Ausbildung Polizei in KZ-Gedenkstätte: Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen?

Die Polizei gerät immer wieder in die Schlagzeilen – aufgrund von Vorfällen mit rechtsextremistischen Hintergründen. Experten sind sich sicher: dahinter stecken mehr als nur bedauerliche Einzelfälle. Wie aber kann dem vorgebeugt werden? In Thüringen gibt es nun ein ungewöhnliches Seminar für Polizisten.

Polizei Seminar
Bei diesem Seminar in Thüringen geht es um die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus – und die Frage: Könnte so etwas wieder geschehen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Fälle mit rechtsextremistischen Hintergründen bei der Polizei bekannt geworden: Das Hannibal-Netzwerk in Mecklenburg-Vorpommern, eine rechtsextreme Gruppe in Nordrhein-Westfalen oder eine rassistische Chatgruppe in Berlin. Doch was wird innerhalb der Polizei dagegen unternommen?

Bei dieser Frage wird immer wieder betont, wie wichtig politische Bildung ist. In Thüringen etwa gehen Studierende der Polizeihochschule an einen besonderen Ort: Das ehemalige Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Nordhausen. Bei diesem Seminar geht es um die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus – und die Frage: Könnte so etwas wieder geschehen?

Der schnelle Umbau der Polizei unter den Nazis

Die Veranstaltung beginnt mitten in Nordhausen. Zwischen sanierten, weißen Fachwerkhäusern geht es erstmal um den Umbau der Polizei unter den Nazis. Dieser war für die Etablierung der Nazi-Diktatur zentral. "Hitler war quasi zwei Wochen an der Macht und jetzt gibt es diesen Erlass, der Polizeiarbeit ja grundlegend verändert", sagt die Leiterin des Seminars Brita Heinrichs von der Gedenkstätte, während sie die ausgedruckten Blätter unter den Studierenden verteilt.

Mit dem sogenannten Schießerlass von 1933 wandte sich Hermann Göring als kommissarischer Innenminister an die preußische Polizei – nur zwei Wochen nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Die Polizei wurde so ermächtigt, mit Schusswaffen gegen politische Gegner vorzugehen. SS und SA, die Kampftruppen der Nazis, sollten dagegen nicht mehr als Feinde behandelt werden.

Schießerlass und Schutzhaft

"Das bedeutet, SA und SS haben einen Freifahrtschein", sagt ein Student. Diese Verbände dürften im gleichen Maße wie die Polizei arbeiten und dafür nicht belangt werden. "Die SS und SA waren vorher durchaus im Visier der Polizei, wenn sich in irgendeiner Weise staatsfeindlich betätigt haben", erklärt Brita Heinrichs. Durch den Erlass sei festgelegt worden, dass die Kommunisten Feinde blieben und mit den anderen "geht es jetzt zusammen weiter". Die meisten der Studierenden stehen mit nachdenklich gesenkten Blicken um die Mitarbeiterin der Gedenkstätte.

Auf dem Gelände eines Altenheims stehen zur NS-Zeit Gefangene.
Wo heute eine Musikschule in Nordhausen steht, wurden die Gebäude damals als Gefängnis genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Einführung der Schutzhaft ein Jahr nach dem "Schießerlass" ermöglichte es Polizisten ohne richterlichen Beschluss politische Gefangene festzunehmen. Das Ziel waren politische Gegner, Juden und Homosexuelle. "Und das ist der Grund, warum die Polizei auch hier in Nordhausen sehr schnell neue Hafträume brauchte", so Brita Heinrichs. Das bringt die Gruppe zurück zu dem Innenhof, in dem sie steht und der heute eine Musikschule ist. Damals wurden die Gebäude eigentlich als Altenheim genutzt. Der Bedarf an Hafträumen war so groß, dass Teile des Altenheims zum provisorischen Gefängnis umfunktioniert wurden.

"Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich mit der Geschichte zu befassen und auch immer wieder zu reflektieren", sagt Martin Thüne, der das Seminar als Dozent der Hochschule begleitet. Mit dem Projekt werde deutlich, dass es ein stufenweises Abgleiten von einer eher demokratischen Polizei in ein totalitäres System gewesen sei – das letztlich vielen Menschen den Tod gebracht hat.

Aus den Polizei-Akten: Das Schicksal von zwei Zwangsarbeitern

So wie wohl auch mindestens einem von zwei französischen Zwangsarbeitern, um die es nun beim Seminar geht. Die Studierenden sollen sich durch Akten von 1944 arbeiten. Dabei fällt das Schicksal zweier Franzosen auf: Sie wurden nach Deutschland verschleppt und als sie versuchen zu fliehen, wurden sie in Mühlhausen von einem Polizeibeamten aufgegriffen.

