und deswegen ist es zwar ganz nett, wenn wir jetzt hier über Impfzahlen diskutieren, und in Afrika sind gerade sechs oder zehn Prozent geimpft. Solange es irgendwo auf der Welt solche niedrigen Impfquoten gibt, wird es weiter hochkochen, einfach durch die Globalisierung, die Urlauber, die Dienstreisen, den Austausch, den wir weltweit pflegen, die Waren- und Touristenströme. Da ist nicht zu erwarten, dass das plötzlich wieder verschwindet.

Sie haben gerade über die Experten gesprochen. In ihrem Landkreis wurde ja kürzlich über den Notstand diskutiert. Sie sind Level-1-Klinik - hat der Landrat, wenn der solche Entscheidungen zu treffen hat, auch mal mit Ihnen gesprochen?

Das sind politische Entscheidungen und diese fallen dort, wo Politik gemacht wird. Ärzte machen zwar auch ein bisschen Politik, aber mehr Lobbyarbeit und in deren Rahmen würde ich jetzt nicht unbedingt meinen, für einen Katastrophenfall einzutreten. Aber wie gesagt, das sind politische Entscheidungen, die müssen an anderer Stelle getroffen werden.

Ich dachte, der Landrat ruft sie dann mal an und fragt sie, wie die Lage ist, bevor er solche Entscheidungen trifft?

Für uns im Norden ist ja das Koordinationszentrum Nordhausen zuständig - und die Klinik vor der Tür ist dem Landrat sicher näher als die in Neustadt. Ich gehe schon davon aus, dass er sich da auch in Nordhausen Informationen geholt hat. Allerdings ist die Sicht aus Nordhausen natürlich nicht die Sicht aus Neustadt.

Schalten Sie Ihr Telefon über Weihnachten auch mal ab?

Welch böse Frage! Also der Weihnachtsmann soll mich schon noch anrufen können, falls ich noch einen Wunsch habe. Nein, das Telefon ist nie abgeschaltet. Das ist ein bisschen schlecht, das weiß ich auch.

Dann wünsche ich Ihnen jetzt ein schönes Fest, und wir hören uns nächste Woche wieder.

Danke, das ist lieb. Dann frohe Weihnachten und bis nächste Woche. Und schön gesund bleiben!

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. Dezember 2021 | 18:05 Uhr

62 Kommentare

DER Beobachter vor 20 Wochen

Nö. allein heute auf der Auftaktseite 14 Artikel... Kohortenstudien bspw. zu Impfungen finden statt und WHO hat diverse nationale Studien zu Coronas-Obduktionen veröffentlicht: Fazit: je nach Studie alle 75+ % a n Corona verstorben mit guten normalen Überlebensschancen...

DER Beobachter vor 20 Wochen

Max, ich bediene mich (als Sachse) tagesaktuell unbereinigt der Berichte des RKI. Gerade deswegen frustrieren mich unsere Zahlen und die deutliche Korrelation von Wählerschaften und Regel- und Einsichtsverweigerern ...

DER Beobachter vor 20 Wochen

Naja, O.B., Spahn ist ja nun weg, und nach einem einleitend relativierenden Satz kommt doch wieder das von der Kommentatorin kritisierte vermeintlich Globalisierungskritische. Wobei ich durchaus anmerke, dass ich die Nonsensweihnachtsflüge "ins Warme" noch nie so recht verstehen mochte und über die Feiertage so 4600 Flüge gestrichen wurden...

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