Jahreszeiten im Blick Deutscher Wetterdienst sucht Naturbeobachter

Was blüht schon, was zeigt Knospen? Phänologische Wetterbeobachterinnen und -beobachter melden, wie weit die Pflanzenwelt entwickelt ist. Eine von ihnen ist Ulla Blume. Der Wetterdienst sucht Ehrenamtliche wie sie, da vielerorts Nachwuchs fehlt.

Wetterbeobachterin Ulla Blume notiert den Blütezustand von Schneeglöckchen
Wie weit ist die Natur? Der DWD sucht für Thüringen neue phänologische Wetterbeobachter. Sie dokumentieren, wie sich die Pflanzenwelt im Jahresverlauf entwickelt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Regen, Wind, Sonne - all das ist Wetter. Aber auch Pflanzen und deren jahreszeitlich bedingte Entwicklungen gehören dazu. Phänologie nennt man diese Wissenschaft von wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen in der Natur. Und die ist auch für Meteorologen wichtig. Hilfe bekommen die Wetterfrösche von sogenannten phänologischen Wettermeldern. Eine von ihnen ist Ulla Blume.

Die Wetterbeobachterin lebt mit ihrem Mann in Woffleben bei Ellrich am Fuße des Harzes. Ulla Blume ist gern draußen an der frischen Luft und mag die Natur. Und sie liebt ihren Garten. Die Pflanzen im Wandel der Jahreszeiten beobachtet sie seit Kindertagen. Seit Jahrzehnten macht sie dies auch ehrenamtlich für den Wetterdienst.

Wetterbeobachterin Ulla Blume blättert in einem Buch
Ulla Blume beobachet für den Deutschen Wetterdienst den Wandel der Pflanzen. Meteorologe Falk Böttcher freut sich über das ehrenamtliche Engagement der Thüringerin. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Übernommen hat sie das Ehrenamt von ihrem Großvater. Er konnte aus Altersgründen die Beobachtungen nicht mehr machen, wie sie berichtet. Und da hatte sie schon vor mehr als 40 Jahren gesagt, sie übernimmt vom Opa. Bis zum heutigen Zeitpunkt, sagt sie strahlend, mache sie das mit großer Freude.

Wetter beobachten im Umkreis von fünf Kilometern

Mit ihrem DWD-Tagebuch schlendert sie durch den Garten, streicht über die Schneeglöckchen, schaut nach der Hasel. Doch nicht nur in ihrem Garten beobachtet sie die Pflanzen. Vorgeschrieben für Beobachtungen ist ein Umkreis von fünf Kilometern. Um zu schauen, ob die Erle bereits anfängt zu stäuben, macht sie also einen Spaziergang.

Wetterbeobachterin Ulla Blume
Familientradition: Ulla Blume übernahm das Ehrenamt als Wetterbeobachterin von ihrem Großvater. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Denn Erlen brauchen Wasser, sagt Ulla Blume. Und deshalb muss sie ans Flüsschen laufen. In ihrem Garten hat sie zwar auch einen Teich. Eine Erle allerdings wächst dort nicht. Auf die Blüte der Linde im Sommer freut sie sich am meisten. Das liege nicht nur daran, dass sie so gut duftet, verrät sie. "Lindenblüten sind gut für meine Bienen." Ulla Blume ist Imkerin. 13 Bienenvölker stehen in ihrem Garten.

Ihr jahrzehntelanges Naturwissen weiß der Deutsche Wetterdienst zu schätzen - und hätte gern mehr Ehrenamtliche wie sie. Phänologische Wettermelderinnen und Wettermelder werden überall in Thüringen gesucht. Jahrzehntelange Datenreihen sind wichtig für die Klimaforschung, sagt Meteorologe Falk Böttcher vom DWD. Aber auch für die Einschätzung des Pollenfluges, die Beratung der Landwirtschaft und den Abgleich mit Satellitendaten werden die Meldungen gebraucht.

Thüringer Wettermelder werden gesucht in folgenden Regionen OSTEN: Saalfeld, Pößneck, Braunichswald, Großbockedra
NORDEN: Bornhagen, Oberbösa, Uthleben
SÜDEN: Ilmenau
MITTE: Günstedt
WESTEN: Friedrichroda, Crawinkel, Gerstungen, Ruhla (Esa)

Für Jahresmelder gibt es eine Aufwandsentschädigung.

