Interview | Teil 1 Corona in der Lungenklinik: "Viren sind echte Überlebenskünstler"

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Die Lungenklinik in Neustadt/Harz ist Anlaufstelle für viele schwere Corona-Fälle in Nordthüringen. Mit ihrem ärztlichen Direktor, Dr. Frieder G. Knebel, sprechen wir ab jetzt einmal pro Woche über die Situation in seiner Klinik und die Entwicklung rund um das Coronavirus. Im ersten Teil geht es um die Belastung für seine Mitarbeiter und den langen Weg der Heilung für die Patienten hier.

Dr. med. Frieder G. Knebel auf der Intensivstation 12 min
Dr. med. Frieder G. Knebel, der ärztliche Direktor der Doceins Lungenklinik in Neustadt/Harz. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
12 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio 11:56 min

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Wie viele Corona-Patienten haben Sie jetzt hier und wie haben Sie das geregelt, die von den anderen Lungenpatienten zu trennen?

Corona-Patienten auf der ITS (Intensivstation) waren heute Morgen fünf. Das ändert sich aber sehr schnell. Vorhin sind wir ja im Fahrstuhl gefahren und haben schon wieder die nächste Aufnahme gesehen. So dass wahrscheinlich jetzt sechs da sind, wenn heute nicht einer ent-isoliert wurde. Das könnte sein. Wir machen dann immer zweimal einen PCR, der muss über 30, besser über 32 sein und dann kann der Patient aus der Quarantänezone raus. Im Haus selber haben wir noch zwei weitere Bereiche, die Corona-Patienten versorgen können - die Überwachungsstation und die Normalstation. Auf der Normalstation liegen derzeit sieben oder acht. Das kann aber schnell bis 14 oder 28 erhöht werden.

Blicke in den Schleusenbereich vor der Isolierstation
In die Intensivstation durfte unsere Reporterin natürlich nicht. Nur in die Schleuse, wo die Schutzausrüstung bereit liegt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Wo kommen die Patienten her? In welchem Stadium kommen sie hier bei Ihnen an?     

Wir haben Patienten in allen Stadien, manche kommen auch von zu Hause. Auch so etwas gibt es, dass der Notarzt jemanden herbringt nach positivem Schnelltest und wir dann hier erst einen PCR-Test machen. Wir kriegen natürlich auch Patienten, die in anderen Krankenhäusern auf der Normalstation liegen, dann aber der Zustand schlechter wird. Wo dann gesagt wird, "gut, die müssten wir jetzt mal verlegen". Aber auch schwerkranke Patienten aus Intensiv-Therapie-Einheiten, die dann hierher kommen in die Lungenklinik. Allerdings müssen die auch in einem gewissen Zustand sein, um überhaupt verlegungsfähig zu sein.

Diese Verlegungen sind ja zentral organisiert über diese Kleeblattstruktur in Thüringen, aber auch bundesweit. Jetzt geht wieder ein Patient aus einem Thüringer Krankenhaus nach Bremen, also da gibt es eine große Solidarität untereinander.

Und zur Struktur: In Thüringen läuft die Koordinierung über Jena, über die Uni und dann gibt's die einzelnen regionalen Koordinations- oder Absprachezentren. Für uns ist das Nordhausen. Das ist ja nur zehn, zwölf Kilometer vor der Tür und Nordhausen und wir sind praktisch die Level-Eins-Versorger für den Nordthüringer Raum. Wir nehmen aber natürlich auch Patienten aus Sachsen-Anhalt beispielsweise.

Und wie viel Platz hätten Sie jetzt noch?

Also im äußersten Notfall könnten wir theoretisch 27 Patienten versorgen. Momentan sind zwölf bis 13 da. Das ist okay, eine überschaubare Anzahl. Aber man muss natürlich auch sagen, wenn wir jetzt voll umrüsten würden, dann würden verschiedene andere Sachen nicht mehr möglich sein. Und es gibt ja immer auch andere lungenkranke Patienten. Die Lunge ist ja eines der wesentlichen Organe zum Gasaustausch mit unserer Umwelt. Sie hat dadurch natürlich auch viel auszustehen. Allergene, Feinstaubbelastung und so weiter.

Und wie hat Corona ihren Alltag hier im Krankenhaus verändert?

Also wir haben ja schon lange Patienten oder Erkrankungen, die auf mehr oder minder resistenten Keimen basieren. Tuberkulose zum Beispiel kann die Lunge angreifen, aber auch andere Organe. Das ist sicher ebenso bekannt und galt ja lange Zeit als "das haben wir schon im Griff“. Dem ist wohl eher nicht so. Solche Probleme, die einmal in der Welt sind, die bleiben auch. Auch Probleme wollen ja überleben, das ist ganz klar. Und auch Tuberkulose hat natürlich jetzt eine gute Renaissance erfahren, gerade durch resistente Keime, die also schwer zu behandeln sind und die es auch mit schwierigen Verläufen gibt.

