Corona in der Lungenklinik | Woche 9 Warum Omikron auch bei leichtem Verlauf schwere Folgen haben kann

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche. Diesmal erklärt er, welche Folgen auch leichte Omikron-Verläufe haben können und wieviel Müll Corona in der Klinik verursacht.

Dr. Frieder G. Knebel in der Lungenklinik in Neustadt/Harz 12 min
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Diesmal erzählt Dr. Frieder G. Knebel, welche Spätfolgen Omikron verursachen kann, wo die Probleme mit der Statistik liegen und warum in Krankenhäusern so viel Müll anfällt.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 28.01.2022 14:26Uhr 12:19 min

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Hallo, es geht wie immer los mit der Frage: Wie ist bei ihnen die Lage in Neustadt?

Sehr gut, wir haben Glück, das muss man ehrlich sagen. Wir haben jetzt viele Patienten deisoliert, die zwei negative PCR-Tests haben, und wir haben momentan noch einen einzigen Corona Fall. Man glaubt es kaum. Aber es ist so, und dem geht es sehr gut. Und er steht auch kurz vor der Deisolierung.

Es heißt, momentan kommen Leute ins Krankenhaus mit ganz normalen Krankheiten - bei Ihnen wahrscheinlich pneumologische Sachen - und weil Omikron schon so verbreitet ist, haben die alle außerdem auch noch Omikron, aber ohne Symptome. Haben sie sowas auch schon beobachtet?

Wir haben momentan damit überhaupt kein Problem. Wir testen ja ganz normal jeden, der kommt, das ist jetzt Pflicht. Das geht auch gar nicht anders, die Patienten müssen ja dann auch isoliert bleiben, bis sie negativ getestet sind und erst dann können sie auch in die Untersuchungszimmer oder überhaupt ihr Zimmer verlassen.

Wenn du also positiv bist, dann wird eine Typisierung vorgenommen. Jeder PCR-Test wird jetzt typisiert, und dann müsste theoretisch das Ergebnis kommen: Omikron. Inzwischen gibt es auch zwei Varianten mindestens, wobei sich das ja auch täglich ändern kann, also A1 und A2. Aber wir haben momentan keinerlei Probleme damit und auch keinerlei Patienten.

Sie hatten ja beim letzten Mal gesagt, man solle Omikron nicht auf die leichte Schulter nehmen, im Moment sieht es also eher so aus, als wenn das keine großen Probleme macht?

Wie gesagt, aus der Masse der Infizierten gibt es natürlich genug, die eine Krankenhauseinweisung erfahren und auch dort gibt es genug, die dann schwere Verläufe haben und gegebenenfalls auf der ITS (Intensivstation, Anm. d. Red.) ankommen.

Aber es gibt eben auch sehr viele, die Glück haben und einen sehr, sehr leichten Verlauf. Im Sinne von kaum auffällig bis leichte Grippesymptomatik und wenn dem so ist, dann sollte man dankbar sein, aber ich würde es nicht darauf ankommen lassen. Es gab ja bei vielen die Idee "naja, da infiziere ich mich absichtlich und dann bin ich immun". Also da würde ich doch sehr zur Vorsicht raten.

Wir hatten ja auch über die Früh-Reha gesprochen und welche Schwierigkeiten die Leute dann teilweise nach ihrer überstandenen Krankheit haben und wir haben auch schon mal Long Covid angerissen - kann es sein, dass man Omikron mit extrem leichten Verlauf hat, gar nichts davon mitkriegt und dann aber trotzdem genauso wie die anderen auch solche Long-Covid-Symptome entwickelt?

Es gibt verschiedene Untersuchungen, und da gab jetzt auch derartige Hinweise. Das Erste ist, dass man in Südafrika, wo Omikron ja sehr zeitig nachgewiesen wurde, festgestellt hat, dass etwa sechs bis acht Wochen nach Omikron die Sterblichkeit gestiegen ist. Ob dafür jetzt Omikron wirklich ursächlich zuständig ist, ist nicht ganz sicher, aber es ist zumindest statistisch auffällig gewesen. Statistisch heißt ja nicht, dass man nach einem leichten Verlauf nach sechs bis acht Wochen einfach so stirbt, aber wie gesagt, statistisch war es auffällig und man wird das sicher noch untersuchen.

Dann ist auffällig, dass jetzt unter Omikron hin und wieder auch schwere Entzündungen bei Kindern beobachtet wurden, also die Kinderkliniken melden das und sagen, dass Kinder an allen Organen oder mehreren Organen Auffälligkeiten aufweisen. Es ist ganz klar, wie dort der Zusammenhang ist. Es ist aber naheliegend, dass das unter Umständen mit Omikron zusammenhängen könnte.

