Spurensuche Das Rätsel des Nordhäuser Lazarus-Gemäldes

Vor 77 Jahren haben die Amerikaner Nordhausen vom Nationalsozialismus befreit. In den Kriegswirren verlor die Stadt auch ein bedeutendes Kunstwerk: die "Auferweckung des Lazarus" von Lucas Cranach dem Jüngeren, zerstört im britischen Bombenhagel. Das Gemälde einer Künstlerdynastie, deren Werke heute mit Millionenbeträgen gehandelt werden. Doch es gibt Zweifel daran, dass die Werke tatsächlich verbrannten.

Ein Gemälde mit mehreren Personen.
In der Nordhäuser St.-Blasii-Kirche hängt eine Kopie des Malers Robert Häusler von 1927. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Es war der Mittag des 3. April 1945, als englische Bomberverbände abhoben und in Richtung Nordhausen flogen. Die Avro-Lancaster-Bomber der britischen Royal Air Force näherten sich mit 1.200 Tonnen Bomben im Gepäck der Stadt am Südharz. Ein noch stärkeres Bombardement folgte einen Tag später. Nach den Luftangriffen gehörte Nordhausen zu den am schwersten zerstörten Städten des Zweiten Weltkriegs. Deutschlands Gewalt in Europa kehrte nach Hause zurück.

Die britischen Bomben führten nicht nur zu Leid unter der Zivilbevölkerung. Eine britische Bombe kostete Nordhausen außerdem eines seiner bedeutendsten Kunstwerke: die "Auferweckung des Lazarus" von Lucas Cranach dem Jüngeren. Ein großes Gemälde auf Holz, welches als Grabdenkmal (Epitaph) für Nordhausens angesehenen Bürgermeister Michael Meyenburg 1555 bis 1558 gemalt wurde. Die Wittenberger Werkstatt der Cranachs gilt als Bildgeber für Luthers Reformation und zählt zu den wichtigsten Renaissance-Künstlern.

Ein Gemälde mit mehreren Personen.
Die "Auferweckung des Lazarus" zeigt in der Mitte Lazarus, der von Jesus Christus wiedererweckt wurde. Auf der linken Seite steht eine Reformatoren-Gruppe um Martin Luther. Darunter ist auch der Nordhäuser Reformator Justus Jonas oder Philipp Melanchton zu sehen. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Die angebliche Zerstörung des Lazarus

Verantwortlich für die Kunst der Nordhäuser St.-Blasii-Kirche war im Zweiten Weltkrieg der Pfarrer Friedrich Trautmann. Spätestens als 1940 die ersten Bomben auf Nordhausen fielen, mussten Kirchenschätze gesichert werden. Darunter die "Auferweckung des Lazarus" von Cranach. Eine biblische Szene, auf der auch die Familie Meyenburg zu sehen ist, sowie eine Gruppe Reformatoren unter Martin Luther.

Pfarrer Trautmann ließ sowohl die "Auferweckung des Lazarus" von Cranach dem Jüngeren als auch ein "Ecce Homo-Bild" von Cranach dem Älteren in den Keller der Nordhäuser Aktienbrauerei bringen. Die Brauerei-Keller galten als genauso sicher wie mancher Luftschutzbunker. Auch andere Brauereien Nordhausens wurden während des Zweiten Weltkriegs als Luftschutzbunker genutzt, wie zum Beispiel das Tonnengewölbe der Bergbrauer Bideau.

Gemälde in Kirche
Die Kopie des Nordhäuser Lazarus von 1927 hängt an der Stelle des Originals. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Doch angeblich kam es anders. Die Brauereikeller hielten den Bomben nicht stand. Nach dem Krieg sagte Friedrich Trautmann, die Cranach-Werke seien im Bombenhagel und dem darauffolgenden Feuer verbrannt. Eine These, an der einige Nordhäuser zweifelten. So auch Ilsetraut Glock, eine weit über Nordhausen angesehene Künstlerin, Ehrenbürgerin der Stadt und Trägerin des Thüringer Verdienstordens. Sie schrieb Jahrzehnte später einen Brief, dass die Cranach-Werke unmöglich verbrannt sein konnten. Direkt am Morgen nach dem Luftangriff vom 4. April habe sie mit ihrer Mutter und ihrer Tochter die Aktienbrauerei besucht. Zwar hatte das Gebäude einen Treffer abbekommen, doch die mächtigen Brauereikeller waren intakt. Keine Spur eines Feuers.

