Nordhausen Kirche aus religiösen Gründen ausgeräumt? 26-Jähriger vor Gericht

Seit Mittwoch muss sich ein 26-jähriger Afghane vor dem Amtsgericht Nordhausen verantworten. Er soll - offenbar aus religiösen Gründen - eine wertvolle Christusfigur in der Nordhäuser Frauenbergkirche zerstört haben.

Drei Menschen laufen einen Flur entlang.
Der Rechtsanwalt (vorne) des Angeklagten mit Dolmetscher (links) und dem Tatverdächtigen auf dem Weg in den Gerichtssaal. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Vor dem Amtsgericht Nordhausen hat am Mittwoch der Prozess um die zerstörte Christusfigur in der Frauenbergkirche begonnen. Angeklagt ist ein 26-jähriger Afghane.

Er soll Ende Oktober vergangenen Jahres Kircheninventar ausgeräumt, die wertvolle Christusfigur von der Wand gerissen und beschädigt sowie eine Altartafel zerbrochen haben. Ihm wird nun Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch zur Last gelegt. Der Schaden beträgt laut Anklage 2.300 Euro. Die Christusfigur wird zurzeit restauriert.

Ein stark beschädigtes Kruzifix
Die mehrere Hundert Jahre alte Christusfigur wurde bei dem Vorfall im Herbst beschädigt. Sie wird derzeit restauriert. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Kirche in Nordhausen ausgeräumt: Gerichtsprozess unterbrochen

Nach knapp einer Stunde ist der Prozess allerdings ausgesetzt worden. Amtsrichterin Iris Kasch-Böse will weitere Zeugen befragen und Akten einsehen. Eventuell müsse auch die Schuldfähigkeit des Angeklagten geprüft werden.

Verteidiger Marko Siebold hatte zuvor erklärt, dass sein Mandant die Taten gesteht. Unklar sei aber dessen Motivation. Der 26-Jährige habe nicht mit Vorsatz, sondern aus seinem Glauben heraus gehandelt und ein Problem mit der Christusfigur in der Frauenbergkirche gehabt, so Siebold. Er sehe das Unrecht seiner Tat nicht ein, erklärt Siebold.

Das Gebäude des Amtsgerichts Nordhausen
Der Prozess vor dem Amtsgericht Nordhausen wurde unterbrochen. Amtsrichterin Kasch-Böse will noch weitere Zeugen befragen. Bildrechte: MDR/Claudia Götze

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen weiterer Straftaten

Der 26-jährige Afghane ist seit fast sieben Jahren in Deutschland. Bis 2020 hatte er einen Job als Reinigungskraft. Warum ihm nach drei Jahren plötzlich gekündigt wurde, wisse er nicht. Mittlerweile sei er auch als Asylbewerber nur noch geduldet, es gibt einen rechtskräftigen Abschiebe-Bescheid.

Weil es Ärger mit den Nachbarn gegeben habe, habe er vor zwei Monaten umziehen müssen. Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen ermittelt in vier weiteren Fällen gegen ihn wegen Sachbeschädigung: In einem Fall soll er Steine auf ein vorbeifahrendes Auto geworfen und in drei weiteren Fällen die Wohnungstüren der Nachbarn beschädigt haben.

Pfarrer Müller: Irritationen, Unmut und Traurigkeit

Die evangelische Gemeinde wartet indes sehnsüchtig auf die Rückkehr der restaurierten Christusfigur, sagt Pfarrer Klemens Müller. Sie sei nach Bombenangriffen 1945 aus der zerstörten Kirche gerettet worden und auch deshalb so wertvoll.

Pfarrer Klemens Müller
Pfarrer Klemens Müller war als Zeuge im Prozess geladen - konnte aber zunächst ohne Aussage wieder gehen. (Archiv) Bildrechte: MDR/Christian Franke

Der Vorfall im Herbst habe für Irritationen, Unmut und Traurigkeit gesorgt, so Müller. So etwas könne auch durch eine Verhandlung aufgearbeitet werden. Kurz nach dem Vorfall hatte es eine gemeinsame Andacht mit der afghanischen Community gegeben.

"Das war eine ganz große Geste, weil es auch um das künftige Miteinander geht", sagte Müller. Ein starkes Zeichen von Menschen, die sich für etwas entschuldigt haben, was sie nicht getan haben. Müller war am Mittwoch als Zeuge im Prozess geladen, konnte aber ohne Aussage wieder gehen.

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MDR (goe/fno)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 01. Juni 2022 | 12:00 Uhr

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