Und der dritte Punkt war, dass also man schon eine Infektion haben kann und später dann Nachwirkung hat, ohne so richtig zu wissen "ich hatte Omikron". Das kann sich ganz unterschiedlich äußern. Das geht von einfachen Dingen wie Schlafstörungen, Nachtschweiß, Erschöpfungszuständen, bis zu Auffälligkeiten wie kognitiven Störungen oder Gefäßerkrankungen. Gefäßerkrankungen, die sich dann an den Organen manifestieren. Also mal ein Herzinfarkt, mal eine Thrombose, das kann auch noch später kommen. Also da scheint es Zusammenhänge zu geben, ohne dass das aus meiner Sicht hundertprozentig klar ist.

Aber mir scheint, je mehr ich mich mit ihnen unterhalte, als wäre die momentane Situation zumindest für Forschende in der Medizin gerade so ein richtiges El Dorado, oder?

Also wer zu Covid forscht, der hat sicher ein gutes Gebiet, dann natürlich auch die, die die Langzeitfolgen angehen, also Post- und Long-Covid und man darf auch nicht vergessen, dass die, die jetzt in der Impfstoff-Forschung und -Herstellung sind, natürlich auch sehr gefordert sind.

Es hat ja noch nie vorher solche Anstrengungen gegeben, zum Beispiel einen Impfstoff herzustellen. Das ging ja so schnell, also innerhalb eines Jahres! MRNA-Impfstoffe herzustellen, das ist schon eine gewaltige Leistung und man muss ja auch sagen das, was dahintersteht, das ist ja nicht nur die Erforschung des Impfstoffs. (Interessant ist, es geht ja jetzt immer um den Tot-Impfstoff, aber mRNA ist natürlich auch in gewisser Weise ein Totimpfstoff, also da lebt ja nix.)

Aber was ich eigentlich sagen wollte, mit dieser Forschung zu mRNA, dass das gleiche Prinzip eigentlich auch angewandt wird zum Beispiel bei Kolonkarzinom, also Dickdarmtumoren, die operiert sind und wo man dann bei dem Patienten misst, hat er noch Tumor-DNA im Blut oder nicht? Das ist praktisch so wie ein PCR-Test, so ungefähr kann man sich das vorstellen. Wenn man dann sieht, dass da noch Tumor-DNA ist, bedeutet das, da sind noch Zellen, die Tumormaterial enthalten, ohne dass man die in der bildgebenden Diagnostik erfasst.

Und genau dafür will man so etwas wie einen mRNA-Impfstoff entwickeln, also Informationen in den Körper, in die entsprechenden Zellen zu bringen. Man sagt quasi den Immunzellen: "hallo, guckt euch um und wenn ihr eine Zelle trefft, die Tumor heißt, also praktisch dieses Genmaterial enthält, dann bitte fresst die auf". Das ist eine neue Therapieoption. Die ist noch nicht in der Therapie und in der Breite, aber die Studien zu solchen Dingen laufen. Das hat natürlich alles durch Corona Fahrt aufgenommen.

Sie haben vorhin gerade gesagt - ich wollte Sie nicht unterbrechen - dass es da jetzt neue Varianten gibt. Heißt das, neue Varianten von Omikron oder wieder ganz neue Varianten des Corona-Virus?

Nein, das sind praktisch Subtypen von Omikron A1 und A2, die unterscheiden sich so ungefähr in zehn Mutationen. Also das ist nicht so gewaltig, aber wir haben doch so ein paar kleine Unterschiede in den Eigenschaften und das ist zumindest beachtenswert und wie gesagt, da muss man auch noch abwarten. Da gibt es immer wieder Subtypen, die auftauchen und eine Rolle spielen. Das gibt es bei allen Viren, das ist nicht so ungewöhnlich.

Und wie groß müssen die Veränderungen sein, damit es eine eigene Variante wird? Mal zum Vergleich, Sie sagen, zehn Mutationen sind nicht so viel, was wäre denn dann so viel, dass es eine eigene Variante wird?

Das kann auch nur eine spezifische Veränderung sein. Die Frage ist immer, was die verursacht und wieviel Unterschied das bringt. Manchmal ist es eben eine, manchmal sind es zehn, manchmal sind es 30 - das kommt immer drauf an und je nachdem, wie dann das genetische Muster ist und wie groß die Abweichung, gibt es eine neue Variante oder eben neue Subtypen.

Mal ein ganz anderes Thema: Wie verändert Corona denn bei Ihnen im Krankenhaus das Müllaufkommen?

