Klimafreundliche Heizung Wie in Thüringen erstmals Häuser mit "kalter Nahwärme" geheizt werden

Bisher wird der Begriff Erdwärme meist mit Bohrungen in großer Tiefe verbunden. In Werther bei Nordhausen ist nun die "kalte Nahwärme“ angekommen. Wärme wird in nur knapp einem Meter Tiefe zum Heizen gesammelt.

Das Bild zeigt ein Feld und eine Baustelle, auf der Menschen stehen. Auch ein Bagger ist zu sehen.
Startschuss für ein neues Wohngebiet in Werther bei Nordhausen. Dort soll eine neue Technologie für Wärme sorgen. Bildrechte: MDR/ Armin Kung

Neue Technologien sind so eine Sache: Nicht jeder kennt sie. Bei Claus Müller von der Energiegenossenschaft Helmetal war es die Bank, die Zweifel hatte. Müller wollte einen Kredit für ein "kaltes Nahwärme-Netz" haben. Das Kreditinstitut fragte zurück: "Wie wollen Sie denn mit kaltem Wasser heizen?", erzählt Müller über die Kreditverhandlungen.

Schon +5 Grad Celsius reichen

Skeptisch sein ist erlaubt bei diesen Zahlen: Der "Kaltwärme" genügen Temperaturen zwischen fünf und 18 Grad Celsius, um energieeffizient-gedämmte Häuser zu heizen. Zwischen Erde und Haus reicht den Wärmepumpen bereits ein Unterschied von zwei Grad, um Wärme zu produzieren. Üblicherweise benötigt eine Versorgung über Wärmenetze eine Vorlauftemperatur von etwa 80 Grad, sagt die Thüringer Energie und Green-Tech-Agentur (ThEGA). Die Agentur setzt sich für Projekte zur Energiewende in Thüringen ein. Denn die kalte Nahwärme gilt als eine der klimafreundlichsten Formen der Wärmeversorgung.

Das Geheimnis der Kaltwärme liegt nicht in der Tiefe, sondern in der Fläche. In nur knapp einem Meter Tiefe kann ein geothermischer Kollektor Wärme aus dem Boden ziehen. Durch die Fläche genügen den Wärmepumpen geringe Tiefen und niedrige Bodentemperaturen, um Einfamilienhäuser zu heizen.

Erstes Kaltwärme-Projekt in Mitteldeutschland

Aus diesem Grund reiste auch Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) nach Werther bei Nordhausen. Am Montag war hier Spatenstich zum Wohngebiet "Lehmkuhle", in dem die Kaltwärme erstmals in Thüringen und Mitteldeutschland genutzt werden soll.

Siegesmund überreichte Werthers Bürgermeister Jürgen Weidt einen Förderscheck über knapp 140.000 Euro. Die ersten 33 Einfamilienhäuser des Landes sollen hier mit kalter Nahwärme versorgt werden. Der geothermische Kollektor von Werther wird auf einer Fläche von 8.000 Quadratmetern Wärme im Boden sammeln.

Fünf Menschen stehen auf einem Feld und werfen mit einem Spaten Lehm in die Luft
Umweltministerin Anja Siegesmund (Mitte) und Landrat Matthias Jendricke (2.v.r.) eröffnen mit Bürgermeister Jürgen Weidt (2.v.l.) die Wohnanlage "Lehmkuhle" in Werther. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Der Preis für die Hausbesitzer soll dabei stabil sein, verspricht die Energiegenossenschaft Helmetal. Jeder, der ein Grundstück kauft und sich anschließen lässt, zahlt einmalig 3.000 Euro für Genossenschaftsanteile. Bei Gewinnen werden alle Anteilseigner beteiligt. "Ansonsten gibt es nur noch eine monatliche Anschlussgebühr von 65 Euro. Das war's", sagte Claus Müller von der Energiegenossenschaft Helmetal.

Klimaanlage im Sommer

Erst im Sommer wird die kalte Nahwärme ihrem Namen gerecht. Denn die Wärmeproduktion lässt sich umkehren. Aus den Wärmepumpen werden umweltschonende Klimaanlagen. Generell ist der CO2-Ausstoß vergleichsweise gering. Die versorgten Einfamilienhäuser erreichen damit hohe Effizienzwerte und die Familien haben Anspruch auf Förderungen.

Wenn in Werther bei Nordhausen alles gut geht, könnten bereits im nächsten Jahr die ersten Thüringer "kalt heizen".

MDR THÜRINGEN/oleiste

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 19. April 2021 | 19:00 Uhr

44 Kommentare

Querdenker vor 8 Wochen

@martin - - - Die Technik ist schon Jahrzehnte alt (siehe „wiki Kalte Nahwärme“). Diese Technik hat Zukunft, da sie im Sommer Gebäude auch kühlen kann. Ich bin aber für Regularien was die Planung betrifft in Bezug auf lange Frostperioden.

Ich meine es wäre doch völlig absurd, wenn ein Prinzip einer Heizung gerade dann ausfällt, wenn sie am nötigsten gebraucht wird. Darum sollte eine Jahrhundertwinter mit einkalkuliert werden bei der Planung. Wenn das nicht gemacht wird, sollte das als „Schönwetterheizung“ und Planungsfehler bewertet werden.

Was Skandinavien betrifft, bestätigt es meine Meinung.

siehe „tagesschau Tiefster Winter in Schweden Eisige Kälte sorgt für Stromknappheit“

martin vor 8 Wochen

@querdenker: Mit Strom dazu heizen ist bei strengem Frost doch offensichtlich in D normal. Wenn ich mir die Vielzahl an Heizlüftern, Radiatoren etc. anschaue, die hier so verkauft werden ....

Wie ich weiter oben bereits schrieb, ist das in den nächsten Jahren sicher kein Konzept "für die Fläche". Aber zum Sammeln von Betriebserfahrungen sicher eine gute Idee. Man könnte bei 33 Gebäuden ggf. die Anlage durch ein kleineres BHKW zu ergänzen, das dann Strom und Wärme liefert. Oder ein mit Hackschnitzel betriebenen Holzkessel dazu zu stellen, der die Spitzenlast bei Frost unterstützt.

Heizen mit Strom führt nicht automatisch zu einer schlechten Versorgungssicherheit. In Skandinavien wird (für meinen Geschmack: extrem) viel mit Strom geheizt.

Richtig ist: Die vorhandenen Netze müssen für die Zukunft ertüchtigt werden. Nur neue Höchstspannungstrassen durch D zu ziehen, löst die Problematik meiner Meinung nach nicht ansatzweise.

1,30 m Tiefe ist doch schon mal ein Wort ...

Querdenker vor 8 Wochen

@martin - - - Mit Strom heizen bei einem strengen Winter als „Notbetrieb“? So etwas sollten wir in Deutschland gar nicht erst einreißen lassen (Versorgungssicherheit).

siehe „luzernerzeitung Winter - Heizung als Stromfresser: Frankreich stemmt sich gegen den Blackout“

Wir werden genug damit zu tun haben, das Stromnetz für die Elektroautos zu ertüchtigen.

- - -

Habe jetzt aber nachgeschaut, die gehen in Werther auf eine Tiefe von 1,30 Meter runter, was schon eher hinkommt.

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