Corona in der Lungenklinik | Woche 3 "Infektions-Schleuse ist auch mentaler Schutz für uns"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir einmal pro Woche über die Situation in seiner Klinik. In dieser dritten Folge geht es darum, wie man in Neustadt mit der besonderen Belastung durch Corona umgeht, was dort in Bezug auf die Beatmung anders läuft als andernorts und wie die Infektionsschleuse auch das Personal schützt.

Blicke in den Schleusenbereich vor der Isolierstation 7 min
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In der heutigen Folge erzählt Dr. Knebel, was in Neustadt in Bezug auf die Beatmung anders läuft als andernorts und wie das Personal mit dem Tod von Patienten umgeht.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 15.12.2021 19:01Uhr 07:10 min

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Wie ist denn jetzt im Moment die Stimmung bei Ihnen im Haus?

Die Stimmung ist eigentlich relativ gut. Jetzt in der Vorweihnachtszeit ist ja ohnehin eigentlich jeder so ein bisschen im Jahresausklangs-Modus. Und die einzigen Einschränkungen kommen jetzt dadurch, dass die Weihnachtsmärkte alle geschlossen sind, aber das ist okay, denke ich.

Ich war gestern im Krankenhaus in Weimar und da hat eine Schwester auf der Kinderstation gesagt: "Neustadt? Sind das nicht die, die das mit der Beatmung anders gemacht haben als alle anderen?" Wie ist das denn gekommen, dass das bei Ihnen anders gemacht worden ist?

Die Beatmung ist nicht komplett anders. Es gibt heute Leitlinien dafür und in allen Industrieländern wird nach diesen internationalen Leitlinien, die den Stand des aktuellen Wissens widerspiegeln, verfahren.

Aber wenn sich bei einem Patienten der Zustand stark verschlechtert, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel sehr hoch konzentriert Sauerstoff geben, also zehn Liter pro Minute. Aber die Luft ist dann natürlich nicht zu 100 Prozent mit Wasserdampf gesättigt und damit trocknen die Atemwege aus. Dann gibt es die High-Flow-Therapie. Man gibt dort 40 Liter pro Minute mit einem bestimmten Sauerstoff-Anteil, bläst das durch den Rachen, die Nase oder den Mund. Das schickt man in die Lunge und spült diese. Oder man setzt eine Masken-Beatmung von außen ein, die sogenannte nicht invasive Ventilation (NIV) und stellt dort verschiedene Druck-Niveaus ein, die den Patienten unterstützen.

Diese Atmung hat zwei Probleme: Das eine ist der Gasaustausch, da hilft ein bisschen Sauerstoff. Das zweite ist die Kraft, die man braucht, um einzuatmen. Passiv ausatmen, das geht durch die Rückstellkräfte von Lunge und Brustkorb. Aktiv einatmen betrifft die muskuläre Pumpe und diese kann man mit anderen Beratungsformen besser unterstützen, als mit der herkömmlichen Beatmung.

Dieses neue Konzept kommt durch einen Kollegen hier, der schon lange als Pulmologe arbeitet, an verschiedenen Hochschulen war, neue Geräte und neue Konzepte entwickelt. Wir haben zum Beispiel voriges Jahr Patienten aus Frankreich gehabt, die sind alle nach diesem Prinzip behandelt worden und haben alle vier überlebt. Das heißt aber nicht, dass diese Beatmung grundsätzlich völlig anders oder für alle Menschen geeignet ist. Man muss das sehr genau hinschauen.

Erklärung High-Flow-Sauerstofftherapie

Vom englischen: high - hoch, flow - Fluss

Synonyme: Highflow-Sauerstoffbeatmung, Highflow-Oxygenierung, Highflow-Therapie

Definition: Die High-Flow-Sauerstofftherapie, kurz HFOT, ist eine nicht-invasive Form der Atemunterstützung. Es wird ein Sauerstoff-Gasgemisch über eine spezielle, dafür vorgesehene Nasensonde oder Maske mit einem Gasfluss (Flow) von mehr als 15 Liter/min gegeben.

Hintergrund

Bei der High-Flow-Therapie kann dem Patienten bis zu 60 l/min Sauerstoff zugeführt werden. Der wird vorher über eine aktive Befeuchtung angewärmt und angefeuchtet. Diese Form der Atemunterstützung wurde ursprünglich vor allem in der Neonatologie und Pädiatrie eingesetzt, findet aber zunehmend Anwendung bei Patienten aller Altersstufen auf Intensivstationen und in der Notfallmedizin.

