Oldtimer-Sensation? Möglicherweise ältestes Motorfahrzeug Deutschlands steht in Nordthüringen

Vorne Motorrad, hinten Kutsche - ein Oldtimer-Verein aus Nordthüringen hat möglicherweise eines der ältesten Motorfahrzeuge Deutschlands entdeckt. Das Dreirad ist mindestens 120 Jahre alt. Doch der Ursprung ist ein Rätsel.

Ein Oldtimer mit drei Rädern steht auf einem Podest.
Oldtimer-Freunde aus Thüringen haben das alte Fahrzeug in einer Garage in Leipzig gefunden. Selbst Experten rätseln: Wer hat das Mobil gebaut? Bildrechte: MDR/Armin Kung

Das motorisierte Dreirad wirkt wie ein Zwischenwesen aus der Zeitenwende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Als noch Pferdekutschen auf den Straßen fuhren und der Durchbruch des Autos kurz bevor stand.

Das Mobil ist zwei Meter lang, hat einen Einzylindermotor (circa 140 bis 150 Kubikzentimeter), zwei Gänge und eine Lenkstange mit Bremse. Die Konstruktion deutet auf eine Bauzeit vor 1890. Eine Zeit, in der Autopionier Carl Benz sein erstes Automobil mit Verbrennungsmotor auf den Markt brachte, den "Motorwagen Nummer 1". Ebenfalls ein Dreirad.

Ende März hatten Hubert Rein und seine Clubfreunde das Fahrzeug in einem Leipziger Villen-Viertel entdeckt. In der dunklen Ecke einer Garage, zwischen Staub und Gerümpel. Dass hier etwas Außergewöhnliches vor ihnen stand, ahnten sie sofort. "Wir hoffen tatsächlich auf eine Sensation", sagt Hubert Rein vom Ost Klassiker Club Wolkramshausen.

Oldtimer-Experte Hubert Rein nebem einem 120 Jahre alten Fahrzeug
Oldtimer-Experte Hubert Rein neben dem Sensations-Fund: Das motorisierte Dreirad ist mindestens 120 Jahre alt. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Ein rätselhafter Ursprung

Das motorisierte Dreirad steht jetzt gut gesichert an einem geheimen Ort in Nordthüringen - und gibt Oldtimer-Experten Rätsel auf. Es hat kein Typenschild oder Seriennummern. Nur auf dem Motorblock ist mehrfach die Zahl "24" zu lesen. Selbst Experten des Verkehrsmuseums Dresden und des Mercedes-Benz-Museums Stuttgart konnten die Herkunft nicht bestimmten.

Alle Merkmale weisen darauf hin, dass dies keine Garagenbastelei war, sondern eine professionelle Konstruktion.

Hubert Rein, Oldtimer-Experte vom Ost Klassiker Club Wolkramshausen

Die ersten Untersuchungen zeigten, dass das Mobil alltagstauglich konstruiert wurde. Zwei Kutschenlampen für Kerzen sorgen für Licht. Mit einem Fußblasebalg lässt sich eine Hupe bedienen. Über eine kurze und eine lange Kette, lassen sich zwei Geschwindigkeiten schalten. Der Sitzbereich ist gefedert und an der Lenkstange kann die Vorderbremse ausgelöst werden. "Alle Merkmale weisen darauf hin, dass dies keine Garagenbastelei war, sondern eine professionelle Konstruktion", sagt Rein.

Die Oldtimer-Fans aus Wolkramshausen vermuten, dass ihr Fahrzeug älter als der Motorwagen 1 von Carl Benz ist. Benz arbeitete bereits mit Metall. Er baute einen Rahmen aus Stahlrohren. Der Thüringer Motorwagen dagegen besteht zu großen Teilen aus Holz. Die Karosserie, die Speichen, die Sitzbank - alles Holz.

