Katastrophen-Sicherheit Nordhausen im Hochwasser-Stresstest

Porträt Regionalkorrespondent Armin Kung
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Nach wenigen Stunden Starkregen hatte eine Flut im Juli in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ganze Orte verwüstet und mehr als 180 Menschenleben gekostet. Ein Katastrophenszenario, vor dem sich auch Thüringer Kommunen schützen müssen. In Nordhausen wird derzeit der Hochwasserschutz geprüft. Eine Zwischenbilanz zeigt Stärken, aber auch Schwächen im Katastrophenfall.

Drei Männer präsentieren Bilder auf einer Leinwand in einer Sporthalle. Einer spricht hinter einem Rednerpult.
Versammlung zur Hochwasservorsorge in Nordhausen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Wenn Nordhausen eines kann, dann sind es Evakuierungen. Bis heute werden in der Südharz-Stadt mehrere Weltkriegsbomben pro Jahr aus der Erde geholt und entschärft. Jedes Mal müssen Einwohner ganzer Stadtteile ihre Wohnungen räumen. Polizisten kontrollieren die Straßen. Ein City-Notruf wird in kürzester Zeit besetzt. Im Radio laufen Warnungen. Ein eingespielter Krisen-Ablauf.

"Ein Problem bei der Flutkatastrohe in Rheinland-Pfalz war, dass die Verwaltungen nicht in Evakuierungen geübt waren. Dieses Problem haben wir nicht. Bei uns sind Verwaltung und Einsatzkräfte für den Krisenfall geübt", sagt Nordhausens Oberbürgermeister Kai Buchmann auf einer Versammlung zur Hochwasservorsorge.

Was in Rheinland-Pfalz passiert ist, wird bei uns nicht geschehen.

Kai Buchmann Oberbürgermeister Nordhausen

125.000 Sandsäcke stehen in Nordhausen bereit

Nordhausen hat im Kampf gegen Hochwasser aufgerüstet. Die Stadt gehörte zu den ersten Kommunen in Thüringen mit einer Wasserwehr innerhalb der Feuerwehr. Die Feuerwehr erhielt 2018 einen modernen Hochwasserschutz-Anhänger, voll mit Hochleistungspumpen, Schläuchen, mobilen Schutzanlagen, Beleuchtung und mehr. Er war bisher nicht im Einsatz.

Der Stadt stehen 125.000 Sandsäcke zur Verfügung, weitere 750.000 Sandsäcke lagern in einem Katastrophenschutzlager. Vor wenigen Wochen trainierte die Nordhäuser Wasserwehr für den Ernstfall, sagt Thomas Schinköth, Chef der Berufsfeuerwehr. So weit so gut. Allerdings gibt es auch deutliche Defizite.

Ampelsystem für Hochwasser und Starkregen

Im Juni begann eine Hochwasserprüfung der Stadtverwaltung mit der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall. Die Stadt wollte wissen, wie gut sie auf ein Hochwasser vorbereitet ist.

Um die Zwischenergebnisse der Hochwasserprüfung auf einen Blick erfassbar zu machen, werden sie in zwei Hochwasser-Ampeln vereinfacht dargestellt und auf der Einwohnerversammlung gezeigt. Eine Ampel steht für die Kategorie "Flusshochwasser", die zweite Ampel für "Starkregenereignisse". Die Flusshochwasser-Ampel zeigt die Farben Grün und Gelb. Die Starkregen-Ampel dagegen ist rot.

Ein Fluss im Stadtgebiet.
Die Zorge ist neben der Helme einer der Flüsse, die durch Nordhausen fließen. 2008 trat das Wasser zuletzt über die Ufer. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Der Grund: Niemand weiß derzeit genau, wo eine durch Starkregen ausgelöste Flut in Nordhausen entlangstürzen würde. Für ein Szenario, wie im Katastrophengebiet von Ahrweiler, ist die Stadt derzeit blind. "Für die Folgen eines Starkregen-Ereignisses haben wir keine Dokumentation oder Erfahrung. Wo das Wasser durch die Stadt laufen würde, wissen wir nicht", sagt Kerstin Windisch vom städtischen Umweltamt, die das Hochwasser-Audit begleitet.

Nordhausen brauche ein Computermodell, um die Wege von Fluten simulieren zu können. Dann würde die Hochwasser-Ampel auch auf grün springen, sagt Kerstin Windisch. Die Stadtverwaltung habe bereits Fördergelder dafür beantragt, sagt Oberbürgermeister Buchmann.

Keine Sirenen in Nordhausen

Starkregen sorgt auch Nordhausens Feuerwehr-Chef Thomas Schinköth. Dieser nehme zu. In diesem Jahr hatte ein Starkregen-Ereignis bereits ein komplettes Maisfeld bei Nordhausen abgetragen und auf die Straße gespült. Ein ähnliches Ereignis ist erst wenige Jahre her. Ein Getreidefeld hob es durch eine Starkregenflut an und verlagerte sich auf eine Straße, sagt der Feuerwehrchef.

Was Schinköth ebenfalls sorgt: Nordhausen hat keine Sirenen in der Innenstadt. Warnungen werden per Nina-App, Lautsprecher und Medien ausgestrahlt. Sirenen dagegen gab es noch nie, auch nicht zu DDR-Zeiten. In der Vergangenheit hatte die Stadt versucht, ein Sirenen-Modellprojekt beim Land Thüringen zu beantragen. Es wurde abgelehnt. Das war aber noch vor Ahrweiler, sagt der Oberbürgermeister. Man werde es wieder probieren.

Das endgültige Ergebnis des Hochwasser-Stresstests soll auf einer Stadtratssitzung im Oktober oder Dezember vorgestellt werden. "Es wird sehr interessant werden", sagt Kerstin Windisch.

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Quelle: MDR THÜRINGEN/ls/mm

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 29. September 2021 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

hansfriederleistner vor 2 Wochen

Ob ich die Bevölkerung zur Beseitigung einer Fliegerbombe mit entsprechender Zeitvorgabe und bekannten Verlauf für ein paar Stunden evakuiere oder auf ein sich rasch ausbreitendes Hochwasser reagieren muß, ist ein gewaltiger Unterschied.

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