Der Brief gehört Heidelore Kneffel, die zur "Auferweckung des Lazarus" Aufsätze in Nordhäuser Jahrbüchern publiziert hat. "Später verbreitete Trautmann die Behauptung, dass polnische Zwangsarbeiter die Cranachwerke mit Säure übergossen hätten. Plötzlich war keine Rede mehr von einem Feuer. Deshalb zweifelten viele Menschen an dem Pfarrer", sagte Kneffel MDR THÜRINGEN. Doch was passierte stattdessen mit Cranachs Lazarus?

Die alternative Erzählung

Nordhausens Pfarrer Friedrich Trautmann war nicht nur Christ, sondern auch Nationalsozialist. Bereits ein Jahr vor der Machtergreifung 1933 hielt Trautmann einen Vortrag in Nordhausen, der seine nationalsozialistische Weltanschauung offenbarte. Der Titel lautete: "Die Abkehr vom christlichen Parlamentarismus und eine Vermählung zwischen Deutschtum und Christentum", wie es in der Chronik der Stadt steht. Trautmann gründete 1933 in Nordhausen eine Ortsgruppe der "Deutschen Christen", die Nationalsozialismus und Christentum miteinander verbinden wollten.

Mann in grauem Mantel an Pult mit Mikrofon. Im Hintergrund ein grauer Obelisk mit weißen Inschriften mit Audio
Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch

Für viele seiner Gemeindemitglieder war klar: Der stramm rechte Pfarrer wollte verhindern, dass die Cranach-Werke in die Hände der "Bolschewisten" fielen. Zwar hatten die Amerikaner Nordhausen am 11. April befreit und besetzt, doch Trautmann wusste bereits, dass Thüringen Teil der Sowjetischen Besatzungszone werden würde. Immerhin war die Konferenz von Jalta bereits am 11. Februar zu Ende gegangen. Die Alliierten hatten dort die Aufteilung Deutschlands beschlossen.

Der ehemalige Kirchenbauamtsleiter Wolfgang Hartmann
Der ehemalige Kirchenbauamtsleiter Wolfgang Hartmann ist aktives Gemeindemitglied und kennt die Geschichten um den Nordhäuser Lazarus. Bildrechte: MDR/Armin Kung

"Deshalb hat Trautmann die Cranach-Werke den Amerikanern übergeben, bevor Nordhausen an die Russen fallen konnte. Oder ihnen den Aufbewahrungsort verraten. Das erzählten sich die alten Gemeindemitglieder", sagt Wolfgang Hartmann. Er war bis in die frühen 2000er-Jahre Nordhäuser Bauamtsleiter der damaligen Kirchenprovinz Sachsen.

Ein überzeugter Nationalsozialist übergab die Cranach-Werke lieber den Amerikanern als den "Bolschewisten" - eine Theorie, die auch der Nordhäuser Heimatforscher Fritz Schmalz vertrat.

Spuren führen in die USA

Neben den Geschichten um des Pfarrers Verrat an die Amerikaner führen weitere Indizien in die Vereinigten Staaten. Ilsetraut Glock verließ Nordhausen nach dem Krieg, ging später nach Bonn und arbeitete als Malerin. In ihrem Brief an Hildegard Kneffel schrieb sie, dass sie die "Auferweckung des Lazarus" nach dem Krieg in Mainz gesehen habe.

Auf eine weitere Spur stieß Hildegard Kneffel im Jahr 2015. Auf einer Ausstellung in Wittenberg zu "500 Jahren Cranach" entdeckte sie eine Skizze. Darauf war Jesus Christus zu sehen - neben weiteren skizzierten Köpfen. Sie glichen den Köpfen auf dem Nordhäuser Lazarus. Die Skizze stellte sich als eine Leihgabe der Staatsgalerie Stuttgarts heraus. Die Stuttgarter hatten sie zuvor in den USA erworben.

Gemälde von mehrere Köpfen
Postkarte einer Cranach-Skizze, die den Köpfen auf dem Lazarus ähneln. Die Originalskizze gehört der Staatsgalerie Stuttgart und wurde aus den USA angekauft. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Beweise sind dies nicht, der Nordhäuser Lazarus ist nicht aufgetaucht. Entweder ist er zerstört oder wird weiterhin vor den Augen der Öffentlichkeit versteckt. Zumindest innerhalb der evangelischen Kirche wurden die Zweifel an der Zerstörung des Lazarus später ernster genommen. Das kirchliche Bauamt in Magdeburg setzte die "Auferweckung des Lazarus" 2001 in die Such-Datenbank "Lost Art" für Kulturgutverluste.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 10. April 2022 | 18:45 Uhr

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