Also eins muss man leider sagen: Krankenhäuser produzieren unfassbar viel Müll. Das liegt schon an den Verpackungen. Sterilgut zum Beispiel muss zweimal eingepackt sein, also eine innere Schicht, eine äußere Schicht, und sobald die äußere Schicht offen ist, beginnt dann die Zeit zu laufen. Das Material ist dann nur noch eine bestimmte Zeit steril. Aber auch, wenn beide Schichten unversehrt sind, gibt es Verfallsdaten.

Krankenhäuser produzieren viel Müll - Papier, Verpackungsmaterial und auch die Verbrauchsmaterialien sind ja samt und sonders in Plastik eingeschweißt und das ist auch manchmal sehr groß. Also die Menge ist schon gewaltig und deswegen fällt das jetzt nicht so auf, aber wir haben natürlich Sondermüll durch Corona, also biologischen Müll, der auch gesondert entsorgt werden muss. Da sind natürlich die Menge und auch die Kosten ein bisschen gestiegen.

Die Zettel zum Ausfüllen beispielsweise, wenn ich ins Krankenhaus gehe: Habe ich Symptome, habe ich Fieber, hatte ich Kontakt, auch wenn ich in die Pflegeeinrichtung gehe meine Angehörigen besuchen. Also die werden nicht ganz verschwinden. Die sind Bestandteil der Hygienekonzepte und müssen ausgefüllt werden. Auch die Schnelltests, die man mitbringen kann, was besser ist, denn dann geht es schneller. Auch ein Schnelltest dauert eben 15 Minuten, ehe man den ablesen kann. Das sollte man einfach bedenken und dieser Müll kommt natürlich immer noch oben drauf.  

Wir haben ja heute gehört, dass viele Nachbarländer jetzt sagen, wir haben zwar hohe Infektionszahlen, aber wir leben jetzt einfach damit, keine Masken mehr, Kontaktbeschränkungen teilweise aufgehoben. In Deutschland ist man da noch etwas zurückhaltender. Wie ist denn ihre persönliche Meinung dazu?

Für die Menschen, die einen schweren Verlauf haben, also auch die, die nicht geimpft sind, die dazu noch die Risikofaktoren haben - also Alter, Übergewicht, Herz- Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, Nierenerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, Gefäßerkrankungen - für die kann es natürlich trotzdem sehr bedrohlich werden.

Und Statistik ist immer schwierig, weil es ja immer um die einzelne Person geht. Man kann nicht zu 0,2 Prozent oder zu fünf Prozent einen schweren Verlauf haben, sondern das heißt ja nur, von Hundert haben fünf einen schweren Verlauf und die, die es dann trifft und die den schweren Verlauf haben, die haben eben ein ganz, ganz hohes Risiko. Für die ist es auch wirklich schwierig, wenn sie dann überleben und in die Reha kommen oder Long- oder Post-Covid haben, das ist dann wirklich hart. Die anderen haben Glück.

Sie sagen also, lieber noch ein bisschen länger die Masken aufbehalten?

So ganz verkehrt ist der Gedanke nicht. Es ist ja jetzt so, dass gerade Omikron, das ist ja immer in der Diskussion, dass eben die Ansteckungsgefahr damit sehr, sehr hoch ist und dann ist man mit einer FFP2-Maske schon ganz gut beraten oder FFP3.  Also nur irgendeine Stoffmaske, das wird nicht klappen.

Alles klar. Wir reden das nächste Mal dann über die Pflege. und ich bedanke mich erstmal für diese Woche. Und freue mich schon aufs nächste Mal.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. Januar 2022 | 11:00 Uhr

43 Kommentare

Nie wieder Sklaverei vor 16 Wochen

"Und ich würde Ihre Meinung, dass die Schwurbler, die keine der Maßnahmen einhalten und oftmals widerrechtlich auf der Straße krude Verschwörungsideologien krakeelen, die Mehrheit sind eher sehr distanziert betrachten."

Das müssen sich nun die Menschen von ihnen anhören, die 1989 auf der Straße waren.

Fakt vor 16 Wochen

@Nie wieder:

"Druck der Demonstranten"? Ich denke, das sind "Spaziergänger".
Aber egal als was die Quertreiber sich selbst bezeichnen - ernst nehmen kann man die nicht wirklich.

Fakt vor 16 Wochen

@Nie wieder....:

Das hat sich wenn überhaupt im Sprachgebrauch der querschwurbelnden "Spaziergänger" eingebürgert. Jerder der sich etwas mit dem Thema beschäftigt, weiß schon um den UNterschied.

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