Es gibt einfache Verläufe, aber auch schwierige, wo auch Teile der Lunge herausgeschnitten werden müssen, oder wo andere Teile operiert werden müssen, also Wirbelkörper oder, oder, oder. Und in dem Zusammenhang ist natürlich eine Klinik immer auch auf solche schwerwiegenden Infektionen vorbereitet.

Als Corona jetzt kam mit dieser Umstellung und mit dem Hochfahren dieser Infektionszahlen, also der pandemischen Ausbreitung, haben wir zunehmend Isolationsbereiche geschaffen. Die sind ganz streng getrennt mit Schleusen-Charakter und und und. Wir haben ja teilweise sogar eine "Schleuse in der Schleuse".

Ein leeres Bett in einem Patientenzimmer
Die Zimmer für die Corona-Patienten sind streng von denen für die anderen Lungenkranken getrennt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das hat sich inzwischen zu einer gewissen Normalität entwickelt, so dass wir die Bereiche dynamisch verändern können, je nachdem, wie die Infektionslage ist. Also wir haben mal zwei Patienten auf der ITS, aber auch mal sechs. Wir haben auch in den anderen Stationen mal keinen, mal acht, mal sechs, mal zehn. Wir sind da völlig dynamisch und können uns da jederzeit anpassen. Das hat natürlich in vielen Bereichen Kraft gekostet, das ist richtig. Aber das ist alles zu schaffen. Das Hauptproblem sind heute in den Kliniken doch eher die fehlenden Ärzte und Pflegekräfte. Das merkt man schon.

Ich wollte gerade sagen, wir haben auch leere Zimmer gesehen. Sie haben also auch Personalprobleme?

Ja, da wird man wahrscheinlich keine Klinik finden, die kein Personalproblem hat. Also die würde ich gerne mal kennenlernen.

Hat sich das durch Corona bei ihnen verschärft?

Am Ende der dritten Welle - die dritte Welle kam ja direkt aus der zweiten Welle, das ging ja nahtlos ineinander über mit einer entsprechenden Senke. Und da war es eigentlich so, dass danach alle mehr oder minder doch ausgelaugt waren und die Anforderungen schon hoch waren. Wir hatten dann wirklich Schwierigkeiten. Es sind viele Pflegekräfte weggegangen, weil einfach mal ein Ende erreicht war.

Aber die Pflegedienstleitung hat es in herausragender Weise geschafft, viele Rückkehrer zu gewinnen, die wirklich jetzt wieder hergekommen sind. Sie sagen "das ist schon eine gute Atmosphäre hier und sehr familiär und sehr angenehm und ein gutes Arbeitsklima. Da kommen wir wieder".

Und wir haben auch Neueinstellungen. Also wir haben 60 neue Leute dieses Jahr schon eingestellt, bei reichlich 200 Mitarbeitern ist das mehr als ein Viertel und wir sind weiter im Aufbau und stellen jetzt auch Ärzte ein. Das ist nicht ganz einfach, aber auch das gelingt langsam.

Dr. med. Frieder G. Knebel imim CTG-Raum
Die Erfahrung mit schweren Lungenkrankheiten kommt Dr. Frieder Knebel und seinem Team jetzt zugute. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Was hören Sie jetzt aus Ihrem Team, wie es jetzt in dieser vierten Welle ist? Also droht diese Belastung wieder überhand zu nehmen? Oder hat man sich inzwischen auf einen Arbeitsablauf eingespielt, der das verhindern kann?

Das ist nicht zu vergleichen. Die zweite und dritte Welle liefen ja noch in der Zeit, als gar nicht klar war, wie das jetzt mit den Impfungen wird. Corona-Viren gibt es ja schon lange, das ist ja keine Erfindung der letzten zwei Jahre, aber diese Mutation zu Covid-19 ist neu. Und am Anfang gab es keinen Impfstoff. Und keiner, der dort arbeitet, wusste, stecke ich mich an, nehme ich das mit nach Hause, was ist mit meinen Kindern, dann besuche ich Mutter oder Vater, stecke ich die an, was passiert da? Also schon auch ein hoher psychischer Druck.

Jetzt sind eigentlich alle in der Pflege und auch im ärztlichen Dienst geimpft und auch in der Verwaltung, in der Küche und und und. Natürlich gibt es auch hier einzelne Menschen, die sich nicht impfen lassen, aus welchem Grund auch immer. Da muss man dann schauen. Die unterliegen ja jetzt einer strengen Überwachung. Inzwischen sind ausreichend Tests verfügbar, wir können sicherstellen, dass jeder, der hier arbeitet, zweimal in der Woche getestet wird. Und das ist schon der erste Schritt, um zu wissen, was habe ich denn jetzt für ein Risiko.