Sie landeten in Polizeigewahrsam. Festnahme und weiterer Verlauf wurden alle ordnungsgemäß durch den Beamten festgehalten. "Es ist erstaunlich, wie ähnlich sich das zu einer Vernehmung von heute liest", sagt ein Student und meint nicht den Inhalt, sondern den groben Aufbau und die Art, wie es geschrieben sei.

Die beiden Franzosen landeten schließlich im Konzentrationslager. Die Akten zeigen, dass einer der beiden wenige Monate danach verstirbt. Das Schicksal seines Freundes bleibt unklar. Dieses konkrete Beispiel soll als Aufhänger dienen für die Frage der individuellen Schuld der Beamten, durch deren Hände die Zwangsarbeiter gingen. 1944 war es für sie kaum noch möglich, sich nicht an Verbrechen zu beteiligen. "Im Polizeiprojekt war es uns wichtig zu zeigen, dass in allen Schritten die diese Menschen absolvieren müssen, Polizei beteiligt ist", erklärt Brita Heinrichs.

Im Prinzip gilt für jeden KZ-Häftling, dass auf seinem Weg ins Konzentrationslager die Polizei im Spiel ist. Für jeden.

Brita Heinrichs Leiterin des Seminars

Im Konzentrationslager Mittelbau-Dora

Am zweiten Tag des Seminars besichtigen die Studierenden das ehemalige Konzentrationslager Mittelbau-Dora, ein Außenlager von Buchenwald. Eines der wenigen erhaltenen Gebäude auf dem Gelände ist das Krematorium. "Surrealer Ort. Einfach schrecklich", sagt Student Michael Hillemann. "Was hier passiert ist und wie trotzdem nach Regelbuch gearbeitet wurde."

Student Michael Hillemann hat am Seminar der Polizei in der KZ-Gedenkstätte teilgenommen.
Für Michale Hillemann ist das Krematorium im ehemaligen KZ ein "surrealer Ort. Einfach schrecklich". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Michael Hillemann hat bereits einige Jahre für die Polizei Thüringen gearbeitet. Nach dem zweijährigen Aufbaustudium wird er kommenden Monat wieder im Dienst sein. Das Seminar findet er wichtig für die Ausbildung: "Wir haben einen Einblick bekommen, wie die damalige Polizei gearbeitet hat, was falsch und schiefgelaufen ist und wie wir das als Polizei zukünftig in unserer Arbeit besser machen können." Ein anderer Student findet, das Seminar sollte fester Bestandteil der Ausbildung werden.

Teilnehmer hatten bei Polizei noch keinen Rechtsextremismus erlebt

So wie Michael Hillemann waren einige der Teilnehmer des Seminars vor dem Studium bereits mehrere Jahre im Dienst. Doch keiner von ihnen habe bisher Rechtsextremismus bei der Arbeit direkt mitbekommen. "Für viele ist es schon schwierig zu überblicken, wie groß ist das Problem", sagt Dozent Martin Thüne. Da könnten verschiedene Dinge eine Rolle spielen. Doch es fehle an wissenschaftlichen Untersuchungen, um das Problem richtig einschätzen zu können. "Ich würde das trotzdem nicht kleinreden. Die Summe der Fälle deutet darauf hin, dass es ein Problem ist."

Am Ende des zweiten Seminartages stellt Brita Heinrichs den Polizisten noch eine Frage: "Glauben Sie, dass ein schneller Umbau der Polizei so noch einmal passieren könnte?" Die Antworten fallen gemischt aus. "Ich glaube, dass unser Grundgesetz so was einfach verhindern würde", sagt ein Student. Dennoch sei politische Bildung immens wichtig.

"Die Gefahr besteht immer. Das Böse findet immer einen Weg", sagt Michael Hillemann. Die Gesellschaft habe die Aufgabe, dafür zu sorgen, das Böse gleich im Keim zu ersticken. "Nämlich durch Ausbildung und dadurch zu verhindern, dass es zu einem Umbruch kommt."

Quelle: MDR exakt/ mpö

Mehr zum Thema Polizei

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 06. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

Mehr aus der Region Nordhausen - Sangerhausen - Wernigerode

Ein Mann im Rollstuhl und seine Pflegerin hören eine Schallplatte. mit Video
Auf einer Wellenlänge, auch was die Musik angeht: Gabor Schneider und Jenny Keune sind seit Jahren befreundet. Nach dem Unfall entschied sie sich, den Beruf der Pflege zu erlernen, um ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Bildrechte: MDR/Alexander Klos

Mehr aus Thüringen

Eine Frau mit Kerze steht vor einer Polizeikette. 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK