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Der ehemalige Block 4 des Konzentrationslagers, dessen Rest 1958 beim Ausbau der Grenzanlagen durch die DDR abgetragen wurde. Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora/Jens Christian Wagner

Gedenken

Von der Grenze geteilt: Das ehemalige KZ Ellrich-Juliushütte

von Dagmar Weitbrecht, MDR THÜRINGEN

Stand: 23. April 2021, 19:00 Uhr

Direkt am Bahnhof der Kleinstadt Ellrich wird im Mai 1944 ein KZ eingerichtet. Mehr als 8.000 Häftlinge schuften für aberwitzige Bauprojekte der SS im Südharz. Wer dorthin kommt, hat eine Überlebenszeit von vier bis sechs Wochen. Wie wird heute an das Lager und die Schicksale erinnert?

Im Mai 1944 beginnt Emile Delaunois im Lager Ellrich-Juliushütte, Tagebuch zu schreiben. Es ist eines der wenigen Dokumente, die das Leben im Lager beschreiben. Delaunois ist Schreiber im Arbeitsbüro und muss nicht zu den mörderischen Arbeitskommandos ausrücken.

Die Häftlinge bauen zum Beispiel nur mit Schaufel und Hacke die Helmetalbahn, eine Ausweichmöglichkeit für die Verbindung Nordhausen - Northeim. Die Bahnstrecke war wichtig für die Transporte zum Konzentrationslager Mittelbau-Dora und den Abtransport der dort montierten Waffen.

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Video: KZ Ellrich-Juliushütte soll Gedenkort werden

Das fast vergessene Lager

Ellrich im heutigen Kreis Nordhausen ist 1944 eine durchschnittliche Kleinstadt. Etwa 4.700 Einwohner leben am Rand des Harzes. Für den Bau von weiteren Untertagefabriken zur Waffenproduktion und für Infrastrukturprojekte werden Arbeitskräfte gebraucht. Deshalb richtet die SS in den Ruinen einer alten Gipsfabrik am Bahnhof von Ellrich ein Konzentrationslager ein. Jeder, der 1944/45 am Bahnhof in Ellrich ankommt, schaut auf das mit Stacheldraht gesicherte Lagertor. Die Zustände sind schlimm.

In Frankreich ist Ellrich als NS-Schreckensort ähnlich bekannt wie Buchenwald, Dora oder Bergen-Belsen. In Deutschland ist die Geschichte des Ortes dagegen weithin unbekannt.

Prof. Dr. Jens Christian Wagner (Direktor Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora)

Bereits im September 1944 sind mehr als 8.200 Häftlinge auf dem ehemaligen Fabrikgelände eingepfercht, doppelt so viele Menschen wie die Stadt Ellrich Einwohner hat.

Ein Gedenkstein des Konzentrationslagers Ellrich-Juliushütte in der belgischen Stadt Leuven. Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora/Jens Christian Wagner

Das Sterben ist gewollt

Die hygienischen Bedingungen sind unvorstellbar. Sechs Wasserhähne gibt es, eine Dusche für Tausende Menschen. Die Häftlinge müssen ihre Kleidung abwechselnd tragen, weil der Nachschub fehlt. Vier teilen sich einen Essensnapf. Am zweiten Weihnachtsfeiertag 1944 schreibt Emile Delaunois in sein Tagebuch:

"Niemand kann sich einen ähnlichen Abgrund von Hilflosigkeit vorstellen, einen ähnlichen Schrecken. Wenn man seine Kameraden hier ankommen sah, vollkommen gesund und voller Hoffnung dem Erschießungspfahl oder dem Galgen entgangen zu sein ... und dann, nach einigen Monaten siechen sie dahin. Sie gehen nur noch gebeugt, sind blass und magern furchtbar ab. Unumkehrbar wird einem nach den anderen der Tod auf die Stirn gebrannt."

Die Sterberate im Lager Ellrich liegt sogar noch über der vom KZ Mittelbau-Dora. Arbeitsunfähige werden "zur Schonung" aussortiert. Die "Schonung" besteht aus der Halbierung der ohnehin kaum ausreichenden Essensration, der Isolation und dem Entzug der Bekleidung.

Für die Erschließung der Ruinen des ehemaligen Lagergebietes gibt es einen Entwurf der PSL Landschaftsarchitekten aus Erfurt. Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora/Jens Christian Wagner

Um der vielen Toten Herr zu werden, baut die SS sogar ein eigenes Krematorium im Gelände. Es läuft bis zur Evakuierung des Lagers auf Hochtouren. Der gelblich stinkende Rauch zieht ununterbrochen über die Stadt. Der Tagebuchschreiber Emile Delaunois überlebt zwar das Lager Ellrich, stirbt aber kurz nach der Befreiung.

Die Befreiung und das Vergessen

Als das Lager Ellrich befreit wird, sind die meisten Häftlinge auf Todesmärsche oder Zugtransporte geschickt. Teile des Lagers werden noch im Frühsommer 1945 von der Bevölkerung abgerissen, wegen der Angst vor Infektionskrankheiten wie Typhus. Inzwischen läuft die Sektorengrenze zwischen russischer und britischer Zone genau über das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers. Durch das Gelände führt ein Schleichpfad, den viele zur Überquerung der "grünen Grenze" nutzen. 1961 ist damit Schluss.

Ellrich-Juliushütte ist auch wegen der Nachkriegsgeschichte ein wichtiger Gedenk- und Lernort. An kaum einem anderen Ort lässt sich räumlich derart verdichtet zeigen, welche Verbrechen die Nationalsozialisten während des Krieges mitten in Deutschland begingen, welche Folgen das nach 1945 hatte, und wie beide deutsche Staaten einer Auseinandersetzung mit den vor Ort begangenen Verbrechen aus dem Weg gegangen sind.

Prof. Dr. Jens Christian Wagner (Direktor Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora)

Während auf westdeutscher Seite unmittelbar neben dem vom Bundesgrenzschutz gesprengten KZ-Krematorium ein Aussichtspunkt auf die innerdeutsche Grenze entsteht, wird in der DDR der Mantel des Schweigens über das Lager gebreitet. Erhalten gebliebene Gebäude werden zur Sicherung der Grenze "abgetragen".

Auch wenn viele Teile des Lagers abgetragen wurden, sind die Fundamentreste nach wie vor zu erkennen. Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora/Jens Christian Wagner

Würdiges Gedenken heute

Erst seit der Wiedervereinigung ist das Gelände wieder zugänglich. In den 90er-Jahren entsteht ein Rundweg. 2010 finanziert der französische Überlebenden-Verband "Dora, Ellrich et Kommandos" zusammen mit dem Verein "Jugend für Dora" Informationstafeln.

Nun sollen die aufgefundenen Aschegräber gekennzeichnet und würdig gestaltet werden. Die Zuständigkeiten sind kompliziert. Die Gräber liegen in Niedersachsen. Das Lagergelände in Thüringen.

Für die Erschließung des ehemaligen Lagergebietes und eine kleine Ausstellung zur Lagergeschichte gibt es einen Entwurf der PSL Landschaftsarchitekten aus Erfurt. Was fehlt, ist die Finanzierung. Benötigt werden, je nach Umfang der Arbeiten bis zu zwei Millionen Euro, gestaffelt über mehrere Jahre.

Das Untergeschoss des Küchentraktes des Konzentrationslagers Ellric-Juliushütte. Bildrechte: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora/Jens Christian Wagner

Der Bürgermeister der Stadt Ellrich, Henry Pasenow, wünscht sich, mit den bisherigen Partnern in dieser Sache - also der Stiftung Naturschutz Thüringen, der Stiftung Buchenwald/Mittelbau-Dora und den Partnern auf niedersächsischer Seite - weiter konstruktiv am Ziel der Ausgestaltung einer würdigen Gedenkstätte arbeiten zu können.

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald/Mittelbau-Dora wirbt bei den Landesregierungen in Erfurt und Hannover und beim Bund um Unterstützung. "Denkbar wäre ein länderübergreifender Antrag bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien", sagt Wagner und verweist nochmals auf die internationale Bedeutung des Gedenkortes.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 23. April 2021 | 19:00 Uhr

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