Bildergalerie: 120 Jahre alter Oldtimer in Wolkramshausen

Ein mindestens 120 Jahre alter Oldtimer steht auf einem Podest.
Einen mindestens 120 Jahre altes motorisiertes Dreirad hat der Ost Klassiker Club Wolkramshausen in Leipzig gefunden. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein mindestens 120 Jahre alter Oldtimer steht auf einem Podest.
Einen mindestens 120 Jahre altes motorisiertes Dreirad hat der Ost Klassiker Club Wolkramshausen in Leipzig gefunden. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein altes Fahrzeug mit drei Rädern.
Die Auto-Liebhaber hoffen auf eine Sensation - möglicherweise ist dies eines der ältesten Motorfahrzeuge Deutschlands. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Der Oldtimer hat zwei große Kutschlampen.
Zwei Kutschenlampen sind an der Front angebracht. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein Oldtimer mit drei Rädern steht auf einem Podest.
Das "Trike" ist 2 Meter lang, einen Meter breit und ungefähr 80 Zentimeter hoch. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein Oldtimer mit türkis-grüner Karosserie aus Holz.
Die Karosserie ist aus Holz. Die türkis-grüne Farbe könnte laut Autoclub ein Hinweis auf den Autopionier Friedrich Lutzmann sein. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein Rad aus Holz.
Die Räder erinnern ebenfalls an Kutschen. Die Speichen bestehen vollständig aus Holz. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein alter Schalt-Knauf in einem Oldtimer.
Mit dem großen Knauf kann zwischen zwei Gängen umgeschaltet werden... Bildrechte: MDR/Armin Kung
Eine Kette am Oldtimer.
...die über eine kurze und eine lange Kette langsames und schnelles Fahren ermöglichen. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Das Fahrzeug wird mit Hilfe einer Lenkstange gesteuert.
Das Fahrzeug wird mit Hilfe einer Lenkstange gesteuert. Der Knauf am Ende bedient die Vorderradbremse. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein alter Motor.
Angetrieben wird das Mobil von einem Einzylindermotor. Bildrechte: MDR/Armin Kung
Ein Teilnehmerschild einer DDR-Oldtimerrallye mit der Aufschrift: Messestadt-Veteranen-Rallye, MC Leipzig im ADMV, 54.
Dieses Teilnehmerschild einer DDR-Oldtimerrallye aus den Fünfziger Jahren lag in dem Fahrzeug. Der Ost Klassiker Club bittet um Mithilfe: Wer hat ein Fahrzeug-Heft dieser Rallye oder hatte daran teilgenommen? Hinweise gerne in unsere Kommentare. Bildrechte: MDR/Armin Kung
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Ein mindestens 120 Jahre alter Oldtimer steht auf einem Podest.
Einen mindestens 120 Jahre altes motorisiertes Dreirad hat der Ost Klassiker Club Wolkramshausen in Leipzig gefunden Bildrechte: MDR/Armin Kung

Wer hat das Mobil gebaut?

Die wichtigste Frage lautet: Wer hat es gebaut? Die Antwort darauf liegt noch im Dunkeln. Aber Hubert Rein nennt zwei vielversprechende Spuren. Zum einen die Farbe. Die Oberfläche hat einen grün-türkisen Anstrich. Darauf sind gelbe Linien zu erkennen. "Die Farbe erinnert an den Opel Patentmotorwagen 'System Lutzmann'. Dieser Wagen hatte eine ähnliche Farbe", so Rein.

Wolfgang Strinz sitzt in einem Opel Patent-Motorwagen System Lutzmann von 1899
Ein Modell "System Lutzmann" aus dem Jahr 1899. Darauf sitzt der damalige stellvertretende Opel-Vorstandschef Wolfgang Strinz. Bildrechte: dpa

Friedrich Lutzmann ist außerhalb der Oldtimer-Szene wenigen Menschen bekannt. Dabei ist er einer der Pioniere des Autobaus. Neben Gottlieb Daimler und Carl Benz war Lutzmann einer der Aussteller der "Ersten Internationalen Automobil-Ausstellung" (IAA). Lutzmann hatte in Dessau im heutigen Sachsen-Anhalt seine Werkstatt. Später kauften ihn die Opel-Brüder ein und machten ihn zum Direktor ihrer Rüsselsheimer Fabrik. Heute ist seine Person allerdings umstritten. Lutzmann war Judenhasser und prägendes Mitglied eines Dessauer Antisemiten-Vereins.

Teilnehmerschild von DDR-Rallye könnte Hinweise liefern

Die zweite Spur führt in die junge DDR. Die Wolkramshäuser entdeckten im Fahrzeug das Teilnehmerschild einer Oldtimer-Rallye aus den fünfziger Jahren. Der "Allgemeine Deutsche Motorsport Verband" richtete damals eine Rallye in Leipzig aus. "Wir hoffen, irgendjemand hat noch ein Fahrzeug- oder Teilnehmerheft von damals. Oder kennt eine Person, die damals teilnahm und etwas zu dem Fahrzeug sagen kann", sagt der Oldtimer-Fan.

Ein Teilnehmerschild einer DDR-Oldtimerrallye mit der Aufschrift: Messestadt-Veteranen-Rallye, MC Leipzig im ADMV, 54.
Dieses Teilnehmerschild einer DDR-Oldtimerrallye aus den Fünfziger Jahren lag in dem Fahrzeug. Der Ost Klassiker Club bittet um Mithilfe: Wer hat ein Fahrzeug-Heft dieser Rallye oder hatte daran teilgenommen? Hinweise gerne in unsere Kommentare. Bildrechte: MDR/Armin Kung

Ob am Ende die Sensation wartet, muss sich erst zeigen. Die Clubfreunde wollen sich in den nächsten Monaten der Recherche und der Analyse des Fahrzeugs widmen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

5 Kommentare

martin vor 7 Wochen

Bei dem Hubraum ist die vermutlich gar nicht mal so schlecht. Auch bei den Stickoxiden könnte die Werte durchaus noch akzeptabel sein - da ich mal auf eine eher niedrige Verbrennungstemperatur tippe.

Robert Brandt vor 7 Wochen

Ein wirklich tolles Gefährt, ich bin begeistert😀

Stealer vor 7 Wochen

Co2-Bilanz? Nicht so schlecht. Viel Holz und jahrzehntelang nicht gefahren. Und allgemein auch vorher nicht sonderlich weit.

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