Phänologische Aufzeichnungen in Deutschland seit 18. Jahrhundert

Die Phänologie sei keine Erfindung der Neuzeit, erzählt Böttcher. Organisiert wie heute gibt es sie in Deutschland seit den 1930er-Jahren. Aufzeichnungen von Pflanzenbeobachtungen im Wandel der Jahreszeiten gab es aber hierzulande auch schon im 18. Jahrhundert, sagt er - um dann mit den ältesten phänologischen Wetterdaten der Welt aufzuwarten: Die stammen aus Japan. Seit dem Jahr 705 nach Christus und von da an ununterbrochen wird dort die Kirschblüte dokumentiert.

Deutschland ist in 500 Naturräume eingeteilt. In jedem dieser Naturräume werden laut DWD mindestens zwei Pflanzenbeobachter gebraucht. Falk Böttcher erzählt, dass mehr als 100 Pflanzen zur Auswahl stehen. Dazu gehören wild wachsende Pflanzen, landwirtschaftliche Kulturen, Obstgehölze und Wein. Ulla Blume begnügt sich mit 40 Pflanzen, die sie übers Jahr beobachtet.

Phänologischer Kalender im Vergleich
Die Phänologie kennt zehn Jahreszeiten: von der Haselblüte im Vorfrühling bis zum Blattfall der Stiel-Eiche im Winter. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Dabei hat die Phänologie zehn Jahreszeiten. Den Winter, den Vor- Erst- und Vollfrühling, den Früh-, Hoch- und Spätsommer sowie den Früh-, Voll- und Spätherbst. Sie ist eine sogenannte Jahresmelderin und führt ein analoges Tagebuch. Einmal im Jahr überträgt sie ihre Daten dann am Computer in Protokolle und schickt sie zum DWD nach Offenbach.

Es gibt aber unter den phänologischen Ehrenamtlichen auch Sofortmelder. Sie melden digital jedes Pflanzenereignis. Los geht es mit der Haselblüte. Es folgt die Blüte der Schneeglöckchen und am Ende steht der Laubfall der Stieleiche.

Wissenschaft für Jedermann

Die Phänologie ist eine Wissenschaft für Jedermann, sagt Ulla Blume. Und wer sich nicht ganz sicher sei, lächelt sie, der könne ja im DWD-Handbuch nachschlagen. Das Buch bekomme jeder phänologische Wettermelder. Meteorologe Falk Böttcher fügt hinzu: "Freude an der Natur und ein bisschen Spaß am Spazierengehen sollte man haben, damit man da auch seine Runde dreht, um die entsprechenden Pflanzen zu finden."

Viele Thüringer drehen diese Runden schon seit Jahrzehnten. Wie bei Familie Blume wurde das Ehrenamt oft an die nächste Generation weitergegeben. Klimatologie lebt von langen Datenreihen. Deshalb sei es so wichtig, Nachfolger für Wettermelder zu finden, die bald aufhören wollen.

Schneeglöckchen auf einer Wiese
Weil Wetterbeobachter etwa die Blütezeit der Schneeglöckchen notieren, wissen wir, dass der phänologische Frühling inzwischen etwa drei Wochen früher beginnt. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Die mehr als 60-jährigen Aufzeichnungen von Familie Blume machen schon länger den Klimawandel deutlich. Phänologisch beginnen der Frühling und der Sommer etwa drei Wochen früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das ist an der Jahreszeitenuhr zu sehen, die der Deutsche Wetterdienst dank der Daten von Familie Blume und den anderen Meldern erstellt hat.

Damit jahrzehntelange Meldereihen weitergeführt werden können, braucht es fleißige Bienchen für das Ehrenamt - so wie Ulla Blume. Sie möchte noch mindestens zehn Jahre weitermachen. In zahlreichen Thüringen Gemeinden werden auch noch Naturliebhaber und -beobachter gesucht.

MDR (fn)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Vormittag | 01. März 2022 | 11:05 Uhr

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