Infektionszahlen, Todeszahlen - das ist ja immer sehr abstrakt. Was macht das mit Ihnen? Wenn sich der Zustand sehr schnell sehr verschlechtert oder wenn jemand stirbt, wie gehen Sie mit so etwas um als Arzt?

Das Sterben gehört zum Leben wie die Geburt. Es gibt irgendwo einen Anfang und irgendein Ende. Das weiß man als Arzt, das ist keine grundsätzlich neue Erkenntnis. Und das ist ja etwas, was die Kultur eigentlich ausmacht, dass man dann seine Toten bestattet. Und jetzt sind wir in einer Situation, dass wir an so einer Infektionskrankheit wie Covid auch sehr schwere Verläufe sehen. Dass also jemand innerhalb weniger Tage verstirbt. Das kennen wir aber auch schon von Influenza-Pandemien oder -Ausbrüchen. Auch das hat es schon gegeben, ist aber nicht zu vergleichen mit der Pest beispielsweise.

Man kann nicht mit jedem Patienten mitleiden. Es gibt immer einen gewissen Abstand, der stellt sich im Laufe der Tätigkeit ein. Trotzdem darf man nicht denken, Ärzte oder Pflegekräfte seien herzlos oder stumpfen ab. Es ist schon so, dass einem das immer nahegeht. Man hat schließlich ein Stück am Leben des Patienten erlebt in der unmittelbaren Umgebung. Und jeder Abschied fällt dann schwer. Aber das ist immer noch anders als bei plötzlichen Todesfällen, wenn man beispielsweise als Notarzt unterwegs ist und Patienten hat, die vom Zug überfahren wurden oder verunfallt sind. Das ist noch einmal etwas ganz Anderes.

Und wie wichtig ist denn die Fähigkeit, dass man in dieser Schleuse – Sie haben mir ja die Infektions-Schleuse gezeigt – dass man, wenn man die Schutzausrüstung anlegt, sich auch ein bisschen mental schützt?

Ja, es ist eine Mauer, die man um sich errichtet in irgendeiner Form, also letztendlich in Form von Plaste und glatten Oberflächen und Filtern. Das bringt natürlich auch eine gewisse Distanz und für den dort Arbeitenden ist das dann ein Schutz.

Ich weiß aber nicht, wie der Patient das sieht. Ich habe auch noch keinen gefragt bis jetzt. Wenn da jemand so vermummt reinkommt und ihm dann hilft - beim Waschen, beim Atmen, beim Zähneputzen, beim Hinsetzen, beim Aufstehen oder bei der Physiotherapie - ich weiß nicht, wie da die Reflektion ist. Aber für uns ist das ganz klar eine gewisse Sicherheit.

Apropos Sicherheit: Wie ist im Moment die Situation, haben Sie die Befürchtung, dass es in der nächsten Zeit für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr zu schaffen sein wird?

Es ist immer schwierig in solchen Situationen. Gerade, wenn es dann noch Ausfälle gibt durch Urlaub oder Krankheit. Aber wenn die Personaldecke sowieso dünner ist und es dann noch Quarantäne-Maßnahmen gibt, beispielsweise in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen, ist das schwer. Denn dann ist das Maß an plötzlich aus der Schicht geholten Mitarbeitern größer als zu normalen Zeiten. Das belastet die Teams, es belastet die Pflege, die Ärzteschaft, aber auch alle anderen. Und auch wenn in der Verwaltung jemand in der Abrechnung fehlt, macht sich das natürlich bemerkbar.

Dr. med. Frieder G. Knebel an seinem Schreibtisch
Die Beschäftigten in der Klinik sollten in ihren Schichten nicht anhaltend unter Druck gesetzt werden, sagt der Mediziner. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wir sind aber inzwischen mitten in einer Neustrukturierung. "New Work" ist hier das Stichwort und in dem Zusammenhang bilden sich Teams neu und auch die Vertrauensbasis ist eine andere. Und wir besprechen zum Beispiel alles zwischen Ärzten und Pflegenden: Wie viele Menschen können wir heute noch aufnehmen? Eben, um die Schichten nicht zu gefährden und sie nicht unendlich unter Druck zu setzen. Und wenn man das wirklich gut plant, sehr früh miteinander spricht und die Entscheidung vor Ort auf der Station trifft, dann geht das relativ gut. Man kann solche Sachen nicht am Schreibtisch entscheiden und die Leute sind bei uns in die Entscheidung mit einbezogen.

Vielen Dank. Ich freue mich schon auf unser Gespräch nächste Woche.

Wie in der Lungenklinik Weihnachten gefeiert wird und was sich Patientinnen und Mitarbeitende wünschen, erzählt Dr. Knebel dann nächste Woche.

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Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 17. Dezember 2021 | 18:00 Uhr

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