Ein Kreuz mit einem Tisch im Trauerraum der Klinik
In diesem Raum ist Platz zum Trauern und Abschiednehmen, aber auch, um Kraft zu schöpfen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Das zweite ist, die meisten sind geimpft, geboostert inzwischen. Das heißt, es besteht doch ein gewisser Schutz. Aber auch wir hatten natürlich Impfdurchbrüche, das ist in der Lungenklinik nicht anders als sonst auch. Die sind natürlich in Quarantäne gegangen, das führt immer mal zu Ausfällen, das ist ganz klar unter der Belastung hier. Damit können wir inzwischen aber umgehen.

Wir hatten teilweise, als Spitzenzahl, bis 49 Prozent Ausfall, das bringt natürlich Probleme, das kann keiner kompensieren. Derzeit haben wir auf der Überwachung auf der ITS vier Sperrbetten, das ist schon gut.

Es gibt Impfdurchbrüche, es gibt neue Varianten von Covid, das ist alles in Bewegung. Viren sind ja echte Überlebenskünstler. Nichtsdestotrotz ist es so, dass wir wirklich schwere Verläufe hauptsächlich bei Ungeimpften sehen. Das ist so, das muss man ganz klar sagen. Das sind auch alle Altersgruppen. Das sind auch 30-, 40-Jährige, das sind über 80-Jährige, auch 20-Jährige waren schon da. Und auch die Impfdurchbrüche gibt es nach allen möglichen Varianten der Impfstoffnutzung, also: grundgeimpft mit Biontec, geboostert mit Moderna oder umgekehrt.

Verschiedene Sauerstoff-Spender für die Patienten auf den Gängen
Überall in den Fluren gibt es Sauerstoff-Stationen, wo die Patienten "auftanken" können. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Man muss aber ganz klar sagen, Corona ist eine Zeit, wo die Atmung schlecht funktioniert, also der Gasaustausch, wir müssen CO2 loswerden und Sauerstoff aufnehmen. Corona ist aber keine alleinige Lungenkrankheit. Die Gefäße sind mit betroffen, alle Organe sind mit betroffen. Diese Patienten müssen zwei, drei Wochen überstehen, dann heilt Corona meist aus. Aber diese Zeit müssen sie erstmal überstehen. Mit Organ-Ausfällen oder Organ-Minderfunktionen, manche werden Dialysepflichtig, Ecmo-Therapie, also ein Gasaustausch außerhalb des Körpers, viel müssen beatmet werden.

Aber auch da hat sich die Philosophie geändert: Anfangs wurden fast alle Corona-Patienten intubiert und beatmet, inzwischen gibt es auch die nicht-invasive Beatmung, also die Therapie hat sich angepasst. Inzwischen verfügen wir ja auch über Antikörper. Patienten, die neu von draußen kommen, deren Symptomatik noch kürzer als fünf oder sieben Tage ist, die können auch mit Antikörper-Therapien bedacht werden. Da kann man sehr viel abfangen.

Dr. med. Frieder G. Knebel in seinem Büro
Nur in seinem Büro kann Dr. Knebel seine Maske abnehmen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Sind die allerdings dann durch, durch diese drei oder vier Wochen, dann darf man sich das nicht so vorstellen wie nach einer Grippe, dass man dann gleich wieder arbeiten kann, sondern es bleiben doch oft Störungen. Ich kenne einen Marathon-Läufer, der hatte Mühe, eine Etage die Treppe hoch zu gehen. Es wird auch immer wieder von kognitiven Störungen berichtet, also Denkleistungs-Störungen.

Viele der Patienten, die wir heute sehen, die einen langwierigen Verlauf hatten mit Komplikationen, die gehen dann bei uns in die Früh-Reha. Dort haben sie dann noch drei Wochen Rehabilitations-Behandlungen, lernen wieder, ihre Schuhe zuzubinden, ihren Pullover anzuziehen, sich zu waschen und gehen dann von dort aus nach Hause. Dann müsste man sie eigentlich nach einem halben oder ganzen Jahr fragen, was sie jetzt meinen. Aber das haben wir noch nicht gemacht.   

Was die neuen Entscheidungen der Regierung jetzt bringen und wie sich das mit Omikron und anderen Varianten jetzt entwickelt, besprechen wir dann nächste Woche. Vielen Dank erstmal, Dr. Knebel.

Quelle: MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 03. Dezember 2021 | 14:00 Uhr

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